Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten

Was ich nicht bedacht hatte, als ich mir dieses Buch zur Rezension wünschte, war, dass es für mich als Weiße schwer wird, das Buch zu rezensieren. Nicht wegen des Buchs. Sondern weil das, was ich darüber schreibe, nicht losgelöst von meiner Hautfarbe zu betrachten ist. Kritisiere ich, mache ich mich dann des Rassismus verdächtig? Lobe ich, schmeichele ich mich dann ein und will doch nur von meinem eventuellen Rassismus ablenken?

Ich hatte geglaubt, als Mutter zweier farbiger Kinder hätte ich einen anderen Ansatz, wäre gegen Rassismus schon qua familiärer Beziehung gefeit. Doch dem ist möglicherweise gar nicht so.

Also werde ich meine Rezension erst einmal auf sachlicher Ebene beginnen und dann sehen wir weiter.

Alice Hasters‘ Buch ist flüssig geschrieben, ich konnte es flott an einem Abend lesen. Sie ist eine junge, in Köln geborene Journalistin. Das schlägt sich in ihrem Buch nieder in Form von Stil und in Form von offensichtlich umfangreicher Recherche. Ein Teil des Buches befasst sich mit ihrer eigenen Biographie. Sie schildert ihre Kindheit und Jugend als Tochter einer Schwarzen US-Amerikanerin und eines weißen Deutschen. (Die von mir hier verwendete Schreibweise Schwarz und weiß orientiert sich an der von der Autorin in ihrem Buch gewählten.) Dabei stehen natürlich ihre Erlebnisse im Vordergrund, die sich von denen weißer Kinder und Teenager unterscheiden. Als einzige nicht-weiße Schülerin fällt man auf, ob man will oder nicht. Als nicht-weiße Schülerin fällt ihr auf, wie sehr Unterricht in deutschen Schulen von Rassismus und blinden Flecken beeinflusst ist, wie weiß der Blick auf Geschichte und Geographie ist. Weiterlesen

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Milena Moser: Das schöne Leben der Toten. Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende

Der Día de los Muertos, der Tag der Toten wird in Mexiko als ein Tag der Freude gefeiert. Die gesamte Familie kommt zusammen und vor allem die Verstorbenen sind Gäste.

Die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser gibt Einblicke in diese mexikanische Festtradition. Im Jahr 2015 ist Milena Moser nach Santa Fe/New Mexico emigriert. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem Künstler Victor-Mario Zaballa, hat sie dieses Buch entwickelt. Zaballa ist gebürtiger Mexikaner; durch ihn lernt Milena Moser die mexikanische Kultur und den traditionellen  Umgang mit dem Tod kennen. Zaballa ist selbst schwer krank, dennoch sieht er dem Tod ohne Angst entgegen. Seit über zwanzig Jahren baut er für den Día de los Muertos kunstvolle öffentliche Altäre.

Die Schwere des Todes löst sich in Zaballas Heimat in Freude und  Leichtigkeit auf. Die Trauer wird nicht als als Trauer um die Verstorbenen betrachtet sondern als Trauer um die eigene Person empfunden, die einen geliebten Menschen verloren hat. Ganz anders als bei uns wird der Tod dort als erstrebenswertes Ziel angesehen und so kann man den Tod eben auch feiern. Die Toten, so glaubt man, erleben eine weitaus bessere Zeit als zuvor im Leben. Weiterlesen

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Lucas Vogelsang & Joachim Król: Was wollen die denn hier?: Deutsche Grenzerfahrungen

