Tristan Garcia: Das Siebte

Wer, wenn nicht ein Philosoph, der gleichzeitig Literat ist, könnte besser einen Roman über die Verquickungen im Leben, über Chancen, Zufall, Ewigkeit bzw. der Endlichkeit des Seins oder dem gezielten Versuch einer Optimierung des Daseins schreiben?

Tristan Garcia hat seinem Ich-Erzähler die Unsterblichkeit in die Wiege gelegt und gibt ihm sieben Existenzen um dem nachzuspüren:

Genau im selben Moment wenn er stirbt, wird der Protagonist wiedergeboren. Alles Vertraute verschwindet mit ihm und seinem Tod und erscheint sogleich in einem sich wiederholenden Kreislauf sieben Mal wieder. Die Ausgangsbasis seines Lebens bleibt dabei immer dieselbe. So hat der Erzähler immer dieselben Eltern und denselben Geburtsort Mornay in Frankreich. Auch sein Freund, der Arzt Fran, taucht jedes Mal wieder auf und verabreicht ihm wie zuvor die lebensrettende Ingredienz für seine unstillbaren Blutungen. Seine große Liebe, die schöne Hardy, begegnet ihm in jedem Leben wieder, und immer wieder aufs Neue verfällt er ihr. Weiterlesen

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Albrecht Selge: Fliegen

Ein Leben ohne Jahreszeiten, ohne wirkliches Nachtdunkel, ohne die Geräusche der Welt, jedoch ein Leben im Fliegen – dafür hat sie sich entschieden, die namenlose ältere Frau, für welche Zugfahren wie Fliegen ist. Die Vergangenheit, die wegen Eigenbedarf gekündigte Mietwohnung, den Exmann, den Job, die Kindheit, in der sie vom Verschwinden träumte, hat sie hinter sich gelassen; ihre Freundin Lilo ist die letzte Verbindung zur Welt außerhalb von Zügen und Bahnhöfen. Die Bahncard 100 finanziert sie von Monat zu Monat mit Flaschensammeln, ihre Habe trägt sie in einer Sporttasche bei sich. Zu Beginn des Buches fährt sie in ihren zweiten Sommer. Sie hat sich eingerichtet in diesem ungewöhnlichen Leben, in dem sich die Route wöchentlich wiederholt wie in einem riesigen Kreisverkehr. Nackenprobleme vom vielen Sitzen versucht sie in leeren Abteilen wegzuturnen, sie ist peinlich auf Sauberkeit und passables Aussehen bedacht. Bei gesundheitlichen Problemen helfen die Mitbringsel eines Arztes, dem sie regelmäßig auf ihrer Tour begegnet. Dienstags teilt eine Bankerin mit ihr das Frühstück, freitags spielt sie Backgammon gegen einen Pendler. Denn ungesellig ist sie nicht. Nie würde sie sich aufdrängen, einem netten Gespräch geht sie aber nicht aus dem Weg. Mit der Zeit wurde sie zur Beobachterin und Menschenkennerin. Weiterlesen

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Daniel Mason: Der Wintersoldat

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Dies ist ein ganz besonderes, ein aufwühlendes, nachwirkendes Buch. Wegen des Themas, wegen der Charaktere, wegen der Sprache. Von der ersten Seite an fängt der Roman die Leser ein und lässt sie bis zur letzten Seite nicht mehr los.

Der junge Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich 1914 freiwillig für den Einsatz an der Front. Seine Hoffnung: endlich operieren zu dürfen, endlich praktisch zu arbeiten und nicht mehr nur den Vorlesungen seiner Professoren lauschen zu müssen. Er ist hochbegabt, hat aber außer ein paar unbedeutenden Eingriffen noch kaum Patienten behandelt. Im tiefsten Winter Anfang 1915 kommt er in ein kleines Dorf in den Karpaten, wo in der Kirche ein Behelfslazarett eingerichtet wurde. Hier begegnet er der Nonne Margarete, anderes medizinisches Personal ist nicht vorhanden. Margarete erkennt schnell, wie wenig Erfahrung der junge Mann hat. Sie bringt ihm bei, was er wissen muss, lehrt ihn, Amputationen durchzuführen.

