Charles Lewinsky: Der Stotterer

Charles Lewinsky scheint ein Gespür für außergewöhnlich perfide und dennoch sympathische Charaktere zu haben, die er mit einem interessanten Plot kombiniert. So hat er beispielsweise in seinem 2016 erschienenen Roman Andersen ebenso eine Figur mit faszinierenden und gleichsam befremdlichen Eigenschaften erschaffen wie in Der Stotterer.

Der Name des Protagonisten Johannes Hosea Stärckle klingt schon mal ebenso ungewöhnlich wie seine Geschichte: Hineingeboren in eine fromme Familie, wird ihm sein großes Handicap, das Stottern, zum Verhängnis. Züchtigungen des Vaters und des Sektenpfarrers können dem Jungen den Sprachfehler nicht austreiben.

Johannes Hosea Stärckle liebt das Lesen und noch mehr das Schreiben, denn beim Schreiben stottert er nicht. Vor allem kristallisiert sich eine herausragende Eloquenz des Stotterers in allem was er zu Papier bringt, heraus. Diese Macht weiß Johannes Hosea für sich auszunutzen. Gleichzeitig bringt ihm diese Fähigkeit mehr Fluch als Segen.  Stärckle schlägt eine kriminelle Laufbahn ein, er entwickelt sich zum Betrüger par excellence. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Anke Glasmacher: Obstkistenpunk

Da steht eine „sie“ vor der Tür und will nicht eintreten in die Welt dahinter, die auf sie (und vielleicht auch auf die Leserinnen und Leser) fremd und furchteinflößend wirkt. Eine (andere?) „sie“ liegt am Bordstein. Vermutlich vergessen.

Ein „er“ dreht am Flughafen auf dem Band seine Runden, überlegt, ob er einen mitkreisenden Rucksack ansprechen soll, schwingt sich dann doch herunter, verlässt die Halle und fährt mit dem Taxi nach Hause. Oder ist es nicht nur einer? Ist der „er“ vom Anfang der Geschichte ein anderer als der „er“ am Ende?

Um eine „sie“ wächst im Stadtpark ein steinernes Iglu, trennt sie von ihrer Umwelt und wirft sie auf sich selbst zurück. Im „Viertel“ tauchen mysteriöse herrenlose Päckchen auf und im Grab liegen zwei. Doch welche zwei?

Aus diesem Stoff sind die Geschichten von Anke Glasmacher, die mich herausgefordert, aber auch beeindruckt haben. Menschen (oder auch ein Koffer) tummeln sich darin, die wenig von sich preisgeben, nur selten ihre Namen oder Funktionen. Immer wieder habe ich mich gefragt, wer „er“ und „sie“ sind, wie ich sie festhalten und identifizieren kann, um ihnen näher zu kommen. Doch die Geschichten und die Figuren entziehen sich einer einfachen Annäherung. Sie verwirren bewusst, sind Momentaufnahmen aus einer absurden, beängstigenden und komplexen, aber faszinierenden Welt, die stellenweise lose – manchmal nur durch einzelne Worte – verknüpft scheinen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Geovani Martins: Aus dem Schatten

Der Brasilianer Geovani Martins (Jahrgang 1991) wuchs in einer der Favelas von Rio de Janeiro auf, ging nur wenige Jahre zur Schule und arbeitete danach in unterschiedlichen Jobs. Sein Debüt mit dem Originaltitel „O sol na cabeça“ erschien 2018 in Brasilien und wurde ein Erfolg. In Deutschland veröffentlichte der Suhrkamp Verlag die dreizehn Kurzgeschichten am 8. April 2019 in einer Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner (Mitarbeit von Manuel von Rahden) unter dem Titel „Aus dem Schatten“.

Geovani Martins schreibt in seinen kurzen Geschichten über das Leben von Kindern und Jugendlichen in den Favelas von Rio de Janeiro. Drogen, Gewalt, Raub, Mord und Totschlag gehören dort zur Tagesordnung. Die Polizei wird verachtet und gehasst. Gangs kontrollieren die Favelas und nur der nächste Joint macht das Leben erträglich. So die wiederkehrende Botschaft aus den dreizehn Geschichten.

Sei es der Besuch am Strand an einem heißen Tag oder das Sprayen von Graffitis an den Mauern, alles wird zum Überlebenskampf für die jungen Leute. Da stibitzt einer Papas Revolver, um vor den anderen Jungs anzugeben wie in „Russisch Roulette“ oder da wird ein junger Mann von schwerbewaffneten, korrupten Polizisten kontrolliert, die ihm sein Geld wegnehmen, aber ihm das Marihuana lassen wie in „Freitag“. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ivy Pochoda: Wonder Valley

Los Angeles und die Wüste sind die Schauplätze von sehr unterschiedlichen Menschen, die aus der Bahn geworfen wurden. Angekommen sind sie an den Rand der Gesellschaft, ein Bereich, der erstaunlich belebt ist und an einen Schmelztiegel erinnert.

