Rainald Grebe: Rheinland Grapefruit. Mein Leben. Eine Autobiografie

Eine Biografie von und über Rainald Grebe?!? Ich war von der Idee begeistert – und wurde nicht enttäuscht. Sie ist genauso wie der Künstler, „darf man das noch sagen?“, selbst: Bunt, schillernd, ein wenig chaotisch und sprunghaft und dabei immer äußerst geistreich. Manchmal kommt sie recht laut daher, wenn er zum Beispiel von seiner Zeit in Berlin erzählt, dann aber auch wieder in ganz leisen Tönen, wenn er uns an seiner Krankheit und seinem Reha-Aufenthalt teilhaben lässt. Einfach anders als die anderen und darum vielleicht auch so ergreifend.

Selbst mit seinem Nachruf hat er sich bereits beschäftigt: „Und dann gibt es bei Facebook einen Todespost, zwei bis drei Tage geht der Bär ab: Fassungslos! So jung! Ich bin sprachlos! Trauer! Die Tournee wird weitergehn! Es ist gut, Rainald! Dann gibt es eine Todesnachricht auf dem Theaterportal nachtkritik, zwei Kommentare. Unfassbar! Wieder einer gegangen. In unseren Herzen lebst du weiter. Und dann verblasst das Ganze sehr schnell, denn der Outputmeister ist ja tot, der Instagrammer, der Posterboy postet nix mehr.“ (Seite 84) Weiterlesen

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Joel Sartore: Photo Ark Wunder: Die einzigartige Vielfalt des Tierreichs

Zu viele Tierarten auf unserem Planeten sind vor dem Aussterben bedroht – und oft wissen wir noch nicht einmal, welche das eigentlich sind. Oder mit welchen faszinierenden Tierarten wir uns allgemein unseren Lebensraum teilen.

Dieses Buch zeigt es uns. Der Fotograf Joel Sartore hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Aufmerksamkeit der Menschen auf jede Art von Lebewesen zu lenken. Er nimmt den Leser und Betrachter mit auf seine Reisen und zeigt uns Tiere, mit denen wir gut vertraut sind, neben Tieren, deren Existenz wir uns nicht in unseren kühnsten Träumen ausmalen könnten. Seine Fotos sind einzigartig, charakterstark, manchmal witzig und insgesamt vor allem eines: atemberaubend. Jedes einzelne Lebewesen wird hier auf dem Papier lebendig und scheint aus dem Buch herauszukommen, um uns zu zeigen, dass es existiert und dass wir darauf achten müssen, dass das auch so bleibt.

Was dieses Fotobuch von jedem anderen Fotobuch über Tiere unterschiedet, ist die humorvolle, einsichtige und überzeugende Sortierung, die einen Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Tieren erkennen lässt, die niemand für möglich gehalten hätte. Außerdem sind die Bilder unterstrichen von Berichten des Autors über seine Reisen, unterstützt von Kommentaren seiner Frau und seiner Kinder, die einen staunen und schmunzeln lassen. Weiterlesen

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Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere

Sie heißen Lonesome George, Incas, Martha. Sie sind Endlinge. Ein Begriff, der die ganze Dramatik auf den Punkt bringt. Diese Tiere sind die letzten ihrer Art gewesen. Ausgestorben, hauptsächlich durch menschliches Zutun. Ob Dodo, Quagga, Koalalemur, Rosenkopfente, Waldrapp, Mondnagelkänguru, Bodensee-Kilch, Uraniafalter oder Pinta-Riesenschildkröte: In 50 Steckbriefen – untermalt mit herrlichen Illustrationen berühmter Naturmaler des 19. Jahrhunderts, zur Verfügung gestellt von der Staatsbibliothek Berlin – gibt der studierte Biologe Kegel dem Artensterben Gesichter. Plus dramatische Hintergrundgeschichten. Diese rufen insbesondere bei Tierfreunden Fassungslosigkeit, Trauer oder Wut hervor. Er untermauert die Schicksale mit allgemeinen Informationen zur Defaunation, Overkill-Hypothese, Koextinktion, biologischen Sonderwege auf Inseln und die Bemühungen der Forscher, ausgestorbene Arten wieder zum Leben zu erwecken. Zum Beispiel durch genetische Experimente. Doch Erfolg hat bisher keine der Methoden erbracht. Damit hat das Zitat von Artur Schopenhauer leider nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Weiterlesen

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Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Es ist eine Art Kontaktaufnahme mit der eigenen Kindheit, die Edgar Selge in diesem Buch beschreibt. Dabei beweist er, dass er nicht nur ein brillanter Schauspieler ist (man denke nur an Houellebecqs „Unterwerfung“), sondern auch ein lesenswerter Schriftsteller.

In vielen Episoden erzählt er in diesem Buch von den Gepflogenheiten im Elternhaus in den Sechzigerjahren.

Edgar ist zwölf und lebt mit seinen Brüdern und den Eltern in direkter Nachbarschaft zum Gefängnis, dessen Direktor sein Vater ist.

