Christoph Marzi: Mitternacht

Als Nicholas James eines Morgens auf seinem Hausboot wach wird, befindet sich ein ihm fremder Mann in seiner Kajüte. Dabei ist die Tür von innen verschlossen und der Mann dürfte gar nicht hier sein. Dann verschwindet er auch ebenso schnell wie er gekommen ist. Nicholas kümmert sich erstmal nicht weiter um den Zwischenfall. Doch als er dem Fremden erneut begegnet, lässt er nicht locker. Peter Chesterton zeigt ihm schließlich eine völlig neue Welt, in der die Verstorbenen als Geister weiterleben. Doch dies gelingt ihnen nur so lange, wie sich in der Menschenwelt jemand an sie erinnert. Und hier kommt Chesterton ins Spiel: Er trägt die Geschichten der Geister weiter und lässt sie Menschen erinnern, was in der Vergangenheit liegt.

Für mich ist „Mitternacht“ noch mit eins der schlechtesten Marzi-Bücher, um das mal gleich vorneweg zu sagen. Dabei bin ich glühende Verehrerin dieses talentierten Autors. Oftmals sprühen seine Romane vor originellen Ideen gepaart mit einem wiedererkennbaren Schreibstil. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Carola Rackete: Handeln statt Hoffen: Aufruf an die letzte Generation

Wer kann sich nicht an die Bilder in den Nachrichten erinnern, die Bilder der jungen Kapitänin, die sich dem damaligen italienischen Innenminister entgegenstellte und mit ihrem Rettungsschiff im Hafen von Lampedusa anlegte, um die aus Seenot geretteten Flüchtlinge in einen sicheren Hafen zu bringen. Wer kann ernsthaft all die Bilder von kranken, verletzten, verstörten und geschundenen Menschen vergessen, die auf seeuntüchtigen Schlauchbooten über das Mittelmeer flüchten, vor Armut, vor Hunger, Missbrauch und Versklavung.

In diesem Buch erzählt Carola Rackete die Geschichte dieser Rettung aus ihrer Sicht und sie erzählt, warum Menschen unter Lebensgefahr über das Meer flüchten. Und sie erklärt, was wir alle tun können, tun müssen, um die Welt so zu verändern, dass niemand mehr solch eine Flucht wagen muss.

Carola Rackete, geboren 1988, hat Nautik und Naturschutzmanagement studiert. Sie ist auf Forschungsschiffen in der Arktis und in der Antarktis gefahren, sie hat an zahlreichen Naturschutzprojekten auf allen Kontinenten mitgearbeitet. Und sie arbeitet in ihrer Freizeit in der zivilen Seenotrettung. Rackete gehört der Bewegung Extinction Rebellion an, die gegen die Klimakrise kämpft. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Fuminori Nakamura: Der Revolver

Auf nur 180 Seiten entwirft der japanische Autor Nakamura eine faszinierende Obsession und wagt sich tief in die Abgründe der menschlichen Seele hinein. Der Student Nishikawa führt ein unauffälliges, nahezu langweiliges Leben. Seine Wohnung ist gerade einmal sechs Tatamimatten groß, er ist eher introvertiert, vertreibt sich die Zeit mit seinem Freund Keisuke und ein paar wenigen, kurzlebigen Liebschaften. Doch etwas treibt Nishikawa um. So läuft er öfters bei Wind und Wetter planlos durch die Nacht, bis seine Füße schmerzen. Warum, vermag er selbst nicht zu sagen. Auf einem dieser nächtlichen Streifzüge macht er völlig durchnässt Halt unter eine Brücke. Dort findet er die Leiche eines Mannes, der augenscheinlich Selbstmord begangen hat. Neben ihm befindet sich der dazugehörige Revolver, ein Colt. Bei seinem Anblick ist es um Nishikawa geschehen: Es ist sozusagen „Liebe auf den ersten Blick“. Der Student nimmt die Waffe an sich. Danach ist nichts mehr so, wie es war…

