Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume

Längst hat sich der TV-bekannte Peter Wohlleben einen Namen als renommierter Buchautor gemacht. Das 2016 von ihm erschienene Buch „Das Seelenleben der Tiere“ findet sich ebenfalls in der Liste unserer Rezensionen.

Wohlleben, der Förster mit einer selbst gegründeten  Waldakademie aus der Eifel, setzt sich für ein Comeback der Urwälder ein und ist davon überzeugt, dass eine nachhaltige Waldwirtschaft dem Klimawandel entgegenwirkt. In „Der lange Atem der Bäume hat Peter Wohlleben diese aktuell brisante Thematik aufgegriffen.

Anhand vieler Beispiele erläutert er, wie komplexe Vorgänge in der Natur funktionieren. Seine Erklärungen sind einfach, verständlich und einleuchtend. Er kritisiert Waldlobby, Politik, Holzindustrie und die moderne Forstwirtschaft, die mit Kahlschlägen und Plantagenbepflanzugen dazu beiträgt, dass unsere Wälder sterben.

Dazu kommt die Problematik der klimatischen Veränderungen mit zu trockenen Sommern in der Vergangenheit, die den Gesundheitszustand und die Standsicherheit der Bäume stark beeinträchtigt haben. Weiterlesen

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Emma Stonex: Die Leuchtturmwärter

Der Klappentext klingt ein bisschen wie ein klassischer Agatha-Christie-Roman: drei Männer verschwinden aus einem verschlossenen Leuchtturm und tauchen nie wieder auf. Was ist geschehen?

Dieses tatsächliche Ereignis aus dem Jahr 1900 ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans der britischen Autorin, die die Ereignisse allerdings ins Jahr 1972 verlegt, sowie auf einer zweiten Zeitebene die Frauen der verschwundenen Leuchtturmwärter zwanzig Jahre später 1992 beobachtet.

Ein Autor nämlich greift das Verschwinden wieder auf und möchte die drei Damen interviewen. Diese sind gezeichnet von den Vorkommnissen, gehen jedoch sehr unterschiedlich damit um. Helen, Jenny und Michelle haben sich ihr Leben neu schaffen müssen. Die eine vermag darüber hinwegzukommen und eine neue Familie zu gründen, während die andere in der Vergangenheit haften bleibt, ihre Animositäten und Feindschaften pflegt. Weiterlesen

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Robert Krause: Dreieinhalb Stunden: Wie entscheidest du dich?

Allein der Titel suggeriert bereits die Spannung, die man, wie bekanntlich am perfektesten von Hitchcock angewandt, durch eine zeitliche Begrenzung des Geschehens erreichen kann. Die Handelnden haben nur dreieinhalb Stunden Zeit, eine nahezu lebenswichtige Entscheidung zu treffen. Nur leider verschenkt der Roman diese Möglichkeit zur Gänze.

Robert Krause ist Drehbuchautor und hat das Drehbuch zum Film gleichen Titels geschrieben. Und daraus dann auch diesen Roman gemacht. Der Film lief im Fernsehen, passend zum Inhalt, zeitnah zum 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus in Berlin. Denn an diesem Tag, dem 13. August 1961, spielt die Handlung von Film und Buch.

Nun habe ich mir absichtlich den Film nicht angesehen, solange ich den Roman nicht gelesen hatte, um mir die Spannung nicht zu verderben. Doch, siehe oben, es gab keine Spannung im Roman. Und auch nicht im inzwischen von mir gesehenen Film.