Daniel Mason schreibt fantastisch. Man empfindet die Kälte, spürt den Hunger, fühlt das Jucken der Läuse, hört das Rascheln der Ratten, riecht den Gestank der schwärenden Wunden. Vor allem aber ist man ganz nah an dem Protagonisten Lucius. Er ist ein unsagbar einsamer Mensch, die Beziehung zu seinen Eltern ist sehr schwierig, fast wirkt er wie ein Fremder in der eigenen Familie. So scheint es, dass er in gewisser Weise eine neue Familie in diesem Lazarett findet. Weiterlesen

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Edgar Rai: Im Licht der Zeit

Berlin, 1929: Die „Goldenen Zwanziger“ neigen sich ihrem Ende zu. In einer liberalen Atmosphäre konnten sich Kunst, Theater, Film und Musik in einer Form entwickeln, die ihresgleichen sucht – originell und innovativ. Doch nun ist Hollywood einen Schritt voraus: Der Stummfilm gilt als überholt, der Tonfilm ist angesagt. Diesem Trend können sich die deutschen Studios, allen voran die UFA, nicht verschließen, auch wenn unter vielen Schauspielern und Regisseuren der Stummfilm als eigene Kunstform gilt, die nicht einfach ersetzt werden kann.

UFA-Chef Hugenberg nimmt die Herausforderung an, einen Film zu produzieren, der international einschlägt und zeigt, dass Deutschland den USA hier mehr als nur das Wasser reichen kann. Ein Wunschkandidat für die männliche Hauptrolle steht schnell fest: Emil Jannings, der erste Oscar-Preisträger, der sein Glück derzeit in Amerika versucht.

Hugenberg macht Karl Vollmöller zum „Mädchen für alles“, was die Organisation betrifft: „‘Mein lieber Herr Vollmöller‘, hob er an, ‚Sie besorgen mir Jannings und garantieren mir einen Stoff, der sich gewaschen hat, und ich (…) stelle Ihnen in Babelsberg eine Halle hin, in die Sie diese hier hineinschieben können!‘“ (Kapitel 7)

Hugenberg hält sein Versprechen: Er macht genügend Mittel locker, um in Babelsberg in Rekordzeit die modernsten Filmstudios hochzuziehen, die man sich vorstellen kann. Für Vollmöllers Aufgaben braucht es nicht nur Geld, sondern auch eine Menge Feingefühl, Taktik und Flunkereien. Weiterlesen

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Kevin Hearne: Die Chronik des Eisernen Druiden 09: Zerschmettert

Der letzte Auftritt unseres Druiden steht an. Atticus O´Sullivan, Owen sein einstiger Lehrmeister und Granuaile, die erste von Atticus ausgebildete Druidin der Neuzeit stemmen sich gegen das Vorhaben Lokis, den Weltenbrand, auch Armageddon genannt, wahr werden zu lassen. Allein, all ihre aufopfernde Mühe ist vergebens – auf der ganzen Welt beginnen die Verbündeten Lokis ihre unheiligen Pläne in die Tat umzusetzen.

Atticus weiß, dass er die Verantwortung für den Untergang der Welt trägt, weiss, dass er nur durch und mittels Verbündeter eine noch so geringe Chance hat, die übermächtigen Horden Lokis, seine Zombiearmee und die Dämonen aus den Höllenreichen aufzuhalten. Doch, wie nur soll ausgerechnet er, der doch so gut wie alle Götter der Pantheons auf die eine oder andere Art gegen sich aufgebracht hat, hier eine schlagkräftige Truppe hinter sich vereinen?

