Sonja Heiss: Rimini

Der Roman erinnert mich an die großen amerikanischen Gesellschaftsromane von John Updike oder Jonathan Frantzen. Sonja Heiss zerpflückt eine vermeintlich normale Familienstruktur, d.h., gutbürgerliche Mittelschicht, wo man vordergründig denkt, jau, kenn ich – so weit so gut! Doch nach und nach kommen die Abgründe. Alexander und Barbara als Großeltern, wie man sie nie selbst werden wollen würde!

Der angeschlagene Alexander und die depressive Barbara haben zwei Kinder, Hans und Masha, die dabei sind, ihre Träume und Sicherheiten zu zertrümmern, weil die Brüchigkeit ihrer Lebensläufe, eine relativ gelassen Art von Glück einfach nicht vorgesehen hat. Masha ist jetzt um die vierzig und verspürt den Kinderwunsch in sich, mit all den biologischen Uhren und Bremsen, an Haut, Sexualität und Seele. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Jeffrey M. Masson: Die verborgene Seele der Kühe

Jeffrey M. Masson ist renommierter Tierverhaltensforscher und Bestsellerautor. In diesem Buch fasst er seine Erkenntnisse und eigene Betrachtungen über das Glück und Leid von Tieren zusammen. Rückhaltlos fordert der passionierte Veganer dazu auf, mehr Respekt für Hoftiere zu entwickeln und regt an, den eigenen Fleischkonsum in Frage zu stellen und unsere Verhaltensweisen und Ansichten zu ändern.

Er hinterfragt unsere Liebe zu den Haustieren wie Katze oder Hund und verdeutlicht den Unterschied zu unseren Gefühlen für Nutztiere wie Schwein, Kuh oder Schaf, denen nur eine begrenzte, meist sehr unschöne Lebenszeit zugestanden wird, bis sie auf dem Speiseteller von uns Menschen liegen. Seine Überlegungen führen dabei zurück bis zur Domestizierung der Tiere. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Silvia Bovenschen: Lug und Trug und Rat und Streben

Agnes Lupinski hat Kopfschmerzen. Sie ist müde und erlebt gerade einen merkwürdigen Tag. Diverse elektrische Geräte von der Zahnbürste über den Computer bis zur Spülmaschine und dem Staubsauger geben ihren Geist auf. „Ein beschissener, verschlissener Tag“, denkt sie und kommt ins Grübeln, ob nur bei Maschinen Schwächen eingebaut werden, um sie nach einer bestimmten Zeit unbrauchbar zu machen oder ob es diese „Sollbruchstellen“ auch bei Menschen gibt. „Eine künstlich verknappte Lebenszeit…?“

Und dann kündigen sich auch noch ihr Schwager Ulli und ihr Neffe Max an und ihr Freund Frederic schleppt sie in ein Küchenstudio, in dem sie sich fragt, ob moderne Küchen jetzt so aussehen wie Weltraumoperationssäle oder Geheimlaboratorien.

So beginnt Silvia Bovenschens letzter Roman über die Bewohnerinnen und Bewohner eines unscheinbaren, etwas altmodischen Hauses. Außer Agnes, die das Erdgeschoss bewohnt wären da im 1. Stock ihre Tante Alma Lupinski und deren Schwager Herr von Bärentrost, Bruder ihres lange verschollenen Ehemannes, der im Keller residiert. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Bernhard Trecksel: Nebeljäger

Einst, vor Urzeiten, führten die Titanen einen gnadenlosen Vernichtungskrieg gegeneinander, der drohte, die Welt selbst zu vernichten. Buchstäblich in letzter Sekunde gelang es, die dunklen Götter in ihrem Treiben zu bremsen und die Titanen einzukerkern. Seitdem sind Jahrhunderte ins Land gegangen, Äonen, in denen die Menschen mit dem giftigen Odem, der ihre Welt seitdem durchzieht, zu leben und zu sterben gelernt haben. Nur streng magisch gesicherte Städte haben überdauert, jeweils angeführt von einem Archonten, der eifersüchtig über seine oder ihre Macht wacht. Einst waren sie tödliche Gegner. Die Sprache ist von Clach, dem Assassinen, der starb und als mächtige Untoter wieder aufstand. Und von Ormgair, einst ein Stammesführer, jetzt ein alter, ein mehr als zäher unbequemer alter Stammeskrieger.