Die Handlung trägt sich zu in einem D-Zug auf dem Weg von München nach Ostberlin, eben an besagtem Tag. An Bord des Zugs befinden sich neben einigen Westdeutschen vor allem Ostdeutsche, die zurückkehren wollen nach Berlin. Als nun im Zug erste Gerüchte auftauchen und dann im Radio die Bestätigung kommt, dass zum Zeitpunkt ihrer Reise in Berlin die Mauer gebaut wird, müssen sich all die Ostdeutschen im Zug entscheiden: Kehren sie zurück, lassen sie sich einsperren? Oder steigen sie an einer der letzten Stationen vor der Grenze aus, bleiben in Westdeutschland, kehren ihrer Heimat und möglicherweise ihrer Familie den Rücken? Weiterlesen

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Neal Shusterman: Game Changer

Ash ist ein einigermaßen erfolgreicher Footballspieler. Er ist weiß, hetero und alles in allem amerikanischer Durchschnitt. Bis sich bei einem Zusammenstoß beim Football plötzlich alles ändert. Oder nur eine Kleinigkeit geändert hat. Jedenfalls hat sich Ashs Leben geändert. Er hat plötzlich reiche Eltern und ist ein Arschloch. Es muss etwas mit diesem Zusammenprall beim Football zu tun gehabt haben, denn da hat er plötzlich eine Verschiebung bemerkt. Beim nächsten Spiel möchte er das wiederholen und macht alles nur noch schlimmer.

Ash ist in der Lage Multiversen zu erschaffen, und bei dem Versuch, zurück in sein eigentliches Universum zu gelangen, erschafft er Welten, in denen die Rassentrennung nie abgeschafft wurde, in denen er schwul oder ein Mädchen ist. Das bringt eine ganze Menge neue Erkenntnisse mit sich.

Bislang hielt sich Ash für einigermaßen tolerant, sowohl Schwarzen wie auch Mädchen gegenüber, aber hier muss er erkennen, dass das nicht ausreicht. Ihm war nie klar, wie unfair das Leben Frauen gegenüber ist, bis er selbst ein Mädchen ist und das am eigenen Leib spürt, wohlgemerkt mit seinem Gedächtnis, wie die gleiche Situation als Mann gewesen wäre. Ihm war auch nie klar, wie dünn das Eis für seinen schwarzen Freund wirklich ist und wie hart dieser Arbeiten musste, um dort zu sein, wo er ist – und wie unmöglich das sein kann, wenn die Welt eine andere ist. Weiterlesen

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Henri Faber: Ausweglos

Elias war mal ganz oben. Er galt gar als Star der Hamburger Mordkommission. Davon ist nicht mehr viel übrig. Er war mit seinem Kollegen Malte so dicht davor, den Ringfingermörder zu erwischen. Dann erschien ein Artikel mit Anschuldingen wegen Ermittlungsfehler, der Ringfingermörder hörte auf zu morden und Elias und Malte fielen tief. Jetzt, Jahre später geschieht plötzlich wieder ein Mord nach dem alten Schema und durch alte Beziehungen ist ausgerechnet Elias der erste am Tatort. Es ist wie damals, aber doch anders…

Noah wurde auf dem Dachboden überfallen, während er die Wäsche aufhängte. Er wurde gezwungen, den Mörder zu seiner Frau zu führen, aber es ist nicht alles, wie es scheint.

„Ausweglos“ ist ein spannender Thriller, der aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Da ist zunächst einmal Elias, der Ermittler, von dem nach und nach herauskommt, warum er es in der neu gebildeten Spezialeinheit so schwer hat. Noahs Perspektive scheint die des hilflosen Opfers zu sein, wurde er doch niedergeschlagen und musste den Mord mitansehen. Durch die wechselden Erzählperspektiven (es gibt mehr als diese zwei, aber die beiden sind die Hauptperspektiven) und geschickt gewählte Cliffhanger ist das Buch ein echter Pageturner. Weiterlesen

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Robin Hobb: Wächter der Drachen

