John Burnside: Über Liebe und Magie – I Put a Spell on You

Es ist ein sehr persönliches Bekenntnis, was John Burnside über Liebe und Magie schreibt, und wenn ein Autor in einer solch schonungslos offenen und ehrlichen Weise seine Seele öffnet, ist das, was für ihn selbst eine Form von Aufarbeitung und letztlich Therapie darstellt, für LeserInnen ein absoluter Glücksfall.

Burnside beleuchtet die Liebe in allen Facetten von beglückend bis zerstörend und stellt sich dem zuvor Unergründlichen. Der Text zeigt wunderbar plastisch seine Kindheit mit den ärmlichen Familienverhältnissen in einer schottischen Bergarbeiterstadt auf. – Alles in allem keine optimalen Voraussetzungen für einen positiven Lebensablauf. Auf seinen alkoholsüchtigen, gewalttätigen Vater, einen Gelegenheitsarbeiter, entwickelt er einen Hass. Doch die Mutter beweist Stärke. Sie meistert den nahezu unerträglichen Alltag und kann Vieles ausgleichen. Sie bringt dem Sohn mit ausgeliehenen Zeitschriften das Lesen bei und weitere Fähigkeiten, wie später das Backen. Bei seiner Cousine, in die er sich zum ersten Mal unglücklich verliebt, hört er den Song I put a spell on you, was den Nerv seiner Empfindungen trifft und ihn darin gefangen hält. Überhaupt ist Musik ein Signalgeber für seine Empathie. Erinnerungen an viele Songs und Fenster in die damit verbundene Vergangenheit tun sich auf, so zum Beispiel auch das Bild von der Mutter in der Küche, die beim Lauschen von Musik ebenso wie er in eine andere Welt einzutauchen schien. Weiterlesen

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Pamela Redmond Satran: Younger – Tausche Alter gegen Liebe

Alice ist 43 Jahre alt und steht vor den Scherben ihrer Ehe. Ihr Zahnarzt-Ehemann ist mit seiner Dentalhygienikerin durchgebrannt, ihre Tochter macht einen Freiwilligendienst auf einem anderen Kontinent und Alice bleibt nur das Haus. Nachdem sie sich fast ein Jahr lang bemitleidet hat, geht sie nach einem Umstyling mit ihrer lesbischen Freundin Maggie an Silvester feiern. In einer Bar lernt sie Josh kennen, der wohl irgendwas Mitte 20 ist und verdammt gut aussieht. Kurz nach dem Jahreswechsel kommt es zwischen den beiden zu einem Kuss, danach sehen sie sich erstmal nicht wieder. Doch Alice hat gemerkt, dass sie mit ein paar Tricks als viel jünger durchgeht. Vielleicht würde sie endlich wieder einen Job finden, wenn sie behauptet, erst Ende 20 zu sein?

Pamela Redmond Satran entwirft eine sympathische, teils lustige Geschichte über eine Mittvierzigerin, die plötzlich die Chance erhält, ihre Jugend nachzuholen. Nur wenige Monate nach ihrem Start ins Berufsleben vor 20 Jahren wurde Alice schwanger. Ihre Tochter und darauffolgende Versuche, weitere Kinder zu bekommen, hielten sie seitdem von der Arbeit ab. Und so ist mit 43 Jahren nicht nur ihre Ehe kaputt, sie weist auch keinerlei berufliche Erfahrung auf. Natürlich ist auch ein Liebesleben nicht existent, denn Alice war – im Gegensatz zu Nicht-mehr-Ehemann Gary – immer treu. Es macht Spaß, dem Verlauf der Geschichte zu folgen, hier und da zu lachen, immer wieder ins Schmunzeln zu kommen. Denn es klappt: Alice wird für deutlich jünger gehalten, findet endlich ihren Traumjob, hat eine blutjunge Freundin und bekommt dann auch noch Josh … doch was, wenn alles ernster wird als gedacht? Weiterlesen

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Andreas Brandhorst: Das Netz der Sterne

Die Welt in einer fernen Zukunft. Die Menschheit hat sich, auch Dank der Erfindung des überlichtschnellen Reisens durch den Interkosmika Konzern in der Galaxis ausgebreitet. Auf anderes, intelligentes Leben ist man dabei nicht gestoßen, demokratische Regierungsformen wurden schon früh abgeschafft. Es regiert der schnöde Mammon in Gestalt von Interkosmika.