Die Runde schließt Fennek Greskegard ab, der frühere Inquisitor, der sich zum Archonten aufgeschwungen hat. So unterschiedlich ihre Herkunft, so verbissen ihr Kampf mit- und gegeneinander auch war, jetzt haben sie alle nur eine Chance. Um die Wiederkunft der Titanen abzuwehren, und für das Wohl der Menschen müssen sie sich zusammenraufen und gemeinsam kämpfen … Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

Auf mehr als 2200 Buchseiten hat Elena Ferrante (ein Pseudonym) die Geschichte der mehr als 60 Jahre dauernden Freundschaft zwischen Lila und Elena erzählt. Jetzt ist der vierte und letzte Band der neapolitanischen Tetralogie erschienen. Eigentlich besteht „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ sogar aus zwei Bänden; die letzten 200 Seiten sind mit „Geschichte vom bösen Blut“ überschrieben.

Elena, eine erfolgreiche Schriftstellerin, ist mit ihren beiden Mädchen wieder zurück nach Neapel gezogen. Nach der Trennung von Nico wohnt sie wieder im Rione, dem verwahrlosten Viertel von Neapel und sogar im selben Haus wie Lila. Die Bindung zwischen den Freundinnen, die sich zwischendurch aus den Augen verloren hatten, wird wieder enger. Und beide Frauen sind sogar zur selben Zeit wieder schwanger, bringen jede ein Mädchen zur Welt. Tina, die Tochter von Lila, ist „das verlorene Kind“, das mit vier Jahren plötzlich spurlos verschwindet. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Stephen King & Owen King: Sleeping Beauties

So ganz neu ist das Thema ja nicht. Bereits in „Yin“ entwarf Akif Pirincci eine von Männern entvölkerte Welt, alles Maskuline dahingerafft von einer Grippe und nur eine Gesellschaft von Frauen blieb übrig. Wenig verwunderlich allerdings, dass die Kings einen völlig anderen Ansatz wählt. Sobald eine Frau in einen natürlichen Schlaf fällt, fängt ein Kokon an zu wachsen bis er sie völlig einspinnt. Theoretisch kann man die Frau dann zwar noch wecken, es ist aber wenig ratsam. Durchbissene Kehlen, erschlagene Wecker, der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Ist es eine Krankheit, werden die Frauen irgendwann einfach wieder aufwachen?

„Sleeping Beauy“ macht die amerikanische Kleinstadt Dooling zum Stellvertreter für die ganze Welt. Es gibt eine Polizeichefin mit Eheproblemen, aber vor allem gibt es ein Frauengefängnis. Die Frauen versuchen sich gegenseitig vom Einschlafen abzuhalten, aber das gelingt nur sehr bedingt. Sehr spannend zu lesen, was ihnen alles einfällt, um wach zu bleiben. Männer versuchen, ihre Frauen und Kinder zu beschützen, aber wie soll man vor dem Einschlafen beschützen? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sophie Chen Keller: Die unzähligen Wunder der Carmine Street

Die Patisserie der kleinen Dinge der Lavenders ist ein Ort voller Magie. Hier posieren Cremetörtchen vor den Spiegeln der Vitrine, knusprige Puffreisecken räkeln sich genüsslich wie Katzen, gefüllte Vol-au-Vent-Mäuse hüpfen durcheinander. Die Kunden lieben diesen Laden, den Duft, die Kreationen von Lucy Lavender, und sie wissen, wie wichtig das ledergebundene Buch in der Vitrine am Fenster ist. Lucy bekam es einst von einer Unbekannten geschenkt, der sie eine freundliche Geste erwiesen hatte, und mit dem Buch erwachte der Laden zum Leben. Er ist das Zuhause von Lucy, ihrem Sohn Walter Lavender jr. und Golden Retriever Milton. Hier fühlt sich der zwölfjährige Ich-Erzähler Walter geborgen und verstanden, obwohl er kaum spricht. Er hat eine motorische Sprechstörung, es gelingt ihm nicht, Worte mit Lippen und Zunge zu formen, obwohl sie in seinem Kopf sind. In der Schule steht er im Abseits, er hat sich daran gewöhnt, immer übersehen zu werden. Er ist ein guter Beobachter und bemerkt Dinge, die anderen niemals auffallen würden, wie „Schrammen oder Schnörkel auf der Wirklichkeit“ oder „das enttäuschte Zischen, wenn man etwas im Keim erstickt, bevor es ausgesprochen werden kann“ (Zitat S. 8.). Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Meredith Russo: Als ich Amanda wurde

