Abigail Assor: So reich wie der König

Die 16-jährige Sarah ist eine Schönheit. Sie lebt in den 90er Jahren im Armenviertel von Casablanca.  Als Französin darf sie das Gymnasium besuchen, ohne Schulgeld bezahlen zu müssen. Sie träumt von einem Leben in Sorglosigkeit, ein reicher Ehemann wird ihr irgendwann dazu verhelfen. Schon jetzt lässt sie sich von Jungs bzw. jungen Männern aushalten. Als sie eines Tages von Driss hört, der reich wie ein König sein soll, steht ihr Entschluss fest: Sie wird ihn erobern und heiraten, dann ist sie die Königin. Ihr Aussehen eröffnet ihr den Zugang zu besser gestellten Gruppen, sie verbirgt geschickt, aus welchen Verhältnissen sie kommt – keiner ihrer Mitschüler bzw. der Jungs, von denen sie sich anbaggern und abschleppen lässt, weiß, wo sie wohnt, lieber nimmt sie zwei Stunden Fußweg zur Schule auf sich.

Driss wiederum stammt aus einer reichen muslimischen Familie, er fährt Motorrad, trinkt Pfefferminzlimonade. Ist verklemmt und nicht unbedingt gutaussehend. Für Sarah ist das kein Hindernis. Seine thymiangrünen Augen erinnern sie an Rindertajine, sie sind ein Versprechen, eine Vorahnung der glücklichen Zukunft.

In ihrem Roman beschreibt Abigail Assor das Leben in der Millionenstadt Casablanca, im Roman nur „Casa“ genannt.  Wenn Sarah auf ihren Wegen durch die Straßen der Stadt läuft – durch die Wohngebiete der Reichen ebenso wie durch die Armenviertel, bekomme ich einen Eindruck von vielfältigen Sinneseindrücken. Weiterlesen

Goliarda Sapienza: Tage in Rebibbia (1983)

Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Die Autorin Goliarda Sapienza (1924–1996) hatte alle Karten in ihrem Leben ausgereizt, und es schien, dass all ihre Entbehrungen umsonst gewesen waren. Zehn Jahre hatte sie an ihrem Lebenswerk geschrieben, unter Depressionen gelitten, und die Verleger lehnten ihr unkonventionelles Manuskript ab. Wäre sie ein Mann gewesen, hätten die Verleger vermutlich das umfangreiche Buch herausgebracht. Aber das literarische Werk hatte eine moderne, unabhängige Frau geschrieben. Mittel- und obdachlos stand sie da, und keiner wollte sie für ihre Arbeit entlohnen. Und weil sie eine Dekade lang nur für ihr Opus lebte, gab es in dieser Zeit auch keine Veröffentlichungen, die für sie sprachen.

Goliarda Sapienza hatte also alle Karten ausgespielt und wie jeder andere lebendige Mensch Hunger und andere Bedürfnisse. Wer keine Gönner oder Spender zur Hand hat, der greift schon mal zu. Also griff sie zu und erleichterte eine Bekannte. Statt den Wertgegenstand zu versilbern, wurde sie geschnappt, verurteilt und landete 1980 am Ende des Sommers für ein paar Monate in einem römischen Frauengefängnis. Dieses hatte gerade einige Reformen durchlebt: Es gab keine Nonnen mehr als Aufsichtspersonal, und die Gefängniskleidung wurde abgeschafft. Nun regelten die inhaftierten Frauen ihren Alltag zum Teil eigenständig. Weiterlesen

Helen Cullen: Der Riss, durch den das Licht eindringt

Die Irin Helen Cullen lebt in London. 2019 erschien ihr erster Roman „Die verlorenen Briefe des William Woolf“. Nun veröffentlichte der Wilhelm Goldmann Verlag (Wunderraum) am 14. Juni 2022 Cullens zweiten Roman mit dem Titel „Der Riss, durch den das Licht eindringt“. Jörn Ingwersen übersetzte das Buch aus dem Englischen.