Die Velazcas gehörten einst zu den großen bedeutenden und einflussreichen Familien auf Rosengarten im Joumis-System. Inzwischen aber stehen sie mit 37 Millionen Debitpunkten bei Interkosmika in der Kreide. Anita Velazcas wollte durch einen jahrzehntelangen Dienst die Schulden tilgen, allein, sie hat ihren Dienstbereich unerlaubt verlassen und ist abtrünnig geworden. Interkosmika nimmt deshalb ihre Schwester Tess, die sich just zur Musikakademie auf Harmonie Ophiuchus aufmachen wollte um dort Gesang zu studieren, in Haftung. Statt der eigentlich 20 Dienstjahre reduziert Tess, die von ihrem Verlobten Sinclair begleitet wird, die Dienstzeit auf 5 Jahre indem sie sich bereit erklärt, als Kartographin neue Routen durch den Hyperraum zu erkunden – eine Tätigkeit, von der die meisten Kartographen nicht lebend zurückkommen.

Es kommt, wie es kommen muss – Tess und ihre beiden Begleiter havarieren abseits ihrer vorgesehenen Route und machen unliebsame, ja desaströse Bekanntschaft mit einem früheren Erdenraumschiff, das mit seiner einst tiefgefrorene Fracht weit vom Kurs abgekommen ist – und sie finden auf dem Planeten ein fremdes Raumschiff. Dass Tess eine besondere Verbindung zu dem Alien-Schiff hat, offenbart sich bald. Weiterlesen

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Andrea Camilleri: Brief an Matilda: Ein italienisches Leben

Der in diesem Sommer mit 93 Jahren verstorbene italienische Schriftsteller und Theaterregisseur Andrea Camilleri gewährt uns mit seinem „Brief an Matilda“ einen Einblick in sein „italienisches Leben“ wie es im Untertitel heißt. Das Buch ist in einer Übersetzung von Annette Kopetzki am 19. November 2019 im Kindler Verlag erschienen.

Matilda ist Camilleris Urenkelin und vier Jahre alt, als Camilleri kurz vor seinem 92. Geburtstag beschließt, ihr einen Brief zu schreiben, der sie als Erwachsene an ihren Urgroßvater und sein Leben erinnern soll.

Darin berichtet er ihr von seinem Aufwachsen in Porto Empedocle auf Sizilien, der Herrschaft von Benito Mussolini und seiner ersten Begeisterung für den Faschismus. Mit fünf Jahren lernt Camilleri lesen und hört nie wieder damit auf. Camilleri wendet sich früh wieder ab vom Faschismus, wie auch vom katholischen Glauben. In der Schule ist er ein mittelmäßiger, unangepasster Schüler. Er beginnt, Texte zu schreiben. 1947 verlässt Camilleri Sizilien in Richtung Florenz, später geht er nach Rom. Zunächst arbeitet er als Journalist und wird Mitglied der kommunistischen Partei.

Er sagt über sich: „Im Herzen bin ich immer Kommunist geblieben, natürlich auf meine Weise, liebe Matilda, denn über die Schäden und Gräuel, die der Stalinismus angerichtet hat, konnte ich nicht hinwegsehen.“ (S. 54)

In Rom lernt er Rosetta Dello Siesto kennen und heiratet sie. Sie bekommen drei Töchter. Weiterlesen

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Karin Nohr: Stummer Wechsel

Melissa Dreyer, geschiedene Mutter eines erwachsenen Sohnes, hat einen Doktortitel, ist Rektorin an einem Gymnasium und denkt gewöhnlich mehr an andere als an sich selbst. Sie ist gebildet, klug und ehrgeizig. Oft wirkt sie unnahbar und auf manche sogar einschüchternd, aber ihr Mut und ihr Einsatz sind fast schon sprichwörtlich. Ein wahres Vorbild. Die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Mitglieder des Lehrerkollegiums nennen sie respektvoll MD.

Doch Melissa hat eine große Schwäche: Herbert Michaelis, den Dirigenten des Chors, in dem sie im Sopran singt. Auch dort ist sie eine Instanz, auf die man kaum verzichten kann. Herbert braucht sie für die hohen Töne und um die Register der Orgel zu ziehen, wenn er in der Kirche übt. Melissa schwärmt für ihn wie ein Schulmädchen. Im Kirchenvorstand setzt sie nahezu all seine Ideen durch und wenn er ruft, dann kommt sie. Auch wenn sie rund zehn Jahre älter ist als er, hofft sie, seine Liebe gewinnen zu können. Sie spürt diese besondere Verbindung, die zwischen ihnen herrscht.

