Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Sein ganzes Schriftstellerleben lang – und das sind 60 Jahre – steht für Martin Walser die schöne Sprache im Mittelpunkt seiner Arbeit. In seinem neuen Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ist die Sprache der Held der Geschichte. Aber dieses Buch ist auch ein Alterswerk, das die Leser irritiert zurücklässt.

Gerade wird Walser, der im März 90 Jahre alt wird, in der Rangliste des Magazins „Cicero“ als wichtigster Intellektueller in Deutschland geführt. – Noch vor dem Philosophen Peter Sloterdijk. Diesem Ruf wird er mit seinem neuen Roman gerecht: Dies ist kein Buch, das man Seite für Seite einfach so durchliest – es zwingt zu Nachdenkpausen; die zum Teil heftig verschlungenen Sätze sind verwobene Gebilde, der Roman steht am Rande der Formlosigkeit. Weiterlesen

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Harry Gmür: Liebe und Tod in Leipzig

Mit diesem Buch könnte man es sich leicht machen und sagen: Es handelt sich um das 90 Jahre alte vollkommen unreife Geschreibsel eines 21-jährigen Jungspunds – verfasst in einer gestelzten Sprache, die vermutlich schon damals unmodern war. Mit einem Wort: Furchtbar!

Die Protagonisten fallen von einem Liebesrausch in den nächsten, und am Ende sind fast alle auf dramatischste Weise ums Leben gekommen. Es gibt Liebesschwüre noch und nöcher, Väter, die ihre Töchter lebenslang verstoßen, und düstere Brüder, die nichts als Rache für die Schmach an der Schwester im Sinn haben. Das alles läuft vollkommen humorlos ab. Weiterlesen

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Martin Suter: Elefant

Martin Suter verknüpft im Plot seines neuen Romans ein fiktives Endprodukt aus dem Bereich der Genmanipulation in Form eines kleinen, rosarot leuchtenden Elefanten mit wirklichkeitsgetreuen Szenen und einem sympathischen Protagonisten aus dem Obdachlosenmilieu.

Als der Obdachlose Fritz Schoch in seiner unterirdischen Behausung plötzlich einen kleinen, rosarot leuchtenden Elefanten sieht, schreibt er dieses Phänomen zuerst seinem Alkoholkonsum zu. Doch das leuchtende Tierchen existiert wirklich. Schoch entwickelt Beschützerinstinkte und bringt es zu einer Veterinärmedizinerin.

Schnell wird klar, dass hier Genmanipulation im Spiel sein muss.   Mit dem Erzählstrang um den Genforscher Roux und seinem finsteren Treiben wächst die Spannung. Roux ist ein nach Profitgier und um Erfolg heischender Getriebener. Weiterlesen

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Richard Ford: Rock Springs: Short Storys

Richard Ford, amerikanischer Schriftsteller (Jahrgang 1944), erhielt  den Pulitzerpreis und PEN/Faulkner Award für seinen 1995 erschienenen Roman „Unabhängigkeitstag“. Ich-Erzähler und Protagonist Frank Bascombe aus diesem und den Romanen „Der Sportreporter“, „Die Lage des Landes“ und „Frank“ steht für den „American Everyman“. Und den Durchschnittsamerikaner treffen die Lesenden auch in den Kurzgeschichten „Rock Springs“ aus dem Jahre 1987, die dtv im November 2016 kurz nach den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen in einer Taschenbuchausgabe (übersetzt von Harald Goland) herausgegeben hat.

Darin zehn Short Storys, in denen Richard Ford über Menschen in ihren Alltagsleben erzählt. In einem Leben, das wenig mit dem amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär gemein hat. Die Menschen in Fords Kurzgeschichten bleiben, wenn sie Glück haben, Tellerwäscher. Weiterlesen

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T.C. Boyle: Die Terranauten

Anfang der 90er-Jahre haben sich in den USA acht Menschen für zwei Jahre in eine künstliche Welt einschließen lassen, um ein Leben zu simulieren, das vollkommen unabhängig vom Rest der Erde auskommt. „Biosphäre 2“ hieß das Projekt. Es sollte wissenschaftliche Erkenntnisse für eine mögliche Station auf dem Mars liefern.