Ich kann mir nicht helfen, aber so langsam komme ich auch zu der Überzeugung, dass es vor 30 Jahren nichts anderes war als eine Art feindliche Übernahme, oder auch eine Annektion der DDR. Heute im Rückblick bleibt mir fast die Spucke weg, wenn ich darüber nachdenke, wir wenig ich selbst darüber nachgedacht habe, was das alles für die Menschen dort bedeutete. Mir war „Dunkeldeutschland“ eigentlich immer relativ egal, auch die Maueröffnung habe ich, soweit ich mich noch erinnere, relativ emotionslos erlebt. Am 9. November 1989 saß ich in einem Konzert von (ausgerechnet) Franz Josef Degenhardt, der, wie wir alle wissen, sicherlich sprachlos ob der Entwicklung in „seiner“ DDR war und trotzdem eisern seine Nummern spielte und sich wahrscheinlich abends mit Valpolicella zugedröhnt hat. In der Nachwendezeit hatte ich jahrzehntelang Mühe, die „neuen Bundesländer“ aufzählen zu können und erst heute kann ich sie fehlerfrei geographisch zuordnen. Ebenso die Städte, deren Lage ich aber schlimmer Weise nahezu ausschließlich über die Neonazi – und Pegida Beklopptheiten zu finden lernte. Warum diese lange Einleitung? Es geht doch um dieses wunderbare Buch „Was wollen die denn hier?“ Diese, sagen wir Reportage, glänzt schon allein durch seine Produktion: der eine ein Schauspieler, der sich einen Wunsch erfüllt, der andere der leise, lyrisch Beobachtende der jeweiligen Szenerie. Und die führt uns über das Ruhrgebiet bis an die Ostsee. Thema ist die Begegnung mit Menschen, die allesamt in der DDR aufgewachsen sind, aber die den Mauerfall und ihre Zeit davor und danach aus unterschiedlichen Perspektiven bewerten. Weiterlesen

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Karoline Walter: Guten Abend, gute Nacht: Eine kleine Kulturgeschichte des Schlafes

Ich schlafe gerne und meistens gut. Die nächtliche Zeit im Bett ist für mich nicht verschwendet. Böse Träume machen mir nur sehr selten zu schaffen. Deshalb habe ich mich bisher mit dem Thema Schlaf nur wenig beschäftigt. Allerdings mag ich Schlaflieder und Gute-Nacht-Geschichten sehr. Deshalb hat mich Karoline Walters „kleine Kulturgeschichte des Schlafs“ mit ihrem Titel „Guten Abend, gute Nacht“ sofort angesprochen und neugierig gemacht. Schon der Klappentext zeigt, wie vielfältig der Inhalt ist: Da ist von Schöpfungsmythen genauso die Rede wie vom Teilen des Bettes mit Familienmitgliedern und Nutztieren oder von Mittagsschlaf und „Powernappen“. Und das ist noch lange nicht alles, was dieses Buch zu bieten hat.

Sehr schön steckt die Autorin bereits im Vorwort den Rahmen ihres Buches ab (Seite 7): „Vom unbewusst verbrachten Schlaf lässt sich kein Zeugnis ablegen. Kann der Schlaf also überhaupt so etwas wie eine (Kultur-)Geschichte haben? Zwar entzieht er sich unserem bewussten Erleben, doch ist der Schlaf für uns indirekt erfahrbar – in seinen Grenzen zum Wachleben …“. Es geht also nicht nur um den Schlaf an sich, sondern auch um das Einschlafen, Aufwachen und die (gewollte und ungewollte) Schlaflosigkeit, es geht um die Struktur, die der Schlaf den Tagen gibt, um guten und schlechten Schlaf und seine Auswirkungen und natürlich geht es auch um Träume. Das alles ist eingebettet in Geschichte und Geschichten aus den verschiedensten Kulturen. Weiterlesen

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Charlotte Roth: Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit: Michael Ende – Roman eines Lebens

Im Herbst 1928 fährt Edgar Ende mit dem Zug von Hamburg nach Garmisch. Er ist auf der Suche nach seiner geliebten Elis, die von ihren Eltern aus seinem „Dunstkreis“ entfernt wurde. Zu schlecht schätzen sie den Einfluss des erfolglosen Künstlers auf ihre Tochter ein. Schließlich soll sie entsprechend ihres Ranges eine gute Partie machen und davon ist Edgar weit entfernt.

Edgar findet in Garmisch Elis zwar nicht, aber als er sich vor dem Regen in einen kleinen Laden flüchtet lernt er Luise Bartholomä kennen, mit der er sich gleich verbunden fühlt und die er nur vier Monate später heiratet.

Das gemeinsame Leben der beiden Außenseiter ist geprägt von Geldmangel und Kreativität. Luise schafft das Geld heran, während Edgar malt und nur hin und wieder ein Bild verkauft. Sein Stil liegt gerade nicht im Trend, mit seiner überbordenden Fantasie können nur wenige Menschen etwas anfangen. Doch Luise hält ihm den Rücken frei.

