Stephan Thome: Besser als nie

Der deutsche Schriftsteller Stephan Thome wurde 1972 im hessischen Biedenkopf geboren. Heute lebt und arbeitet er in Taipeh (Taiwan).
2009 erschien sein Romandebüt „Grenzgang“ über das real existierende Heimatfest in seiner Geburtsstadt Biedenkopf, die in dem Buch „Bergenstadt“ heißt. Der „Grenzgang“ ist ein jahrhundertealtes Ritual, bei dem ursprünglich die Stadtgrenzen von Biedenkopf kontrolliert wurden.
Der Roman „Grenzgang“ wurde 2013 unter der Regie von Brigitte Maria Bertele verfilmt und gewann den Grimme-Preis. Die Hauptfiguren Thomas Weidmann und Kerstin Werner wurden in dem Film von Lars Eidinger und Claudia Michelsen gespielt.
Am 21. Juli 2026 erschien der neue Roman von Stephan Thome „Besser als nie“ im Suhrkamp Verlag.

Endlich ist wieder „Grenzgang“ in Bergenstadt

Stephan Thome führt die Lesenden von „Besser als nie“ nach siebzehn Jahren wieder an den Schauplatz seines ersten Romans nach Bergenstadt, wo nach neunjähriger (statt siebenjähriger) Pause wegen der Corona-Pandemie endlich wieder der traditionelle „Grenzgang“ stattfinden soll.
Und plötzlich steht die Tradition des Festes in der Diskussion: Linda Preiss, die Schulsozialarbeiterin, hat angeboten, als Reiterin beim Aufmarsch der Gesellschaften auszuhelfen. Und das in der absoluten Männerdomäne. Und dann ist da noch die Figur des „Mohren“, die von den Medien kritisch beleuchtet wird. 

Viel zu tun für den Bürgermeister der Stadt und Ex-Ehemann von Kerstin, Jürgen Bamberger, zumal sich auch seine Tochter Janina negativ über das Fest äußert. Kerstin und Thomas, die Hauptfiguren aus dem Debüt von Stephan Thome, sind verheiratet. Kerstin arbeitet in dem Tanzstudio ihrer Freundin Karin und engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Thomas ist Schulleiter des Städtischen Gymnasiums.

Linda Preiss, Karins Tochter, und Daniel Werner, Kerstins Sohn, sind ein Paar. Dass ihr Kind Mattis Kerstins Enkel ist, weiß sie zunächst nicht. Daniel lebt im Baltikum und lässt sich selten in Bergenstadt blicken.
Während die Vorbereitungen auf den „Grenzgang“ laufen und die öffentlichen Diskussionen über Tradition, Werte und Wandel mitunter bösartige Züge annehmen, mühen sich die Protagonisten in Thomes Geschichte mit ihren eigenen Sorgen, Nöten und Einstellungen ab.

„Besser als nie“ von Stephan Thome ist ein aktueller Gesellschaftsroman 
Dabei integriert Stephan Thome in „Besser als nie“ aktuelle gesellschaftliche und politische Konflikte wie Migration, Rassismus, Geschlechteridentitäten, Diskriminierung, Social Media etc., die nicht nur in einer fiktiven Kleinstadt wie Bergenstadt das Miteinander der Menschen beeinflussen. So wird aus „Besser als nie“ ein Gesellschaftsroman, ein Spiegelbild der gegenwärtigen, brisanten Zeiten.
Es sind vor allem die starken Dialoge, die Thomes Buch tragen und ihm das Interesse der Leserinnen und Leser sichern. Denn der fast 500 Seiten lange Roman hat Längen und wird durch etliche Rückblenden nicht übersichtlicher. Gelegentlich schlich sich ob der gemächlich dahinplätschernden Erzählweise Langeweile bei mir ein.
Stephan Thomes Figuren haben sich seit dem ersten Roman „Grenzgang“ weiterentwickelt. Er bringt ihnen Sympathie und Wohlwollen entgegen. Wiewohl sich Thome als Autor im gesamten Buch mit Kritik oder persönlicher Meinung zurückhält.
Er beschreibt, erzählt und lässt seine Figuren reden, wie z.B. das Ex-Ehepaar Jürgen und Kerstin nach dem Erscheinen eines Artikels zum Heimatfest, dem „Grenzgang“, im Bergenstädter Boten:
„»Wie kam es eigentlich zu deinem Gespräch mit Frau Rammert?«, fragt er.
»Ich stand bei Räucher-Willy in der Schlange und konnte ihr nicht ausweichen. Manchmal fürchte ich, dass der Fisch vergammelt, während er ihn einpackt.«
»Was war dein Eindruck von ihr? Ist sie auf einem Kreuzzug?«
»Mein Lieber, für jeden, der von woanders kommt, ist der Fall glasklar. Also such die Schuld nicht bei ihr!«
»Die Leute wollen sich nun mal nicht vorschreiben lassen, wie sie ihr Fest feiern dürfen. Nicht von Auswärtigen, die es nie gefeiert haben.«
»Wenn du ehrlich bist, denkst du genauso.«
»Trotzdem darf ich nicht ignorieren, wie es von außen aussieht.«“ (S. 48/49)

Am Ende bin ich als Lesende froh und atme mit Jürgen, Kerstin, Thomas, Karin, Linda, Daniel, Janina und all den anderen auf, wenn das Fest, der „Grenzgang“, endlich beginnt.

Stephan Thome: Besser als nie
Suhrkamp Verlag, Juli 2026
490 Seiten, Gebunden, 28,- Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.