Heike Leitschuh: Ich zuerst!: Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip.

Heike Leitschuh hat Politikwissenschaften studiert und ist selbständige Journalistin, Autorin, Moderatorin und Beraterin. Sie ist Autorin und Mitherausgeberin mehrerer Bücher und beschäftigt sich nun in ihrem neuesten Werk mit einer sehr interessanten Frage: Welche Rolle spielt das Ego in unserer Gesellschaft?

Die Autorin findet darauf eine sehr klare Antwort, die sich bereits im Titel des Buches ‚Ich zuerst!‘ widerspiegelt. Sie zeigt anhand vieler eigener Erlebnisse und zahlreicher weiterer Beispiele, wie sehr das ‚Ich‘ in unserer Gesellschaft das ‚Wir‘ verdrängt hat.

Da wäre beispielsweise das Problem, dass bei Unfällen die Bildung einer Rettungsgasse für Einsatzfahrzeuge für viele Menschen ein Problem zu sein scheint. Leitschuh schildert einen Unfall im Mai 2017, bei dem die Rettungskräfte sich schließlich zu Fuß zur Unfallstelle durcharbeiten mussten.

Oder das Filmen mit dem Handy: immer wieder ist es Menschen wichtiger, an einer Unfallstelle zu filmen, statt zu helfen. Oft genug behindern sie dabei noch die Rettungsarbeiten. In diesem Zusammenhang ist auch die Gewalt gegen Rettungskräfte erwähnenswert, die ebenfalls um sich greift und zu einem Problem geworden ist. Weiterlesen

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Nelly Kostadinova: Ein Koffer voller Wollen

Als Nelly Kostadinova 1990 aus Bulgarien nach Deutschland kam, war sie 33 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern und in ihrem Heimatland eine gestandene, preisgekrönte Journalistin. Mit wenig Geld und einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung begann sie Deutsch zu lernen und schrieb zunächst weiterhin Artikel für verschiedene Zeitungen. Bis sie eines Tages an der Uni eine Anzeige las: „Studenten aus Osteuropa als Dolmetscher für ausländische Flüchtlinge gegen geringe Bezahlung gesucht …“

Mit diesem Aushang begann ihr Leben als Dolmetscherin, Übersetzerin und nur wenige Jahre später als Firmengründerin. In der Zwischenzeit hat ihr Unternehmen Lingua-World zahlreiche Filialen im In- und Ausland. Nelly Kostadinova ist zum „Global Player“ geworden. Wie es ihr gelungen ist, ausgehend von ihrem ersten Büro im Ausstellungsraum eines Lampenladens in Köln ein dichtes Netz an Niederlassungen in Deutschland zu gründen und auch nach Johannesburg und Kigali zu expandieren, erzählt sie in diesem Buch eindrucksvoll, unterhaltsam und mit viel Schwung.

Sie berichtet von einfallsreichen Werbekampagnen beim Kölner Karneval und viralem Marketing wider Willen, von einem Dämpfer bei der IHK und Ausflügen in die Tagungsorganisation, von ihrem Büro auf Zuwachs und der Suche nach Fachkräften in Südafrika. Weiterlesen

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Clemantine Wamariya: Das Mädchen, das Perlen lächelte

Die Geschichte vom Mädchen, das Perlen lächelte, liebte Clemantine am meisten. Unzählige Male ließ sie sich die Geschichte von ihrem Kindermädchen Mukamana erzählen. Das Schönste daran war, dass Mukamana ihr immer nur die Figuren und die Grundvoraussetzungen vorstellte und Clemantine selbst weitererzählen ließ: „Was glaubst du, was dann passiert?“

Clemantine führt ein behütetes Leben im Wohlstand in Kigali, Ruanda. 1994 ändert sich alles. Ihre Welt schrumpft, erst darf sie nicht mehr in den Kindergarten, dann nicht mehr draußen spielen, später bleiben selbst die Vorhänge geschlossen. Immer öfter donnern Explosionen, Leute verschwinden. Sie wird zur Großmutter nach Butare geschickt, zusammen mit Claire, der neun Jahre älteren Schwester. Doch auch bei der Großmutter ist es nicht lange sicher, die Mädchen müssen weglaufen. Auf der Flucht vor dem Völkermord, der Hunderttausende das Leben kostet, können sie niemandem trauen. „Seltsam, wie man von einem Menschen, der von zu Hause weg ist, zu einem Menschen wird, der kein Zuhause mehr hat. […] Du bist überall und von allen Menschen unerwünscht. Du bist ein Flüchtling.“ (Zitat S. 42)

Clemantines Kindheit ist mit sechs Jahren zu Ende. Sie lebt mit Claire in Flüchtlingslagern unter katastrophalen Bedingungen, steht stundenlang nach Maisrationen an, tut alles, um sich sauber zu halten und ihre wenigen Besitztümer zu schützen. Weiterlesen

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A. Adamowitsch & D. Granin: Blockadebuch: Leningrad 1941 – 1944

Unter den zahllosen Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte findet sich allgemein viel Redundantes. Viele Themen wurden schon tausendfach beackert, und so finden sich oftmals nur kleine Ergänzungen, Mosaiksteinchen, die zwar interessant sind, den Blick auf die Vergangenheit jedoch kaum erweitern oder gar verändern. Im Falle des „Blockadebuchs Leningrad“ ist das anders.

Für die Deutschen ragt unter den großen und entscheidenden Schlachten des Zweiten Weltkriegs ohne Frage die um Stalingrad heraus, markiert sie doch die entscheidende Wende des Krieges, steht gleichsam für den Wahnsinn des Krieges und die deutsche Niederlage. Schon kurz nach der Schlacht wurden die Stalingradkämpfer mythologisch aufgeladen – die eingeschlossene 6. Armee, die schließlich in Gefangenschaft ging und von der so wenige zurück in die Heimat kehrten.

In der russischen Geschichte haben jedoch die Ereignisse rund um die Stadt Leningrad, früher und heute wieder St. Petersburg, eine wesentlich höhere Bedeutung.  872 Tage – das sollte man jetzt nicht zu schnell lesen – war die Stadt von deutschen Truppen eingeschlossen und sollte im wahrsten Wortsinne ausgehungert werden. Weiterlesen

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Nicholas Thomas (Hrsg.): Um die Welt mit James Cook

Was für ein wunderschönes, gewichtiges Buch – das waren die ersten Gedanken, die der Rezensentin durch den Kopf gingen. Einen großen und schweren Bildband haben die Wissenschaftliche Buchgesellschaft und der Theiss-Verlag da vorgelegt!

James Cook, der wohl größte Seefahrer und Nautiker aller Zeiten, ist eine Figur voller Mythen. Und doch war er in allererster Hinsicht ein pedantischer Perfektionist, der seine Aufträge und damit Expeditionen bis zuletzt korrekt erfüllen wollte. Und er war – anders als viele seiner britischen Zeitgenossen – durchaus nicht ein Mann des britischen Kolonialdenkens, sondern interessiert an den Kulturen, die er entdeckte.

Drei große Reisen hat dieser größte der Entdecker unternommen, alle drei füllen dieses wunderbare, große Buch:

Die erste Reise mit der fettbauchigen „Endeavour“, einem Kohlentransporter (1768-1771) mit einem Doppelauftrag – dem Vermessen des Durchgangs der Venus vor der Sonnenscheibe und dem Suchen nach dem geheimnisumwitterten Südkontinent „Terra Australis icognita“. Weiterlesen

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Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands

Alexander von Schönburg ist für mich ein Autor für das etwas andere Buch: Nachdem er in seinen bisherigen Werken unter anderem über die Kunst des stilvollen Verarmens nachgedacht oder sich mit dem Thema Smalltalk auseinandergesetzt hat, befasst er sich nun mit Tugenden. Das Wort klingt altbacken und wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Aber ist es das wirklich? Sind Tugenden wie Bescheidenheit, Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl oder Weltoffenheit nicht auch heute noch wichtig?

Um das zu hinterfragen, hat von Schönburg insgesamt 27 Tugenden herausgesucht, mit denen er sich in einzelnen Kapiteln befasst. Unterhaltsam und interessant schildert er, was aus seiner Sicht die jeweilige Tugend ausmacht. Dabei führt er viele Beispiele und Erfahrungen aus seinem eigenen Leben an. Und immer steht dahinter die Frage danach, welche Relevanz die jeweilige Tugend für unsere heutigen Gesellschaft und unser soziales Miteinander hat oder haben könnte.

Es geht auch um den Wandel, den unsere Gesellschaft im Laufe der Jahre durchlaufen hat. Viele früher übliche Verhaltensweisen haben im praktischen Zusammenleben heute keine oder nur noch eine geringe Bedeutung. Weiterlesen

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Walter Wüllenweber: Frohe Botschaft

Sensationelles Buch zur richtigen Zeit. Walter Wüllenweber gelingt mit diesem (Sach-)Buch ein Paradox zu beschreiben, weil es gleichzeitig warnt und entspannt.

Man sich endlich mal Zeit nehmen kann, sich zurückzulehnen, weil die Dinge tatsächlich mal so wie sie sind bewertet werden – in allen positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte  – und man wiederum im nächsten Moment aufschreckt, ob der unglaublichen Ungerechtigkeit in der Verteilung des Reichtums und der Ressourcen in dieser Welt! Dabei ist es immer wichtig, seine eigene Position zu orten, denn die Frage bleibt, wie und was hab ich damit zu tun und was geht überhaupt noch, wenn ich mich einmische? Es ist, so analysiert Wüllenweber richtig, so leicht, sich auf den „Es-geht-eh-alles-den Bach runter-Virus“ zu berufen und dann mit guten Freunden in ebensolchen Restaurants mit einem noch besseren Roten anzustoßen. Mich hat dieses Buch schwer beeindruckt, denn die gnadenlose Zusammenfassung der letzten Jahrzehnte, in denen es – auch mir – immer besser ging und die Verhältnisse (immer natürlich relativ und von statistischen Werten ausgehend ) wie, Z.B. „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ (erinnern wir uns an Willy Brandt Anfang der  70ger) tatsächlich besser wurden. Weiterlesen

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Kent Nerburn: Nicht Wolf nicht Hund. Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer

In diesem Buch wird unterhaltsam der authentische Versuch einer Annäherung an die indianische Kultur beschrieben.