Die 17-jährige Amanda zieht aus ihrem Heimatort weg, um ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Denn zu viele Menschen dort wissen, dass Amanda nicht immer so hieß. Geboren wurde sie als Andrew Hardy. Doch den hat sie lange hinter sich gelassen. Denn Andrew spürte schon als kleines Kind, dass er ein Mädchen ist. Die geschlechtsangleichenden Operationen hat Amanda endlich hinter sich und durch die Hormoneinnahmen ist sie auch sonst ein Mädchen. Im Wohnort ihres Vaters will Amanda neu anfangen und alles klappt erstmal total gut. Sie findet schnell neue Freunde und dann taucht sogar ein Junge auf: Grant. Amanda verliebt sich Hals über Kopf. Doch was passiert, wenn irgendjemand hier die Wahrheit herausfindet?

Meredith Russo behandelt in ihrem Roman ein Thema, das sehr selten in Jugendbüchern angesprochen wird. Transgender scheint bei deutschen Autoren immer noch ein Tabuthema, internationale Autoren wagen sich langsam heran. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre

Dem Flüchtlingsthema widmet sich der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein in seinem Roman „Die kommenden Jahre“. Doch es geht in diesem Buch um mehr. Natascha, eine wortgewandte und den Menschen zugetane Autorin, lässt eine syrische Flüchtlingsfamilie in einem Sommerhaus wohnen, das sie und ihr Mann Richard an einem abgelegenen See besitzen. Doch während sie – schon auf fast verbissene Weise – alles dafür tut, es den Neuankömmlingen so einfach wie möglich zu machen, sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben, kapselt sich Richard immer mehr ab. Er ist ein Gletscher-Forscher und träumt davon, mit seinem Freund Tim in Kanada seinen eiskalten Forschungen nachzugehen.

Die Anwesenheit der syrischen Familie macht etwas deutlich, das vielleicht schon viel länger unter der Oberfläche schwelt: Natascha und Richard passen nicht zusammen. Sie unternimmt immer mehr mit dem Vater der syrischen Familie, er ist wieder mehr an einer alten Freundin interessiert, die ebenfalls als Gletscher-Forscherin arbeitet. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Richard Brox: Kein Dach über dem Leben

Einen Ratgeber, wie man über 30 Jahre auf der Straße überleben kann, liefert Richard Brox‘ Biographie nicht direkt. Sie vermittelt eher einen Eindruck, warum jemand das Weite suchte, wenn Schutz versprechende Räume ein Synonym für An- und Übergriffe geworden sind beziehungsweise für das Aussperren von Sinneseindrücken und Leben. In der Freiheit der Straße sah der in der Seele schwer verletzte Richard seinen einzigen, zunächst provisorischen Fluchtweg. Dies wird um so verständlicher, wenn statt einer echten Hilfe nur der Drill für ein funktionsorientiertes Leben auf ihn niederprasselte.

Was der Leser bei der Lektüre erfährt, dürfte in mancher Hinsicht überraschend sein. Denn Richard Brox‘ bewegende Lebensgeschichte erinnert ein wenig an eine moderne Charles Dickens Version. Darüber hinaus vermag er mit einem ansprechenden Schreibstil und zahlreichen Wendungen zu fesseln. Eine dürfte die mit dem Hünen einer berüchtigten Motorradgang sein. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: