Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten

Was ich nicht bedacht hatte, als ich mir dieses Buch zur Rezension wünschte, war, dass es für mich als Weiße schwer wird, das Buch zu rezensieren. Nicht wegen des Buchs. Sondern weil das, was ich darüber schreibe, nicht losgelöst von meiner Hautfarbe zu betrachten ist. Kritisiere ich, mache ich mich dann des Rassismus verdächtig? Lobe ich, schmeichele ich mich dann ein und will doch nur von meinem eventuellen Rassismus ablenken?

Ich hatte geglaubt, als Mutter zweier farbiger Kinder hätte ich einen anderen Ansatz, wäre gegen Rassismus schon qua familiärer Beziehung gefeit. Doch dem ist möglicherweise gar nicht so.

Also werde ich meine Rezension erst einmal auf sachlicher Ebene beginnen und dann sehen wir weiter.

Alice Hasters‘ Buch ist flüssig geschrieben, ich konnte es flott an einem Abend lesen. Sie ist eine junge, in Köln geborene Journalistin. Das schlägt sich in ihrem Buch nieder in Form von Stil und in Form von offensichtlich umfangreicher Recherche. Ein Teil des Buches befasst sich mit ihrer eigenen Biographie. Sie schildert ihre Kindheit und Jugend als Tochter einer Schwarzen US-Amerikanerin und eines weißen Deutschen. (Die von mir hier verwendete Schreibweise Schwarz und weiß orientiert sich an der von der Autorin in ihrem Buch gewählten.) Dabei stehen natürlich ihre Erlebnisse im Vordergrund, die sich von denen weißer Kinder und Teenager unterscheiden. Als einzige nicht-weiße Schülerin fällt man auf, ob man will oder nicht. Als nicht-weiße Schülerin fällt ihr auf, wie sehr Unterricht in deutschen Schulen von Rassismus und blinden Flecken beeinflusst ist, wie weiß der Blick auf Geschichte und Geographie ist.

Dabei addiert sich zu dem durch die Hautfarbe begründeten Rassismus noch der gendergeprägte Rassismus gegenüber Frauen hinzu. Auf diesen Aspekt geht die Autorin besonders nachdrücklich ein und verweist dabei auf die Schicksale bekannter und  weniger bekannter Schwarzer Frauen.

In ihrem in die Kapitel „Alltag“, „Schule“, „Körper“, „Liebe“ und „Familie“ unterteilten Buch greift Alice Hasters oft auf geschichtliche Ereignisse oder Ansichten zurück, um ihren eigenen Blickwinkel auf den täglichen Rassismus zu untermauern oder zu begründen. Sie bemüht sich darum, Ausdrücke zu finden, die nicht rassistisch besetzt sind, die nicht „vorbelastet“ sind. So verwendet sie den Begriff BI/PoC (= Black Indigenous People / Persons of Colour) um Schwarze und indigene Menschen zu benennen.

Alice Hasters erzählt von Begebenheiten in ihrem Leben, in denen der alltägliche Rassismus in Erscheinung tritt. Und ich kann aus den Erlebnissen meiner eigenen Kinder das meiste, was sie schildert, nachvollziehen und sagen: ja, genau so ist es. Wenn sie immer wieder gefragt wird, wo sie herkommt; wenn sie eine deutsche Frau im Zug auf Deutsch anspricht und diese ihr in gebrochenen Englisch antwortet, einfach, weil es nicht in ihr Bild von einer Schwarzen passt, dass diese Deutsch spricht, dann weiß ich, dass es genau so tagtäglich in Deutschland passiert. So wie damals, als mein Sohn in einem Museum in Deutschland ungefragt den englischen Audioguide ausgehändigt bekommt, obwohl ich vorher für uns alle die Eintrittskarten gekauft habe. Das war in den Nullerjahren in Dresden, wo wir ohnehin während der wenigen dort verbrachten Urlaubstage ständig mit hochgezogenen Schultern herumgingen, aus Angst vor, ja vor rassistischen Pöbeleien.

Und genau darum geht es in Alice Hasters‘ Buch. Um den latenten Rassismus, der nicht nur von den Rechten im Land an den Tag gelegt wird, sondern der, den wir alle in uns tragen, und zwar, das ist daran das Schlimmste, meist ohne es selbst zu merken. Wir hinterfragen nicht die Ausdrücke und Begrifflichkeiten, die wir im täglichen Umgang miteinander verwenden. Wir greifen nicht ein, wenn wir beobachten, wie Fremde einer Schwarzen Frau ohne Hemmungen und ohne zu fragen in die Haare packen, nur weil diese „anders“ sind.

Mich hat dieses Buch sehr nachdenklich gemacht, gerade weil, wie oben gesagt, ich bislang glaubte, mich betrifft dieser Vorwurf nicht. Ich fürchte jedoch, so engagiert die junge Autorin schreibt und so wahrhaft ihr Anliegen ist, es wird sich so schnell nichts ändern.

Der von Alice Hasters mehrfach zitierte Euro-Zentrismus, der unleugbar in jedem Europäer verinnerlichte Glaube an die eigene Überlegenheit, findet ja gerade heute überdeutlichen Ausdruck in dem Geschehen auf dem Mittelmeer und in den vielen Flüchtlingslagern. Darauf hier weiter einzugehen, sprengt jedoch den Rahmen einer Rezension.

Trotz einiger vorsichtiger Vorbehalte gegen manche der von Alice Hasters herangezogenen Verweise auf geschichtliche Ereignisse halte ich ihr Buch für ausgesprochen lesenswert. Natürlich ist es subjektiv, natürlich ist es entschieden beeinflusst durch ihr eigenes Leben, dennoch würde ich so weit gehen, es als Schullektüre vorzuschlagen, gerade in heutiger Zeit und gerade in Deutschland.

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten.
hanserblau, September 2019.
208 Seiten, Taschenbuch, 17,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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