Tove Ditlevsen: Kindheit

„Kindheit“ ist der erste Teil der autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie. Die Ich-Erzählerin Tove ist genau ein Jahr später geboren als die Autorin Tove Ditlevsen. Sie wirkt authentisch, verlässlich, doch es bleibt den Leserinnen überlassen zu ergründen, was wahrhaft erinnert ist und was Fiktion.

Tove wächst in den 1920er Jahren in einem Arbeiterviertel in Kopenhagen auf, in einer Gegend, wo Männer in den Höfen trinken und Mädchen viel zu früh schwanger werden. Die Verhältnisse der Familie sind äußerst bescheiden und verschlechtern sich noch, als der Vater die Arbeit als Heizer verliert. Die Mutter ist unnahbar und unzufrieden mit ihrem Leben. Tove versteht die Mutter nicht und setzt doch alles daran, eine noch so kleine liebevolle Geste zu erhaschen. An schlechten Tagen macht sich Tove am besten unsichtbar, um nur nicht den Zorn der Mutter auf sich zu ziehen. Überhaupt ist Tove schon als Kind eine Meisterin der Täuschung. Niemand soll von dem Gesang in ihrem Inneren erfahren, wenn sie schöne Worte hört, von den Gedichten, die sie heimlich in ihr Poesiealbum schreibt. Deshalb stellt sie sich dumm. Sie fühlt sich auch oft dumm, denn sie weiß nicht, wie man spielt. Mit anderen Kindern kann sie wenig anfangen, bis sie Ruth kennenlernt. Weiterlesen

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Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte: Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur

Viele LeserInnen dürfte der Titel irritieren. Warum sollten Pflanzen Rechte haben, wenn sie in unserem Bewusstsein zu den Dingen gehören, die man unter anderem kaufen, wegschmeißen, züchten, essen, einpflanzen, jäten, fällen, beschneiden kann. Pflanzen sind selbst bei oberflächlicher Betrachtung Lebewesen. Sie können wachsen, sich fortpflanzen und haben eine bestimmte Lebensdauer. Ihre Fähigkeiten gehen jedoch noch um ein vielfaches weiter. „… Pflanzen nehmen Licht, Temperatur, Schwerkraft, chemische Verbindungen, elektrische Felder, Berührungen, Schall und vieles andere wahr, was sie äußerst empfindsam für ihre Umgebung macht.“ (S. 119) Sie sind ein Synonym für Leben, weil ohne sie die meisten Lebensformen undenkbar wären.

In unseren Gesetzen haben wir Menschenrechte verankert. Es gibt inzwischen auch viele Fürsprecher, die den Tieren Rechte geben. Ob Artenschutz oder artgerechte Haltung, für beides gibt es verbindliche Vorschriften. Nur bei den Pflanzen nicht, obwohl ohne ihre Fotosynthese das Leben auf der Erde ganz anders aussähe.

„… nur mit ihnen zusammen können wir weiter existieren. Darüber sollten wir uns immer im Klaren sein.“ (S. 13/14)

Und weil Stefano Mancuso Pflanzen am Herzen liegen, beschloss er, ihr Fürsprecher zu werden, in dem er der kühnen Idee Raum gab, die Rechte der Pflanzen zu entwerfen. Er stellt nun seine Charta des Lebens vor. Zu jedem der acht erstellten Artikel schrieb er nachvollziehbare Begründungen, die wachrütteln und zum Nachdenken anregen. Weiterlesen

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Christopher Clark: Gefangene der Zeit: Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump

„Geschichte wiederholt sich immer zweimal: Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“, soll Karl Marx einmal gesagt haben. Lernt die Menschheit aus ihrer Vergangenheit? Oder geht es stets nur um Macht, in welcher Form auch immer? Können wir das Große und Ganze jemals überblicken oder bleiben wir im eingeschränkten Blickwinkel unserer eigenen Epoche gefangen? Dem Historiker Christopher Clark ist es gelungen, diese Fragen auf äußerst informative und unterhaltsame Weise aufzuarbeiten. In den gesammelten Essays dieses Buches begleiten wir einen biblischen Herrscher in seinen Traum, die Juden bis „ans Ende aller Tage“ und Heinrich Himmler bei abstrusen Esoterikforschungen. Christopher Clark zeigt, was der Brexit mit Bismarck zu tun hat und warum sich Macht nicht durch Unterdrückung, sondern durch stillschweigende Duldung der Massen entfalten kann. Bereits nach wenigen Sätzen erliegen wir Leser der Faszination der Geschichte. Clark verdeutlicht uns historische Analogien, die uns bislang verborgen geblieben sind. Der wohl größte Verdienst dieses Buches: Geschichte ist lebendig, die Vergangenheit niemals abgeschlossen. Sie bedarf eines ständigen Dialoges, der sicher Geglaubtes hinterfragen sowie andere Ansätze zulassen soll. Kurz: Clarkes Werk ist ein wichtiger Beitrag zu einer intelligenten Diskussionskultur, deren Mangel in jüngster Zeit offensichtlich ist.

Wussten Sie, dass im Ersten Weltkrieg mehr Menschen durch Seuchen, als durch Kriegseinsätze gestorben sind? Oder dass wir bis heute die Geschichte in falsche Epochen unterteilen?  Diese und weitere, überraschende „Tatsächlich?!“-Momente hält dieses Buch bereit. Weiterlesen

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Blake Gopnik: Warhol: Ein Leben als Kunst

Andy Warhol ist nicht nur der bekannteste Künstler der Pop-Art, er hat sie außerdem auf seine ganz eigene, revolutionäre Art erschaffen. Seine Bilder von Suppendosen und Marilyn Monroe sind richtungsweisend für einen ganzen Kunststil, ob man sie nun mag oder nicht: Jeder kennt sie oder hat sie unbewusst schon einmal gesehen. Doch wie wurde Andy Warhol zu der Legende, die bis über seinen Tod hinaus in unserer heutigen Zeit weiterlebt und noch immer die Kunstszene beeinflusst?

Blake Gopnik hat in der Biografie „Warhol: Ein Leben als Kunst“ auf beeindruckende Weise unzählige Informationen über den Künstler vereint und sie in seinem Text zu einer fesselnden Geschichte vereint. Die Äußerungen unzähliger Freunde, Bekannter und Verwandter ergänzen das chronologische Bild, das der Autor von dem Künstler gibt.

Blake Gopnik hat es geschafft, eine Biografie zu dem spannendsten Buch zu machen, das ich seit langem gelesen habe. Ob die Vorgeschichte Warhols Familie, sein Verhalten als Kind oder die Erschaffung seiner Kunst beschrieben wird – jedes Wort ist fesselnd und vermittelt ein so umfassendes Bild von dem Künstler, dass man nicht nur glaubt, ihn selbst gekannt zu haben, sondern auch jeden Schritt seines Lebens mit ihm gegangen zu sein. Weiterlesen

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Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)

Philosophie hautnah erleben: Wolfram Eilenberger ist es gelungen, die Philosophie in einen persönlichen Kontext zu stellen. Dafür hat er vier wichtige Philosophinnen ausgewählt, die während der Schicksalsjahre des Nazi-Regimes zu wahrer Größe finden. Die der Gleichschaltung eine Gedankenfülle entgegensetzen, die uns bis heute prägt. Wir begleiten die Damen in Pariser Cafés, Internierungslager, Hospitäler, schäbige Souterrain-Wohnungen, sogar bis nach Hollywood. Dort werden wir Zeugen ihrer Höhen und Tiefen, ihrer Hoffnungen und Zweifel. Wir verstehen um die Hintergründe ihrer Gedanken. Wir sehen, wie die Geschichte sie ausbremst, verändert, antreibt. Das liest sich ungeheuer spannend! Philosophie plus Zeitgeschichte plus Biografie: Mit dieser Mischung hat Eilenberger einen Zugang zur Materie geschaffen, der nicht nur gedanklich, sondern auch emotional berührt.

In „Zeit der Zauberer“ hat Eilenberger seine Leser an der Seite von vier männlichen Philosophen durch die Epoche der Weimarer Republik begleitet. Nun führt er chronologisch durch den Werdegang der vier außergewöhnlichen Frauen. Sie haben dieselbe Berufung, könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Ayn Rand befasst sich mit Kapitalismus, Simone de Beauvoir mit Existenzialismus, Hannah Arendt mit Zionismus und Simone Weil mit christlichem Mystizismus. Auch wenn ihre Lösungen voneinander abweichen, ähneln sich die Grundfragen, die sie innerlich umtreiben. So stehen die Themen „Das Individuum und das Kollektiv“ und „Was ist Freiheit?“ im Mittelpunkt zahlreicher Überlegungen. Mit dem Ausbruch des Krieges rücken Fragen wie „Ist Gewalt unter bestimmten Gesichtspunkten legitim?“ oder „Wie funktioniert Populismus?“ ins Bewusstsein.

Daneben hat jede Philosophin ihre eigenen Steckenpferde. Bei Beauvoir ist es unter anderem die Auseinandersetzung mit dem „reinen Bewusstsein“. Wie sollte man analysieren, ohne zu bewerten? Weiterlesen

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Sarah Klymkiw & Kim Hankinson: Make Fashion Better

Was würde geschehen, wenn jeder beim Kauf eines T-Shirts wüsste, dass hierfür circa 2.700 Liter Trinkwasser verbraucht worden sind? Sollte dieses Kleidungsstück für ein paar Euro über die Ladentheke gehen, hat man auf der einen Seite ein Schnäppchen gemacht. Auf der anderen Seite trägt die Käuferin, der Käufer vermutlich minderwertige Ware nach Hause, die schnell unansehnlich und nach ein paar Mal Waschen weggeworfen wird. Für die Autorin Sarah Klymkiw und die Künstlerin Kim Hankinson war es aus diesem Grund eine Herzensangelegenheit, ein Buch über Mode zu gestalten, in dem Kreativität und ein schonender Umgang mit den Ressourcen vorgestellt wird. Bereits auf der Innenseite des Einbandes findet sich ein Zitat der Autorin, das die Lesereise beschreibt:

„Wir können gemeinsam die Welt verändern, indem wir unsere Kleidung ändern.“

Wie dies funktioniert, wird unter anderem in den Kapiteln Kleiderpflege, Reparatur und neue Gestaltung beschrieben. Ob Kleidung mit anderen Materialien geschmückt wird oder neue Kombinationen entstehen, hängt von der Kreativität der Gestalterin, des Gestalters ab. Dies setzt natürlich Kenntnisse in der Handarbeit voraus. Weiterlesen

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Monika Maron: Bonnie Propeller: Erzählung

„Momo starb ein paar Tage vor Weihnachten.“ So beginnt Monika Marons Erzählung „Bonnie Propeller“. Momo, das war Marons Hund, um den die Schriftstellerin trauert und gleichzeitig einen neuen Hund sucht. Keinesfalls aus Herzlosigkeit, sondern weil Momo wie alle Haustiere eine Art Institution ist bzw. war. Wie der Papst oder ein Staatspräsident. Und wenn diese nicht ersetzt werden, dann droht ein ganzes Gefüge in Unordnung zu geraten. In diesem Fall war das Gefüge Marons Leben.

Mehr oder weniger schicksalhaft zufällig fällt die Wahl auf die Hündin Propeller. Zweifel ob des seltsamen Namens werden nicht zugelassen. Propeller stammt aus einem ungarischen Tierheim und sie soll die erste Hündin in Marons Leben werden.

Nach einer Odyssee und im zweiten Anlauf wird die Hündin im aufkommenden Dämmerlicht eines frühen Morgens auf dem Parkplatz von Michendorff übergeben. Während Gesicht und Fellfarbe dem Foto des Hundes im Internet gleichen, fehlt es an der Höhe. Exakt zehn Zentimeter sind es weniger als angegeben. Die Enttäuschung ist groß.

Propeller hat keinen Hals, ist fast 2 Kilogramm übergewichtig, hat krumme Hinterbeine und Höcker auf den Hüften: Soll das der Hund sein, mit dem die Schriftstellerin schicksalhaft bis zum Tode verbunden ist? Weiterlesen

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Glennon Doyle: Ungezähmt

Hinter dem Titel Ungezähmt verbirgt sich ein Ratgeber im Stil eines Erfahrungsberichtes, der von Sabine Längsfeld übersetzt wurde.

Glennon Doyle reiht in ihrem kurzweiligen Buch viele Episoden aneinander, um die Leserinnen auf das Thema Innere Freiheit vorzubereiten. Als Einstieg erzählt sie, wie sie bereits als Kind gelernt hat, sich selbst zu verleugnen. Die Rollen als Mädchen und heranwachsende Frau wollten einfach nicht zu ihr passen. Trotzdem wurden sie zu ihrer zweiten Natur. Sie passte sich an, ohne zu hinterfragen. Ihre erste Suchterkrankung begann mit der Pubertät. Weitere kamen hinzu und blieben bis zu ihrer Schwangerschaft. Als Erwachsene erkennt Glennon Doyle einen Zusammenhang zwischen ihrer Suchtkarriere und dem Drang, es allen recht machen zu müssen.

Die Autorin beschreibt in einer unmißverständlichen Sprache ihren Lernprozess. Von der Ebene ihrer persönlichen Erkenntnisse wechselt sie immer wieder auf die Ebene der Allgemeingültigkeit, nach dem Motto: Hier ist ein System erkennbar, in dem auch andere Frauen gefangen sind. Anschaulich beschreibt sie die zahlreichen Manipulationen in den Traditionen, der Kultur oder der Konditionierung auf Rollenbilder. Weiterlesen

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Marcel Atze & Tanja Gausterer: Im Schatten von Bambi

Felix Salten ist der nom de plume des ungarisch-österreichischen Schriftstellers Siegmund Salzmann. Geboren wurde der Autor am 6. September 1869 in Pest (Ungarn). Salten wurde mit der Geschichte des kleinen Rehkitz Bambi in „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ aus dem Jahre 1923 weltberühmt. Das man Felix Salten zu Unrecht auf den Autor von Bambi reduziert, soll die vorliegende Biografie über das Leben und das Werk des Autoren beweisen.

Es handelt sich hierbei um eine Ausgabe der Wienbibliothek. Der Band erhält dadurch eine einzigartige Anreicherung durch zahlreiche authentische Abbildungen, die dem Archiv der Bibliothek entstammen dürften. Zugleich wurde der Nachlass des Autoren gesichtet. Unter anderem wurde dabei die Novelle „Albertine“ entdeckt. Die erotische Novelle befindet sich nun kurzerhand ebenfalls im Buch. Fotografien von Wegbegleitern und historischen Persönlichkeiten, die in Saltens Leben eine Rolle spielten, sind ebenso zu entdecken wie Abbildungen von Postkarten, Formularen, Tagebucheinträgen und Schriften des Autors. Weiterlesen

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Christoph Krachten: Per Aufzug in den Weltraum

Würden Sie zu den ersten Menschen gehören, die mit einem Aufzug in den Weltraum reisen würden? Vielleicht zum Mond oder gleich zur Kolonie auf den Mars? Utopisch, meinen Sie? Dann sollten Sie Christoph Krachten „Per Aufzug in den Weltraum“ lesen.

Christoph Krachten, vielen bekannt als Produzent, Journalist und Netzwerker, erfindet mit seinem Sachbuch zur Gegenwart und Zukunft sicher nichts gravierend Neues. Dafür stellt er Erkenntnisse der Wissenschaft, der Wirtschaft und Raumfahrt zusammen und interpretiert sie auf kluge, unterhaltsame Art und Weise.

Tatsache ist: Die Zukunft hat bereits begonnen. Mit dem Anfangssatz „Die Welt ist anders, als wir denken“, wird zugleich ein Blick auf die Gegenwart geworfen. Der Leser beginnt eine Expedition in Gegenwart und nahe Zukunft. Ein schöner Anfang, der zugleich neugierig macht und den Autor auffordert, seine These alsbald mit Fakten zu unterlegen.

Das wiederum gelingt Krachten durch intelligente Beweisführung, die jedoch weit davon entfernt ist, dem Leser etwas „zu erzählen“, sondern ihn mitnimmt, zum Mitdenken anregt und seine eigenen Schlüsse ziehen lässt. Weiterlesen

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