Mathilda arbeitet in einem besonderen Institut. Es erfüllt sterbenden Menschen letzte Wünsche und so hat sie allein in diesem Jahr schon etwa 55 Mal Weihnachten gefeiert, 23 Heißluftballonfahrten organisiert und etliche Male Unmögliches möglich gemacht. Doch als der schwerkranke Birger Raavenstein an ihrem Tisch sitzt, kann es ihr gar nicht schnell genug gehen. Er sucht seine Freundin, die er vor 15 Jahren auf wundersame Weise aus den Augen verloren hat, und ihr damals noch ungeborenes, gemeinsames Kind. Mathilda setzt alles daran, diesen Herzenswunsch in die Realität umzusetzen, denn sie fühlt sich zu Birger hingezogen und möchte, dass er glücklich ist, notfalls auch mit einer anderen Frau. Weiterlesen
Belletristik
Thomas Schweres: Die Abtaucher
Es ist immer ein wenig komisch, wenn quasi neben deinem Elternhaus ein Mord passiert. Ist aber so, ich bin in Dortmund – Hombruch aufgewachsen und hier kommt es zur ersten Leiche. Und da gibt es hinterher noch viel von, versprochen. Wir sind in Dortmund, wo Kommissar Schüppe, genannt „Spaten“ (isklar), diesen Fall auf den Tisch bekommt. Irgendwann kommt auch der kurz vor der Pleite stehende TV- Boulevardjournalist Tom Balzack mit eigener kleiner Produktionsgesellschaft (Broadcast.TV) an die Sache und es entwickelt sich ein munteres Spielchen, wer welche Info zuerst hat, und wie man die jeweils bewertet. Weiterlesen
Lisa O’Donnell: Die Geheimnisse der Welt
Lisa O‘Donnells Roman „Die Geheimnisse der Welt“ ist komplett aus der Sicht eines Elfjährigen geschrieben, obwohl es kein Kinderbuch ist. Dieser literarische Trick hat Vorteile: Man sieht die Ereignisse durch die unverstellte, gradlinige, frische und manchmal etwas naive Sicht eines Kindes. Und Nachteile: Ähnlich wie Eltern, die den ganzen Tag nur mit Kindern zu tun hatten, sich abends nach einem Gespräch unter Erwachsenen sehnen, wünscht sich der Leser mit wachsender Seitenzahl, doch bitte endlich wieder in den Kopf einer älteren Figur eintauchen zu dürfen. Weiterlesen
Andreas Dorau & Sven Regener: Ärger mit der Unsterblichkeit
Wenn man selbst Fred heißt, eben ich auch, also nur Fred – nicht Alfred, Frederic, etc… nur Fred, dann kommt man sicher tausende Male an ganz originellen Zeitgenossen vorbei, die aus meinem Namen mal eben „Fred Feuerstein“ machen oder eben aus den Achtzigern „Fred vom Jupiter“. Immer noch beliebt bei den ganz Kleinen. Es ist schließlich auch ein Kinderlied. So wie viele der Lieder der NDW textlich tatsächlich nicht mehr hergaben, wobei es natürlich extrem gute Kinderlieder gibt. Ohne Frage. Ich hörte Anfang des Jahres (2015) zufällig ein Radiointerview mit Andreas Dorau, dessen Name ich bis dahin nie gehört hatte und fand seine Sicht der Dinge reflektiv, ehrlich und unterhaltend. Weiterlesen
Ma Jian: Die dunkle Straße
Einen äußerst beeindruckenden Roman über das Leben der kleinen Leute im ländlichen China legt der 1976 geborene chinesischstämmige Autor Ma Jian vor.