Es gab einmal eine Zeit, da erhob eine neue Autorin ihre Stimme. Robin Hobb, so ihr Pseudonym unter dem sie uns ihre ganz eigenen Fantasy-Epen offerierte und mit diesen Leser weltweit in ihren Bann zog. Seien es die Geschichten, Tragödien bin ich geneigt zu sagen, um Fitz, den Weitseher, Attentäter und Magier im Dienst seines Königs oder die Händler von Bingtown (dt. Blanvalet Verlag, von Penhaligon neu, allerdings nur als eBooks unter der Überschrift „Seelenschiff-Händler“ aufgelegt), die auf ihren lebenden Schiffen die Meere und den Regenwildfluss befuhren, die Zyklen verkauften sich, egal bei welchem Deutschen Verlag sie erschienen, wie die sprichwörtlich warmen Semmeln.

Nach einem kommerziell nicht ganz so erfolgreichen Ausflug nach Navare (dt. bei Klett-Cotta und Heyne) kehrt sie mit vorliegendem Buch auf die gemeinsame Welt von Fitz und den Bingtown-Händlern zurück. Mittlerweile haben die Menschen aus Bingtown und die letzte überlebende Drachenkönigin ein Abkommen geschlossen. Tintaglia schützt die Flussmündung des säurehaltigen Flusses vor chalcedanischen Schiffen, dafür beschützen die Menschen die Seeschlangen, die sich verpuppen und zu Jungdrachen reifen sollen. Weiterlesen

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Adriana Popescu: Wie ein Schatten im Sommer

Der Umzug aufs Land ist eine echte Umstellung für die Münchnerin Vio – und dennoch kommt er wie gerufen, denn sie hat genug, wovor sie davonlaufen will. Ein Neuanfang also. Eine neue Chance. Neue Leute, die nicht alles über sie wissen und sie nicht verurteilen. Walddorf heißt der neue Ort und wird seinem Namen gerecht: Eingekesselt von Wäldern und abgeschnitten von der Außenwelt. Der Richtige Platz, um zur Ruhe zu kommen. Vio findet schnell Anschluss und versteht sich großartig mit dem Pizzaboten Konstantin, mit dem sie immer mehr Zeit verbringt. Alles scheint perfekt. Der perfekte Sommer. Fahrradausflüge, Nachmittage am Badesee und nächtliche Partys bei Vios neuen Freunden.

Eine Idylle, die zerstört wird, als jemand ausländerfeindliche Parolen an die Wände des nichtfertiggestellten Flüchtlingsheims schmiert. Auf einmal hinterfragt Vio alles, was sie um sie herum geschieht und merkt immer mehr, dass die Engstirnigkeit des Dorfes vielleicht doch größer ist als dessen Frieden. Und nicht nur das. Immer wieder wenden die unreflektierten oder gewollt provozierenden Kommentare sich auch gegen sie selbst, die als Tochter rumänischer Einwanderer von manchen nicht als Deutsche angesehen wird. Weiterlesen

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Tanja Schwarz: In neuem Licht

Die deutsche Autorin Tanja Schwarz (Jahrgang 1970) lebt und arbeitet in Hamburg. Am 27. September 2021 veröffentlichte hanserblau im Carl Hanser Verlag ihr Buch „In neuem Licht“.

Darin finden sich zwölf Erzählungen oder wie es im Untertitel heißt Romanminiaturen.

Schon mit der ersten Geschichte „Sonnenwende“ packt Tanja Schwarz mich als Lesende. Da begegne ich Nele, die sich mit ihrer psychisch kranken Mutter beschäftigen und für sie eine besondere Therapieentscheidung treffen muss. Neles eigene Tochter Sina ist darüber fassungslos und empört.

In „Axalp“ wehrt Sina sich dann gegen die Ski-Reise mit ihrer Mutter und will bei ihrem Vater Hauk leben.

In  „Unabomber“ verliebt sich die über fünfzigjährige Ulla in Ibo, einen jungen Kurden. Sie lässt ihn und seine Freunde bei sich wohnen, bezahlt Ibo den Deutschkurs oder seine Internetbestellungen und sie liebt den Sex mit ihm, ganz zum Unverständnis ihres Sohnes Ian. Am Ende brennt die Unabomberhütte.

