Jenny Tinghui Zhang: Fünf Leben

„In der Kalligraphie wie im Leben wird nicht retuschiert, sagte Meister Wang oft. Wir müssen akzeptieren, dass das Geschehene nicht zu ändern ist.“

Ein Satz, der so auch auf einem Spruchkalender stehen könnte und der das vor mir liegende Buch perfekt beschreibt. Der Roman Fünf Leben von Jenny Tinghui Zhang beschäftigt sich mit Geschehenem und versucht es aufzuarbeiten, es publik zu machen und die Welt an den Hass zu erinnern, der Asiat:innen im 19. Jahrhundert auf dem amerikanischen Kontinent entgegen-schlug und nicht wenige von ihnen ihr Leben kostete. Die chinesisch-amerikanische Autorin widmet sich einem weiteren Massenmord in der amerikanischen Geschichte und zeichnet die Geschichte von Daiyu nach, einem chinesischen Mädchen, das nach dem Verschwinden ihrer Eltern zum Straßenjungen Feng wird, auf der Suche nach Geborgenheit entführt und in einer Kohlentonne nach San Francisco verschleppt wird, wo ihr schmerzlich bewusst wird, dass sie kein Junge ist, sondern ein junges Mädchen, das nächtlich an den Bestbietenden verkauft werden kann. Es geht um das Geschlecht, sie als Mädchen, sie als Junge, sie als Mädchen, als Frau. Weiterlesen

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Patrick Tschan: Schmelzwasser

1947 lässt Emilie Reber sich in einem Städtchen am Bodensee nieder, das namentlich nicht genauer bezeichnet wird.  Sie war in Frankreich bei der Resistance und kommt mit den französischen Besatzern nach Deutschland zurück. Der Bodensee erinnert sie an das Meer in Südfrankreich. Mit im Gepäck hat sie die „Bibliothek der Freiheit“, eine Ladung vor der Verbrennung geretteter Bücher, die sie 1939 gemeinsam mit Heinrich Mann in Sicherheit gebracht hat. Entschlossen geht sie daran, eine Leihbibliothek aufzubauen, kombiniert mit einer Buchhandlung. Literatur ist ihr Leben aber das Interesse der Mitmenschen an ihren Büchern hält sich in Grenzen. Man hat gerade den Krieg hinter sich gebracht. Aus dem Städtchen glaubt niemand, irgendeine Schuld auf sich geladen zu haben.

An die Nazi-Jahre will sich keiner mehr erinnern, die Zeiten sind vorbei. Emilie Reber aber möchte die Leute zur Aufarbeitung der Ereignisse animieren, indem sie die „verbotenen“ Bücher lesen und darüber nachdenken, wie die vorgefallenen Gräuel passieren konnten und wie sie Hitler in die Arme gearbeitet haben. Das stößt nicht überall auf Gegenliebe. Weiterlesen

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Dean Koontz: The Other Emily – Die Doppelgängerin

Zehn Jahre ist es nun her, dass sich das Leben des Bestsellerautors David Thorne von heute auf morgen dramatisch verändert hat. Fünf glückliche Jahre verbrachte der Autor mit seiner großen Liebe – bis diese eines Nachts von einem Besuch bei der Freundin nicht zurückkehrte. Das Auto fand man auf einem Parkplatz an der Küstenstraße Kaliforniens, das Portemonnaie unberührt im Wagen. Ein Serienkiller wurde auch für diese Tat verantwortlich gemacht – ein Mörder, den der Autor jeden Monat monetär unterstützt und immer wieder im Knast besucht. Er will erfahren, ob seine Geliebte wirklich unter den nie gefundenen Opfern des Killers war, um vielleicht das leere Grab mit einer Leiche füllen und endlich mit dem Verlust abschließen zu können.

Eines Tages begegnet er einer Frau, die exakt aussieht wie seine verschollene Freundin. Bilderkennungssoftware bestätigt die Übereinstimmung, ihr Background ist gefaket – wer ist die Unbekannte, die äußerlich, wie vom Verhalten her eine solch frappierende Ähnlichkeit, nein Übereinstimmung mit der mutmaßlich Getöteten aufweist und die sich ihm als Attentäterin vorstellt? Die Suche nach Antworten führt Throne auf die Spur weiterer Menschen, die obzwar unzweifelhaft tot, höchst lebendig unter uns wandeln … Weiterlesen

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JP O’Connell: Hotel Portofino

Spätestens seit der Erfolgsserie „Downton Abbey“ boomen Liebesränke, Intrigen und gesellschaftspolitische Umwälzungen der 20er Jahre vor malerischem Hintergrund. Ein ebensolcher wurde in diesem Roman gefunden: Das heute noch beim Jetset beliebte Fischerdorf Portofino an der ligurischen Riviera. Entlang des Küstenabschnitts haben sich seit dem 19. Jahrhundert wohlhabende Engländer niedergelassen, dabei malerische Villen, Gärten und Vergnügungsstätten wie das Casino in San Remo hinterlassen. Mit einer exklusiven Villa hat Bella Ainsworth sich einen Traum erfüllt und ein eigenes Hotel eröffnet. Die äußerst diverse Gästeschar bietet Raum für amouröse sowie kriminelle Verwicklungen aller Art.