US-Kultautor T.C. Boyle hat unter dem Titel „Die Terranauten“ die Erfahrungen der Teilnehmer von damals zu einem 600-Seiten-Wälzer verarbeitet: Mit großem Enthusiasmus gestartet, kommt es schnell zu ersten Problemen. Die selbst erzeugten Nahrungsmittel sind einseitig und reichen nur so gerade eben aus, um das ganze Team zu ernähren. Wenn die Sonne draußen nicht scheint, produzieren die Pflanzen im Innern des Glaskomplexes nicht genügend Sauerstoff. Der Wert sinkt auf ein Level, das gefährlich für das Überleben der Menschen und Tiere wird. Weiterlesen

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Gavin Extence: Libellen im Kopf

Schon im Roman „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“ war ich angenehm überrascht von der Nähe, die der Autor zu seinem Protagonisten herstellt. In „Libellen im Kopf“ hat er das fast noch perfektioniert. Die eher erfolglose Journalistin Abby findet ihren toten Nachbarn Simon, als sie sich eine Dose Tomaten ausborgen will. Was sich wie der Anfang eines Krimis liest, ist jedoch nur der Beginn einer Abwärtsspirale in Abbys Innerem, die zunächst steil aufwärts zu zeigen scheint. Abby verarbeitet das Erlebnis in einem Artikel, sie macht das auf eine sehr persönliche Art und Weise und verknüpft es mit ihrem eigenen Empfinden. Das kommt zunächst gut an. Ebenso wie der Folgeartikel, der noch persönlicher wird, aber in der Hauptsache nur ihr engeres Umfeld verärgert. Weiterlesen

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Geoff Dyer: Aus schierer Wut

Geoff Dyer möchte ein Buch über sein großes Vorbild, den Autor D.H.Lawrence, verfassen. Dazu kommt es nicht. Denn Geoff Dyer hat ein Problem: Er will grundsätzlich das, was er gerade nicht hat. Er will das Buch schreiben, vermeidet aber die Arbeit an demselben. Ausreden findet er zur Genüge – und sei es, dass sein Lieblingscornetto im Caffé Farnese ausverkauft ist. Wer jemals von Schreibblockaden heimgesucht wurde oder ein wichtiges Projekt auf die lange Bank geschoben hat, weiß sich beim Lesen in bester Gesellschaft. Nie wurde darüber so schräg und unverblümt berichtet.

Überdreht, unentschlossen, wankelmütig? Gestatten, Geoff Dyer! Der Autor pflegt solche Eigenschaften mit Inbrunst. Weiterlesen

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Claudia Piñeiro: Ein wenig Glück

Eine defekte Bahnschranke in Temperley, Argentinien, teilt Marilés Leben in ein davor und danach. Wer die Schienen passiert, schaut zuerst zur Bahnhofsseite, die eine weite Sicht erlaubt. Auf der anderen Seite des Übergangs überblickt man 200 Meter der Schienenstrecke. Jeder überquert den Bahnübergang vorsichtig, erst recht wenn die Schranken unten sind und das Warnlicht blinkt. Alle wissen von der defekten Anlage. Nie ist etwas passiert. Als Marilé den anderen Fahrzeugen über die Schienen folgt, geschieht das Unglück. Mitten auf dem Bahnübergang versagt der Motor ihres Wagen, während ein Zug anrauscht. Auf der Rückbank sitzen ihr sechsjähriger Sohn und dessen Klassenkamerad. Leider kann sie nur ihren Sohn retten. Nach dem Unglück beginnt die Zeit der Anfeindungen, des Hasses. Weiterlesen

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Roger Willemsen: Wer wir waren

willemsenIm Sommer vor seinem Tod am 7. Februar 2016 hat Roger Willemsen an einem neuen Buch gearbeitet. „Wer wir waren“ sollte es heißen und ein Blick auf unsere Gegenwart aus der Zukunft sein. Dieses Buch werden wir leider nie lesen können, aber die „Zukunftsrede“, die der 60-Jährige bei seinem letzten Auftritt hielt und die wie eine Einleitung zu dem Buchs ist, ist in einem schmalen Büchlein auf 64 Seiten erschienen.

Die Rede ist eine – wie von Willemsen gewohnt – sehr kluge Analyse unserer Schneller-und-alles-gleichzeitig-Mentalität. Weiterlesen

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Margaret Atwood: Die steinerne Matratze

Margaret Atwood gehört zu den großen Erzählerinnen unserer Zeit. Die 77-jährige Kanadierin erhielt für ihre Romane, Erzählungen und Gedichte  viele Auszeichnungen und Preise, u.a. 2009 den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund für ihr Gesamtwerk. Ihre Science Fiction liegt in der Tradition von George Orwell und Aldous Huxley. In ihren Texten nimmt sie politische Themen auf und gesellschaftliche Entwicklungen vorweg. Es geht um Macht, Religion, Feminismus, Umwelt und wie nun in dem im November im Berlin Verlag erschienenen Erzählband „Die steinerne Matratze“ um das Alter.

Da sind in der letzten Erzählung „Fackelt die Alten ab“ Wilma und Tobias gezwungen, vor einem tobenden Mob junger Menschen aus ihrer in Flammen stehenden Seniorenresidenz zu fliehen. Weiterlesen

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