Bis Marie Baumgarten in den Chor und in Herberts Leben eintritt. Melissa verlässt nach der Probe fluchtartig den Saal und kehrt nicht zurück. Als sie zusammenbricht ist ihre Sekretärin Anja Miljes ihre einzige Stütze. Weiterlesen

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Elizabeth Harrower: Die Träume der anderen (1966)

Der plötzliche Tod des Vaters verändert das Leben der Schwestern Laura und Clare. Auf Wunsch der Mutter verlassen sie das Internat und müssen damit auf eine fundierte Schulbildung verzichten. Um weitere Kosten zu sparen, verkauft die Mutter auch das Haus in Sydney und mietet ein möbliertes Apartment in dem unbedeutenden Stadtteil Manly an.

„… Ab morgen früh, mein Fräulein, übernehmt ihr das alles, du und Clare.“ Stella Vaizey ließ sich in ihr Bett zurücksinken und streckte mit einer entspannten Geste eine kleine beringte und manikürte Hand von sich weg. … „Du bist in diesem Berufskolleg eingeschrieben, Clare ist in der Schule angemeldet, und … Ihr wisst, wo man einkaufen kann, …“ (S. 12/13)

Die sieben Jahre ältere Laura übernimmt die Rolle der Versorgenden. Dies macht sie so gut, dass die Mutter schon bald beschließt, allein in ihre alte Heimat zurückzuziehen. Die Mädchen werden schon klar kommen. Schließlich arbeitet Laura in dieser Kartonfabrik und ihr unverheirateter Chef, Felix Shaw, möchte vielleicht nicht mehr unverheiratet bleiben. Der Wunsch der Mutter wird erhört, und Felix gefällt die Aussicht, zwei junge Haushälterinnen in seinem Haus zu haben. Dabei spart er auch noch Lauras Sekretärinnengehalt ein.

Der Abschied der Mutter, die Hochzeit und der Einzug in Felix Villa finden zeitnah statt. Nach dieser perfekt abgestimmten Inszenierung lernen die Mädchen Felix wahres Gesicht kennen. Weiterlesen

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Oliver Sacks: Alles an seinem Platz: Erste Lieben und letzte Fälle

Oliver Sacks lehrte als Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Columbia University in New York. Als er im August 2015 im Alter von 82 Jahren verstarb, war er durch die Publikationen seiner Fallgeschichten längst international bekannt. Seine engsten Mitarbeiter haben in Alles an seinem Platz nochmals Aufzeichnungen des außergewöhnlich befähigten Neurowissenschaftlers und Schriftstellers zusammengefasst, die Hainer Kober ins Deutsche übersetzt hat.

Dieses Buch gewährt auf den ersten Seiten Einblicke in das private Leben von Oliver Sacks. Man erfährt Näheres über Sacks‘ Kindheit und Jugend, seine frühe Begeisterung für Bücher, Bibliotheken, Museen und für wissenschaftliche Zusammenhänge. Weiter liest man von seinem Denken und Wirken, seinen Lektüren und Reisen und natürlich über seine Patienten.

Oliver Sacks war nicht nur vielseitig begabt und interessiert,  auch privat gestaltete er sein Leben alles andere als gewöhnlich. Dies erschließt sich den LeserInnen in verschiedenen Episoden. Unter anderem beschreibt der passionierte Schwimmer Sacks, wie er in New York am Orchard Beach der Bronx manchmal für mehrere Stunden im Wasser schwamm, um City Island zu umrunden. Dabei fand er auch das Haus, in dem er zwanzig Jahre lang gelebt hatte. Den Kontakt zum Makler hatte er zu jener Zeit nur mit seiner Badehose bekleidet aufgenommen. Weiterlesen

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Mike Brooks: Keiko 02: Dark Sky

Captain Drift und die Crew der Keiko hat sich etwas Erholung und Vergnügen verdient. Auf einem der berühmtesten Kasinoplaneten der Galaxis lässt es sich mega-gut relaxen – bis Drift einmal mehr ein Angebot bekommt. Der Mann, der an der Spitze des Planeten steht bietet ihm und seine Crew seine Freundschaft und Hilfe an. Dafür müssen sie nur kurz zu einem Bergbauplaneten mit einem Minenkomplex der Red-Star Föderation fliegen und dort vom Geheimagenten des Oligarchen eine vertrauliche Information abholen.

