Stefan Hertmans: Der Aufgang

Der belgische Autor Stefan Hertmans kauft ein altes Haus in Gent und stellt bald fest, dass dort früher ein gefürchteter Nazi-Kollaborateur im SS-Offiziersrang mit Hitler-Büste auf dem Kaminsims gewohnt hat. Anhand von Tagebuch-Aufzeichnungen seiner Familienmitglieder und persönlichen Gesprächen rekonstruiert er den Lebensweg dieses Mannes und der Menschen in seinem Umfeld.

Herausgekommen ist ein lesenswerter Mix aus Sachbuch und Roman, der die Atmosphäre während der Nazizeit in einem von den Deutschen besetzten und durch seinen Flamenkonflikt ohnehin zerrissenen Land wie Belgien sehr gut widerspiegelt.

​Willem Verhulst – so heißt der Nazi – stellt gnadenlos Listen mit Menschen zusammen, die in die Konzentrationslager gebracht werden. Gleichzeitig hat er Angst, auf die Straße zu gehen, als der Wind sich dreht. Weiterlesen

Jonathan Lee: Der große Fehler

Am Freitag, dem 13. November 1903, wird Andrew Haswell Green im Alter von 83 Jahren vor der Tür seines Wohnhauses in der New Yorker Park Avenue niedergeschossen. Sein Mörder wird am Ort des Geschehens dingfest gemacht, das Motiv der Tat bleibt jedoch unverständlich.

Jonathan Lee, gebürtig in England, aber inzwischen in New York lebend, hat in seinem Roman einen historisch verbürgten Kriminalfall aufgegriffen. Andrew Green war zu seiner Zeit eine angesehene Persönlichkeit von New York. Er gilt als der Vater von Greater New York, weil er einer der treibenden Kräfte beim Zusammenschluss von Brooklyn und Manhatten war. Auf seine Initiative geht der Central Park zurück und zudem mehrere bedeutende Gebäude – die New York Public Library, der Bronx-Zoo, das American Museum of Natural History oder auch das Metropolitan Museum of Art. Heute ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Grund genug, ihm ein Buch zu widmen.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der letzte Tag im Leben des Andrew Green, der Tag seiner Ermordung. Von hier aus beschreibt Lee die Ermittlungsarbeit von Inspector McClusky, der auf der Suche nach dem Motiv für die Tat so manches verwirrende Gespräch führen muss. Weiterlesen

Andrea Schomburg & Barbara Scholz: Mattwoch, der 35. Miau

Was ist denn das, ist dieses Buch voller Fipptehler und Bachstubendreher? Nein, nein, aber es ist Mattwoch der 35. Miau, und da ist bei Herrn Käsemeer alles ein bisschen besonders. An diesem speziellen Tag hat er nämlich freu. Und so begleiten wir ihn nach seinem Haferflecken-Frühstück durch einen verrückten Tag voller Waldschwane, Klopperschlingen und Furchtbären.

Andrea Schomburg präsentiert mit ihrem neusten Kinderbuch ein rasantes Buchstabenspektakel, das Eltern und Kindern Spaß macht. Nicht nur in den Zwei- bis Fünfzeilern auf jeder Seite, sondern auch in den Illustrationen finden sich zahlreiche Wortspielereien, bei denen auch Erwachsene gelegentlich überlegen müssen, welches Wort da verdreht wurde. Dabei sind die bunten Seiten von Barbara Scholz so verrückt und wirr gestaltet wie der Text selbst. So können (Vor-)Leser und Zuhörer auch nach wiederholtem Lesen immer noch Neues entdecken. Weiterlesen

Hoeps & Toes: Der Tallinn-Twist

Für Außenstehende mag es eine Beförderung sein, doch für die betroffene Marie Vos sieht die Entsendung nach Tallinn schwierig und zugleich gefährlich aus. Sie soll den ermordeten Assistenten der Leiterin der Taskforce ersetzen und inoffiziell den Maulwurf finden, der Russland mit Insiderwissen versorgt. Im Mittelpunkt stehen die unterbrochenen Vertragsverhandlungen über Tallinns Wasserwerke und eine Privatisierung mit weitreichenden Folgen. Kaum ist Marie in Tallinn eingetroffen, gipfeln die politischen Unruhen in Gewaltausbrüchen. Unterschiedlich motivierte Gruppierungen schüren in der Bevölkerung Ablehnung und Hass auf die EU, so dass Mordanschläge jede Bewegungsfreiheit der EU-Vertreter nahezu unmöglich macht. In diesem aufgeputschten Gerangel um Meinungs- und Machthoheit sucht Marie den Verräter.