Als sich der kleine Michael ankündigt und im November 1929 geboren wird, wird der Alltag nicht leichter. Aber die Eltern schaffen ihm ein liebevolles Heim, glückliche, leuchtende Kinderjahre, an die Michael sein Leben lang gerne zurückdenkt.

Denn nicht immer wird es so bleiben. Der Umzug nach München reißt ihn aus seiner gewohnten Umgebung, die Eltern streiten und trennen sich, beiden – vor allem der Mutter – bleibt er eng verbunden, aber die Beziehungen sind ambivalent. Weiterlesen

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Mark Forsyth: Eine kurze Geschichte der Trunkenheit

Wem es bislang noch nicht klar war, dem wird spätestens mit der Lektüre von Mark Forsyths unterhaltsamen Buch ein Licht aufgehen: Alkohol und Trunkenheit haben in der Geschichte der Menschheit schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Der Leser wird in jedem der 18 Kapitel durch eine andere Epoche bzw. Zivilisation der Menschheitsgeschichte geführt und erfährt, welche Rolle der Alkohol dort spielte.

Es beginnt bereits in der Frühgeschichte der Menschheit. So fand man in der uralten Stadt Göbekli Tepe (Türkei) große Steinwannen, in denen sich vermutlich Alkohol befand, wenn an diesem Ort die damals noch als Jäger und Sammler umherstreifenden Menschen zusammenkamen. Überhaupt, vermutet Forsyth, könne Bier durchaus eine wichtigere Rolle beim Sesshaft werden der Menschen gespielt haben als allgemein angenommen, da es ähnlich nahrhaft wie Brot ist, aber wesentlich leichter herzustellen.

Nach diesem Einblick in die Frühzeit führt Forsythe den Leser weiter nach Mesopotamien, wo die Sumerer sogar eine Göttin des Bieres hatten. Sie trug den Namen Nikasi. Weiter geht es mit einer äußerst aufschlussreichen Schilderung des, nun ja, eher entspannten Verhältnisses, das die alten Ägypter zum Alkoholgenuss und dessen Folgen hatten sowie dem deutliche komplizierteren Umgang, den die Griechen insbesondere mit dem Wein pflegten. Weiterlesen

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Hugo von Kupffer: Reporterstreifzüge: Die ersten modernen Reportagen aus Berlin (1886)

Wer sich mit den prägnanten Bildern von Heinrich Zille beschäftigt, bekommt einen plastischen Eindruck vom Leben des einfachen Volkes in der Reichshauptstadt Berlin. Es war eine Zeit, in der Arme die feuchten Neubauten der Reichen trocken wohnten. Erkrankungen waren in den nasskalten Räumen vorprogrammiert, erst recht, wenn man hungerte. Deshalb schickten spendable Bürger die ärmsten Kinder regelmäßig in Erholungsheime, wo diese – weg von schlechten Einflüssen – sich satt essen und genesen konnten.

Der Journalist Hugo von Kupffer, 1853 in Sankt Petersburg geboren, arbeitete von 1875 bis 1878 in verschiedenen New Yorker Nachrichtenagenturen. Ab 1883 führte er zusammen mit dem Verleger August Scherl den Berliner Lokal-Anzeiger, in dem er moderne amerikanische Pressestandards einführte. Über 45 Jahre lang war er Chefredakteur des erfolgreichen Massenblattes und starb 1928.

Wenn der Journalist durch die Stadt streifte, interessierte er sich für den Menschen, seine Lebensweise und sein Schicksal. Er gewann durch seine Interviews und Besichtigungen ein Bild, das er unterhaltsam in Reportagen kleidete. Missverständnisse und Vorurteile wollte er mit seinen Berichten beseitigen und gleichzeitig aufklären. Weiterlesen

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Lorna Neuber: Restorative Yoga

Endlich ein Yoga-Buch für Bewegungs-Legastheniker…

Scherz beiseite: das Buch von Lorna Neuber ist durchaus empfehlenswert. Es geht nicht um Yoga zur Kräftigung von Muskeln oder um den Sonnengruß. Die Autorin vermittelt in ihrem Buch die Form der Restorative Yoga zur Entspannung. Oder wie der Untertitel lautet: Ruhe und Kraft durch Entspannung.

Und schon bevor man die ersten der gezeigten Übungen nachmacht, kommt tatsächlich ein leichtes Gefühl der Entspannung auf. Das liegt am ruhigen, fast sanften Stil der Autorin. Ich hatte beim Lesen nie das Gefühl, dass man versucht, mich zu bekehren oder zu irgendetwas zu drängen. Immer wieder betont sie, der wichtigste Aspekt des Restorative Yoga ist, sich dabei wohlzufühlen.

Nach einigen interessanten Vorbemerkungen und einer kleinen Aufstellung der benötigten Hilfsmittel wie Kissen, Decken usw., beginnt auch schon der praktische Teil. Die Übungen werden ausführlich erklärt und mit großen und sehr anschaulichen Fotos gezeigt. Hierbei hat mir besonders gut gefallen, dass auf diesen Fotos einmal nicht ein superschlankes Sportgirl vorturnt, sondern eine „normale“ Frau wie du und ich. Für viele ist das sicherlich eine zusätzliche Motivation. Weiterlesen

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Benoîte Groult: Vom Fischen und von der Liebe – Mein irisches Tagebuch (1977-2003)

Benoîte Groult, die französische Journalistin, Schriftstellerin und Feministin ist seit 2016 tot. Ihr Roman Salz auf unserer Haut, das die leidenschaftliche Liebe einer Pariser Intellektuellen mit einem bretonischen Fischer beschreibt, wurde ein internationaler Bestseller. Als ihr letztes Werk wollte Benoîte Groult ihr irisches Tagebuch veröffentlichen, das sie jedoch wegen ihrer Alzheimerkrankheit nicht mehr ausführen konnte. Blandine de Caunes, die Tochter von Benoîte Groult, hat sich dem Projekt ihrer Mutter angenommen und ihre jahrelangen Aufzeichnungen aus ihrem regulären wie ihrem intimen Tagebuch gesichtet. Zusammen mit den Logbüchern der passionierten Fischerin Benoîte Groult, in denen diese akribisch notierte, welche und wie viele Fische sie zusammen mit ihrem Mann wo und wann gefangen hat, ist es ihr gelungen, ein atmosphärisch dichtes Lebensbild ihrer Mutter aufzuzeichnen.

Auch der bretonische Fischer ihres Bestsellers, der in Wirklichkeit ein amerikanischer Pilot war, ist natürlich eine der Figuren in diesem Buch. Schade, dass Kurt in intellektueller Hinsicht so viel zu Wünschen übrig lässt. Er spricht nicht mal Französisch… (eBook S. 88) Die Aufzeichnungen über Kurt lesen sich wie in Salz auf unserer Haut leidenschaftlich impulsiv. 

Über ihre Wahlheimat Irland notiert Groult einmal: Irland ist ein Seelenzustand, eine Lebensweise und mir gefällt diese Lebensweise. Ich atme die Luft ein, wie man quellreines Wasser trinkt. (eBook S.92) Weiterlesen

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Darren McGarvey: Armutssafari

Darren McGarvey, geboren 1984, ist in einem Glasgower Problemviertel in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen. Seine psychisch kranke sowie alkohol- und drogensüchtige Mutter hat ihn schwer vernachlässigt. Der Autor beschreibt unter anderem, wie sie ihn zum Zigaretten holen in einem heftigen Sturm nach draußen schickt und sich dann gemeinsam mit ihrem Lover auf dem Balkon darüber schieflacht, wie der kleine Darren fast wegfliegt und Todesangst aussteht.

Wenn so jemand ein Buch über die Unterschicht schreibt, ist das per se glaubwürdiger, als wenn es ein Professor tut, der in gut behüteten Kreisen aufgewachsen ist.

„Armutssafari“ von Darren McGarvey, der auch als Rapper Loki bekannt ist, ist allerdings kein Roman. Es ist eine Mischung aus Autobiographie und soziologischen beziehungsweise sozialpsychologischen Überlegungen. Seine Kernbotschaft: Nicht nur die äußeren Umstände sind es, die die Menschen in die Armut und das Elend treiben, sondern auch ihre innere Einstellung, die durch jahrelanges Leben in den immergleichen Kreisen entstanden ist. McGarvey beschreibt anhand seiner eigenen Biographie, wie er sich selbst durch eine Änderung seiner Einstellungen zu einem besseren Leben verholfen hat. Weiterlesen

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