Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

In seinem nach „Union Atlantic“ (2009) zweiten Roman widmet sich der US-amerikanische Schriftsteller Adam Haslett dem Thema Depression. „Stellt euch vor, ich bin fort“ heißt das Werk. Haslett begleitet eine Familie über viele Jahre, die damit klarkommen muss, dass sich Vater John wegen seiner psychischen Erkrankung das Leben genommen hat.

Reizvoll an diesem Buch ist, dass es abwechselnd und sehr glaubwürdig die unterschiedlichen Perspektiven der Familienmitglieder einnimmt. Da ist Sohn Michael, der ebenfalls mit starken Angststörungen leben muss. Er hat Schwierigkeiten, eine Frau und einen Job zu finden. Seinen beiden einzigen Interessen gelten der Funk-Musik und dem Schicksal der Schwarzen in den Zeiten der Sklaverei. Er ist sehr kreativ und fantasievoll, was sich immer dann im Roman widerspiegelt, wenn aus seiner Sicht berichtet wird. Weiterlesen

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Alex Wheatle: Liccle Bit

Bits Chance, abzurutschen, sieht gar nicht mal so schlecht aus. Trotz seines Zeichentalents und den guten Freunden. Denn sein Vater lebt bei der neuen Familie und hat für ihn seit Jahren keine Zeit mehr. Seine Mutter ebenso. Ständig muss sie für kleines Geld Doppelschichten arbeiten. Auch Elaine, seine große Schwester, die früher immer für Bit da war, weiß gerade nicht, wie es mit ihr weiter gehen soll. Vor etwa zwei Jahren hat sie sich von Manjaro, dem Chef der Gang in South Crongton schwängern lassen. Wie soll sie allein ein Studium organisieren, wenn ihr kleiner Sohn Jerome keine Betreuung hat? In Bits Ohren scheint die häusliche Stimmung nur noch aus Schimpfen und Schreien zu bestehen.

Zur gleichen Zeit ködert Manjaro Bit mit Geld und kleinen Aufträgen. Einer besteht aus dem Transport eines Päckchens. Kurz darauf wird ein Mitglied der North Crongton Gang erschossen. Bits bester Freund McKay sieht zwischen dem Päckchen und dem Toten einen Zusammenhang. Und dann stirbt wieder ein Junge, dieses Mal aus Manjaros Gang. Weiterlesen

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Daniel Galera: So enden wir

Der Brasilianer Daniel Galera (Jahrgang 1979) machte erstmals hierzulande von sich reden mit seinem Roman „Flut“, der 2013 als erstes seiner Bücher auf Deutsch erschienen ist und auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Gastland Brasilien vorgestellt wurde.

Nun legt der Suhrkamp Verlag im März 2018 sein neues Buch „So enden wir“ in einer Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner vor.

Drei Mitte Dreißigjährige, zwei Männer und eine Frau, treffen sich auf der Beerdigung eines alten Freundes, Andrei Dukelsky (genannt Duke), im Sommer 2014 in Porto Alegre, im Süden Brasiliens wieder.

Aurora, Antero, Emiliano und der verstorbene Duke bildeten in ihrer Studentenzeit eine Freundes-Clique von jungen Intellektuellen zu Beginn des Internetzeitalters. Weiterlesen

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Jordan Harper: Die Rache der Polly McClusky

Polly McClusky ist 11 Jahre alt. Ein eher schüchternes Mädchen, in der Schule eine Einzelgängerin. Ihren Vater kennt sie kaum, da er seit Jahren im Gefängnis sitzt. Doch unvermittelt steht er vor ihr und setzt sein Leben für sie aufs Spiel. Im Gefängnis hat er ein Mitglied der Aryan Steel umgebracht – genauer gesagt den Bruder des Anführers – und nun ist auf Polly ein Kopfgeld ausgesetzt. Nate will um jeden Preis verhindern, dass sie einem Bandenmitglied in die Finger fällt. Und so beginnt eine wilde Flucht durch Kalifornien, bei der sich Vater und Tochter näher kommen.

Die Idee an sich ist nicht schlecht, ein schöner netter Road-Movie, eine etwas andere Vater-Tochter-Geschichte. Leider hapert es aber in der Umsetzung – sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der sprachlichen Ebene. Weiterlesen

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Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Das ist der Blick durch ein Schlüsselloch. Man sieht auf der anderen Seite eine Welt, von der man quasi nichts weiß. Vielleicht schlimmer noch, eigentlich gar nichts wissen will. Warum ist das so? Ich fühlte mich während der Lektüre dieses interessanten, wohl fast schon autobiographischen Romans, irgendwie immer sowohl neugierig als auch abgeschreckt. Stellen wir uns dieses Hochhaus vor. Voller Kurden. Irgendwo in Deutschland. Das Haus hat sich wie ein Magnet vollgesogen mit Menschen aus der gebeutelten kurdischen Heimat.

Und sie haben alle ihre Weltanschauungen, ihren mehr oder weniger ausgelebten Islam und ihre Familienehre mitgebracht.  Die Älteren versuchen verzweifelt sich an dem wenigen zu klammern, was einen Menschen noch geradeaus laufen lässt, die Jüngeren versickern in dem neuen Land, dass ihnen selten genug eine neue Heimat bieten kann, außer vielleicht hier und da eine Ausbildung oder gar eine Arbeitsstelle. Weiterlesen

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Antti Tuomainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof

Übelkeit, Schwindelgefühl, Schmerzen. Jaakko ist zum Arzt gegangen, um sich Antibiotika verschreiben zu lassen, damit die lästigen Symptome verschwinden. Es stellt sich heraus, dass er nicht an einem grippalen Infekt leidet, sondern schleichend vergiftet wurde, wichtige innere Organe sind schwer geschädigt. Es gibt nichts, was der Doktor noch für ihn tun kann. Jaakko bleiben Tage, vielleicht Wochen. Als er das Naheliegende tun und mit seiner Frau Taina sprechen will, ist sie zu beschäftigt, um ihn überhaupt zu bemerken. Sie vögelt gerade im heimischen Garten mit dem Fahrer der Firma, welche die Eheleute gemeinsam aufgebaut haben.

