Walter Wüllenweber: Frohe Botschaft

Sensationelles Buch zur richtigen Zeit. Walter Wüllenweber gelingt mit diesem (Sach-)Buch ein Paradox zu beschreiben, weil es gleichzeitig warnt und entspannt.

Man sich endlich mal Zeit nehmen kann, sich zurückzulehnen, weil die Dinge tatsächlich mal so wie sie sind bewertet werden – in allen positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte  – und man wiederum im nächsten Moment aufschreckt, ob der unglaublichen Ungerechtigkeit in der Verteilung des Reichtums und der Ressourcen in dieser Welt! Dabei ist es immer wichtig, seine eigene Position zu orten, denn die Frage bleibt, wie und was hab ich damit zu tun und was geht überhaupt noch, wenn ich mich einmische? Es ist, so analysiert Wüllenweber richtig, so leicht, sich auf den „Es-geht-eh-alles-den Bach runter-Virus“ zu berufen und dann mit guten Freunden in ebensolchen Restaurants mit einem noch besseren Roten anzustoßen. Mich hat dieses Buch schwer beeindruckt, denn die gnadenlose Zusammenfassung der letzten Jahrzehnte, in denen es – auch mir – immer besser ging und die Verhältnisse (immer natürlich relativ und von statistischen Werten ausgehend ) wie, Z.B. „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ (erinnern wir uns an Willy Brandt Anfang der  70ger) tatsächlich besser wurden. Weiterlesen

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Jan Wiechert: Scheidung mit dem Beil

Der historische Kriminalfall um Maria Dorothea Huther ist ein Buch aus der Regionalgeschichtenreihe des Gmeiner Verlags. Autor Jan Wiechert hat sich mit den im Hohenlohe-Zentralarchiv gelagerten Dokumenten befasst und sich dem Inhalt der Strafprozessakte gegen die 1777 des Mordes an ihrem Ehemann verdächtigten Maria Dorothea Huther angenommen.

Maria Dorothea Huthers getöteter Mann Peter war Wanderhandwerker und übte den Beruf eines Schmierbrenners aus. Er wurde tot und übel zugerichtet von zwei Bauern auf deren Feld neben zwei zuvor entwendeten Pflugsägen aufgefunden.

Jan Wiechert beleuchtet mit seinem daraus entstandenen zeitgenössischen Text einführend geschichtliche und geografische Hintergründe und zeigt eben diese Mordermittlungen aus dem 18. Jahrhundert auf. Die Informationen aus der Strafprozessakte sind exakt übernommen und unverfälscht wiedergegeben.

Die Möglichkeiten zu einer objektiven Beweisführung in der damaligen Zeit waren begrenzt und mit der oberflächlichen Untersuchung von Tatort und der Obduktion der Leiche weitgehend erschöpft. So mussten weiterführende Zeugenbefragungen und Vernehmungen von Verdächtigen geführt werden. Auf den ersten Seiten werden sämtliche dieser später in der Mordakte auftauchenden Personen aufgelistet. Weiterlesen

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Andrea Camilleri: Gewisse Momente

Der italienische Schriftsteller und Regisseur Andrea Camilleri (Jahrgang 1925) hat zu seinem neunzigsten Geburtstag 2015 eine Sammlung von Geschichten über Begegnungen und Bücher, die in seinem Leben eine große Bedeutung gespielt haben, unter dem Originaltitel „Certi Momenti“ veröffentlicht. Nun ist dieses Buch, im Deutschen heißt es „Gewisse Momente“, am 18. Dezember 2018 im Rowohlt Verlag in einer Übersetzung von Annette Kopetzki erschienen.

Darin versammelt Andrea Camilleri kurze Geschichten von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten und der Literatur, die sein Leben geprägt haben.

Sei es die Beichte bei Bischof Piccione vor Camilleris Hochzeit, die sich zu einem dreistündigen Gespräch entwickelte oder die unglücklichen Begegnungen mit dem Filmregisseur Pier Paolo Pasolini. Camilleri beschreibt Erlebnisse während der Zeit des Faschismus, wie die Geschichte von „David, genannt Pippo“ und die anrührende Wiederbegegnung mit dem jüdischen Mitschüler, den Camilleri tot glaubte, Ende der 1980er Jahre. Ein Buch mit dem Titel „So lebt der Mensch“ von André Malraux macht aus Camilleri mitten im Faschismus (1942) einen Mann „mit kommunistischen Ideen“. Zum Abschluss des schmalen Bandes erzählt er über das traurige Schicksal der Prostituierten Foffa. Weiterlesen