Bereits 1994 wurde Nicht Wolf nicht Hund in den USA verlegt und avancierte dort zum Bestseller. In Großbritannien wurde das Buch  2017 neu herausgebracht. Hierzu hat Robert Plant, der Sänger von Led Zeppelin ein Vorwort verfasst.

Der Autor Kent Nerburn ist Ethnologe und Theologe. Nach einem Telefonanruf sucht er den alten Lakota-Indianer Dan auf Bitten von  dessen Tochter Wenonah in einem Reservat auf. Dan möchte, dass Kent Nerburn die Geschichte seines Volkes aus Sichtweise eines Indianers und nicht aus Sicht der Weißen für die Nachwelt aufzeigt und niederschreibt. Hierzu übergibt Dan an Kent Nerburn einen Schuhkarton mit Notizen, die er über lange Jahre angereichert hat. Alle Aufzeichnungen wie Briefe, Zeitungsausschnitte, Fotos oder schnelles Gekritzel auf Servietten, liegen wild durcheinander in dem Karton. Hieraus eine Story zu entwickeln erweist sich für Kent Nerburn als schwierig. Weiterlesen

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Jan Wiechert: Scheidung mit dem Beil

Der historische Kriminalfall um Maria Dorothea Huther ist ein Buch aus der Regionalgeschichtenreihe des Gmeiner Verlags. Autor Jan Wiechert hat sich mit den im Hohenlohe-Zentralarchiv gelagerten Dokumenten befasst und sich dem Inhalt der Strafprozessakte gegen die 1777 des Mordes an ihrem Ehemann verdächtigten Maria Dorothea Huther angenommen.

Maria Dorothea Huthers getöteter Mann Peter war Wanderhandwerker und übte den Beruf eines Schmierbrenners aus. Er wurde tot und übel zugerichtet von zwei Bauern auf deren Feld neben zwei zuvor entwendeten Pflugsägen aufgefunden.

Jan Wiechert beleuchtet mit seinem daraus entstandenen zeitgenössischen Text einführend geschichtliche und geografische Hintergründe und zeigt eben diese Mordermittlungen aus dem 18. Jahrhundert auf. Die Informationen aus der Strafprozessakte sind exakt übernommen und unverfälscht wiedergegeben.

Die Möglichkeiten zu einer objektiven Beweisführung in der damaligen Zeit waren begrenzt und mit der oberflächlichen Untersuchung von Tatort und der Obduktion der Leiche weitgehend erschöpft. So mussten weiterführende Zeugenbefragungen und Vernehmungen von Verdächtigen geführt werden. Auf den ersten Seiten werden sämtliche dieser später in der Mordakte auftauchenden Personen aufgelistet. Weiterlesen

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Andrea Camilleri: Gewisse Momente

Der italienische Schriftsteller und Regisseur Andrea Camilleri (Jahrgang 1925) hat zu seinem neunzigsten Geburtstag 2015 eine Sammlung von Geschichten über Begegnungen und Bücher, die in seinem Leben eine große Bedeutung gespielt haben, unter dem Originaltitel „Certi Momenti“ veröffentlicht. Nun ist dieses Buch, im Deutschen heißt es „Gewisse Momente“, am 18. Dezember 2018 im Rowohlt Verlag in einer Übersetzung von Annette Kopetzki erschienen.

Darin versammelt Andrea Camilleri kurze Geschichten von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten und der Literatur, die sein Leben geprägt haben.

Sei es die Beichte bei Bischof Piccione vor Camilleris Hochzeit, die sich zu einem dreistündigen Gespräch entwickelte oder die unglücklichen Begegnungen mit dem Filmregisseur Pier Paolo Pasolini. Camilleri beschreibt Erlebnisse während der Zeit des Faschismus, wie die Geschichte von „David, genannt Pippo“ und die anrührende Wiederbegegnung mit dem jüdischen Mitschüler, den Camilleri tot glaubte, Ende der 1980er Jahre. Ein Buch mit dem Titel „So lebt der Mensch“ von André Malraux macht aus Camilleri mitten im Faschismus (1942) einen Mann „mit kommunistischen Ideen“. Zum Abschluss des schmalen Bandes erzählt er über das traurige Schicksal der Prostituierten Foffa. Weiterlesen

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