Weil die Bäuerin Meili zum zweiten Mal schwanger ist, muss sie mit ihrem Mann Kongzi und Tochter Nannan aus ihrem Dorf vor den Behörden fliehen, die die chinesische Ein-Kind-Politik durchsetzen. Die Regierungs-Angestellten tun das mit äußerst brutalen Mitteln. So schrecken sie auch vor Zwangsabtreibungen nicht zurück. Ma Jian, der seit 1999 in England lebt, schont sein Lesepublikum nicht – auch solche Szenen beschreibt er mit aller Deutlichkeit. Das macht seinen Roman intensiv und transparent. Da wird nichts verschleiert oder verharmlost. Weiterlesen
Lissa Evans: Miss Vee oder wie man die Welt buchstabiert
Großbritannien, 1939: Der 10-jährige Noel lebt mit seiner in die Jahre gekommenen Patentante in London. Als sie verstirbt, muss er zu ihren Verwandten ziehen, denen nicht viel an dem neunmalklugen Jungen liegt. Jetzt ist es unausweichlich: Noel landet mit der Kinderlandverschickung im Londoner Umland und wird von der auf finanziellen Vorteil bedachten Vera, genannt Vee, in deren Familie aufgenommen. Außer der Mittdreißigerin leben noch ihr bereits erwachsener Sohn und ihre Mutter im Haushalt. Sie erhofft sich, durch den dümmlich aussehenden, leicht hinkenden Jungen weitere Geldzuwendungen von den Behörden. Doch die Sache mit Noel entwickelt sich ganz anders und bald muss Vee erkennen, dass Noel viele Talente hat, die auch ihr zugutekommen können. Weiterlesen
Uwe Timm: Heißer Sommer
Ullrich Krause, die Hauptperson dieses (fiktiven) Romans ist wahrscheinlich ca. fünf Jahre älter als ich. Ich habe einfach versucht, die beschriebenen Stationen seines Lebens vom Studenten – bis es dann irgendwann zu einer relativen Ruhe kommt, nachzuvollziehen. Es geht um die 68 Jahre, die Studentenrevolte, die Radikalisierung, der ganze Muff, der in Deutschland zu der Zeit explodierte. Diese Stationen sind natürlich heute deutsche Zeitgeschichte und waren vor kurzem in der RAF Ausstellung in Berlin zu sehen. Sehr gut. Aber mich hat das Buch deshalb so fasziniert, weil ich die Unruhe, die der Student Krause hatte, schon damals als 15jähriger in mir trug. Weiterlesen
Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie
Nordkorea gilt als das Land auf der Erde, in dem die Menschenrechte am wenigsten gelten. Wer beim Tod des „geliebten Führers“ nicht genügend trauert, kommt in ernsthafte Schwierigkeiten. Für kleine Vergehen werden die Menschen gefoltert oder sogar öffentlich hingerichtet.
All das beschreibt die gebürtige Nordkoreanerin Hyeonseo Lee mit Hilfe des Autors David John anschaulich in ihrem Buch „Schwarze Magnolie“. Es wird klar, wie Kinder bereits im Kindergartenalter auf Regierungskurs getrimmt werden. Kein Fach später in der Schule wird ohne politische Propaganda gelehrt. Und weil sie es nicht anders kennen, wehren die Menschen sich nicht. Es gibt keine Opposition. Weiterlesen
Lorrie Moore: Danke, dass ich kommen durfte
Lorrie Moores neuer Kurzgeschichtenband bietet mit seinen acht Erzählungen genau das, was gute Short Stories ausmacht: Viel Platz zwischen den Zeilen, in denen der Leser eigene Gedanken weiterentwickelt.
So lesen wir in der ersten Story von einem Mann, der seinen Ehering nicht abstreifen kann, weil dieser seinen Finger wie ein Fett abschnürender Gürtel umschließt – und dies, obwohl er bereits ein halbes Jahr von seiner Frau geschieden ist.
Oder wir lesen von einer Mutter, die ihren neuen Verehrer immer wieder brüskiert, indem sie ihrem pubertierenden Sohn übermäßige Zuwendung zukommen lässt. Weiterlesen
Olivier Adam: An den Rändern der Welt
Eigentlich hat Paul es im Alter von Anfang vierzig geschafft. Er verdient gut an seinen Romanen, schreibt Drehbücher und Reportagen. Jahrelanges Beobachten, Analysieren und ein damit einhergehendes Gefühl der Fremdheit haben ihn an den „Rand der Welt“ gebracht, der zugleich auch Abgrund oder Absturz in eine Depression sein kann. Während beruflich alles bestens läuft, ist sein Privatleben ein einziges Debakel. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und die Kinder mitgenommen. Ein neuer Liebhaber steht vor ihrer Tür. Zur gleichen Zeit beschließt sein Vater, in eine Seniorenresidenz zu ziehen. Die Preise für Immobilien sind in Paris dermaßen in die Höhe geschossen, dass die Randbezirke – früher sozialer Brennpunkt – von der Mittelschicht aufgekauft werden. Weiterlesen