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Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Die achtzehnjährige Annie Duchesne kann es kaum erwarten, ihrem behüteten Elternhaus zu entfliehen, um in ihren Ferien als Betreuerin in einer Ferienkolonie zu arbeiten. Zuvor hat Annie ihr Dorf nie verlassen. Ihre Eltern, die einen Krämerladen führen, verwöhnten ihr einziges Kind, das zu Hause nie etwas arbeiten musste, stets. Im Gegenzug fehlt dem Mädchen der Blick über den Tellerrand in das Leben, wie es um sie herum stattfindet und in andere Milieus hinein. Sie kann nicht mit einem Telefon umgehen, hat noch nie geduscht oder gebadet, weil in ihrem bäuerlich-katholisch geprägten Zuhause einfach andere Gepflogenheiten und Gegebenheiten üblich sind. Alles, was sie über die Welt weiß, hat sie sich aus Büchern angelesen. Überhaupt ist Annie ein überdurchschnittlich intelligentes Mädchen, das sich von ihrer einfachen Familie abhebt. Nun aber will sie endlich einen Jungen kennenlernen und sich verlieben. – Genau dies passiert dann auch.

Zumindest redet Annie sich geradezu obsessiv ein, in den jungen Lehrer H. verliebt zu sein. Tatsächlich aber findet H. in Annie lediglich ein gefügiges Opfer seiner sexuellen Bedürfnisse.  Annie, die bislang keine Kontakte zu Jungen hatte, unterwirft sich in ihrer Unerfahrenheit H., der sie nur benutzt, wodurch sie sich zum Gespött der anderen macht. Weiterlesen

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Julia Behringer: Barbecue mit Indianern

Julia Behringers Leben verläuft nicht so, dass sie sich glücklich fühlt. Weder der arbeitsintensive Job noch die Zweckgemeinschaft mit ihrem Lebenspartner empfindet sie als erfüllend.

Im Jahr 2012 nimmt sie sich eine Auszeit und lässt einen Kindheitstraum wahr werden. Sie macht sich auf zu einer Reise, die sie in die Wildnis von Montana im Nordwesten der USA führen wird und ein wunderbares Abenteuer beginnt: Dort in den Naturschutzreservaten erwarten sie unberührte Gebirge, Wälder und Prärien, in denen Bären, Elche, Luchse, Kojoten, Wölfe, Wildkatzen, seltene Bergziegen, Dickhornschafe und nicht zuletzt Indianer leben. Auf dem Pferderücken überquert Julia Behringer mit einer Gruppe Gleichgesinnter die Rocky Mountains entlang der kanadischen Grenze. Dieser Weg, der durch riesige Naturschutzgebiete führt, bleibt stets das Ziel. Schnell wird der jungen Frau klar, dass Vieles, was ihr Leben in Deutschland ausgemacht hat, in der Wildnis keinerlei Gewichtung mehr für sie hat. Weiterlesen

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Giovanni Maio – Werte für die Medizin

Das Gesundheits- und Pflegesystem in Deutschland ist derzeit in den Medien sehr präsent. Fachkräftemangel, Pflegenotstand, die Kostenexplosion und gleichzeitig der Abbau von Leistungen im Gesundheitswesen sind Schlagworte, die wohl schon jeder gehört hat. Durch zusätzliche Gelder sollen beispielsweise im Pflegebereich Verbesserungen erreicht werden. Doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und setzt nicht an der eigentlichen Ursache an.

Der Philosoph und Arzt Giovanni Maio sieht das Gesundheitswesen insgesamt in einer Schieflage. Politische Entscheidungen, vor allem die Überbetonung betriebswirtschaftlichen Denkens und Handels im Sozial- und Gesundheitswesen tragen dort seiner Meinung nach zu einer „Umwertung der Werte“ bei.

Wie sich diese Werte verändert haben und wie sich die „gegenwärtige Lage der Heilberufe“ darstellt, zeigt er im ersten Teil seines neuesten Buches „Werte für die Medizin“ auf.

Hier geht es unter anderem um die Ökonomisierung, das Setzen von (falschen) Anreizen, den Einsatz von Technik und die „Bezahlung nach Leistung“. Weiterlesen

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L. Wilford & R. Stevenson: Wes Andersons Isle of Dogs – Ataris Reise: Das Making of

Im Februar 2018 war der Animationsfilm „Isle of Dogs“ der Eröffnungsfilm der Internationalen Filmfestspiele in Berlin und kam kurz darauf in die deutschen Kinos. Der Film, der in der nahen Zukunft spielt, erzählt von der Freundschaft zwischen dem Jungen Atari und seinem Hund Spots.

In einem faschistischen Überwachungsstaat sucht der 12-jährige Atari Kobayashi seinen Hund Spots, der in der Exilkolonie auf Trash Island haust. Alle Hunde aus Megasaki City wurden nach Ausbruch des Schnauzenfiebers auf die Hundeinsel verbannt, so auch Ataris geliebter Spots, der mit einer Seilbahn, in einem Käfig gefangen, zur Insel gebracht wurde.

Die Hunde Chief, King, Rex, Boss und Duke haben in der Vergangenheit als Streuner, Maskottchen, geliebter Familienhund oder Versuchstier völlig unterschiedliche Erfahrungen mit Menschen gemacht und leben nun im Rudel im Müll, als Atari auftaucht.