Musik spielt eine bedeutende Rolle im Haus der Selges. Den regelmäßigen Hauskonzerten, bei dem sich der Vater am Flügel durch einen Violinenspieler begleiten lässt, dürfen auch Strafgefangene im Wohnzimmer der Selges beiwohnen.

Den Gefangenen gegenüber und ihren Motiven, die zur Straftat geführt haben, begegnet der Vater mit erstaunlicher Güte und Empathie. Die eigenen Kinder dagegen bestraft er mit unerbittlicher Härte. Für seine Verfehlungen (Edgar bestiehlt den großen Bruder und veruntreut die Klassenkasse) bezieht Edgar regelmäßige Prügel mit dem Rohrstock. Weiterlesen

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Ozan Zakariya Keskinkiliç: Muslimaniac: Die Karriere eines Feindbildes

Die Neuerscheinung des Politikwissenschaftlers und freien Journalisten Ozan Zakariya Keskinkılıҫ hat mich auf mehrere Arten berührt. Sein Roman „Muslimaniac – Die Karriere eines Feindbildes“ bespricht in persönlichen Erfahrungen, aber auch in einer weitgehenden Recherche des Autors das Feindbild Deutschlands (und der Welt) gegenüber dem Islam. Dieses äußert sich in mehr Facetten, als die meisten Außenstehenden es sich vorstellen können.

„Muslimaniac“ ist eines von jenen Büchern, die mir beim Lesen wie ein Hammer auf den Kopf fallen und mir die Augen öffnen für all die indirekten Diskriminierungen, an denen mein Alltag mich oft genug blind vorbeiführt. Dass ein Teppichladen in Deutschland zugunsten des Umsatzes architektonisch einer Moschee ähnelt; dass ein Neugeborenes einen „Mongolenfleck“ auf dem Rücken trägt; dass Sie doch lieber nicht den Namen Ihres türkischstämmigen Mannes annehmen sollten, wenn Sie jemals wieder eine Wohnung finden wollen. All diese Aspekte und noch viele mehr stellen aufs Neue heraus, wie wenig die deutsche Gesellschaft über den Islam und all jene, die sich ihm zugehörig fühlen, weiß und wie falsch und vorurteilbehaftet unser Schubladendenken funktioniert. Doch dieses Buch, auch wenn es in erster Linie das Feindbild Islam thematisiert, geht noch darüber hinaus, muss es sogar. Denn das Feindbild des Islam beschränkt sich nicht nur auf die Religion oder ihre Gläubigen. Es dehnt sich darüber hinaus auf alle Menschen aus, die als ausländisch wahrgenommen werden, außerdem auf Homosexuelle, Frauen und jegliche Personen, die nicht dem weißen, männlichen, heterosexuellen Stereotypen entsprechen. Weiterlesen

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Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst

Wer den Soziologen Harald Welzer kennt, kennt seine Thesen.

In diesem Buch mischt er viel Persönliches mit politischen, wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungen, was es umso lesenswerter macht.

Gleich zu Anfang des Textes bezeichnet Welzer alle vom Menschen erzeugten Produkte (Häuser, Autos, Plastik, Asphalt etc.) als „tote Masse“, die sich seit ca. 1900 alle zwanzig Jahre verdoppelt. Hingegen ist die natürliche „Biomasse“ aller Wildtiere in den letzten fünfzig Jahren laut Welser um mehr als vier Fünftel geschrumpft (S. 11).

Die Absurdität unseres unstillbaren Hungers nach immer weiterem Wachstum zeigt sich sich längst in vielfältigen ökologischen Problemen, im Artensterben und Klimawandel, weshalb Welzer unsere Gesellschaft als realitätsverweigernd  bezeichnet. Die Endlichkeit der Welt wird von uns systematisch negiert.

Wie können wir damit aufhören, unser Leben mit immer mehr Ressourcenverbrauch immer weiter optimieren zu wollen? – Immerhin sühlt sich unsere Gesellschaft geradezu im Wachstumskapitalismus, in dem uneingeschränkter Konsum und das Anhäufen vieler oft nutzloser Produkte als erstrebenswert gilt. Weiterlesen

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Andrea Weidlich: Wie du Menschen loswirst, die dir nicht guttun, ohne sie umzubringen

Nachdem ich 2020 bereits „Liebesgedöns: Der geile Scheiß vom Suchen und Finden“ von Andrea Weidlich begeistert gelesen hatte, habe ich mich direkt für „Wie du Menschen loswirst …“ vormerken lassen. Auch dieses hat mich ab der ersten Seite mit dem zauberhaft lebendigen Schreibstil verzückt. Es ist jedoch viel mehr als nur ein Ratgeber für persönliche Entwicklung. Die Autorin hat „die A*schloch-Detox-Methode“ klug in eine unglaublich interessante, romanartige Story eingeflochten. Das Ganze wird untermalt und aufgelockert durch wertvolle Zitate oder auch bedeutsame Hinweise, wie bspw. dass man das anzieht, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet – also nichts wie weg mit destruktiven Meinungen. Jenen Leser*n, denen Persönlichkeitsentwicklung kein Fremdwort mehr ist, wird nichts bahnbrechend-neues entdecken können, dennoch dient das Werk der Selbstreflexion.

„Spannend, mit Tiefgang und schwarzem Humor führt Andrea Weidlich uns an einen mystischen See, wo eine Freundesgruppe ein Experiment wagt: Was passiert, wenn sie sich von toxischen Menschen befreien, und wie beseitigen sie die Leichen, die im eigenen Keller schlummern?“ (Zitat Klappentext)

Denn niemand muss lebenslänglich in einem Gefängnis mit toxischen Menschen sitzen bleiben. Weiterlesen

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Tim Geyer: 10 Fragen, die du dich niemals trauen würdest zu stellen: Schonungslose Interviews

„10 Fragen, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“ ist ein elektrisierendes, scharfzüngiges Buch voller feinsinniger Betrachtungen. Tim Geyers journalistisches Gespür führt den Leser* direkt ins Leben der Menschen. Es ist ein derart delikat-modernes Lesevergnügen, dass es sich beinah verboten anfühlt. Tims Interviews riechen nach Nervenkitzel und Aufregung, schmecken nach Kontroverse und nehmen uns mit auf eine rasante Fahrt durch eine scharfe, differenzierte Gesellschaftsanalyse.

Einmal stellvertretend alle Klischees abfragen.“ (S. 6)

Ungehemmt fragt er einen Polizisten und einen Zollbeamten, ob diese gerne mal mit ihrer Dienstwaffe herumballern würden. Aus einem Sugarbabe kitzelt er heraus, dass ihr „sinnliches Kerngeschäft“ sie in ihrer Rolle als Frau bestärkt. Außerdem befragt er einen Exorzisten, wie man einen Dämon austreibt und was ein Exorzismus kostet. Weiterlesen

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Roger D. Nelson & Georg Kindel: Die Welt-Kraft in dir

Ich habe ebenso das Vorgängerbuch „Der Welt-Geist: Wie wir alle miteinander verbunden sind“ von 2018 von beiden Autoren gelesen, doch „Die Welt-Kraft in dir“ hat mich tatsächlich mehr berührt.

Der Mensch kann paranormale Fähigkeiten wie Gedankenübertragung, Hellsichtigkeit oder Telekinese aktivieren?

Das klingt nicht nur spannend, auch die Wissenschaft kann es belegen. Aber trocken wissenschaftlich-theoretisch und damit oberflächlich, ist diese Lektüre keineswegs.

Geschickt haben die Autoren Wissenschaftlichkeit mit spannenden Fakten verbunden und den Stoff auf unterhaltsame und zugleich informative Weise präsentiert. Auch im Verlauf des Buches haben sie es geschafft, mich zu fesseln.

Leider wird nur kurz angeteasert, dass 70.000 CIA-Dokumente Fernwahrnehmung dokumentieren und sogar Geheimdienste zwei Jahrzehnte lang die Forschung finanzierten. Des Weiteren wird die unfassbar bedeutsame Wirksamkeit des Placeboeffekts allein durch die Macht unseres Glaubens erwähnt. Bsp.: Aderlass.

Fakt ist: Die westliche Medizin bestand jahrhundertelang nur aus dem Placeboeffekt.“ (Zitat S. 114) Weiterlesen

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Isabell Beer: Bis einer stirbt: Drogenszene Internet

Mit 13 raucht Leyla ihren ersten Joint, ihr wird übel davon, doch sie will unbedingt die berauschende Wirkung spüren, von welcher die anderen schwärmen. Irgendwann funktioniert es und von da an raucht sie regelmäßig. Später kommen andere Drogen dazu, Kokain, Pep, schließlich auch Heroin. Sie will alles ausprobieren.

Josh hat seinen ersten Kontakt mit Marihuana mit 15 im Internat. Das Rauschmittel wird Teil seines Alltags, daran ändert sich auch nichts, als seine Eltern ihm wieder nach Hause holen. Die Schule wird immer uninteressanter, irgendwann geht er nicht mehr hin. Er experimentiert mit verschiedenen Stoffen, mit Amphetaminen, Ecstasy, mit Kräutermischungen, Marihuana, verschiedenen Medikamenten und Research Chemicals. Mehrere Male überlebt er nur knapp. Mit 19 stirbt er an einer Überdosis, bei der Obduktion wird eine Mischung verschiedener gefährlicher Stoffe nachgewiesen. Auf dem Buchcover steht vor seinem Namen ein Kreuz.

Beide Jugendlichen kommen aus einem fürsorglichen Elternhaus. Joshs Eltern trennen sich einvernehmlich und ohne Streit, nachdem er aus dem Internat zurückkommt, und ich hatte beim Lesen seiner Lebensgeschichte nie den Eindruck, dass seine Sucht Resultat dieser Trennung war. Sowohl Josh als auch Leyla werden Teil einer Community, Josh, der vorher nur für Computerspiele Interesse gezeigt hatte, schließt sich verschiedenen Gruppen im Internet an, findet online neue Freunde. Weiterlesen

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