Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber

Radikal, mystisch, mehrdeutig: Carmen Maria Machados Debüt polarisiert, schockiert und regt zur Diskussion an. Essenz des vielfach ausgezeichneten Erzählbandes: Frauen gehört ihr Körper nicht! Alle möglichen Parteien verschaffen sich Zugang, um an den Vorteilen zu partizipieren. Vorneweg die Männer, teils durch patriarchalische Strukturen, teils gewaltsam durch Vergewaltigung und Mord. Mal sind es die Kinder, die nach Schwangerschaft und Geburt ein „Schlachtfeld“ hinterlassen, um in den folgenden Jahren alle Energie aus ihren Müttern zu saugen. Mal ist es die Gesellschaft, die den weiblichen Körper in Normen zwängt, durch Moralvorstellungen, Jugend- und Schönheitskult. Mal sind es andere Frauen, die sich im Wettstreit um den schlanksten Körper ihren Geschlechtsgenossinnen überlegen fühlen. Mal sind es sogar die eigenen Gedanken, die in Widerstand zum Stofflichen treten. Wahnsinn oder Wahrheit – das ist hier die Frage.

Diese Themen handelt die Autorin in ihren Erzählungen durch eine einzigartige Mischung aus Prosa, Märchen, Mystik, Tiefenpsychologie, Erotik, Sciencefiction und dunklem Humor ab. Weiterlesen

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Tara Isabella Burton: So schöne Lügen

Wer es in New York bis Dreißig nicht geschafft hat, wird es gar nicht mehr schaffen. Diese erbarmungslose Regel gilt im Dunstkreis der Reichen und Schönen. Louise ist 29 Jahre alt und wollte in New York Schriftstellerin werden. Dumm nur, dass sie nichts zu Papier bringt und sich mit drei schlechtbezahlten Nebenjobs notdürftig über Wasser hält. Da tritt die reiche Lavinia in ihr Leben. Jung, schön, blond, reich, exzentrisch. Sie nimmt Louise unter ihre Fittiche, staffiert sie aus, schleppt sie mit auf dekadente Partys, führt sie ein in eine Welt, die sich Louise immer erträumt hat, in die sie aber nicht zu passen scheint. Zumindest nicht, bevor sie radikale Entscheidungen trifft. Was folgt, ist eine Freundschaft zwischen Abhängigkeit, Dominanz und Unterwerfung. Tara Isabella Burton zeichnet das Bild einer Gesellschaft des Scheins, in der Likes und Follower mehr zählen, als echte Beziehungen. In der jeder nach immer neuen Extremen sucht, um sich interessant zu machen. In der Verbrechen ungestraft bleiben, da alle verlernt haben, hinzusehen und mitzufühlen.

Lavinia trägt Vintage-Kleidung, bricht in Parks ein, ist mit Künstlern sowie mit „nicht richtigen“ Prostituierten befreundet und geht auf Partys, in denen Zwerge mit Dildos performen. Sie ist ein klassisches It-Girl, obwohl sie eigentlich nichts leistet. Sie hat ihr Studium abgebrochen, um während eines Sabbaticals einen Roman zu schreiben, der sich grottenschlecht liest. Weiterlesen

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Barbara Pym: Vortreffliche Frauen (1952)

London nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mildred Lathbury ist eine Pfarrerstochter über Dreißig. Anders ausgedrückt: eine alte Jungfer! Zudem ist sie eine „vortreffliche“ Frau – fleißig, bescheiden, anspruchslos, stets um das Wohlergehen anderer bemüht. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, arbeitet halbtags für eine Organisation, die sich um verarmte Witwen kümmert und bringt sich in ihrer Freizeit in der Kirchengemeinde ein. Einen Mann vermisst sie nicht, dafür hat sie gute Freunde wie den Gemeindepfarrer Julian Malory und seine Schwester Winifred.

Mit dem beschaulichen Leben ist es vorbei, als das Ehepaar Napier in Mildreds Haus einzieht. Die Anthropologin und der ehemalige Marine-Offizier führen ein exotisches Leben. Sie trinken bevorzugt Wein statt Tee und debattieren doppelzüngig über allerlei anrüchige Themen, angefangen beim Klopapier bis hin zu italienischen Mätressen. Hinzu kommen ständige Streitereien. Von dieser Welt ist Mildred ebenso fasziniert, wie überfordert. Denn schneller als ihr lieb ist, wird sie in ein Ehe-Drama hineingezogen. Zum einen harmonieren die chaotische Helena und der ordnungsliebende Rockingham im Alltag nicht besonders. Zum anderen scheint sich Helena zu ihrem Kollegen, dem Anthropologen Everand Bone, hingezogen zu fühlen. Rockingham ist hingegen ein Charmeur und Frauenheld erster Güte. Auch Mildred ist gegen diesen Charme nicht immun. Wohl wissend, dass sich dies bei einem verheirateten Mann nicht gehört. Weiterlesen

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Hans Fallada: Malheurgeschichten (1930)

Galgenhumor vom Feinsten: Die Kurzgeschichten und Episoden dieses Buches handeln von Menschen, die scheitern, aber trotzdem weitermachen. Irgendwie. Hans Fallada, Autor von „Kleiner Mann, was nun“, macht weder vor Gutsherren, Beamten, Nazis, Bauern, Dieben, herrenlosen Weibern oder Sturköpfen aller Art Halt. Nach dem Motto: „Wenn neunundneunzig Dinge misslungen sind, kann das hunderste doch gelingen.“ Kann… muss aber nicht!

Ein gerissener Schneidergesell versucht, in einer spiegelverkehrten „Hans im Glück“-Geschichte ein paar Bauern hereinzulegen. Junge Wandersleute ziehen einen faulen Wirt über den Tisch, ein Bettler einen abergläubischen Verkäufer. Ehelicher Zwist kann durch Kleinigkeiten wie eine offene Tür hervorgerufen werden. Eine strenggläubige Gutsherrin will die sündige Magd zur Reinheit bekehren – ein Schuss, der böse nach hinten losgeht. Fallada hat ein untrügliches Gespür für die absurden Untertöne des Alltags. Besonders deutlich kommt dies in der Geschichte „Das Groß-Stankmal“ zum Tragen. Weiterlesen

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Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!

Der provokante Buchtitel lässt bereits auf den Inhalt schließen. Dafür sorgen auch Statements wie: „Menschenrechte enthalten nicht das Recht, dem Elend zu entkommen!“ Eine aus Indien stammende Dolmetscherin für die Asylbehörde schlägt in der Metro einem Migranten eine Weinflasche über den Kopf. Im Polizeirevier will der Beamte wissen, wie es dazu kommen konnte. Gemeinsam begleiten wir die Ich-Erzählerin zu ihrem auslaugenden Arbeitsalltag. In einer nicht enden wollenden Flut werden ihre ehemaligen Landsleute wie „Quallen“ in die Besprechungszimmer der Behörde gespült. Die Schleuser verkaufen den Männern nicht nur die Überfahrt und gefälschten Papiere, sondern auch die immer gleichen Geschichten, die sie vor den Beamtinnen vorbringen sollen. Bei näherer Befragung können diese jedoch schnell als Lügenkonstrukt entlarvt werden. Es gibt Männer, die behaupten, als Christen verfolgt worden zu sein. Doch sie wissen nicht, was an Weihnachten gefeiert wird oder wer die Heiligen Drei Könige sind. Es gibt Männer, die behaupten, von einer gegnerischen Partei bedroht zu werden, denen aber jegliche politische Grundbildung fehlt.

Mal reagieren die Antragsteller unterwürfig-devot, mal aggressiv-fordernd. Sie stammen aus einem Land, in dem arrangierte Ehe legitim sind und Frauen wenig zu sagen haben. Hier nun entscheiden zwei Frauen über ihre Zukunft! Weiterlesen

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Katrine Engberg: Blutmond

Die Kopenhagener Fashion Week im Januar, wenige Tage vor dem astrologischen Ereignis des Blutmondes: Modezar Alpha Batholdy bricht nach einem Event tot zusammen. Seine inneren Organe sind verätzt worden, offenbar durch eine stark basische Substanz wie Abflussreiniger, die während der Eröffnungsfeier in seinen Drink gelandet ist. Wenig später ereilt Sängerin Cara dasselbe Schicksal. Die Kopenhagener Polizei rund um Jeppe Korner und seine Kollegin Anette Werner versucht anhand von Zeugenaussagen und Social Media Selfies die Beziehungen der Akteure untereinander zu entschlüsseln. Das Problem: Jeppes bester Freund, der Schauspieler Johannes Ledmark, war mit beiden Opfern bekannt, hatte sie an den Abenden getroffen und sogar einen schweren Streit mit Alpha gehabt. Jeppe gerät in ein schweres Dilemma.  Soll er Johannes schützen? Wie gut kennt er seinen besten Freund wirklich?

In atemlosen Tempo und in bester skandinavischer Manier, präsentiert uns die Autorin routiniert ein sich immer schneller drehendes Roulette, das sich um die Frage „Who did it?“ dreht. Sie präsentiert uns eine ganze Reihe von Verdächtigen mit verschiedensten, starken Mordmotiven. Weiterlesen

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Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Dieser meisterhaft erzählte und psychologisch ausgefeilte Roman erzählt von fünf Frauen, die ihre Liebe im Ernstfall verloren haben. Die Gründe für das Scheitern ihrer Beziehungen sind so unterschiedlich wie die Charaktere der Frauen. Mal scheinen ihnen die Umstände übel mitzuspielen, meist aber müssen sie erkennen, den falschen Lebenswurf gewählt zu haben. Denn egal, was die eine hat und um das die andere sie beneidet – seien es Kinder oder Karriere, Stabilität oder Unabhängigkeit – sie alle sind unglücklich mit ihrer Situation.

Paulas Beziehung zerbricht durch den Tod des Kindes. Ihr Mann gibt ihr die Schuld an dem Unglück. Doch bei genauerer Betrachtung scheint schon Jahre zuvor ein Riss durch die vermeintliche Vorzeigefamilie gegangen zu sein. Während Paula um ihr Kind trauert, wird ihre beste Freundin Judith ungewollt schwanger. Die erfolgreiche Ärztin führt seit jeher Beziehungen zu reifen, verheirateten Männern und hält diese auf Distanz. Ihre wahre Liebe gilt den Pferden sowie ihrem Beruf. Auf Online-Plattformen sammelt sie Affäuren. Dies ändert sich erst, als sie Gregor kennenlernt. Zum ersten Mal scheint eine Langzeitbeziehung denkbar. Doch als sie das gemeinsame Kind heimlich abtrieben lässt, ohne ihn über ihre Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, kann er ihr diesen Vertrauensbruch nicht verzeihen. Weiterlesen

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Ingrid Noll: Goldschatz

Gegenstrom: So nennt sich eine alternative Studenten-WG, die Konsum ablehnt und auf Nachhaltigkeit setzt. Protagonistin Trixie hat das verfallene Bauernhaus ihrer Großtante geerbt. Statt es abreißen zu lassen, möchte sie es renovieren, da sie überzeugt ist, dass alte Gebäude eine Seele haben. Dieses waghalsige Vorhaben ruft sowohl bei Trixies Eltern, als auch bei diversen Handwerken Kopfschütteln hervor. Gemeinsam mit ihren vier Freunden will es Trixie der Wegwerfgesellschaft zeigen! Doch der Fund von mysteriösen Goldtalern und den Gebeinen eines Toten setzt der Landhausidylle ein Ende. Und was ist von Herrn Gläser zu halten, dem unheimlichen Nachbarn, der irgendwie in die Sache verwickelt ist?

Trixies Mitbewohner sind zum einen ihr fester Freund Henry, größter Verfechter der Konsumkritik, wortreicher Ideologieführer und Halbschotte. Hinzu kommen der gutaussende Frauenschwarm und Musiker Oliver, Trixies beste Freundin Saskia sowie die fleißige Martina, eine Pfarrerstochter mit Hang zur Esoterik. Bei dieser charakterlichen Gemengelage scheinen Konflikte vorprogrammiert. Aber zunächst stürzen sich alle gemeinsam in die Renovierungsarbeiten, schmieden Pläne und versuchen den entrümpelten Trödel auf Flohmärkten zu verkaufen. Ganz ohne Geld geht es nicht. Die Fenster sind undicht, es gibt keine Zentralheizung und nur ein Badezimmer. Daneben soll ein Gemüsegarten zur autarken Selbstversorgung entstehen. Weiterlesen

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Aravind Adiga: Golden Boy

Radha und Manju sind zwei sehr unterschiedliche Brüder, die von ihrem ehrgeizigen Vater zu künftigen Cricket-Profispielern gedrillt werden. Während der ältere Radha mit seinem Filmstaraussehen das Rampenlicht genießt, ist das Spiel dem jüngeren Bruder bisweilen verhasst. Dies liegt nicht nur am strengen Vater und seinen dogmatischen Regeln. Manju entdeckt außerhalb des Cricketplatzes noch eine ganz andere Welt – die Welt der Naturwissenschaften, der Liebe, der Freiheit. Ausleben kann er nichts davon. Denn er muss den Traum seines Vaters erfüllen. Dieser sieht als armer Chutney-Verkäufer aus dem Slum, dem die Ehefrau weggelaufen ist, keine andere Möglichkeit zum sozialen Aufstieg in Mumbai, als über eine Sportlerkarriere seiner Söhne.

Nicht nur der Vater ist hinter dem Ruhm der Jungen her. Talentsucher, Sponsoren, Medien… sie alle befeuern sogar die Rivalität unter den Brüdern. Doch je älter sie werden, desto mehr begehren sie auf. Da ist die reiche Sofia, mit der Radha eine Beziehung eingeht. Da ist der ebenso wohlhabende Moslem Javed, Radhas größter Konkurrent, der sich jedoch zu Gedichten und einem freigeistigen Leben hingezogen fühlt. Zwischen Angst und Agonie, Selbstbestimmung und Familientradition, Verleugnung und Erkenntnis, versuchen die Jungen ihren Weg zu gehen. Wo der Druck zu groß ist, entlädt er sich auf unterschiedlichste Weise – zur Not mit Gewalt. Weiterlesen

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Ali Smith: Es hätte mir genauso

Die schottische Autorin Ali Smith ist Meisterin darin, aus alltäglichen Situationen das Abgründige hervorzulocken, das sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich realistisch entpuppen kann. Auch die in diesem Roman beschriebene Dinner-Situation entwickelt sich so abstrus wie (un-) möglich. Ein Mann verlässt die Tischrunde und schließt sich im Gästezimmer ein. Auf Tage, Wochen, Monate – ohne ein Wort der Begründung. Zunächst werden alte Freunde aktiviert, die ihn zum Herauskommen bewegen sollen, da Hausherrin Genevieve brachiale Polizeigewalt wie das Aufbrechen ihrer wertvollen Altbauvillatür aus dem 19. Jahrhundert ablehnt. Als jedoch Fernsehteams, Esoterik-Jünger und Friedensaktivisten die Nachbarschaft bevölkern, wittert die Gastgeberin plötzlich ganz neue Einkommensmöglichkeiten…

Wer ist dieser Miles Garth, der sich im Gästezimmer verbarrikadiert hat? Niemand scheint ihn richtig zu kennen. Um den mysteriösen Gast zu beleuchten, greift Ali Smith zu einem literarischen Kunstgriff: Sie lässt das Phantom Miles durch die Augen verschiedenster Protagonisten langsam Gestalt annehmen. Da ist eine Jugendfreundin, die ihn auf einer Reise durch Europa kennengelernt hat. Da ist eine verwirrte Frau im Altersheim, da die hochbegabte Nachbarstochter, welche ihm heimlich Zettel unter der Tür durchschiebt. Wie sich das Bild von Miles nach und nach schärft, ist faszinierend zu verfolgen. Plötzlich macht alles Sinn, die Puzzleteilchen fügen sich zusammen. Am Ende steht die Frage im Raum: Ist Miles verrückt – oder sind wir es?

Ein Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Verlauf der Dinner-Gesellschaft. Ali Smith hat diese meisterlich beschrieben. Weiterlesen

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