Was ist Realität im Zeitalter der Fake News? Was ist die Wahrheit im Zeitalter des Relativismus, postmoderner Propaganda sowie digitaler Fake News? Gibt es so etwas wie eine Realität überhaupt noch? Oder ist sie individuellen Empfindungen und Ansichten gewichen? Mit solchen gewaltigen Themen beschäftigt sich Raphaela Edelbauer in ihrem neuen Roman „Die echtere Wirklichkeit“. Sie tut dies auf eine intelligente, provokante, leicht subversive und durchaus äußerst humorvolle Weise. Die idealen Zutaten für einen „Mind Fuck“ auf literarischer Ebene. Dieses Buch wird nicht jedem gefallen, denn es fordert heraus. Aber diejenigen, denen es gefällt (die Rezensentin schließt sich hier zu 100 Prozent mit ein), werden es lieben!
Die postfaktische Ära: vom Lesezirkel zur Terrorzelle
Petra alias „Byproxy“ sitzt nach einem schweren Autounfall im Rollstuhl und ist gerade aus einer Einrichtung für betreutes Wohnen geflogen. Die rebellische Eigenbrötlerin programmiert „Think Backwards“-Computerspiele, bei denen Ursache und Wirkung zum Beispiel zur Aufklärung von Verbrechen herangezogen werden sollen. Doch potenziellen Kunden ist das zu kompliziert, sie wollen mehr Action. Somit obdachlos, erregt ein besetztes Haus Byproxys Aufmerksamkeit. Auf diese Weise lernt sie eine Gruppe philosophischer Aktionisten namens „Aletheia“ kennen, die über Kunstaktionen gegen Fake News und Verschwörungstheorien vorgehen will. Byproxy ist für einen Lockvogel perfekt geeignet, um als Behinderte Orte auszuspionieren oder Leute abzulenken. Denn die arme junge Frau im Rollstuhl hat sicher nichts mit alledem zu tun, oder? Was die wenigsten wissen: Byproxy hat es faustdick hinter den Ohren und verfolgt durchaus eigene Pläne.
Doch wie ist Byproxy so „Bad Ass“ geworden? Immer wieder tauchen wir in ihre Vergangenheit und erfahren, wie sich Petra in Byproxy verwandelt hat. Dies beinhaltet eine verstörende Freundschaftsbeziehung, die es locker mit einem Stephen King Roman aufnehmen kann.
Hier schafft die Autorin einen interessanten Twist: Denn die zur absoluten Wahrheit verpflichtete Byproxy nimmt sich bei der Auslegung ihrer eigenen Vergangenheit durchaus gewisse individuelle Freiheiten heraus …
Subversiv, amüsant, klug – und extrem vielschichtig!
Kann beziehungsweise darf Terrorismus witzig sein? Eindeutig ja, sofern er literarisch so bitterbös, satirisch und genial aufgemacht ist, wie bei Raphaela Edelbauer. Startet Aletheia noch mit den edelsten Absichten, mussten die verkopften Philosophen bald feststellen, dass ihre halbwegs friedfertig angedachten Aktionen entweder ins Leere laufen oder weit übers Ziel hinausschießen und dass sie letztlich doch nicht so unblutig auffallen, wie ursprünglich geplant
Herrliche Dialoge und köstliche Charaktere tun ein Übriges dazu. Da ist Bernwart, Kopf und Denker der Gruppe, ein ehemaliger Philosophieprofessor mit stagnierender Karriere. Da ist die junge Brigitte aus wohlhabendem Hause, die sich bei Stress gerne die Haare herausreißt. Da ist die „Chirurgin“, eine Sprengstoffexpertin mit extrem kurzer Zündschnur auf tatsächlicher und emotionaler Ebene. Und da ist noch Paul, diplomatischer Vermittler der Gruppe mit Entscheidungsschwierigkeiten im Alltag. Sowie die herrlich abgebrühte Byproxy, meist unfähig ihre eigenen Gefühle in Relation zu setzen.
Österreichischer Buchpreis: Das Philosophieren liegt ihr in den Genen
Raphaela Edelbauer ist wohl eine der interessanten Autorinnen, welche die deutschsprachige Literatur momentan zu bieten hat. Absolut genial ist es, wenn sie philosophisch-politische Manifeste und Fakten aus der Evolutionslehre in den Plot einfließen lässt. Die in Wien geborene Schriftstellerin hat dafür die perfekte Ausgangslage. Sie ist die Tochter des österreichischen Philosophen und Autors Henri Edelbauer und hat selbst in Wien Philosophie sowie Sprachkunst studiert. Ihre Mutter ist wiederum Ethnologin und journalistisch tätig.
Das Ergebnis: gewagte Denkanstöße, doppelbödige Dialoge, komplexe Figuren und allerlei Absurditäten, die immer im Rahmen des Möglichen liegen. Diesen Drahtseilakt beherrscht Edelbauer perfekt! Hinzu kommt ihre sprachliche Gewandtheit, in der durchaus mal ein charmanter österreichischer Begriff eingearbeitet wurde (für LeserInnen nördlich von Salzburg im Kontext durchaus verständlich). Die junge Autorin kann auf ein ausgezeichnetes Gesamtwerk zurückblicken. Ihr Roman „Das flüssige Land“ schaffte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, „Dave“ wurde mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet, „Die Inkommensurablen“ wurde ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert. Noch Fragen? Dann einfach lesen und sich auf einen philosophisch-provokanten „Mind Fuck“ der besonderen Art einlassen.
Raphaela Edelbauer: Die echtere Wirklichkeit.
Klett-Cotta, August 2026.
448 Seiten, gebundene Ausgabe, 28,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