Da ist Lene mit ihrer Tochter Lynn, die von ihrem Mann getrennt lebt und Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Eines Tages läuft eine Unterrichtsstunde aus dem Ruder. Die Figur Lene taucht auch in den Geschichten „Cover me“ und „Eine Harzreise“ wieder auf. Weiterlesen

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Ingo Schulze: Dresden wieder sehen

Kennen Sie das? Sie lesen einen Text und ertappen sich permanent dabei, wie Sie ausrufen: „Genau!“ oder „Meine Rede, nur besser formuliert!“ oder gar „Woher kennt der Mann meine Gedanken?“ So erging es mir beim Lesen der Texte in Ingo Schulzes „Dresden wieder sehen“.

Der Autor von u.a. „Tasso im Irrenhaus“ oder „Die rechtschaffenen Mörder“ ist in Dresden geboren und aufgewachsen, lebt jedoch seit vielen Jahren in Berlin. Von dort beobachtet er mit Interesse das gesellschaftliche Leben in der Heimatstadt. Davon zeugt sein neues Buch. Das schmale Bändchen im regenbogenbunten Design beinhaltet mehrere Essays, einen offenen Brief und seine Dresdner Rede, und damit Texte, in denen er auf aktuelle Entwicklungen in der Stadt eingeht. Die Publikationen entstanden zwischen 2006 und 2021.

Ingo Schulze geht dem Mythos Dresden auf den Grund, fragt nach dessen Ursachen und was vom Mythos übriggeblieben ist. Er beschreibt seinen ersten Eindruck beim Anblick der wiedererbauten Frauenkirche: „Je näher ich der Frauenkirche kam, um so mehr schien sie sich zu verwandeln, um dann, vom Neumarkt aus betrachtet, zu ihrer eigenen Wachsfigur zu erstarren“ (S.17) Weiterlesen

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Kerstin Gier: Vergissmeinnicht – Was man bei Licht nicht sehen kann

Quinn ist umschwärmt. Er wird zu Partys eingeladen, um seine Meinung gefragt, ist einfach ein cooler Teenager – der sich nur zu gerne von seiner Freundin Lilly trennen würde, es aber nicht übers Herz bringt – nett ist er also auch noch. Mathilda ist klug, hilfsbereit und hübsch, aber für andere alles andere als cool. Denn sie kommt aus einer hochreligiösen Familie mit langer Tradition und verbringt einen Großteil ihrer Freizeit in kirchlichen Einrichtungen. Ausgerechnet während der Party, auf der Quinn sich endgültig von Lilly trennen will, wird er angegriffen. Zumindest glaubt er das, alle anderen denken, er ist betrunken vor den LKW gelaufen.

Quinn überlebt nur knapp und ist lange auf Krücken und Rollstuhl angewiesen, sein Kopf ist jetzt kahl und vernarbt und seine Umwelt glaubt, er hätte auch geistige Schäden davongetragen. Er glaubt das auch, denn er sieht Wesen, hört Stimmen und irgendwas stimmt mit seiner Sehschärfe nicht. Quinns Mutter bezahlt Mathilda dafür, Zeit mit Quinn zu verbringen, denn seine alten Freunde will er nicht mehr sehen.

Zwei, die es noch nicht wissen, haben sich gefunden. Denn Quinn, der Pragmatiker, wird plötzlich mit einer Welt – dem Saum – konfrontiert, die es doch eigentlich nicht geben kann oder höchstens in Fantasy-Geschichten, die er nicht liest. Mathilda dagegen kennt jeden Fantasy-Roman auf dem Planeten, hat sie doch Grund genug, dem geistigen Leben ihrer Familie zu entfliehen. Dafür kann sie den Saum weder sehen noch betreten. Weiterlesen

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