Das deutsch-holländische Autorenduo Hoeps & Toes hat nach dem erfolgreichen Polit-Thriller Die Cannabis-Connection ein brisantes Thema aufgegriffen. Der Themenbereich Korruption mit EU-Geldern und der Kampf um Ressourcen wird am Beispiel von Estland aufgezeigt. Im Fokus stehen dabei auch die Tricksereien, mit denen Russland in osteuropäischen Ländern systematisch Einfluss gewinnt. Weiterlesen

Richard Kadrey: Sandman Slim 01: Höllendämmerung

Magier sein ist nicht schwer, Magier bleiben dagegen sehr. Davon weiß auch der 19-jährige Stark aus L.A. ein Lied zu singen – der, dank eines missleidigen Konkurrenten zur Hölle fuhr und dort in der Arena Karriere machte – long Story. Nach elf langen, harten und schmerzhaften Jahren in der Hölle gelingt Stark nun die Flucht. Eines hat ihn die Jahre über aufrecht gehalten – der Wunsch nach Rache.

Also hübsch alles zurück auf Los und dann aber gib ihm. Nur, dass es natürlich so einfach weder ist, noch je sein wird. Denn merke, nicht nur, dass sein alter Widersacher und Mörder inzwischen zu einem der ganz großen Tiere, also zum mächtigen Magier in Los Angeles avanciert ist, dieser beabsichtigt auch, sich zum Herrscher über Himmel und Hölle aufzuschwingen. Im Weg steht ihm dabei naturgemäß unser Stark, der mit seinem vorlauten Mundwerk und seiner Sturheit jeden Rekord in Sachen ins Fettnäpfchen treten locker schlägt.

Dazu kommt, dass unser Rächer in eigener Sache die technische Entwicklung, die während seines Höllenbesuchs stattfand, schlicht verpennt hat – die Probleme mit der modernen Technik strapaziert seine Geduld und unsere Lachmuskeln. Da kommt es wirklich gut, dass Stark zwei Dinge hat, auf die er blind bauen kann – einen Schlüssel zu einem Raum mit 13 Türen, durch die er jeden Ort erreichen kann und das Messer von Azazel, dem Höllengeneral. Also, so einfach wie gedacht, ist das mit der Rache dann natürlich doch nicht und schon wird es für unsere höllenerprobten Stark ungemütlich auf Erden … Weiterlesen

Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken

Heinrich Pohl treibt im indischen Ozean und weiß nicht, warum. Da hilft nur eine gute Portion Konfabulation, die Kunst, Gedächtnislücken durch frei erfundene Begebenheiten auszufüllen. Möglichst fantasievoll. Heinrich klammert sich an eine mit Styropor ausgekleideten Hartplastikbox und ernährt sich von Bier, das in Dosen an ihm vorbeischwimmt. Dass er von einem Lama, einem Clown, einem Aktenkoffer mit mörderischem Inhalt und einem bald untergehenden Klavier umgeben ist, macht es ihm zunächst nicht einfacher zu verstehen, was passiert ist.

Dies ist das wunderbare Anfangs-Szenario, das einen Titel wie „Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken“ verdient. Beim Lesen vergisst man schnell, dass das Ende des Heinrich Pohl hier bereits melancholisch vorweggenommen wird.

Vor seinem Hinuntergleiten in die Tiefen des Meeres erinnert Heinrich sich an seine Kindheit, an seine Außenseiterstellung in der Familie und besonders an seinen Onkel Wendelin, dessen Antiquitätengeschäft in München seine wahre Heimat gewesen ist. Dort stand auch ein Klavier … was noch nicht erklärt, warum dieses nun langsam im indischen Ozean untergeht. Weiterlesen

Madame Nielsen: Lamento

Ein Abgesang auf die Liebe, wie es ihn in dieser schonungslosen, literarischen Radikalität kaum gibt. Aus Verliebtheit wird Liebe, aus Liebe wird Hass. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, zeichnet die Stationen ihre Beziehung nach, richtet das Geschriebene vage an ihre Leser sowie an ihre inzwischen erwachsene Tochter. Von Anfang an lässt die Autorin keinen Zweifel: Diese Liebesgeschichte wird nicht gut ausgehen. Nicht genug, dass sie an ihrer eigenen Leidenschaft verbrennt. Sie muss auch noch weitere Brandleichen am Wegesrand zurücklassen, in diesem Roman sogar sprichwörtlich. Das Klagelied, das Lamento, wirkt auf mehreren Ebenen.

„Die Verliebtheit kann so heftig sein, fiebrig, verzehrend, dass die Liebe, die aus ihr entstehen soll, eine Enttäuschung wird, die Welt kehrt zurück, die Zeit fängt an zu vergehen, und es fühlt sich an wie Verlassensein und Verrat, auf einmal ist man einander entrissen und keine inzestuös verwachsenen Zwillinge mehr, sondern jeder ist seine eigene Welt und muss dem anderen in die Augen sehen.“ (S. 156).

In diesem Plot ist kein Platz für lauwarme Gefühle, es gibt nur Höhepunkte und Höllen, ein „zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt.“ Jung ist sie, die Schriftstellerin, als sie den ebenso jungen Dramaturgen nach einem Theaterstück kennenlernt. Berauscht von Liebe ziehen sich die beiden in ihr Nest zurück, trinken Wein aus dem Mund des anderen, lesen einander Geschichten vor, fahren mit dem Fahrrad durch kalte, skandinavische Nächte. Doch kaum hat sie seinen Antrag angenommen, der ihr rückblickend wie eine Inszenierung vorkommt, beginnt das Glück sich aufzulösen. Weiterlesen

Agnes Krup: Leo und Dora

Die deutsche Schriftstellerin Agnes Krup lebt und arbeitet in Berlin und in Sharon, einer Stadt im Bundesstaat Connecticut, USA. Der Roman „Leo und Dora“, der am 14. März 2022 im Aufbau Verlag erschienen ist, ist ihr dritter Roman.

Die Geschichte von „Leo und Dora“ spielt im Sommer 1948. Leopold Perlstein arbeitet bei einer Versicherungsagentur in Tel Aviv, Palästina. Auf Einladung seiner Agentin Alma Liebreich soll er den Sommer in ihrem Landhaus in den Vereinigten Staaten von Amerika verbringen, um endlich seine Schreibhemmung zu überwinden. Vormals war Perlstein ein bekannter Schriftsteller in Wien. In der Nazizeit emigriert er nach Palästina. Seine Frau Helene geht mit der Tochter Gabriele nach Bombay.

Nach einer langen Schiffsreise und einem kurzen Stopp in New York City, fährt Leo mit dem Zug nach Sharon in Connecticut. Leider ist Almas Landhaus kurz zuvor abgebrannt, Alma und ihr Ehemann Hugo befinden sich auf einer Reise nach Buenos Aires, Argentinien.

Leo kommt missgelaunt im Gästehaus von Miss Dora unter. Miss Dora ist Witwe und betreibt ihr kleines, etwas heruntergekommenes Hotel, das „Roxy“, mit Leidenschaft, der Junge Anton und die Köchin Frau Kniffel helfen ihr. Leo macht Bekanntschaft mit dem ehemaligen Politiker Joel Geringer, der nun Klematis züchtet, und mit seiner Frau Asha. Weiterlesen

Sylvia Wage: Grund

„Mein Vater lag tot auf dem Grund des Brunnens.“ Der erste Satz von Sylvia Wages Debutroman schockiert und fasziniert zugleich.

Der Augenblick, in dem die namenlose Erzählfigur sachlich und nüchtern den Tod ihres Vaters konstatiert, ist Ende und Anfang zugleich. Ersteres, weil für alle Beteiligten etwas abgeschlossen wird. Darin liegt zugleich der Anfang, weil der Umstand, dass eine Leiche zu entsorgen ist, die Familie zu gemeinsamen Anstrengungen und damit zu Kommunikation zwingt.

Sylvia Wage erzählt die Geschichte einer nach außen hin normalen Familie. Die perfiden Manipulationen, mit denen der Vater seine Frau und die drei Kinder seinem Willen unterordnet, bleiben hinter verschlossenen Türen. In Rückblenden werden unterschiedliche Anpassungsstrategien und die daraus resultierenden Verletzungen und Zerstörungen geschildert. Während die Mutter ihre Verzweiflung mit Alkohol ertränkt, wird die ältere Schwester zum verlängerten Arm des Vaters und die jüngere kämpft um Anerkennung. Seite um Seite nähert sich der Bericht jener Nacht Weihnachten 1993, in der die Erzählfigur, das mittlere Kind, den Vater in das selbst gegrabene Loch im Keller stieß und ihn damit vor der Außenwelt verschwinden ließ. Nun, reichlich zwanzig Jahre später, gilt es, die Leiche zu entsorgen, ohne dass Nachbarn oder die inzwischen demente Mutter davon etwas mitbekommen. Weiterlesen

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

Beim Rezensieren dieses Buches schlagen wieder einmal zwei Herzen in meiner Brust. Stilistisch ist dieser Roman genial, die Sätze sind geschliffen, plastisch, witzig und so nah am Leben, dass es schmerzt. Inhaltlich aber enttäuscht er, es fehlt Spannung, Dynamik, Handlung.

Erzählt werden in Ich-Form die Erlebnisse einer jungen Frau – wir erfahren ihren Namen nicht – die mit Freund und kleinem Kind neu in einer dänischen, sehr dörflich strukturierten Kleinstadt ankommt. Sie ist mit Kind und Dorfleben reichlich überfordert, eckt immer wieder an mit ihrer spontanen, etwas rüpelhaften und viel zu ehrlichen Art, mit ihren leicht sarkastischen Bemerkungen, die an den Bewohnern abprallen wie ein Ball vom Boden. Als roter Faden ziehen sich durch den Roman ihre immer wiederkehrenden, endlosen Fahrstunden, mit denen sie diverse Fahrlehrer verschleißt, das Fahren dabei aber nicht lernt. Das Kind wird derweil bei einer Tagesmutter betreut, die ebenso wie alle anderen um sie herum, nicht mit allerlei Ratschlägen zur Kindererziehung spart. Weiterlesen