Ruth-Maria Thomas (Jahrgang 1993) hat ihren zweiten Roman geschrieben. „Die zweitgrößte Liebe“ ist am 30. Juli 2026 bei dtv erschienen.
Mit „Die schönste Version“, ihrem Debüt aus dem Jahr 2024, war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Mit ihrem neuen Buch scheint sie an den Erfolg des Erstlings anzuknüpfen.
Arme Ostdeutsche trifft wohlhabenden Westdeutschen
Mishelle, Shelly genannt, ist pleite. Sie muss ihren Schmuckladen in einer Lausitzer Kleinstadt schließen. Die Corona-Pandemie hatte sie zur Aufnahme von Krediten gezwungen, die sie nicht mehr bedienen kann. Übrig bleiben Schulden. Mishelle beschließt wegzugehen. Sie verabschiedet sich von ihrem Bruder, steigt auf ihre Vespa und fährt Richtung Westen.
In Hamburg angekommen, bewirbt sie sich in einem Luxushotel. Im Arbeitsvertrag nennt sie sich Michelle:
„Sie hatte gedacht, es würde sie erleichtern. Endlich weg von dem fatalen Rechtschreibfehler ihrer Mutter, die ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben in ihren und den Namen ihres Bruders, Maurice, gesteckt hatte.“ (S. 24)
Sie arbeitet zunächst in der Bar, dann an der Rezeption. Sie spart, um ihre Schulden zu bezahlen. Sie wohnt in einem winzigen Zimmer, nimmt Essensreste und liegen gelassene Dinge aus dem Hotel mit. Und sie lernt Henry kennen. Henry ist der Sohn wohlhabender Eltern, der Vater Mediziner, die Mutter Juristin. Henry arbeitet in der Finanzbranche und hatte nie Geldsorgen. Er verliebt sich in Michelle. Und Michelle? Sie denkt an ihre Schulden und ihren Kontostand. Sie traut dem neuen Leben an Henrys Seite nicht. Während Henry alles tut, um Michelle von diesem Leben mit ihm zu überzeugen, trifft Michelle ihre eigene Entscheidung.
Geld oder Liebe
Ruth-Maria Thomas schreibt lesenswert, ihre Charaktere sind stark und schwach zugleich, ihre Dialoge stimmig. Nur ihre Milieu-Zeichnung (hier unverschuldet arm – da unverdient reich) gerät zum ärgerlichen Klischee. Dazu später mehr.
Sie hat sich wieder für das Thema Ungleichgewicht in Beziehungen zwischen Frauen und Männern entschieden. In „Die schönste Version“ war es Gewalt, hier ist es Geld. In „Die zweitgrößte Liebe“ dreht sich alles um die Frage, wie viel sozialen, kulturellen und finanziellen Unterschied hält die Liebe aus? Thomas’ Figuren beantworten diese Frage sehr unterschiedlich. Henry möchte mit Geld den Unterschied ausgleichen, um der Liebe willen. Michelle glaubt, dass Geld die Liebe korrumpiert. Das kann kaum zu einem Happy End führen. Und tut es auch nicht.
Ruth-Maria Thomas setzt in ihrer Geschichte auf die Unvereinbarkeit der Gegensätze: Ost – West, wenig Geld – viel Geld, Frau – Mann, Lüge – Wahrheit und Misstrauen – Vertrauen.
Das Schließen von Kompromissen kommt für die Figuren nicht in Frage. Entweder meine Seite oder deine.
Und das ist eine große Schwäche des Romans. Warum diese Schwarz-Weiß-Milieu-Malererei? Wahrscheinlich, so vermute ich als Lesende, zieht der Roman daraus seine Spannung. Denn wer würde sich sonst für diese Liebesgeschichte interessieren, die die bekannten Ost-West-Vorurteile stärkt, alte Rollenbilder präsentiert und nur „Die zweitgrößte Liebe“ ist?
Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe
dtv, Juli 2026
304 Seiten, Hardcover, 24,- Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