Über einen Zeitraum von knapp fünf Jahren begegnen sich eingefleischte Gauner, Jugendliche, Erwachsene und geben ihren Zufallsbekanntschaften ungewollt einen Impuls, der für die Betroffenen mehr Bedeutung erhält, als sie anfangs für möglich halten.

Die Amerikanerin Ivy Pochoda, geboren 1977, schreibt über fünf Lebensschicksale, die sie gekonnt miteinander verknüpft.

Einen nackten Jogger im morgendlichen Verkehrskollaps rennen zu lassen, ist mehr als nur ein gelungener Kunstgriff. Diese Schlüsselszene zeigt einen Befreiungsakt, der nur von dem biederen Anwalt Tony erkannt wird. Er fühlt sich von diesem Jogger motiviert, sein eigenes, enges Leben zu verlassen. Spontan steigt er aus seinem Wagen, lässt diesen mitten im Stau stehen und rennt los. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Joyce Carol Oates: Sieben Reisen in den Abgrund

Die 1938 geborene amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist nicht nur eine Vielschreiberin, sondern auch in vielen unterschiedlichen Genres unterwegs. Eines davon ist Horror – so wie in ihrer jetzt endlich auch auf Deutsch erschienenen Geschichten-Sammlung „Sieben Reisen in den Abgrund“.

Darin kommen zwar keine übersinnlichen Mächte vor, aber die Autorin führt uns in derart alptraumhafte Situationen, dass man sich mitunter kaum traut weiterzublättern, oder nur dann, wenn rings um den Lesesessel alles hell erleuchtet ist.

In der ersten Geschichte, „Die Maisjungfer“, die auch titelgebend für die bereits 2011 erschienene amerikanische Originalausgabe war („The Corn Maiden“), entführt eine irre Jugendliche ein jüngeres Mädchen. Sie will es in Anlehnung an ein alles Ritual opfern. Schnell wird ein Lehrer verdächtigt, dafür verantwortlich zu sein.

Als Leser ist man nicht nur im Kopf der wahnsinnigen Täterin, sondern erlebt auch hautnah und über viele Seiten die Qualen der Mutter und des zu Unrecht verdächtigten Lehrers. Durch die totale Nähe zum Geschehen wird das zu einem äußerst intensiven Leseerlebnis. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Philip Reeve: Mortal Engines 01: Krieg der Städte

Die Welt ist der weit entfernten Zukunft. Der 15-jährige Tom ist Historikergehilfe in London. Doch London, wie wir es kennen, existiert nicht mehr. Kaum eine Stadt kann es sich mehr leisten, einfach nur irgendwo zu stehen. Städte sind hochgewachsen und mobil und ziehen durchs Land auf der Suche nach anderen Städten, deren Bevölkerung sie versklaven können und deren Rohstoffe sie sich zunutze machen können. Als Tom Zeuge eines Attentats auf den großen Historiker Thaddeus Valentine wird, versteht er die Welt nicht mehr. Warum hat die gleichaltrige Hester es auf den netten Mann mit der hübschen Tochter abgesehen? Dann fallen Tom und Hester auch noch von der Stadt herunter und sind im Niemandsland auf sich allein gestellt. Es könnte nicht schlimmer kommen. Denkt Tom …

„Krieg der Städte“ ist der erste von vier Bänden aus der Mortal Engines Reihe von Philip Reeve. Kürzlich wurde dieser Band auch in den Kinos gezeigt. Die Geschichte hat leichte Steampunk-Elemente, erfindet vieles aber auch neu. Es gibt Luftschiffe mit Piraten, eine etwas rückständige Technik, aber auch Robotermenschen, die wieder zum Leben erweckt wurden. Tom und Katherine, Valentines Tochter, erzählen die Geschichte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Judith Visser: Mein Leben als Sonntagskind

Jasmijn ist ein ganz normales Mädchen. Sie hat viele Freunde, eine Beziehung zu einem beliebten Jungen, einen Hund, der sie vergöttert, und alles im Leben fliegt ihr nur so zu. Zumindest die Normale Jasmijn. Die reale Jasmijn wird als schwieriges Kind bezeichnet, schottet sich ab und findet keinen Zugang zu Gleichaltrigen. Beziehungen sind für sie ein Albtraum und am liebsten verbringt sie die Zeit nur mit ihrer Hündin Senta. Erst als sie erwachsen ist, erhält Jasmijn die Diagnose Asperger-Syndrom. Doch bis dahin ist der Weg lang und steinig und sie muss ihre Kindheit und Pubertät ohne fremde Hilfe schaffen. Und die Normale Jasmijn ist nur eine Erfindung des kleinen Mädchens, eigentlich haben die beiden kaum etwas gemeinsam. Doch immer wieder denkt Jasmijn darüber nach, wie die Normale Jasmijn sich in bestimmten Situationen verhalten würde. Nur gelingt es ihr nicht, diese Dinge dann auch in die Tat umzusetzen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Colleen Hoover: Die tausend Teile meines Herzens

