Marina Lewycka: Die Werte der modernen Welt und Berücksichtigung diverser Kleintiere

„Wir müssen alle lernen, mit weniger zu leben. Weniger Gier, weniger sinnloser Konsum.,“ meint Althippie Doro. Ihr Sohn Serge kontert: „Die Wirtschaft hängt davon ab, dass sich Leute Geld leihen und es ausgeben, so entsteht Wohlstand.“ Bei diesem Generationenkonflikt prallen Welten aufeinander. Daher hat Serge seiner Mutter bislang verschwiegen, dass er das Mathematikstudium an den Nagel gehängt hat, um zur kapitalistischen Hochburg überzulaufen – der Londoner Börse! Autorin Marina Lewycka ist ein perfekt austarierter Roman zwischen Witz, Wahnsinn und Gesellschaftskritik gelungen. Mittendrin agieren herrlich verschrobene Charaktere, die einem mit all ihren Eigenarten sofort ans Herz wachsen.

Serge hat seine Kindheit in einer Kommune verbracht. Für ihn bedeutete dies pures Chaos: tägliche Linsenpampe, ständige Geldprobleme, garniert mit den Sexplänen der Erwachsenen (jeder darf mal bei jedem zum Zuge kommen), die direkt neben den Kochplänen aufgehängt wurden. Plus der morgendliche Kleiderkampf mit den anderen Kommunenkindern. Wer nicht schnell genug war, bekam aus dem Textilberg zu kurze, zu mädchenhafte oder knallbunt-peinliche Stücke ab. Weiterlesen

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Dan Wells: Mirador 02: Overworld

Los Angeles, 2050: Die Welt, wie wir sie kennen, ist kaum mehr vorhanden. Menschen verlassen sich vollends auf Technik, Autos fahren von allein und ohne das Internet würde alles zusammenbrechen. Menschen sind vierundzwanzig Stunden am Tag online, haben sich sogar eine Art Plug-In implantieren lassen, dass ihre ganze Existenz bestimmt, das Djinni.  Marisa ist 17 Jahre alt und passionierte Spielerin des Overworld-Spieles, in dem sich jeweils Mannschaften aus fünf Personen mit Waffen virtuell duellieren. Als es einen großen Contest gibt, bei dem nur weltweit bekannte Mannschaften antreten, können Marisa und ihre vier Cherry Dogs, wie sich ihre Mannschaft nennt, ihr Glück kaum fassen.  Anja, eines der Mädchen, hat es geschafft, die Cherry Dogs ins Tunier zu bekommen! Für Marisa eröffnet sich dadurch eine weitere Möglichkeit: Vielleicht kann sie so endlich mehr über ihre Vergangenheit erfahren.

Als Leser oder Leserin würde man genau das auch sehr gerne: Mehr über Marisas Vergangenheit erfahren. Schon in „Mirador 01: Bluescreen“ wurde aus ihrer Vergangenheit ein großes Geheimnis gemacht. Mit zwei Jahren saß sie mit weiteren Kleinkindern in einem Auto und wurde bei einem Unfall so schwer verletzt, dass sie bis heute einen künstlichen Arm hat. Weiterlesen

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Ransom Riggs: Die Legenden der besonderen Kinder

Mögen Sie Märchen? Wenn ja, dann mögen Sie auch „Die Legenden der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs. Dieses Buch nimmt einen bereits im Vorwort für sich ein. Dort heißt es zum Beispiel: „Sollten Sie nicht nachts aufwachen und über dem Bett schweben, weil Sie vergessen haben, sich an der Matratze festzubinden, dann legen Sie dieses Buch bitte sofort wieder dorthin zurück, wo Sie es gefunden haben.“

In den folgenden Geschichten – man ahnt es fast – geht es um allerlei märchenhafte Geschehnisse, die im schnöden Alltag doch eher selten zu beobachten sind: Da gibt es einen Mann – und sein Sohn tut es ihm nach –, der sich langsam aber stetig in eine Insel verwandelt: Ihm wächst Gras aus den Füßen und ihm rieselt Sand aus den Poren. Da gibt es weiter einen Jungen, der die Fluten der Meere beherrschen kann oder eine Prinzessin, die allein deswegen Schwierigkeiten hat, einen Mann zu finden, weil sie mit einer gespaltenen Schlangenzunge geschlagen ist. Fast so, als gehe es bei der Partnersuche nicht um innere Werte. Weiterlesen

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Koethi Zan: Nur das Böse, gelesen von Nina Petri u.a.

Man soll ja immer mit dem Positiven beginnen: Also, das Hörbuch ist toll anzuhören. Das liegt an den drei professionellen Sprechern, die aus der etwas verworrenen Geschichte wirklich das Beste herausholen.

Worum geht es? Julie ist eine Studentin mit einem normalen, erfolgreichen Leben. Bis sie eines Nachts direkt vom Bahnhof in einen Transporter geworfen wird und sich in einem Keller eingesperrt wiederfindet. Ihre Hoffnung, die Frau des Hauses, Cora, könnte ihre eine Hilfe sein, erweist sich recht schnell als Irrtum. Im Gegenteil empfindet Cora Julie eher als Bedrohung ihrer „Ehe“, vor allem als Julie schwanger wird. Zwischendurch taucht ein Ex-Polizist auf, der die Suche nach dem Entführer zu seinem Leben gemacht hat und nahe dran ist, daran zu zerbrechen und der Entführer verschwindet. Weiterlesen

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Nicole C. Vosseler: Die Farben der Erinnerung

Mit vier Jahren verlor Gemma ihre Eltern bei einem Brand in Italien. Seitdem lebte sie bei ihrer Großmutter in New York und dann allein. Mittlerweile ist sie Mitte 30 und ihr Leben wird täglich von vielen Kontrollzwängen beherrscht und nachts plagen sie meist Albträume. Als sie ein seltsames Schmuckstück und ein Gedicht zugesandt bekommt, ist sie ratlos. Könnten diese Dinge etwas mit den Recherchen ihres Vaters vor dreißig Jahren zu tun haben? Gemma begibt sich auf Spurensuche und lernt so in Großbritannien den ebenfalls nicht ganz gesellschaftskompatiblen Sisley kennen.

Nicole C. Vosselers neuster Roman rankt sich um ein Gemälde, dessen Ursprung und Urheber nicht ganz zuordenbar sind. „Die Dame in Grün“ wird dieses Gemälde genannt. Interessante Zusatzinformationen und ein Foto des Bildes finden sich auf dem Blog der Autorin. Die Geschichte selbst spielt auf drei Zeitebenen. Im 16. Jahrhundert bei einer wohlhabenden, aber unglücklichen jungen Frau namens Lucrezia, im 19. Jahrhundert bei der Dichterfamilie Barrett-Browning und schließlich bei Gemma im 21. Jahrhundert. Gemmas Geschichte nimmt den größten Teil der Erzählung ein, aber auch die anderen beiden Handlungsstränge sind von Bedeutung. Das Setting stimmt also. Weiterlesen

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Matthias Jung: Chill mal!: Am Ende der Geduld ist noch viel Pubertät übrig

Als meine Tochter 12 Jahre alt war, schrieb ich ein Lied über die kritische Zeit der Pubertät. Im Refrain steht: „Sie ist so jung, so unverfroren unalt, sie ist so cool, und oft Lichtjahre entfernt – sie weiß so viel, vor allem alles besser, manchmal redet sie als käme sie von einem andern Stern, und genau das Gleiche, denkt sie über ihren alten Herrn“. Tja, jetzt ist sie mehr als doppelt so alt und ich spiele dieses Lied noch immer. Weil es zeitlos ist und ich die Worte geplagter Eltern immer noch gerne höre: „Herr Ape, sie singen genau von meiner Tochter“. Das zu beschreiben ist auch Matthias Jung mühelos gelungen. Man kennt ja diesen Psychotest, wenn ein Proband mal ganz schnell drei Dinge sagen soll: „Musikinstrument, Werkzeug, Farbe“. Die Antwort kommt zu nahezu 90% wie aus der Pistole geschossen: „Geige, Hammer, rot“. Und den vorher mit genau diesen drei Begriffen beschriebenen Zettel, hält man diesen verdutzen Zeitgenossen vor die Nase. Weiterlesen

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Michael Hamannt: Die Dämonenkriege 01: Die Dämonenkriege

„Die Dämonenkriege“ ist Michael Hamannts Debut-Roman.

Die Schwebenden Reiche sind Inseln, verbunden durch Feuerflüsse. Geschaffen wurden sie von Überlebenden des ersten Dämonenkriegs. Diese Menschen erlangten in ihrer Versklavung in der Gegenwelt selbst magische Kräfte, retteten die letzten ihres Volks und schufen nach der gemeinsamen Flucht die Schwebenden Reiche auf der Erde. Die Grenzen zur Gegenwelt wurden gesichert – aber Risse, durch die Dämonen auf die Erde kommen konnten, gab es immer wieder. Zum Schutz der Menschen wurden magisch begabte Dämonenjäger eingesetzt.

Ryk ist der mächtigste unter ihnen. Getrieben von Rache jagt er die Val’kai, wie die Dämonen in ihrer eigenen Sprache heißen. Und bald schon wird offensichtlich, dass ein mächtiger Dämon das Menschenreich betreten hat. Steht ein neuer Dämonenkrieg bevor? Ryk geht mit Kela, einer Halbdämonin und dem jungen Prinzen Ishan auf die Jagd.

Ein weiterer Hauptcharakter ist die Keesa Catara, deren Volk einst von einem Dämon verflucht wurde und die nun als Attentäterin dient. Sie ist meines Erachtens die interessanteste Persönlichkeit im Buch. Weiterlesen

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Paula Daly: Stiefmutter

Die sechzehnjährige Verity hat versucht, ihre Stiefmutter Karen zu erwürgen. „Ich wusste, dass ich aufhören muss. […] Aber die Wahrheit ist: Ich wollte gar nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, ich wollte, dass sie zu atmen aufhört.“ [Zitat S. 201]

Nach und nach enthüllt die Autorin, mit welchen Problemen die Patchworkfamilie zu kämpfen hat. Noel hat seine Tochter Verity in die Ehe eingebracht, Karen ihren etwa gleichaltrigen Sohn Ewan. Ihn hat Karen aufgegeben, er tut nichts anderes, als mit Freunden abzuhängen und zu kiffen. Karen richtet all ihre Energie auf Brontë, die gemeinsame Tochter mit Noel. Brontë ist zehn und ein Wunderkind, meint jedenfalls Karen. Sie hat die Kleine zu ihrem Projekt gemacht. Brontës Terminkalender lässt kaum Zeit zum Essen; sie spielt Klavier und Harfe, sie tanzt, zudem erwartet Karen schulische Glanzleistungen von ihr.

Verity liebt ihre Halbschwester. Brontë tut ihr leid; nie hat sie Zeit für sich, Karen lässt sie nicht aus den Augen, überlastet sie mit ihren Erwartungen. Der „Vorfall“ hatte mit Brontë zu tun: Verity hat Karen gewürgt, weil sie ihre kleine Schwester beschützen wollte. Weiterlesen

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2

Als ich den ersten Band vor ca. einem Jahr gelesen habe hat es mich fast umgehauen. Es traf mich unvermittelt, wie ein Schlag in die Magengrube und ich habe das Buch geliebt, gehasst und gefressen. Ein paar Monate vorher war da noch Michel Houellebecq mit „Unterwerfung“ auf meiner Leseliste und ich schwor nach der Lektüre dieser beiden gesellschaftspolitischen Abrechnungen, dass ich keinen Pfifferling mehr auf das Abendland setzen würde. Weil sich (ich zitiere wörtlich aus Subutex 2, Seite 70):“…die Leute seit (…) Jahren das Gehirn haben waschen lassen, dass sie nur noch eins wollen, nämlich ihren Hass auf die Kameltreiber rausschreien. Man hat ihnen die Würde geraubt, die sie in Jahrhunderten des Klassenkampfes erworben hatten, es gibt keinen Moment am Tag, in dem sie sich nicht wie gerupfte Hühner vorkommen, und der einzige gottverdammte Trick, den man ihnen verkauft hat, damit sie sich weniger scheiße fühlen, ist der Triumph, dass sie weiß sind und das Recht haben, auf jeden Dunkelhäutigen herabzusehen. ( …) Die Allianz aus Banken-Religionen und Weltkonzernen hat die Schlacht gewonnen.“ Weiterlesen

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Paul Auster: Das rote Notizbuch

Paul Austers Red Notebook von 1995 erscheint nun erstmals vollständig in deutscher Sprache. 25 Geschichten sind in dieser nur wenige Seiten umfassenden bibliophilen Ausgabe abgedruckt.

Bereits nach wenigen Seiten hat man das Gefühl, ein modern ausgestaltetes Zauberbuch zu lesen. Dies mag daran liegen, dass die allesamt wahren Erzählungen seiner Bekannten und Freunde, die Auster über Jahre zusammengetragen hat, ausgesprochen phantasievoll, ja teilweise sogar fast unheimlich anmuten.

Es sind seltsame Begebenheiten, nahezu unwahrscheinliche Möglichkeiten, die zu dieser besonderen Aura, die diese Geschichten umhüllt, beitragen. Darüber hinaus verdeutlichen die Storys auch, dass das, was wir für gänzlich unmöglich betrachten, dennoch möglich sein kann. Auster ist wie ein Sezierer. Er dringt in etwas ein und bringt etwas ans Licht, was normalerweise verborgen bleibt. Das Gewöhnliche erhält durch seine Sicht mit einer anderen Gewichtung eine phantastische Komponente und wird so plötzlich neu wahrnehmbar. Weiterlesen

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