Im Roman von Vanessa Barbara ist die Welt bunt. Bunt sind die Häuser einer abgelegenen Ortschaft, bunt sind die Bewohner der dünnhäutigen Wohnungen und so geschwungen, wie sich die Straßen über das Gefälle der Landschaft ziehen, so verlaufen die Biographien einiger Bewohner. Eine Übersetzerin zum Beispiel könnte Karriere machen, wenn ihre drei Hunde sie nicht völlig kontrollieren würden; ein alter Japaner erlebt nach seiner Demenzerkrankung den Zweiten Weltkrieg in seiner ganz persönlichen Interpretation; ein Briefträger, der grundsätzlich die Post falsch zustellt; ein Apotheker sammelt leidenschaftlich Erkenntnisse über die Nebenwirkungen der von ihm verkauften Medikamente; eine alte Inderin beschäftigt eine junge Büglerin, die nicht bügeln kann oder das in die Jahre gekommene Ehepaar Ada und Otto versorgt jeden mit Blumenkohlauflauf. Die bunte Gemeinschaft hält auf jeden Fall zusammen. Egal, was passiert. Weiterlesen
Belletristik
Gabriele Weingartner: Die Hunde im Souterrain
Nachdem Felice eine Kiste mit alten Schriftstücken in die Hände geraten ist, will sie endlich die Vergangenheit bewältigen und wissen, warum Ulrichs Leben vor Jahren, als sie beide noch zusammen waren, eine so tragische Wende genommen hat.
Felice nimmt das Angebot ihrer Freundin Sue an, die sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat, und fliegt zu ihr nach New York, wo sie sich in Sues Wohnung einquartieren kann.
Damals, in den Siebzigern, als Felice und Ulrich ein Paar waren, war sie Studentin und er junger Professor. Zusammen verschlug es die beiden von Berlin für längere Zeit an die amerikanische Ostküste nach Boston. Weiterlesen
Tom Rachman: Aufstieg und Fall großer Mächte
Ein Herz für all jene, die nicht dem Mainstream oder einer großen beruflichen Karriere nachjagen, beweist der britisch-kanadische Journalist und Autor Tom Rachman in seinem Roman „Aufstieg und Fall großer Mächte“.
Im Mittelpunkt steht die sympathische Tooly, die der Leser abwechselnd in drei verschiedenen Stadien ihres Lebens begleitet: als Kind, als junge Erwachsene und als 30-jährige Frau, die einen antiquarischen Buchladen in Wales besitzt, der nichts einbringt. Weiterlesen
Hans Rath: Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch
Jakob Jacobi ist Psychotherapeut. Und als solcher Wissenschaftler. Als er Besuch von dem hartnäckigen Anton Auerbach bekommt, der unbedingt seine Seele kaufen will – um beinahe jeden Preis. Denn Jakobs Seele ist für den Teufel – der Auerbach zu sein behauptet – besonders wertvoll, denn Gott hat sie berührt. Gott, Teufel? Jakob denkt eher an schwer gestörte Menschen, an Patienten mit Wahnvorstellungen. So hat er es gehalten, als sich damals Baumann als Gott vorstellte und so gedenkt er es auch zu halten, als jetzt Auerbach als Teufel auftaucht. Aber der ist hartnäckig, erhöht das Angebot, misch sich sehr aktiv in Jacobs Leben ein und verschont auch sein Umfeld nicht. Weiterlesen
Hanna Johansen: Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte
Eigen
tlich will Hanna Klavier spielen lernen. Aber weil es mühsam ist, ungeübte Finger in G-Dur zu pressen, beginnt die Ich-Erzählerin von Hanna Johansens Roman „Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte“ sich zu erinnern. Mit dem Buch ist der 75-jährigen Autorin aus Bremen eine ungewöhnliche Biografie gelungen.
Über drei Monate erinnert sich Hanna an den Tod der Großeltern, den Selbstmord des Vaters, die Krebserkrankung der Mutter, Kindheit im Krieg und Jugend in der Nachkriegszeit. Der Roman liest sich wie ein Tagebuch, erzählt, wie das Mädchen Rad fahren Schlittschuh laufen und Fotografieren lernt. Nur Klavierspielen kommt später.
Hanna Johansen: Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte.
Doerlemann, September 2014.
340 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,90 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.
Joyce Carol Oates: Die Verfluchten
Wer sich nach dem Lesen des Klappentextes eine richtig schöne Gruselgeschichte erhofft hatte, wird zumindest teilweise enttäuscht: „Die Verfluchten“ der großen alten Dame der US-amerikanischen Literatur, Joyce Carol Oates, ist zugleich eine zuweilen unangenehm redselige Klatschgeschichte aus dem Princeton (New Jersey) in den Jahren 1905 und 06 sowie ein Abriss über das sozialistische Wirken des Schriftstellers Upton Sinclair. Die so unterschiedlichen Buchteile passen nicht besonders gut zusammen. Weiterlesen
Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe
Die 25-jährige Ballerina Leyla erlebt in Baku ihre Stunde „Null“. Eben hat sie noch mit den gelangweilten Söhnen und Töchtern der Superreichen Partys gefeie
rt und ist mit ihnen private Rennen gefahren, bei denen auch schon einmal jemand sein Leben verlor, und nun sitzt sie im Verhörzimmer der Polizei, wo sie der handfesten Befragung ausgesetzt ist. Mit Schmerzen kennt sich Leyla aus. Wer wie sie von klein auf Ballett tanzt, hat den Schmerz in seinem Leben angenommen, bis er wie das Atmen dazugehört. Die Schmerzen bei der Misshandlung sind jedoch andere, völlig neue. Nachdem ihr Mann Altay die richtigen Beamten bestochen hat, wird Leyla freigelassen. Doch die Familie bietet keinen langanhaltenden Schutz. Leyla muss mit ihrer Geliebten verschwinden. Die Liebe und ein intensiv gelebtes Leben sind auf dieser Reise genau so zu überdenken wie das Arrangement ihrer Ehe mit Altay. Weiterlesen
Jojo Moyes: Weit weg und ganz nah
Softwareentwickler Ed steckt mächtig in der Klemme. Er ist angeklagt wegen Insiderhandels und selbst sein bester Freund und Kollege darf aus ermittlungstechnischen Gründen nicht mit ihm reden. Auch Putzfrau Jess steckt in der Klemme, allerdings ganz anders. Sie ist alleinerziehend mit zwei Kindern, eins von ihnen mit einer großen Begabung für Mathematik. Als das Mädchen, Tanzie, die Chance erhält, an einer Mathe-Olympiade teilzunehmen, setzt Jess alles daran, mit Tanzie und Nick nach Schottland zu reisen. Mit den 5000 Pfund Preisgeld könnte sie Tanzie den Besuch einer Eliteschule ermöglichen, in der ihre Fähigkeiten optimal gefördert würden. Doch die Reise ist zum Scheitern verurteilt mit dem alten Wagen ihres Mannes, der seit Jahren weder eine Werkstatt von innen noch einen Scheck über eine Versicherungssumme gesehen hat. Da treffen Ed und Jess aufeinander. Weiterlesen
Rolando Villazon: Kunststücke
Auf der Bühne ist Rolando Villazón immer gerne ein Clown – wenn es die Rolle oder die Musik seines Arien- oder Liederabends hergeben. Jetzt hat der Startenor sein Debüt als Schriftsteller gegeben – mit mäßigerem Erfolg als als Sänger. Aber um Clowns geht es auch in seinem ersten Roman „Kunststücke“.
Clown Macolieta ist der Held in dem Buch des 42-jährigen Mexikaners. Er verliebt sich in Sandrine, traut sich aber nicht, das der Französin zu sagen. Und so erfindet der melancholische Spaßmacher einen anderen Clown und schreibt dessen Geschichte in ein blaues Buch. Dieser Balancine ist mehr als ein Alter Ego von Macolieta: das im Beruf und bei Frauen erfolgreiche Ideal, von dem der traurige Clown träumt. Weiterlesen
Bernhard Schlink: Die Frau auf der Treppe
Bernhard Schlink hat das Problem, dass man bei seinem Namen unweigerlich an den „Vorleser“ denkt, jenes grandiose und später verfilmte Werk aus dem Jahre 1995, das man heute schon fast als modernen Klassiker bezeichnen kann.
Man kann gar nicht anders, als alles, was der heute 71-Jährige danach geschrieben hat, mit diesem Werk zu vergleichen. Und diesen Vergleich verlieren eben all diese Bücher.
Das gilt leider auch für seinen neuesten Roman, „Die Frau auf der Treppe“. Alles wirkt ein wenig hölzern, etwas betulich, kopflastig und wenig lebensnah – so als habe der Autor am Reißbrett eine Geschichte entworfen und zu Papier gebracht, die aber mit der Realität nur sehr wenig zu tun hat. Man hat Schwierigkeiten, sich die Figuren vorzustellen, versteht nicht recht, wie sie handeln, und kann die große Liebe, die der Ich-Erzähler für die titelgebende Frau empfindet, nicht nachvollziehen. Weiterlesen