Helen Cullens „Der Riss, durch den das Licht eindringt“ trägt einen sperrigen deutschen Titel. In der Originalausgabe von 2020 heisst das Buch „The Truth Must Dazzle Gradually“ und stammt aus einem Gedicht von Emily Dickinson.

Der Roman startet am Heiligabend im Jahre 2005 mit dem Selbstmord von Maeve Moone. Maeve hinterlässt ihren Mann Murtagh und die Kinder Nollaig, Tomás, Dillon und Sive. Murtagh ist Töpfer. Die Familie lebt auf der kleinen irischen Insel Inis Óg.

Danach springt Cullen nach Dublin in das Frühjahr des Jahres 1978 zurück, in dem sich die Amerikanerin Maeve und der Ire Murtagh kennenlernen, und erzählt die Familiengeschichte der Moones bis zum Heiligabend des Jahres 2015. Weiterlesen

Nathalie C. Kutscher: Ylva: Die verlorene Königin

Gespannt war ich auf den Genremix aus Lesbian Romance und Fantasy. Wie von Nathalie C. Kutscher gewohnt, erwartete mich auch in „Ylva: Die verlorene Königin“ eine einfühlsam und liebevoll geschilderte Beziehung, bei der sich die Erotik dezent im Hintergrund hält. Die abenteuerliche Fantasy zeigt sich lebendig und recht gewaltarm.

Während Ylva als Kind zu ihrem Schutz vor dem Weltenwolf Yadaei vom Königshof ihres Vaters einem abgelegen lebenden Clan anvertraut wird, wächst Nara zur Kriegerin heran, Yadaei soll den Eroberungsdrang ihres Volkes unterstützen und das Königreich Aluja von Ylvas Vater unterwerfen. Als Kinder begegnen sie sich in ihren Träumen, bei ihrem ersten Zusammentreffen sind sie in den Zwanzigern. Bis dahin haben sich ihre unterschiedlichen Verhältnisse zu Yadaei gefestigt. Doch ist ihre Rolle als Wolfshüterin anders, als sie sich vorgestellt haben. Weiterlesen

Marianne Cronin: Die hundert Jahre von Lenni und Margot

Herzerwärmend und berührend sind die Adjektive, die mir als erstes einfallen, um diesen Roman zu beschreiben. Mit überwältigendem Einfühlungsvermögen erzählt uns die Autorin in ihrem Erstling die Geschichte von zwei ganz und gar unterschiedlichen Frauen.

Lenni ist siebzehn und wird sterben. Margot ist 83 und wird sicher ebenfalls in absehbarer Zeit sterben. Die beiden begegnen sich im Krankenhaus und beschließen, ihre gemeinsamen genau einhundert Jahre in Bildern festzuhalten.

So beginnen sie für jedes Jahr ihres bisherigen Lebens ein Bild zu malen, und während das geschieht, erzählt die eine der anderen die jeweilige Geschichte dazu.

Geschrieben ist der Roman (fast) durchgängig aus Lennis Perspektive, die den Krankenhausalltag mit so intensiven wie lakonischen Worten beschreibt, dass die Leserin eine Gänsehaut bekommt. Besonders ihre Begegnungen mit Pater Arthur, den sie immer dann in der Krankenhauskapelle besucht, wenn eine Schwester Zeit hat, sie dorthin zu bringen, sind berührend und die Gespräche zwischen dem alten Geistlichen, der vor seinem Ruhestand steht, und dem jungen Mädchen, das bereits am Ende seines Lebens angekommen ist, machen sehr nachdenklich und wirken lange nach. Weiterlesen

Jarrett J. Krosoczka: Hey, Kiddo

Es gibt Bücher, die beim Lesen etwas auslösen, insbesondere wenn ein Thema viele Menschen jenseits der Überholspur beschäftigt. Dem amerikanischen Autoren und Zeichner Jarrett J. Krosoczka ist dies gelungen, in dem er seine persönliche Geschichte erzählt und damit tendenziell an die des legendären Tellerwäschers erinnert. Denn der Unterschied zwischen reich und arm ist riesengroß geworden und hat damit die Chancenungleichheit zementiert. Armut ist ein Synonym für schlechte Bildung, gering bezahlte Jobs, eine unbezahlbare Krankenversicherung, ein Wohnungsumfeld mit Kleinkriminalität und Bandenkriegen, bei denen Unbeteiligte ins Schussfeld geraten können. Kinder, die in einem schwierigen Umfeld groß werden, haben selten die Chance, die traurige Karriere ihrer Eltern hinter sich zu lassen, um ihre eigene zu finden.

Hey, Kiddo ist so eine Geschichte. Der kleine Jarrett wird so von seiner heroinsüchtigen Mutter genannt, die aufgrund ihrer Erkrankung seine ganze Kindheit und Jugend verpasst. Der Großvater Joe sorgt dafür, dass Jarrett bei ihm und seiner Frau Shirley aufwächst. Dort lebt er im Kreis seiner jungen Tanten und Onkel. Die ganze Zeit wird Jarrett von Alpträumen heimgesucht, die ihn nicht loslassen wollen. Vermutlich haben die drogenabhängigen Freunde seiner Mutter einen bleibenden Eindruck bei dem kleinen Jarrett hinterlassen. Weiterlesen

Clarice Lispector: Ich und Jimmy

Jimmy weiß, wie Liebe, Sex und Beziehung funktionieren. In der titelgebenden Kurzgeschichte lässt sich eine junge Frau auf seine Argumentation ein und nimmt ihn schließlich auf eine Weise wörtlich, die ihm nicht behagt.

In den Geschichten der brasilianischen Autorin Clarice Lispector stehen Frauen im Mittelpunkt, junge Mädchen und ältere Damen, Hausfrauen, Ehefrauen, Angestellte, Prostituierte. Die Autorin beschreibt einen exemplarischen Moment im Leben ihrer Protagonistinnen. Die Erzählanlässe erscheinen teilweise banal – eine Zugfahrt, bei der sich zwei Frauen gegenüber sitzen, ein Strauß Rosen, der verschenkt werden soll oder vielleicht auch nicht, die Verabschiedung der Mutter nach dem Besuch. Hinter dem alltäglichen Rahmen versteckt sich jedoch besonderes Erleben. Konträr dazu wird die Rache von zwei Frauen an ihrem untreuen Liebhaber so unspektakulär erzählt, als handle es sich um ein paar gestohlene Kartoffeln.

In den meisten Geschichten geht es weniger um die Handlungen, vielmehr tauche ich in die Gedankenwelt der Frauen ein, begleite sie auf den verschlungenen Pfaden von Assoziationsketten und Erinnerungen, werde zur Mitwisserin versteckter Hoffnungen oder verschämten Egoismus. Es zeigen sich Wesenszüge, die tief unter der Oberfläche verborgen sind. Weiterlesen

Anke Girod: Smilli Green und das zauberhafte Fräulein PurPur

Als die zehnjährige Smilli auf dem Flohmarkt ein altes, verrostetes Kästchen mit einem geheimnisvollen Blumensamen findet, weiß sie sofort, dass dieser etwas ganz Besonderes ist. Dafür hätte sie die mysteriöse Warnung des Verkäufers und die rätselhafte Inschrift gar nicht gebraucht. Ihr bester Freund Nick hingegen ist skeptisch – klar, er ist ja auch nicht so in Kräuter vernarrt wie Smilli. Als dann aber die Blume innerhalb eines einzigen Tages wächst und die schönste Blüte formt, die die beiden je gesehen haben, ist auch er überzeugt, dass ihr Fund mehr ist, als er zu sein scheint. Und damit nicht genug: Die schöne Blüte wechselt ständig die Farbe: Mal ist sie Violett, dann wieder Rosa und manchmal wird sie sogar schwarz und wirkt wie abgestorben. Smilli und Nick setzen alles daran, das Geheimnis der Blume zu lüften, denn vor allem Smilli ist sich sicher: Das könnte ihre Rettung sein. Weiterlesen

Gary Shteyngart: Landpartie

Der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Gary Shteyngart (Jahrgang 1972) wurde mit dem Namen Igor Semyonowitsch Shteyngart in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren und emigrierte Ende der 1970er Jahr mit seinen jüdisch russischen Eltern in die USA . Dort gilt er heute als Kultautor. Der Penguin Verlag veröffentlichte am 23. Mai 2022 seinen Roman „Landpartie“ in einer Übersetzung von Nikolaus Stingl.

In „Landpartie“ von Gary Shteyngart findet sich im Frühjahr 2020 eine kleine Gesellschaft von Intellektuellen und Künstlern auf der Flucht vor der Corona-Pandemie in der Nähe von New York City auf einem Landgut am Hudson ein. Der Besitz, der aus einem Haupthaus und fünf Holz-Bungalows (nach dem Vorbild einer kleinen russischen Kolonie) besteht, gehört dem aus Russland immigrierten Schriftsteller Alexander (Sasha) Borisovich Senderovsky. Hier lebt er gemeinsam mit seiner Frau Masha, einer Psychiaterin, und seiner (verhaltensgestörten) Adoptivtochter Natasha (Nat). Allerdings ist das Anwesen in die Jahre gekommen und überall zeigen sich Anzeichen des Verfalls. Senderovskys einstiger Ruhm ist verblasst, und er benötigt dringend eine Einnahmequelle, um seine Ausgaben zu decken. Diese erhofft sich Senderovsky von dem berühmten Schauspieler, den er neben seinen Freunden aus Highschoolzeiten in die Bungalow-Kolonie eingeladen hat. Nach und nach treffen die Gäste ein: Karen Cho, reiche Erfinderin einer erfolgreichen Dating-App, Vinod Metha, krebskranker außerordentlicher Ex-Professor und Koch, Ed Kim, wohlhabender Weltreisender und Dee Cameron, ehemalige Studentin von Senderovsky. Letztere trägt ihren Namen in Anspielung auf Boccaccios „Il Decamerone“ aus dem 14. Jahrhundert zu Zeiten der Pest. Shteyngart gibt diesen Figuren, Dee ausgenommen, ausländische (überwiegend asiatische) Wurzeln. Weiterlesen

RJ Barker: Gezeitenkind 01: Die Knochen-Schiffe

72 Menschen fuhren auf der „Gezeitenkind“, als Joron Twiner noch deren Schiffsmann war, nur dass „fahren“ das falsche Wort ist, lag das Schiff doch heruntergekommen und kaum seefähig an der Küste im Wasser. Dass er seine Crew, allesamt Gesindel und Taugenichtse, nicht kannte, dass er nicht nur ab und zu, sondern immer betrunken war, ja, vor Schiff und Mannschaft floh, wenn es nur ging, machte ihn nicht unbedingt zum besten Schiffsfmann der schwarzen Schiffe der Toten. Theoretisch können sich der Verurteilte und die auf die Schiffe abgeschobene Besatzung durch herausragende Kämpfe und Heldentaten wieder in die Allgemeinheit zurückkämpfen – von den Toten also auferstehen – doch ist dies seit Generationen auf den Hundertinseln nicht mehr vorgekommen.

Alles, aber wirklich alles ändert sich, als Meas Gilbryn, die „Glückliche Meas“, an Bord kommt und das Kommando übernimmt. Sie befiehlt das Schiff gen Norden fliegen zu lassen, um dort eine geheime Mission auszuführen, die undenkbar scheint. Ihr wurde zugetragen, dass man einen Arakeesianer gesichtet hat, einen Lindwurm, aus dessen riesenhaften Knochen die Schiffe der einander bekriegenden Reiche gebaut sind. Weiterlesen