Bella Ainsworth hat sich einst in ihren Flitterwochen in Italien verliebt. Im Jahr 1926 erfüllt sich die attraktive Endvierzigerin ihren großen Traum und zieht mit der ganzen Familie nach Ligurien, um dort ein mondänes Hotel in einer alten Villa zu eröffnen. Doch innerfamiliär brodeln Konflikte: Ehemann Cecil geht dem „Beruf“ des Gentlemans nach und hat mit harter Arbeit nichts am Hut. Stattdessen lebt er auf Pump, verprasst das Vermögen von Bellas Vater. Bellas Selbstverwirklichung ist ihm ein Dorn im Auge. Die britische Upperclass arbeitet nicht, sondern lässt arbeiten. Tochter Alice ist eine junge Kriegswitwe und dadurch trotz ihrer reizenden Tochter Lottie äußerst verbittert geworden. Weiterlesen

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Jennifer Egan: Candy Haus

Ein vibrierendes Zukunftsrauschen – außergewöhnlich & tiefgreifend.

Roxy spürt eine Vibration in ihrem tiefsten Inneren, während sich ihr Bewusstsein in das Internet ergießt: ein Sturzbach von Erinnerungen und Augenblicken, manche schmerzhaft – teils auch Erinnerungen an echten Schmerz –, in einen Kosmos strudelnd, der sich windet und schlängelt wie eine unaufhörlich sich ausdehnende Galaxie.“ (S. 206)

„Candy Haus“ ist visionär und spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der der technologische Fortschritt die Bedeutsamkeit des Individuums, der Privatsphäre und der Beziehungen gewaltig ins Wanken bringt.

„In einem vor Energie funkelnden Roman erzählt Egan von unserer Suche nach Authentizität und Einmaligkeit.“

Worum geht’s? Der Social-Media-Mogul „Bix“ hat ein Produkt namens „Besitze dein Unbewusstes“ entwickelt, das es dir ermöglicht, deinen Geist zu externalisieren und deine Vergangenheit zu besuchen, wann immer du willst. Das dort eingebundene „kollektive Bewusstsein“ ermöglicht es allen Personen Zugriff auf anonyme Gedanken und Erinnerungen aller lebenden und toten Menschen auf der Welt zu bekommen, die dasselbe getan haben: sein externalisiertes Gedächtnis in ein Online-‚Kollektiv‘ hochgeladen. Weiterlesen

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Oren Lavie, Anke Kuhl: Konrad Kröterich und die Suche nach der allerschönsten Umarmung

Konrad Kröterich von Keks führt ein sehr beschauliches Leben und es ist sehr klar: Seine liebste Gesellschaft ist er selbst. Er lebt alleine in seinem Haus und wenn er sich einsam fühlt, stellt er sich vor seinen Spiegel und genießt es, Zeit mit einem Gleichgesinnten zu verbringen. Das einzige andere Lebewesen, das er leiden kann, ist seine Petunie. Bis er eines Morgens aufgeregt aus dem Bett springt, weil er von der allerschönsten Umarmung geträumt hat. Kurzentschlossen macht er sich auf die Suche, nach diesem perfekten Gefühl, das im Traum so angenehm war, doch all seine Bekannte machen irgendetwas falsch. Die Giraffe ist zu groß, der Fisch ist zu nass und überhaupt fühlt sich alles nicht richtig an. Auch als er dazu übergeht, Fremde zu umarmen, ist immer etwas nicht richtig. In seiner verzweifelten Suche stellt er irgendwann eine Annonce in die Zeitung, die so viel Aufmerksamkeit bekommt, dass neben einer großen Menge an Tieren auch ein Reporter vom Fernsehen im Park eintrifft. Zum Glück, denn gerade er ist es, der Konrad Kröterich genau im richtigen Moment zeigen kann, was eine Umarmung wirklich bedeutet. Weiterlesen

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Marah Woolf: HexenSchwesternSaga 03: Sister of the Night

Dem Hochkönig der Dämonen entkommen zu sein, ist nur ein kurzer Triumph. Denn obwohl Vienne und ihre Schwestern nun wieder unbeschadet in ihre Welt zurückgekehrt sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Regulus angreifen und alle Magiebegabte vernichten wird. Menschen und Dämonen müssen einmal mehr zusammenarbeiten, um sich dem tyrannischen Herrscher zu stellen. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn: wie soll man jemandem vertrauen, der einen in der Vergangenheit mehrfach verraten hat? Obwohl Vianne Aarvand viel stärkere Gefühle entgegenbringt, als sie sich selbst eingestehen will, kann sie nicht über das hinwegsehen, was der Dämonenfürst ihr und ihren Schwestern angetan hat. Und noch immer verbirgt er Geheimnisse vor ihnen, die die Frage aufwerfen, ob er wirklich die Seite gewechselt hat …

Nach einem verheerenden Kampf gegen Regulus und sein Gefolge sind Menschen, Magier und Dämonen auf der richtigen Seite bereit, jede Hoffnung aufzugeben. Nur ein Ausweg bleibt ihnen zum Sieg: Ein magisches Artefakt, das die Macht hat, die Welten für immer voneinander zu trennen. Das einzige Problem: Weiterlesen

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Charlotte Schallié (Hrsg.): Barbara Yelin, Miriam Libicki, Gilad Seliktar: Aber ich lebe

Die Geschichte des Holocaust in Form eines Comics, als Graphic Novel? Kann das funktionieren? Daran zweifelte ich, als ich dieses Buch im Programm des C.H. Beck Verlags entdeckte, ich zweifelte, war aber auch neugierig. Daher habe ich es mir angeschaut und bin darin eingetaucht. Denn: es funktioniert fabelhaft.

„Vier Kinder überleben den Holocaust“, so lautet der Untertitel. Und genau darum geht es auch, um die Geschichten von 4 ganz unterschiedlichen Menschen, die in unterschiedlichen Ländern auf ganz unterschiedliche Weise die grausamen Schrecken überlebten.

Da ist zuerst Emmie Arbel, deren Geschichte Barbara Yelin aufzeichnet (nie war dieses Wort treffender). Emmie, die heute in Israel lebt, wurde in den Niederlanden geboren und war gerade einmal viereinhalb Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Familie in ein Lager kam.

Dann lernen wir David Schaffer kennen, 1931 in der Bukowina geboren, das damals zu Rumänien gehörte. Er überlebte, weil er sich nicht an die Regeln hielt. Seine Geschichte zeichnete Miriam Libicki. Weiterlesen

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Matthias Heine: Ausgewanderte Wörter

Dass wir in unserem Alltag viele eingewanderte Wörter verwenden, ist nicht neu. Jeden Tag sprechen wir von Computer, Fisimatenten oder ähnlichem. Aber aus unserer Sprache sind auch ganz viele Wörter ausgewandert, in alle Himmelsrichtungen und zu allen Zeiten.

Davon erzählt Matthias Heine in seinem Buch, das etliche Beispiele aufzählt. Viele davon sind bekannt, zum Beispiel Rucksack oder Kindergarten. Aber wer hätte gewusst, dass in Samoa das Wort „Fünfer“ angekommen ist oder im Ungarischen das Wort „Kupplung“.

Besonders spannend fand ich auch den „Perückenmacher“ im Russischen oder das „Hofbräuhaus“ in Korea – obwohl, das wundert dann doch eher nicht.

Interessant sind dabei die Geschichten dahinter, wie und warum kam dieses deutsche Wort in das fremde, oft weit entfernte Land. Bei manchen überrascht die Erklärung nicht, wenn zum Beispiel die Auswanderer das Deutsche mitnahmen nach Amerika. Aber wie kam der „Schraubenzieher“ ins Serbokroatische? Dabei erkennt man als Deutsche das Wort dann oft gar nicht wieder, wird es doch in den Sprachduktus und natürlich auch in die Schrift des Auswanderungslandes übernommen. Weiterlesen

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Angeline Boulley: Firekeeper’s Daughter

Daunis Fontaine entstammt zwei Welten: Sie ist eine Fontaine, Enkelin des Bürgermeisters und Inhabers der größten Baufirma der Oberen Halbinsel am Lake Superior. Und sie ist die Tochter von Levi Firekeeper sr. vom Stamme der Ojibwe. Weiße halten sie oft für eine Native American, für Natives gehört sie manchmal nicht richtig dazu. Die Parallelen zur Autorin sind unverkennbar: Angeline Boulley hat eine weiße Mutter und einen Ojibwe-Vater. Sugar Island, wo die Handlung spielt, nennt sie ihre Heimat.

Am Anfang lässt sich Angeline Boulley Zeit beim Erzählen. Aus der Perspektive der 18jährigen Daunis stellt sie deren Mutter vor, die Beziehung zu ihrem Bruder Levi, der nur drei Monate jünger ist, die beste Freundin, die Leidenschaft für Eishockey, die Ojibwe-Community, Ojibwe-Traditionen. Sie reißt Probleme an und wirft Fragen auf: Warum starb Daunis’ Vater, als sie und Levi erst sieben Jahre alt waren? Wie haben es sowohl die Fontaines als auch die Firekeepers bislang geschafft, dem Mädchen gerecht zu werden, ohne sie zu zerreißen? Wird sie sich für eine der beiden Welten entscheiden müssen? Weiterlesen

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