Nishikawa wird selbstbewusster, offener, lässt sich auf Affären und Abenteuer ein. Der Revolver scheint ihm eine neue Art von Rückhalt zu verleihen. Er kann sich nicht am silbrigen Glanz der Waffe sattsehen, erfreut sich an der „radikalen Einfachheit und Eindeutigkeit des Gegenstandes“. Stundenlang poliert Nishikawa den Colt, trägt ihn bald auch außerhalb seiner Wohnung mit sich herum, wo er ihn ständig in seiner Jackentasche befühlt. Wohl wissend, dass er ihn jederzeit ziehen und überraschende Situationen provozieren könnte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

António Lobo Antunes: Für jene, die im Dunkeln sitzt und auf mich wartet

Immer noch wartet eine betagte Theaterschauspielerin auf einen Anruf für ein Rollenangebot. Immer noch träumt sie davon, vielleicht Karriere machen zu können. Ihr Leben und Traum war stets gewesen, in unterschiedlichste Identitäten schlüpfen zu können. Jetzt ist sie an Demenz erkrankt, wird sich täglich selbst fremder und weiß manchmal nicht mehr, wer sie eigentlich ist. Realität, Gedanken, Erinnerungen, Verwirrungen vermischen sich. Viele durcheinandergewürfelte Fragmente zeigen auf, wer diese Frau ist und war. So konfus wie sie sich selbst und ihr beeinträchtigtes Dasein wahrnimmt, lernt man ihr Umfeld, ihre Kindheit, ihre Vergangenheit als Theaterschauspielerin und ihre Eltern samt deren Leben nach und nach kennen. Diese Gedanken hüpfen vor und zurück. Von einer Sekunde auf die andere sieht sie sich wieder als Kind im Arm des Vaters, hat das Bild der Mutter vor Augen, die Maschen ihrer Häkelarbeit zählt oder versucht sich an die Monatsnamen zu erinnern. Das Abbild eines Windhunds auf der Küchenschürze gewinnt an Bedeutung für sie. Sie hört diesen Hund gar bellen und sucht ständig in der Wohnung nach ihm. Dabei schläft sie auch schon mal zwischen den Konservendosen in einer Kiste, als sie nicht mehr in ihr Schlafzimmer zurückfindet. Worte verschwinden in ihren Gedanken wie manche Menschen. Zeitebenen verschwimmen ineinander. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Anthony Ryan: Draconis Memoria 03: Das Imperium der Asche

Zum dritten und letzten Mal entführt uns Anthony Ryan nach Mandinorien, einem Reich, das von einem ebenso korrupten, wie allgewaltigen Handels-Syndikat geführt wurde, und das sich auf einen Rohstoff stürzte, den nur und ausschließlich Drachen lieferten – Drachenblut nämlich. Blaue, rote, grüne und schwarze Drachen wurden gnadenlos und effektiv gejagt, um an ihren Lebenssaft zu gelangen, die Drachenjagd und -zucht war ein mehr als lukratives Geschäft. Ein Blutgesegneter, nur einer unter Tausend Menschen, kann durch Einnahme eine der vier Varianten des Produkts, wie das Blut als rare Handelsware genannt wird (blau, rot, schwarz und grün) seine Fähigkeiten weit über das normale Maß heraus steigern. Blau ermöglicht die telepathische Kommunikation, Rot die Freisetzung von Energie auch mittels Maschinen, Schwarz steigert die Konstitution und persönlichen Kräfte und grün verleiht dem Blutgesegneten Konzentration und an Magie grenzende Heilfähigkeiten.

Dumm, dass der legendäre weiße Drache weder ein Mythos war, noch dem Geschehen weiter tatenlos zusehen mochte. Mit einer Armee von Verderbten – Menschen, die mittels der Drachenmagie in willige Helfer der Lindwürmer verwandelt und kräftemäßig aufgewertet wurden – machte dieser sich auf, die Imperien der Menschen zu erobern und zu vernichten. Ganze Drachenhorden brachen von Norden kommend über die Reiche der Menschen herein. Die Chancen der Menschen den Rachefeldzug der Drachen zu überleben tendieren gegen Null. Einzig die Relikte des Tüftlers, eines genialen Erfinders, und der Überbleibsel einer vergessenen Hochkultur, der es vor Urzeiten bereits einmal gelang, den Weißen zu besiegen, bleiben als mehr als spärliche Hoffnung. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Tina Ger: Das Angeln von Piranhas

Tina Ger (Jahrgang 1976) ist freie Autorin. Ihr Roman „Das Angeln von Piranhas“ landete 2018 auf der Longlist des Blogbuster-Preises der Frankfurter Buchmesse. Der Berliner fineBooks Verlag von Alexander Broicher hat das Buch am 6. September 2019 herausgegeben.

Darin lebt der 37jährige Komponist Luca Till mit seiner Frau Johanna und seinen beiden Kindern Katinka und Aljosha in Berlin. Luca ist unzufrieden mit seinem Leben, mit dem Alltagstrott, mit seinem Beruf. Er langweilt sich mit Johanna und den Kindern. Dann lernt er die Brasilianerin Yara in seinem Stammcafé kennen. Sie arbeitet dort als Kellnerin. Luca flirtet mit ihr, doch zunächst weist sie ihn ab. Irgendwann verbringen sie dann doch eine Nacht in einem Hotel miteinander. Als er nach Hause kommt, erfährt er, dass zwei Nachbarskinder umgekommen sind. Man fand sie tot in der Kirche der Gemeinde „United for God“. Auch Lucas Kinder besuchen dort eine Spielgruppe. Doch Luca kann nur noch an Yara denken. Er versucht, sie wieder zu finden. Aber offenbar ist sie zurück nach Brasilien gereist. Von Johanna erfährt Luca, dass Yara ebenfalls Mitglied von „United for God“ ist. Luca muss Yara finden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ulf Schiewe: Der Attentäter

Juni 1914: Eine verhängnisvolle Woche, in der die Geschicke der Welt neu sortiert werden. Der habsburgische Thronfolger kommt zu einer Parade durch die Straßen nach Sarajevo. Doch nicht alle sind ihm wohlgesinnt und eine große Gefahr lauert in den Straßen. Gavrilo Princip, ein junger bosnisch-serbischer Mann, wird seit Wochen für diesen einen Tag ausgebildet. Er und seine Freunde haben nichts zu verlieren und sind bereit, alles zu tun. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Ulf Schiewe hat sich einen Namen gemacht mit historischen Romanen, die perfekt recherchiert sind, Wissen vermitteln und gleichfalls unterhalten. Diese Mischung ist ihm auch bei „Der Attentäter“ gelungen. Man entwickelt schon nach wenigen Seiten ein Gefühl für die besondere Stimmung, die im Jahr 1914 in den beschriebenen Gebieten herrschte. Die Lage war sehr angespannt, der Geheimbund „Schwarze Hand“ plante bereits ein Attentat. Schiewe macht in seinen Kapiteln klar, dass dies den Geheimorganisationen der Gegenseite keinesfalls verborgen geblieben war und man sehr wohl wusste, dass bald etwas passieren konnte. Doch wann und wo, da waren sich die Beteiligten nicht komplett einig. Eine gute Ausgangslage für einen spannenden Roman, zu denen „Der Attentäter“ auf jeden Fall gezählt werden kann. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Lena Greiner & Carola Padtberg: Das große Buch über Helikopter-Eltern

Das vorliegende Buch ist ein Doppelband aus „Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag“ und „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen!“, beide verfasst von Lena Greiner und Carola Padtberg, die jeweils Redakteurinnen beim Spiegel Online sind. Im Buch greifen sie Anekdoten aus dem Alltag von Lehrern, Ärzten, Hebammen und weiteren Professionen auf, die allesamt viel mit Eltern und ihren Kindern zu tun haben. Diese Menschen kommen im Buch immer wieder kurz zu Wort, sind meist Aufhänger für witzige Situationen. Die Kapitel sind recht kurz gehalten, so dass die beiden Bände gut sind für Zugfahrten, Mittagspausen und alles Zwischendurch. Das entspricht auch dem Schreibstil: Er ist kurzweilig, manchmal amüsant und leichtgängig.