Eigentlich ein wirklich einfacher Auftrag, sollte man meinen. Wenn, ja wenn da nicht ein Planetensturm der Extraklasse, ein Bürgerkrieg und ein alter Rivale Drifts darauf warten würden, der Keiko-Crew einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und plötzlich finden sich die Raumfahrer auf verfeindete Seiten im Konflikt wider. Sie alle wollen nur dafür sorgen, heil wieder vom Planeten runterzukommen, doch vorher müssen sie die Revolution überstehen …

Wie schon im Auftakt des Zweiteilers besticht der Plot erneut durch jede Menge unerwarteter Wendungen, aberwitzigen Figuren und munteren Dialogen. Dabei will der Autor vor allem Eines – seine Leser spannend unterhalten. Weiterlesen

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Mike Brooks: Keiko 01: Dark Run

Tja, es ist schon eine Krux. Da hat man sich als ehrbarer Raumpirat in Diensten des Europäischen Commonwealth einen Leumund erarbeitet, dann lässt der Führungsminister mir nichts, dir nichts ein paar Millionen verschwinden, wir vom Haus und Hof gejagt, und man selbst ist seinen Job gleich mit los. Also flugs die Identität gewechselt, von den einstigen Prisen ein Transport-Raumschiff gekauft und fürderhin einen auf ehrlich machen. Transportunternehmer statt Pirat, nun, so ganz funktioniert das für Ichabod Drift, der Kapitän der Keiko nicht, so dass er und seine bunt zusammengewürfelte Crew sich mehr und mehr auf Dark Runs, deutlicher gesagt, Schmuggel verlegen.

Dann bekommt Drift ein Angebot, das er nicht ablehnen kann – Zweihunderttausend, damit könnte man sich zur Ruhe setzen, alle Schulden bezahlen und die Keiko generalüberholen. Da können die Alarmsirenen noch so losheulen, zumal ausgerechnet der geschasste Minister hinter dem Angebot steht, das Geld winkt und scheint leicht verdient zu sein. Zumal Drift auch noch, quasi als zusätzliche Motivation, erpresst wird. Nimmt er den Auftrag vier Paletten auf die Erde, genauer nach Amsterdam zu bringen nicht an, lüftet der Ex-Minister das Geheimnis um Drifts unrühmliche Vergangenheit.

Es kommt, wie es kommen muss. Die Fracht entpuppt sich mehr als gefährlich, die Sicherheitsorgane der ganzen Erde machen Jagd auf die Keiko. Drift ist angepisst – und weiss eines – und wenn es auch das Letzte ist, was er macht, er wird den Auftraggeber zur Rechenschaft ziehen, koste es, was es wolle . Weiterlesen

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Lara Prescott: Alles, was wir sind

In ihrem Debütroman widmet sich die US-amerikanische Autorin Lara Prescott, geboren 1981, einer literarischen Legende: dem Roman „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak (1956). Legende einerseits, weil das Buch in der damaligen Sowjetunion lange verboten war – und es andererseits die USA als Propagandamittel im Kalten Krieg einsetzte.

Folgerichtig gibt auch Lara Prescott ihrem Roman zwei Erzählstränge: „Osten“ und „Westen“. In beiden stehen Frauen im Mittelpunkt. Im Osten ist es Olga Iwinskaja, die als Muse des späteren Literaturnobelpreisträgers gilt und der er angeblich die Figur der Lara in seinem weltberühmten Roman nachempfunden hat. Im Westen sind es zwei Geheimagentinnen, die maßgeblich daran beteiligt sind, das Buch in die Sowjetunion zu schmuggeln.

Die Ost-Kapitel sind stärker, weil sie dramatischer sind: Olga muss als Komplizin des – in den Augen der Sowjetmacht – staatsfeindlichen Autors zweimal in alptraumhafte Straflager. Deutlich wird in diesen Textpassagen auch, wie egoistisch Pasternak handelt, als er der Veröffentlichung seines Romans zunächst in Italien zustimmt, obwohl er wissen muss, dass er Olga damit weiter schadet. Zudem trennt er sich nie von seiner Frau Sinaida, um ganz mit Olga zusammenzuleben. Weiterlesen

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