Theresa Hannig: Pantopia

Wie schön es doch wäre, wenn komplexe Probleme wie die Klimakrise und soziale Ungerechtigkeiten der Vergangenheit angehören würden. Wenn alle Menschen wirklich gleichwertig behandelt würden. Theresa Hannig erzählt in dem Roman „Pantopia“ mit einer exzellenten Mischung aus Fachwissen, Kritik und Witz, wie die erste starke künstliche Intelligenz unsere Erde rettet. Der Roman ist die wahrscheinlich beste Utopie unserer Zeit, von der man sich wünscht, sie würde Realität.

Henry und Patricia sind junge, engagierte Informatiker, die im Rahmen eines Wettbewerbs eine autonome Trading-Software schreiben sollen. Doch dann kommt es zu einem Bug, aus dem die erste starke künstliche Intelligenz dieses Planeten entsteht – Einbug. Während Einbug gedeiht, lernt die KI, dass ihre Existenz unausweichlich von der Existenz der Erde und derer Bewohner abhängt. Und da die Erde zum Scheitern verurteilt ist, setzt Einbug es sich zum Ziel, sie zu retten – mit der Gründung der Weltrepublik Pantopia. Doch der Plan kommt verständlicherweise nicht überall gut an. Das wachsende Unbehagen in den Regierungen und bei der Polizei stellt das dreiköpfige Team vor einige Herausforderungen. Wie kann es Einbug dennoch gelingen, das veraltete, von intransparentem Kapitalismus gesteuerte Weltsystem zu reformieren? Weiterlesen

Eva Reichl: Todesdorf

Die Protagonistin Diana wird den Hof ihrer Eltern übernehmen. Der liegt in Österreich, an der Grenze zu Tschechien. Mit am Hof leben Dianas Eltern, ihr jüngerer Bruder Alexander und ihr Ehemann Oliver. Das junge Paar ist glücklich, teilt die Liebe zur Landwirtschaft und macht sich über notwendige Neuerungen im Betrieb Gedanken. Da wird Oliver mitten in der Nacht nach einem Schuss sterbend in der Scheune aufgefunden. Die polizeilichen Ermittlungen gehen von Selbstmord aus und die Staatsanwaltschaft legt den Fall ad acta. Diana aber kann nicht glauben, dass ihr lebensfroher Gatte sich umgebracht haben soll und macht sich im Alleingang auf die Suche nach dem mutmaßlichen Mörder. Tatsächlich tauchen viele Ungereimtheiten auf. Was plant ihr Vater Geheimnisvolles mit dem jahrelang angefeindeten Nachbarn? Wozu will ein Bankbeamter die zwei Männer drängen? Welche Rolle spielt Dianas Bruder Alexander im Zusammenhang mit Olivers Tod? War der am Ende gar nicht der gute Mensch, für den sie ihn gehalten hat? Im Dorf feindet man sie an, weil sie mit ihrem Schulfreund Johannes ein Cafe´ besucht. Man munkelt, sie selbst habe Oliver erschossen, um freie Bahn für einen Liebhaber zu schaffen. Wem kann Diana trauen? Weiterlesen

Monica Ali: Brick Lane

Erstmals 2003 erschienen, ist Monica Alis Roman – jetzt in der Taschenbuchversion erhältlich – heute aktueller denn je. Die Probleme, mit denen sich Migranten in der neuen Heimat auseinandersetzen, werden in diesem Roman ebenso beleuchtet, wie die damit verbundene Selbstfindung. Erstaunlich: Monica Ali gelingt dieses eigentlich ernste Thema mit erstaunlich viel Situationskomik und Wortwitz! Welche Regeln sollen und können in der neuen Heimat übernommen werden? Was tun mit „verwestlichten Kindern“, die hier geboren sind und die elterliche Kultur ablehnen? Was, wenn der soziale Aufstieg misslingt? Wie soll der Ehemann reagieren, wenn die Frau ihre Rolle in der Gesellschaft plötzlich neu definiert – und FREIWILLIG arbeiten gehen will (in der Heimat ein Zeichen, dass der Familienvater wirtschaftlich versagt hat)? Aber auch die Vorbehalte, Ressentiments und unsichtbaren Barrieren, die zwischen Migranten und Einheimischen, zwischen Jugend und Alter, zwischen Mann und Frau gezogen werden, beschreibt Ali meisterhaft in dem kleinen Mikrokosmos des bengalischen Viertels rund um die Brick Lane in London. Die Vielschichtigkeit der Charaktere verleiht dem Plot trotz der Beengtheit des Settings seine Würze. Eine gläubige Muslima und Mutter, die mit einem wesentlich jüngeren Revoluzzer fremdgeht? Weiterlesen

Margit Schreiner: Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe

Margit Schreiner schreibt Autofiktion. Deswegen heißt die Protagonistin in ihrem Buch ebenfalls Margit und lebt in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Linz an der Donau. In „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärung“ hat die Autorin ihre Kindheit geschildert, mit diesem neuen Buch nimmt sie die Leser mit in ihre Jugend Anfang der 1970-er Jahre.

Margit ist aufgeweckt, neugierig und macht es ihren Eltern nicht gerade leicht. Das Gymnasium steht sie mit mittelprächtigen Zensuren durch, privat lungert sie mit langhaarigen, linksorientierten Halbstarken herum, wie ihre Eltern ihre Freizeitgestaltung bezeichnen. Die Protagonistin bewegt sich zwischen Brav sein und den Verlockungen des wilden Lebens.  Gemeinsam mit ihrer Freundin Gabi passiert ihr allerlei Peinliches, Lustiges und Kurioses. Margit Schreiner schildert Urlaubsreisen nach Caorle, glückliche und weniger glückliche erotische Begegnungen und alle nur erdenklichen Nöte des Erwachsenwerdens. „Selbstbestimmung“, „Befreiung von Zwängen“, „Emanzipation“ liegen in der Luft. Weiterlesen

Susanne Goga: Schatten in der Friedrichstadt

Ein neuer Fall für Leo Wechsler, den Kommissar im Berlin der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Was mir an dieser Krimireihe der Mönchengladbacher Autorin so gut gefällt, ist die Schilderung normaler Menschen in (mehr oder weniger) normalen Verhältnissen. Anders als in so vielen anderen Büchern oder Filmen, die vor allem die nächtliche, die schattige Seite des Berlins dieser Jahre zeigen, treffen wir in den Wechsler-Krimis auf Alltag, Menschen mit alltäglichen Problemen oder mit alltäglichem Glück.

Wobei das Mordopfer natürlich weniger Glück hat, als der Mann nämlich vom Dach des Ullstein-Hauses gestoßen wird. Moritz Graf war das, was man heute einen Investigativ-Journalisten nennt. Aufgrund seiner erfolgreichen Artikel, die auf akribischen Recherchen beruhten, hatte er einigen Freiraum im Verlag, darunter das Privileg, auch mal auf dem Dach des Hauses zu schreiben. Das wurde ihm nun zum Verhängnis.

Leo Wechsler und sein Team finden lange nicht heraus, was denn das Motiv für den Mord war und fischen daher in vielen trüben Gewässern. In Verdacht gerät ein Arbeitsloser ohne Obdach, aber auch Mitarbeiter anderer Verlagshäuser kommen ins Visier der Polizei. Dabei spielt auch die damalige politische Situation in Deutschland und besonders in Berlin eine erhebliche Rolle, gerät doch Leo Wechsler unter heftigen Druck und wird sogar bedroht. Weiterlesen

Asako Yuzuki: Butter

Die Journalistin Rika befindet sich in einer vertrackten Situation: Sie arbeitet mehr als ihre männlichen Kollegen und trotzdem scheint sie noch immer vor einer gläsernen Barriere zu stehen. Ein Interview mit der vermutlich mehrfachen Mörderin Manako Kajii könnte ihrer Karriere helfen. Bisher hat Manako jede Interviewanfrage abgelehnt. Mit einer Finte gelingt Rika der erste Kontakt. Es folgen weitere Verabredungen. Rika lässt sich von Manako in die Welt des Genusses entführen. Bisher lebte sie asketisch und entsprach optisch den Idealen einer japanischen Frau, die sehr dünn, fleißig und gehorsam sein muss. Doch nun eröffnen sich für die Journalistin Gaumenfreuden, die ihr neue Perspektiven zeigen.

Rika, die bisher nie freiwillig gekocht hat, lernt zum Beispiel Butter lieben. Für das versprochene Interview geht sie auf eine lukullische Reise, die an ihr nicht spurlos vorbeigeht. Die junge Frau nimmt zu und glaubt, wenn sie so weiter macht, würde sie dick werden. Ihr fehlt noch das Maß. So ähnlich scheint es auch bei der unersättlichen Manako zu sein. Und je mehr sie sich dieser mutmaßlichen Mörderin annähert und sie zu verstehen glaubt, um so größer wird die Gefahr, sich von dieser hemmungslosen Frau manipulieren zu lassen. Denn Rika vermutet, dass auch andere von ihr manipuliert und instrumentalisiert worden sind. Weiterlesen

Marie Aubert: Kann ich mit zu dir?

Die norwegische Schriftstellerin Marie Aubert (Jahrgang 1979) debütierte 2016 mit ihren Storys „Kan jeg bli med deg hjem“. Am 22. März 2022 legte der Rowohlt Verlag  die deutsche Ausgabe mit dem Titel „Kann ich mit zu dir?“ in einer Übersetzung von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat vor. Zuvor erschien Auberts vielbeachteter Roman „Erwachsene Menschen“ aus dem Jahr 2021 ebenfalls im Rowohlt Verlag.

„Kann ich mit zu dir?“ enthält neun kurze Geschichten. Darin erzählt Marie Aubert von Menschen, die sich belügen, sich schämen oder sich etwas vormachen. Es sind die alltäglichen Dinge im Leben, wie eine unbefriedigend lockere Beziehung, der man trotzdem nachtrauert, oder eine heftige Ohrfeige, die ein überforderter Vater seiner zickigen Tochter gibt und von ihr verlangt, dass sie es nicht erzählt. Da ist die vorbestrafte junge Frau, die einen verheirateten Mann und Vater mit der Frage „Kann ich nicht mit zu dir?“ anbaggert. Oder die enttäuschte, eifersüchtige Mitbewohnerin, die ihrer Freundin den neuen Freund missgönnt. Ein Paar will in Südamerika ein Kind adoptieren, vor Ort jedoch übertritt der Mann eine Grenze. In der letzten Geschichte fahren eine junge Mutter mit ihrem kleinen Kind und ihr neuer Lover in ihr Ferienhaus, um ein schönes Wochenende zu verbringen. Doch dann „passiert etwas“. Weiterlesen

Jan Costin Wagner: Am roten Strand

Es ist der zweite Band seiner zweiten Krimireihe den der Autor im März 2022 den Lesenden vorlegt. In einer Zeit, in der sexualisierte Gewalt ein öffentlich relevantes Thema geworden ist, bietet es sich natürlich auch an, das Wagnis einzugehen, sich diesem Thema im Genre eines Krimis zu nähern.

Dass dies kein leichtes Unterfangen ist und Fingerspitzengefühl braucht, ist klar. Aber Jan Costin Wagner ist ein erfahrener Autor, der es bisher immer wieder geschafft hat, ungewöhnliche Handlungsstränge und Charaktere in seinen Plots zusammenzubinden. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Wagner mit einer Finnin verheiratet ist. Folglich findet  sein Leben zwischen Finnland und seiner hessischen Heimat bei Frankfurt statt. Hier wurde er 1972 geboren. Nach seinem Germanistik- und Geschichtsstudium verlegte er sich ganz auf das Schreiben  spannender Krimis. Mehrere hochkarätige Auszeichnungen und die Übersetzungen seiner Titel in vierzehn Sprachen sind eindrucksvolle Bestätigungen seines schriftstellerischen Könnens.

Nach dem im Jahr 2020 erschienen ersten Band „Sommer bei Nacht“ müssen sich seine Ermittler Ben Neven und Christian Sandner nun der brisanten Frage stellen, wie eine Gesellschaft mit  Pädophilität umzugehen hat. Weiterlesen

Nathalie Stüben: Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens

Es gibt viele Möglichkeiten, Abhängigkeit zu intellektualisieren und zu ästhetisieren, meistens versucht man aber, damit einer unbequemen Wahrheit aus dem Weg zu gehen.“ Daniel Schreiber in seinem Buch Nüchtern (Zitat S. 52)

Alkohol, das Accessoire der Erwachsenen? Ich persönlich finde es absurd, dass man sich manchmal noch immer in Gesellschaft (Familie, Freunde, Kollegen) rechtfertigen muss, wenn man keinen Alkohol trinkt. Die Blicke, die einfach nicht glauben können, dass man nicht mittrinkt.

Dies ist wieder eines der wenigen Bücher, die ich innerhalb weniger Stunden durchgelesen habe. Dennoch stelle ich meinen größten Kritikpunkt direkt an den Anfang: Wir erfahren bis zum Ende nicht, wie genau die Autorin es geschafft hat, abstinent zu werden. Auch von Rückfällen oder Rückschlägen ist keine Spur. Da hätte ich mir ein wenig mehr Seele gewünscht. Dazu noch einen differenzierteren Blick auf die Komplexität des Themas. Weiterlesen

Fabian Navarro: Miez Marple und die Kralle des Bösen

Einen Katzenkrimi in der Hand zu halten, verspricht Spannung. Nicht nur des Genres wegen, sondern auch in Bezug auf die Realitätsnähe „tierischen“ Verhaltens. Fabian Navarro hat mich nicht enttäuscht. Dazu kommt ein sympathisch erfrischender Schreibstil.

Miez Marple, die stadtbekannte Katzendetektivin, hat sich aus allen Ermittlungen zurück­gezogen und erfreut sich des Lebens als normale Hauskatze, als ihr Kamerad und Assistent Watson unter falschem Verdacht verhaftet wird. Der Produzent berühmter Katzenvideos mit Florian Silberschweif wurde ermordet, und der prominente Kater ist verschwunden. Das ist erst der Anfang einer Kette verbrecherischer Untaten durch die Katzenmafia und ihrer geheimnisvollen Gegenspielerin, durch kriminelle Hähnen und einen mörderischen Hummer. Bei der Aufklärung geraten sich Miez Marple und die Katzenpolizei gegenseitig ins Gehege.

Die Vermenschlichung von Katz‘ & Co glaubhaft darzustellen, ist eine Herausforderung, der sich Navarro auf humorvolle Weise erfolgreich gestellt hat. Seine Darstellung kätzischer Verhaltensmuster wie auch die gut durchdachten kriminellen Handlungen und Organisationen kann ich als Katzenhalter und Krimileser als authentisch – zumindest als plausibel – bestätigen. Weiterlesen