Natürlich dürfen in seinem solchen Buch Klischees nicht fehlen. Und ja, sie werden hier reihenweise bedient, meist auf Kosten anderer. Aber die Autorinnen räumen gleich zu Beginn ein, dass es nicht darum geht, jemanden zu beleidigen oder eine Situation, die man nur allzu gut aus dem eigenen Leben kennt, zu persönlich zu nehmen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Bruno Schrep: Nachts ist jeder ein Feind: Wahre Geschichten

Schon die erste Geschichte geht mir an die Nieren und macht mich gleichzeitig wütend. Sie handelt von Alexandru Nicolae Talianu, einem Obdachlosen aus Rumänien, der mit 32 Jahren in Hamburg gestorben ist. Warum, frage ich mich, gelingt es in unserem wohlhabenden Land nicht, allen Menschen eine Chance zu geben?

Talianu war kein Engel. Eine Jugend auf den Straßen von Bukarest, Drogen, Alkohol, Kriminalität. Aber er hatte einen Traum von der Zukunft, den er in Deutschland verfolgen wollte und an dem er gnadenlos scheiterte. Und daran war nicht nur er selbst schuld.

Was mich an den Geschichten von Bruno Schrep fasziniert hat, ist ihre Mehrdimensionalität und Vielschichtigkeit. Der Spiegel-Reporter und Autor blickt aus unterschiedlichen Perspektiven auf die „Fälle“, über die er berichtet. Nicht schwarz und weiß oder gut und böse, ohne Voyeurismus, sondern differenziert und konzentriert auf wenigen Seiten. Immer bleibt der Raum für die Leserinnen und Leser, zu überlegen: Wie sehe ich die Sache? Wie hätte ich reagiert?

Manchmal spürt man Sympathie des Autors für die eine oder andere Seite, aber immer bleibt er sachlich und löst gerade dadurch Gefühle in mir aus – allerdings nur selten positive.

Seine wahren Geschichten rütteln auf, wecken ab und an auch Verständnis für die Beteiligten. Ich habe mich nicht nur einmal gefragt: Wie kann so etwas passieren? Was ist hier schiefgelaufen? Aber auch bemerkt: So habe ich das noch nie gesehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sally Green: Kingdoms of Smoke 01: Die Verschwörung von Brigant

Bekannt ist Sally Green manchen deutschen Lesern und Leserinnen von ihrer „Half Bad“-Serie, von der leider nur ein Teil auf Deutsch veröffentlicht wurde. In der neuen Serie wird man in ein fiktives Land geführt, in dem vor allem drei Landschaftsebenen im ständigen Streit miteinander stehen: Calidor, Brigant und Pitoria. Einige Stämme, wie die Abask, sind ihnen fast gänzlich zum Opfer gefallen. Zwischen Brigant und Pitoria soll nun Frieden geschlossen werden und die fast 17-jährige Catherine sieht sich gezwungen, einen pitorianischen Prinzen zu heiraten, den sie nie zuvor gesehen hat. Doch die Allianz bietet der jungen Frau auch Vorteile, denn in Pitoria gelten weitaus lockerere Regeln für Frauen als in ihrer Heimat.

Insgesamt umfasst die Handlung von „Die Verschwörung von Brigant“ das Erlebte von fünf Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist, wie schon erwähnt, Catherine, die Prinzessin von Brigant. Dann gibt es noch ihren Leibwächter Ambrose, der heimlich Gefühle für die Prinzessin hegt. In Pitoria werden die Dämonenjägerin Tash, der uneheliche Sohn des Königs von Calidor, Edyon und March, ein Abask, der ebendiese jungen Mann sucht, begleitet. Durch ist die Handlung sehr abwechslungsreich. Aber nicht alle Figuren wirken gleichsam interessant und gut beschrieben. Vor allem Catherine hat mich direkt genervt. Sie ist, obwohl sie sie behauptet das Gegenteil zu sein, sehr blauäugig und naiv. Ihre Kapitel erinnern stellenweise an einen Drei-Groschen-Roman. Auch Edyon ereilt dieses Schicksal sehr bald. Als dann Ambrose auch noch mehr hormongesteuert als kampfeslustig erschien, war es mir fast zu viel. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: