Stell dir vor: Eines Morgens wachst du auf und deine Eltern sind verschwunden. Zurückgelassen haben sie nur eine kurze Nachricht und etwas Geld. Du bist erst 13 Jahre alt und plötzlich der Erwachsene.
„Mein Blick fällt auf einen Briefumschlag, …, für Paul und Michi, von Mama und Papa, steht darauf.“ S. 26
Dieser Satz fährt mir wie ein Stich ins Herz, weil es so unvorstellbar ist, dass eine Mutter oder ein Vater tatsächlich einfach so ihre Kinder im Stich lassen können, nur um „rüberzumachen“, wie damals in der DDR das Abhauen in den Westen so leichthin genannt wurde.
Der 13-jährige Paul und seine erst 9 Jahre alte Schwester Michaela werden im Spätsommer 1989 von ihren Eltern im Stich gelassen, weil diese im „goldenen Westen“ ihr Glück versuchen wollen. Vielleicht planen sie tatsächlich ihre Kinder nachzuholen und verlassen sich darauf, dass die Großmutter sich in der Zwischenzeit um die beiden kümmert. Es ist eine Zeit der großen Unsicherheit und sozialen Umbrüche. Aus Angst vor dem Kinderheim begeben sich die Geschwister auf ihre eigene Flucht, zu Fuß, quer durch die Tschechoslowakei, um über Österreich nach Westdeutschland zu gelangen, und dort ihre Eltern wieder zu finden. Fortan muss Paul der Erwachsene sein, der weiß, was zu tun ist. Und er tut alles, um seine Schwester zu beschützen. Um ihr die Furcht zu nehmen und trotz ihrer prekären Lage, tarnt er ihre Reise als harmloses Spiel, das sie gewinnen müssen.
Diese abenteuerliche Geschichte ist frei erfunden. Sie ist nicht traurig, sondern voller Hoffnung, Liebe und Kraft. Trotzdem trägt sie eine tiefe und bestürzende Wahrheit in sich. Fast körperlich fühlt man beim Lesen Pauls Erschöpfung und die warme Geborgenheit, die er seiner Schwester schenkt. Beides gleichzeitig.
„Für diesen Moment sind wir … keine Heimkinder ohne Eltern.“ S. 59
Die Geschichte wird erzählt aus der kindlichen Perspektive von Paul. Trotz des federleichten Schreibstils, der sich sehr flüssig lesen lässt, und der positiven Entwicklung der Protagonisten, spürt man auch eine Schwere, denn die Fälle, in denen es Kindern so ging wie Paul und Michaela, gab es wirklich. Sie lässt den Leser nachdenklich zurück, weil sie aufzeigt, wie politische Systeme, egal in welcher Zeit, immer wieder Anlässe schufen, die am Ende dazu führten, dass gerade diejenigen, für die sie da sein sollten, Kinder und ihre Eltern, auseinander gerissen wurden. Es hat mich sehr berührt, mitzuerleben, wie Pauls Kindheit Stück für Stück immer mehr verloren geht und er dennoch am Ende nicht mit leeren Händen dasteht. Besonders gern mochte ich die kleinen Hinweise auf Dinge, Worte und Rituale, die nur ein echtes DDR-Kind verstehen wird, aber auch die Kapitelüberschriften, die mich immer wieder neugierig auf das nächste Kapitel gemacht haben.
Krisz Hardy: September-Kinder 89: Über alle Grenzen.
Neissuferverlag, August 2026.
252 Seiten, Broschur, 18 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Antje Lehnert.