Merit ist 17 Jahre alt, als sie den Jungen ihrer Träume trifft. Er steht einfach im Einkaufszentrum und winkt ihr, als würden sie sich schon ewig kennen. Nur wenige Minuten später küsst er sie und alles ist wie im Traum. Einem Albtraum. Denn es stellt sich heraus, dass Sagan niemand anderes ist als der Freund ihrer Zwillingsschwester Honor! Merit setzt alles daran, Sagan aus dem Weg zu gehen, denn obwohl das Verhältnis zwischen ihr und Honor nicht zum Besten steht, will sie ihr nicht dazwischenfunken. Ihr Leben ist auch so schon turbulent genug.

Merit lebt mit ihrer großen und bunten Familie in einer alten Kirche. Ihr Mutter wohnt im Keller und verlässt diesen nicht mehr. Der Vater lebt mit seiner neuen Frau, die den gleichen Namen trägt wie die Mutter, dem gemeinsamen Kind und seinen drei so gut wie erwachsenen Kindern aus erster Ehe im Erdgeschoss. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Carl Sweterlitsch: Am Ende der Zeit

Wir schreiben das Jahr 1997. Special Agent Shannon Moss vom Naval Criminal Investigative Service, kurz NCIS wird zum Schauplatz eines Gewaltverbrechens gerufen. Ein Mann, eine ehemaliger Navy Seal, hat seine Frau und eines seiner Kinder umgebracht, ihnen vorher die Nägel von Fingern und Zehen gerissen, bevor er sie offensichtlich kaltblütig hingerichtet hat. Von der Tochter fehlt jegliche Spur. Das Mysteriöse am Verbrechen ist nicht unbedingt das rätselhafte Motiv, sondern, dass der Täter seit Jahren als MIA, als missing in action geführt wurde. An Bord der Libra sollte er eigentlich seinem Land dienen, allein, die Libra und ihre gesamt Besatzung sind verschollen.

Um dies richtig einordnen zu können, sollte man wissen, dass die Nation unter Gott seit geraumer Zeit über den B-L Antrieb verfügt, und mit diesen durch das Quantenschaum-Makrofeld die Galaxie und die Zeit bereist. In die Vergangenheit kann man dabei nicht vorstoßen, wohl aber in eine der unendlichen vielen, möglichen Zukünfte des Muliversums. Und hier, in der Tiefenzeit, traf man auf Terminusse. Zunächst im Jahr 2666, bei späteren Reisen 2456 dann 2121 erblickt des Menschen Auge seiner Spezies Untergang. Die letzten Menschen werden gekreuzigt und geschunden aufgefunden, der Untergang kommt immer näher.

Auch Shannon zählte, nach ihrer Rekrutierung vom College weg zu den wackeren Frauen und Männern die von der Basis auf der Mondrückseite aus in die Welten des Alls und der Zeit aufbrachen. Allerdings büßte sie schon während der Ausbildung auf einer fremden Welt ihren Unterschenkel ein, und wurde zum NCIS versetzt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Walter Rügert (Hrsg.): Aus dem Leben von Clara und Emanuel von Bodman

Emanuel von Bodman ist kein Autor, den heutzutage noch viele Menschen kennen. Doch seine Gedichte, Dramen und Novellen wären wahrscheinlich noch weit unbekannter, wenn nicht seine dritte Ehefrau Clara ihr Leben der Aufgabe gewidmet hätte, während der Ehe ihrem Mann den Rücken freizuhalten und nach dessen Tod sein Werk zu bewahren und den Menschen zugänglich zu machen. Diese Hingabe hat sie in ihrem langen Leben (1890-1982) begleitet und geleitet. Sie selbst hat sich mit dieser Entscheidung glücklich gefühlt, auch wenn die Zeiten nicht immer rosig waren.

Dass Clara von Bodman nicht nur die liebevolle „Frau an seiner Seite“, sondern eine kluge, belesene und sprachlich ausdrucksstarke Frau war, die gleichzeitig mit beiden Beinen auf der Erde stand und den gemeinsamen Alltag organisierte, zeigen die von Walter Rügert herausgegebenen Texte.

Ihr kurzer „Nachruf zu Lebzeiten“ leitet das Buch ein. Hierin hat Clara von Bodman schon früh die ihrer Meinung nach wichtigsten Daten und Ereignisse ihres Lebens zusammengefasst. So gibt sie nicht nur dem Pfarrer für ihre Beerdigung, sondern auch den Leserinnen und Lesern einen Überblick über ihren Werdegang und darüber, was ihr wichtig war. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: