Andreas Maier: Die Universität

Der Doktor der Philosophie und Schriftsteller Andreas Maier (Jahrgang 1967) hat 2011 mit dem Buch „Das Zimmer“ einen autobiografischen Romanzyklus angefangen, von dem bisher fünf Teile veröffentlicht wurden. Im Februar 2018 erschien im Suhrkamp Verlag Teil Sechs „Die Universität“. Wie seine Vorgänger ist „Die Universität“ ein schmales Bändchen. Darin beschreibt Maier die ersten Semester seiner Philosophie-Studienzeit in Frankfurt a. Main Ende der 1980er Jahre.

Andreas Maier ist von Friedberg in der Wetterau nach Frankfurt am Main gekommen, um Philosophie und Germanistik zu studieren. In den Semesterferien will er nach Italien, genauer gesagt nach Südtirol. Doch als er am Hauptbahnhof Frankfurt steht, kauft er eine Fahrkarte nach Butzbach, wo sich eine Zweigstelle der Bindernagelschen Buchhandlung befindet. In die Buchhändlertochter war er einst verliebt.

Zurück in Friedberg sitzt er vor einem leeren Blatt Papier mit der Überschrift „Butzbachfahrt“. Weiterlesen

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Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

33 Tage lang war Jan Phillip Reemtsma in den Händen seiner Entführer. Seine Geschichte hat er in dem kleinen Band „Im Keller“ bereits erzählt. Zur Zeit seiner Entführung hatte Jan Phillip Reemtsma einen dreizehnjährigen Sohn: Johann. Dieser hat jetzt seine Geschichte der 33 Tage in einem Roman verarbeitet. Es begann an einem Morgen, als seine Mutter in sein Zimmer kam mit den Worten: „Jan Phillip ist entführt worden.“ Von da ab beginnen 33 Tage, die im Nachblick surrealistisch erscheinen. Die Wohnung wird verkabelt, Polizisten ziehen in das Haus mit Mutter und Sohn und werden beinahe zu Freunden.

Johann Scheerer erzählt von dem, was er empfunden hat. Von der Langeweile des Wartens, die durch nichts betäubt werden kann. Von der Angst und der Verzweiflung, die mit jeder gescheiterten Lösegeldübergabe wuchs. Von Fehlern wie eine falsch aufgebaute Kopie des Familienwagens, die ihn einfach nur wütend machten. Kontakte zu Schule oder Freunden waren in der Zeit kaum möglich, und wenn sie möglich waren, erwiesen sie sich als schwierig. Weiterlesen

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R. J. Barker: Die Stunde des Assassinen

Wie fängt man einen Dieb? Nein, ich meine jetzt nicht, dass sie die Büttel aus der Kaschemme holen sollen, auch der Mob der einen Menschen, der sich an fremdem Gut vergriffen hat verfolgt, ist nicht gemeint. Einen wirklich versierten Dieb fängt man – ja natürlich am allerbesten durch und mit Hilfe eines anderen Diebes.

Nächste Frage; – wie enttarnt man einen Assassinen? Nun, jetzt ist die Antwort natürlich leicht – durch einen anderen Assassinen. Dumm nur, dass die höchst angesehene Gilde der Assassinen streng darauf achtet, dass ihre Mitglieder einander nicht verraten. Und dies gilt auch, ja um so mehr für die lebende Legende im Geschäft mit dem Auftragstod – Meister Karn. Trotzdem geht Meister Karn und mit dieser ihr Lehrling Girton Klumpfuß das persönliche Risiko ein. Es gilt den Thronerben auf der Burg Maniyadoc vor einem Anschlag zu bewahren.

Dass der Kronprinz ein despotischer, aufgeblasener Mistkerl ist macht es für Girton, der sich, natürlich inkognito, den Junkern anschließt nicht einfacher, auf ihn aufzupassen. Dass der Prinz sich ein Vergnügen daraus macht Girton zu quälen und seine speichelleckende Freunde auf den mit einem Klumpfuß behinderte Krüppel losgehen strapaziert Girtons Geduld. Doch dann findet der Junge nicht nur einen Freund, er verliebt sich auch noch. Weiterlesen

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Helen Simpson: Nächste Station

„Nächste Station“ ist ein Buch mit neun Erzählungen, die das mittlere Alter und das Älterwerden thematisieren.

In der ersten Geschichte fahren die langjährigen Freundinnen Julie und Philippa einer neuen, in der U-Bahn vergessenen Gleitsichtbrille hinterher. Bis zur Endstation Cockfosters dreht sich ihre Unterhaltung außer um diese neue Brille um die Loslösung von den Kindern, einstige Mitschülerinnen, Kindheitserinnerungen, alte Eltern die in Zukunft Hilfe brauchen würden…

Die nächste Erzählung „Torremolinos“ beschreibt zwei Patienten auf einer Krankenstation. Der eine hat einen Dreifachbypass und soll nun dem anderen, der direkt aus der Vollzugsanstalt kommt, beschreiben, wie sich ein Herzinfarkt anfühlt. Der Inhaftierte will sich die Symptome zu eigen machen, um länger auf der Krankenstation verweilen zu können… Weiterlesen

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Fredrik Backman: Kleine Stadt der großen Träume, gelesen von Heikko Deutschmann

Ich liebe den melancholischen Stil von Fredrik Backman schon seit seinem ersten Buch. Hier ist er wieder in Höchstform, dazu kommt die nüchterne Stimme von Heikko Deutschmann, der dem Leser die Geschichte der Stadt Björnstad am Ende der Welt intensiv ins Ohr flüstert. Björnstad ist nur in einer Sache einigermaßen erfolgreich: im Eishockey. Die Mannschaft ist auf dem besten Weg, einen großen Sieg heimzubringen und das könnte viel bedeuten für die kleine Stadt im Nirgendwo. Ein neues Leistungszentrum für das ganze Land läge in greifbarer Näche, das würde Arbeitsplätze bedeuten, Ruhm und einfach Leben. Aber der Preis dafür könnte hoch sein.

Fredrik Backman bringt uns die einzelnen Charaktere sehr nahe, sie alle haben ein Schicksal, das mit dem Eishockey verbunden ist. Für die meisten bedeutet Eishockey Leben, Flucht, eine Hoffnung auf ein besseres Leben. Weiterlesen

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Neil deGrasse Tyson: Das Universum für Eilige

Erinnern Sie sich eventuell an die Fernsehserie ‚Unser Kosmos‘, die in den achtziger Jahren ein regelrechter Straßenfeger war? Damals führte der Astrophysiker Carl Sagan die Zuschauer in mehreren Folgen in die Geheimnisse des Universums, unseres Sonnensystems und des Lebens auf unserer Erde ein. Er tat dies auf eine so bemerkenswerte und anschauliche Art und Weise, dass die Serie zu einem großen Erfolg wurde.

Seither ist viel Zeit vergangen, es gibt neue Erkenntnisse und natürlich ohnehin so viel Wissenswertes über das Universum zu vermitteln, das in den zwölf Folgen damals nicht angesprochen werden konnte. Daher fassten die Macher der auch in den USA sehr erfolgreichen Serie 2014 den Entschluss zu einer Fortsetzung.

Moderator sollte ein ebenso renommierter Wissenschaftler werden, wie es der mittlerweile leider verstorbenen Carl Sagan gewesen war. Vor allem aber auch jemand, der in der Lage war, die zum Teil sehr komplexen Sachverhalte anschaulich und verständlich zu vermitteln. Die Wahl fiel auf Neil deGrasse Tyson, der diese Aufgabe mit Bravour erfüllte. Weiterlesen

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Anne Freytag: Nicht weg und nicht da

Kaum zwei Monate sind seit dem Tod ihres Bruders Kristopher vergangen. Die 15-jährige Luise vergräbt sich seitdem, rasiert sich den Kopf kahl und hat in der Schule eine Mitschülerin angegriffen. Nun muss sie zu einer Therapie gehen, in der sie schweigsam ihre Zeit absitzt. Warum sollte ihr Reden mit einem Fremden etwas bringen? Vor allem, wenn ihre eigene Mutter kaum mehr mit ihr spricht? Denn Zeit seines Lebens brauchte Kristopher mit seiner bipolaren Störung die volle Aufmerksamkeit beider Elternteile. Als schließlich eine Email vom toten Kristopher eintrifft, horcht Luise auf. Er schreibt von einer Zwischenwelt, in der er gefangen sei und nur sie, seine Schwester, könne ihm helfen, diese Zwischenwelt zu verlassen.

Der Roman wird abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt. Die Kapitel sind dabei sehr knapp gehalten, es kommt zu häufigen, aber gelungenen Wechseln. Meist weiß man sehr genau, bei welcher Figur man sich befindet. Luise trauert um ihren älteren Bruder, der vor wenigen Wochen Selbstmord begangen hat. Ihr hat er nur einen Zettel mit einem einzigen Satz hinterlassen. Weiterlesen

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Daša Drndic: Belladonna

Ein Mensch kann vieles sein und entsprechend viele Rollen in seinem Leben innehaben. Andreas Ban ist einer von ihnen: Psychologe, Schriftsteller, Dozent, ehemaliger Wehrdienstleister und Fahnenflüchtiger, Witwer, Vater und zum Schluss reduziert auf Alter, Krankheit und Armut. Auf diese Weise zurechtgestutzt blickt er auf sein Leben zurück, das andere Geschichten und Schicksale anzog wie ein Magnet.

»… die Geschichten sprangen aus dem Nichts, sprangen ihn an und kullerten ihm nach, krallten sich an ihm fest, … Hier in dieser kleinen Stadt, direkt unter seiner Nase, schlummerten die gleichen Geschichten, verstreut auf den Friedhöfen, haften an den Namen, eingeprägt in Fotografien, man hat sie rumliegen lassen wie billige Ware, … (S. 344, 345)

Was soll Andreas mit seinem großen Wissen anfangen? Was ist es wert, wenn Worte nichts mehr zählen? Stückweise verabschiedet er seinen Besitz, solange seine Augen noch funktionieren. Weiterlesen

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Szczepan Twardoch: Der Boxer

Ein Mann sitzt in seiner Wohnung und hält mit einer Schreibmaschine seine Erinnerungen fest. „Ich heiße Mojźesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und ich bin kein Mensch, ich bin ein Nichts…“, schreibt er und fährt nur wenige Sätze später fort: „Ich heiße Mojźesz Inbar, bin siebenundsechzig Jahre alt. Ich habe meinen Namen geändert. Ich sitze an der Schreibmaschine und schreibe. Ich bin kein Mensch. Ich habe keinen Namen.“

Er denkt zurück an das Jahr 1937 in Warschau, als sein Vater durch die Hand des Boxers und Banditen Jakub Shapiro stirbt, weil er das Schutzgeld nicht bezahlen konnte, das Shapiro im Auftrag des Paten Jan Kaplica eintreiben sollte. Mojźesz bewundert Shapiro, er möchte sein wie Shapiro. Er möchte Shapiro sein. Und er erinnert sich, wie dieser ihn nach dem Tod seines Vaters bei sich aufgenommen hat und wie er ihm als unsichtbarer Schatten folgt. Der dünne, vater- und mittellose „Judenbengel“ bewegt sich im Schlepptau des angesehenen Boxers.

Gemeinsam mit Mojźesz taucht der Leser, taucht die Leserin in diese ferne, vergangene und doch ganz nahe Welt ein.

Der Pate Kaplica, Pole, Sozialist und Judenfreund, hat seine Viertel fest im Griff und herrscht mit der Willkür eines Monarchen, dem jeder zu dienen hat. Dabei unterstützt er seine Freunde, straft gnadenlos seine Feinde und die, die ihn verärgern. Für lange Zeit halten die Politik und die Polizei ihre schützenden Hände über ihn. Weiterlesen

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Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Andrew Sean Greers neuer Roman „Mister Weniger“ spielt im (männlichen) Homosexuellen-Milieu. Der Titelheld, Arthur Weniger, geht auf eine Reise durch mehrere Länder auf der ganzen Welt, um der Hochzeit eines ehemaligen Liebhabers im heimischen San Francisco zu entgehen, die immer noch zu schmerzhaft für ihn ist.

Und auch wenn man als Leser nicht viel mit der Schwulenszene zu tun hat, macht es Spaß, diesen Roman zu lesen. Andrew Sean Greer, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, hat ihn in einem locker-amüsanten und charmanten Plauderton verfasst, der das gesamte Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegen, immer auch ironisch aufs Korn nimmt.

So fühlt sich der Titelheld nur in einem taubenblauen, extravaganten und auffälligen Anzug so richtig wohl, und als der kaputtgeht, ist das für Weniger ein solches Drama, dass er sich gleich seiner gesamten Persönlichkeit beraubt sieht. Weiterlesen

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