Mit einem Turbo Prop gelangt Atari auf die Hundeinsel und zeigt dem Hunderudel ein Foto von Spots, gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach ihm.

Gleichzeitig wird jenseits der Insel ein Heilmittel für die Hunde gesucht, die Mitarbeiter einer Schülerzeitung erforschen die wahre Geschichte des Schnauzenfiebers und Tracy, eine amerikanische Austauschschülerin, versucht eine Verschwörung aufzudecken. Weiterlesen

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Alexander Krützfeldt: Letzte Wünsche

Was ist noch wichtig, wenn man nicht mehr lange zu leben hat? Der Untertitel des Buches „Was Sterbende hoffen, vermissen, bereuen – und was uns das über das Leben verrät“, beschreibt weitgehend den Inhalt. Der Journalist und Autor Alexander Krützfeldt ist diesem Thema nachgegangen und zeigt Schicksale auf, die verdeutlichen, auf was sich das Leben am Ende reduziert und konzentriert. Wir lesen von Frank Wenzlow, der seine große Liebe Lissy verloren hat. Lissy konnte ihren aggressiven Krebs nicht besiegen. Die Schilderungen, wie Frank und Lissy mit diesem Schicksal umgegangen sind, hat der Autor bewegend und unaufgeregt festgehalten.

Nach Lissys Tod bewältigte Frank seine Trauer damit, indem er für andere Todgeweihte etwas Sinnvolles tun wollte. So gründete er einen Verein, der es sterbenden Menschen ermöglicht, einen letzten Wunsch erfüllt zu bekommen. Frank arrangiert, dass die Menschen in einem ausrangierten Rettungswagen zu ihren letzten Sehnsuchtsorten zum Beispiel ans Meer (was Lissys großer Wunsch gewesen war) oder in ein Stadion transportiert werden können.

In weiteren Kapiteln begegnen wir anderen Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, lesen von ihrem jeweiligen Schicksal und davon, was sie sich noch wünschen. Weiterlesen

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Christie Watson: Die Sprache der Menschlichkeit

Kann jemand eine Pflegekraft mit Herz und Seele werden, der bei seiner Einstellungsuntersuchung im Krankenhaus während der Blutabnahme in Ohnmacht fällt? Ja, davon bin ich überzeugt, denn genau das ist Christie Watson passiert und ihr Buch „Die Sprache der Menschlichkeit“ zeugt davon, dass sie dennoch eine Krankenschwester geworden ist, die ihren Beruf liebt.

Alles beginnt mit der Motivation. Und so zeigt Christie Watson den Leserinnen und Lesern im ersten Kapitel, wie es über einige Umwege dazu kam, dass sie sich entschieden hat, einen Pflegeberuf zu lernen. „Mitgefühl, Freundlichkeit, Einfühlungsvermögen: das, so sagt uns die Geschichte, macht eine gute Krankenschwester aus,“ schreibt sie. Doch die Situation in den Krankenhäusern macht es den Pflegekräften nicht leicht, diese Fähigkeiten einzusetzen. Zu wenig Personal, knappe Zeit, Überlastung und Überforderung sind fast schon die Regel, wie die aktuelle politische Debatte deutlich zeigt. Auch wenn das Gesundheitssystem in Großbritannien sich vom deutschen System unterscheidet, kann man Vieles übertragen, was Christie Watson in ihrem Buch eindrücklich beschreibt. Weiterlesen

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C. Kurz & F. Rieger: Cyberwar – Die Gefahr aus dem Netz

Immer mehr Lebensbereiche sind digitalisiert. Im Privaten und im Beruflichen. Als die ersten Warnungen über Sicherheitslecks bekannt wurden, sagten noch viele, sie hätten nichts zu verbergen. Private Bilder in den sozialen Medien konnten nicht privat genug sein. Mit dem Handy in der Hand wird inzwischen ein großer Teil des Lebens organisiert: Geldangelegenheiten, Haustechnik, Konsum, informieren und kommunizieren. Was hinter den Programmen und Apps läuft, wissen die meisten nicht. Genauso wenig, wie das Innenleben von Computern, Routern, Fernsehern oder ferngesteuerten Elektrogeräten funktioniert. Nur technisch versierte Menschen erkennen Manipulationen. Sind die Platinen so, wie sie sein sollten? Wer hat sie gelötet, gibt es unerwünschte Funktionen? Was wäre, wenn jemand die Kontrolle über das eigene Handy und den Computer übernähme? Daten auswertet und verkauft? Die eigene Identität für kriminelle Aktionen nutzt? Dies geschieht täglich und extrem häufig.

Seit WikiLeaks und Edward Snowdens Veröffentlichungen dürfte jeder gewarnt sein. Was sich im Hintergrund abspielt, erfährt der Leser in der kurzweilig zu lesenden Zusammenfassung des Autorenteams Constanze Kurz und Frank Rieger. Weiterlesen

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