Harry Bingham: Fiona: Das Leben und Sterben

In Harry Binghams zweiten Kriminalroman werden Fiona und ihr Kollege zu einer angeblich illegalen Müllbeseitigung gerufen. Möbelpacker schicken sie in die Garage zu einer alten Gefriertruhe, in der unter anderem das beschuhte Bein einer Frau liegt. Für die Waliser Polizei beginnt mit diesem Fundstück eine extrem aufwändige Ermittlungsarbeit, die täglich nur Fragen aber keine Antworten bringt. Auch die Suchaktion nach dem restlichen Körper in der Umgebung sorgt für mehr Verwirrung, denn schon bald werden weitere Leichenteile, auch die eines vor kurzem ermordeten Mannes, entdeckt. Stetig und mit jedem neuen Fundort vergrößert sich die Zahl der Verdächtigen auf fast dreihundert Personen, ohne dass eine konkrete Spur für Klärung sorgt.

Unter der allseits gefürchteten Leitung von DI Watkins macht Fiona das, was sie am besten kann. Sie ordnet sich scheinbar unter und ermittelt privat in andere Richtungen. Fionas Alleingänge fallen trotzdem auf. In der Regel würde die als sehr streng bekannte Watkins die junge Ermittlerin mit Disziplinarstrafen überhäufen, aber weil Fiona als einzige neue Motive und Anhaltspunkte offenlegt, entsteht zwischen den beiden eine heimliche Übereinkunft für Fionas Alleingänge. Auf der Suche nach weiteren Verbindungen kreuzen Auftragskiller Fionas Weg, die sehr kreativ und ohne Spuren zu hinterlassen, ihre Aufträge erledigen. Schnell wird Fiona schnell klar, dass mindestens zwei Personen die Polizei mit Finten und falschen Spuren in die Irre führt.

Es gibt Kriminalromane, die leben von einer besonderen Geschichte oder besonders brutalen Morden. Die meisten Krimis funktionieren nach dem üblichen Muster mit dem üblichen finalen Kampf zwischen Gut und Böse. Die Bücher von Harry Bingham funktionieren zum Glück eines jeden Lesers anders. Denn sie haben die unverwechselbare Stimme der psychisch erkrankten Ermittlerin Fiona Griffith, die sich selbst als völlig durchgeknallt bezeichnet. Die Ich-Erzählerin will Gerechtigkeit für die Opfer herstellen. Hierfür gibt sie alles, hält sich an keine Regeln und stellt den findigen Mördern Fallen. Fiona, die intelligente Jägerin, hat eine Mission, die dem Leser nur gefallen kann. Verbrecher gehören ins Gefängnis, natürlich auch die reichen, mächtigen Hintermänner. Bei diesen dubiosen Herrschaften scheint sich die Ermittlung romanübergreifend zu entwickeln. Denn in jedem Band tauchen kleine Verweise auf, die sich so nach und nach zu einem Bild verdichten. Selbstverständlich werden Neueinsteiger ausreichend informiert, um ungestört die Lektüre zu genießen. In seinem Nachwort schreibt Harry Bingham, Fiona hätte für die ungleichen Machtverhältnisse eine klare Meinung: »… Die Arschlöcher gewinnen, und das mit Hilfe unserer Steuergelder.« (S. 541) Dass dies nicht von Dauer sein kann, darf man Fiona getrost unterstellen. Sie braucht ihre Zeit und ihre eigensinnigen Wege für gerechte Strafen. Binghams Fiona kann lesesüchtig machen.

Harry Bingham: Fiona: Das Leben und Sterben.
rororo, Juni 2018.
560 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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