Das Leben, in dem es sich Jaakko gemütlich gemacht hat, ist vorbei. Nicht nur Tainas gutes Essen, das Jaakko hat fett werden lassen, oder die Tätigkeit als Geschäftsführer im eigenen Unternehmen, das mit Matsutake-Pilzen handelt, nicht nur der beschauliche Alltag im finnischen Hamima mit Blick aufs Meer – nein, das Leben an sich. Das Sein. Weiterlesen

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John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Die 16-jährige Aza leidet unter den verschiedensten Angststörungen. Sie hat ständig Angst vor Bakterien und Keimen oder davor, sich irgendwo zu infizieren oder anzustecken. Deshalb ist das Leben auf der High-School für sie alles andere als einfach. Zum Glück hält ihre Freundin Daisy zu ihr und kennt sich mit ihren Problemen aus. Als Daisy vorschlägt, den verschwundenen Milliardär Russel Pickett zu suchen, ist Aza dennoch alles andere als begeistert. Vor Jahren war sie etwas verschossen in dessen Sohn Davis, deswegen glaubt Daisy nun, es müsse Aza leichtfallen, den Vater zu finden. Immerhin geht es um eine Belohnung von 100.000 Dollar – was man damit alles anstellen könnte!

Beim eigentlichen Lesen des Romans stellt sich dann heraus, dass die Suche nach Russel Pickett sehr schnell in den Hintergrund gerät. Alles dreht sich im Wesentlichen um Aza und die macht nicht gerade viel, um den verschwundenen Mann zu finden. Weiterlesen

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Sebastian Guhr: Die Verbesserung unserer Träume

Lichtjahre von der Erde entfernt haben Menschen in einem unbedeutenden Sonnensystem eine Stadt gebaut. Die Oneiropole sollte Symbol einer neuen, besseren Gesellschaft werden. Aber Rheit ist ein feindseliger Planet und die früheren Ideale der Siedler sind längst zu hohlen Phrasen verkommen – soviel (und etwas mehr) verrät bereits der Klappentext des sonderbaren und besonderen Buches von Sebastian Guhr.

Die Nachfahren der ersten Siedler führen ein geordnetes Leben, 20 Lichtjahre von der Erde entfernt, abseits von Handlungsrouten in einem offenbar besiedelten Weltraum, fernab anderer bewohnter Planeten. Das Wohnschiff Prometheus, mit dem sie angekommen sind,  wurde zerstört, aus den Trümmern wurde ein Frachter gebaut, der gerade dazu nutze ist, von Rheit zum Außenparasiten zu pendeln. Der Frachter liefert einen Rohstoff, die Droge Kys, deren Anwendung Pflicht ist. Weiterlesen

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Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg

Vier Männer, alle um 1900 geboren, alle mit einem Bezug zu Lemberg, stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Philippe Sands verwebt ihre Lebensgeschichten, ihre Ideen, ihre Erfolge und ihre Niederlagen zu einer ebenso informativen wie bewegenden Geschichte.

Da wären zunächst Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Beide waren Juden und haben große Teile ihrer Familie durch NS-Verbrechen verloren. Beide haben an der Universität in Lemberg im Abstand von wenigen Jahren Jura studiert und gelten als Experten und Vorreiter auf dem Gebiet des Völkerrechts und der Menschenrechte. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbrechen der Nationalsozialisten juristisch zu fassen und dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen in den Nürnberger Prozessen strafrechtlich belangt werden konnten. Doch hier endeten auch schon die Gemeinsamkeiten. Während Lauterpacht sich auf den Schutz des Individuums konzentrierte und den Begriff „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ prägte, führte Lemkin das Konzept des „Genozids“ ein, das die gezielte Vernichtung von nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Bevölkerungsgruppen beschrieb. Weiterlesen

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Johan Bargum: Nachsommer

Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?, beginnt der erste Satz in dem schmalen, nur 144 Seiten starken Roman des finnischen Autors Johan Bargum. Am Ende wird klar, was den Ich-Erzähler Olof zu dieser Frage bewogen hat.

Die Handlung ist in eine idyllische Schärenlandschaft eingebettet, in der die ruhig fließende Geschichte immer wieder von aufgeladenen Spannungen durchbrochen wird. Dazwischen liest man schöne Sätze wie: Zwischen ihren Brüsten nehme ich einen Duft wahr, den es vielleicht in einer Wiege gibt, in etwas das nicht einmal eine Erinnerung ist… (S.32)

Als die Mutter von Olof und seinem jüngeren Bruder Carl im Sterben liegt, kommt Carl mit seiner Frau Klara und zwei Söhnen widerwillig aus den USA zurück in das Haus in den Schären. Die Brüder hatten über all die Jahre, seit Carl in Amerika lebte, keinerlei Verbindung. Auch zu Klara, die Olof für eine kurze Zeit einmal viel bedeutet hatte, gab es keine Kontakte. Weiterlesen

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