Die Chancen für Gäa stehen wahrlich nicht gut, als Atticus und seine zögernden Verbündeten in ihren letzten Kampf ziehen … Weiterlesen

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Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser

Viele feine Lebensweisheiten durchziehen diesen Roman über das Heranwachsen von Ercole in Turin. Wir begleiten seine Ich Erzählung von früher Kindheit bis zum Fast Erwachsensein. Und es ist kein Jugendroman, aber ein bisschen doch. Ich wünschte mir, dass die Kids mal wieder, anstatt stumpfsinnig und mit fadenscheinig interessierter Miene (denn eigentlich kann da nie wirklich was Wichtiges stehen) in ihre Smartphones zu starren, ein Buch dieses Kalibers lesen. Eine Art Mark Twain (Huck Finn) Story auf Italienisch. Und mit kleinen Weisheiten meine ich, dass das Leben immer eine Art Billard ist „man weiß nie in welche Richtung sich die Kugeln bewegen“. Ercole erlebt aber auch einen Scheiß nach dem anderen, er ist auf der anderen Seite aber ein reflektierter Junge mit Zielen vor Augen. Weiterlesen

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Judith Merchant: Atme!

Es sollte ein ganz normaler Shoppingausflug werden. Nile und ihr Freund Ben. Und dann ist da dieses Kleid im Schaufenster. Nile und Ben betreten den Laden, sie probiert das Kleid an – vielleicht wäre es ja was für die anstehende Hochzeit? Doch als Nile aus der Umkleidekabine kommt, ist Ben wie vom Erdboden verschluckt und auch vor dem Laden kann sich niemand an ihn erinnern. Panisch ruft Nile in den Krankenhäusern der Umgebung an und telefoniert schließlich auch die Freunde von Ben ab, von denen er sich in der letzten Zeit distanziert hatte. Niemand interessiert sich für Bens Verschwinden! Nur Bens noch-nicht-ganz-Ex-Frau Flo scheint Anteil zu nehmen und möchte Nile helfen. Doch sagt sie wirklich die ganze Wahrheit?

Judith Merchant spielt in ihrem Thriller „Atme!“ mit der Wahrnehmung der Leserinnen und Leser, aber auch mit Niles Bezug zur Realität. Nile wird oft panisch, weshalb Ben mit ihr ein Ritual entwickelt hat, um sie auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Weiterlesen

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Dana von Suffrin: Otto

Otto hat ein bewegtes Leben hinter sich. Seine Erlebnisse, und vermutlich auch sein unerbittlicher Charakter, haben ihn zu einen Familienpatriarchen gemacht, der seinen Töchtern das Leben nie wirklich leicht gemacht hat. Jetzt in hohem Alter ist er ein Pflegefall geworden und das macht ihn beinahe zu einem Tyrannen. Er kann nicht mehr, also müssen seine Töchter – immer und jederzeit. Tochter Timna nimmt das nicht ganz so gelassen, wie sie gerne würde.

Der Roman ist voller Humor, voller Rückblicke auf ein bewegtes Leben, wie Otto einzelne Erlebnisse seinen Töchtern erzählt hat, aber auch, wie sie ihre Kindheit empfunden haben. Der Schreibstil der Autorin ist toll und obwohl das Dritte Reich ein Teil von Ottos Leben war, wird es zwar thematisiert, aber nicht herausgehoben. Ein sehr emotionales Buch, über einen Abschied, bei dem das Bleiben schon nicht einfach war und der trotzdem schwerfällt. Weiterlesen

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Anna Rosina Fischer: Songbird

Ella ist 18 Jahre alt und wiederholt soeben die 11. Klasse nach einem Auslandsjahr. Ein bisschen verloren fühlt sie sich in der neuen Klasse, trauert ihren Freunden im Schuljahr darüber nach. Aber ein bekanntes Gesicht gibt es und das ist ausgerechnet der beste Freund ihres Bruders: Sam. Sie kennt ihn schon ewig und ist heimlich auch ein bisschen in ihn verliebt. Aber Sam ist nicht etwa ihr Mitschüler, sondern ihr Lehrer. Das macht die Sache nur komplizierter, als Ella merkt, dass sie ernsthafte Gefühle für den jungen Mann hat. Und dann setzt sie ihre komplette Gesundheit aufs Spiel, nur um ihm nahe zu sein.

Anna Rosina Fischer hat mit „Songbird“ einen guten Jugendroman geschrieben, großartig ist er aber nicht. Er behandelt eine Vielzahl von Themen und mir kommt es ganz so vor, als wäre für keins der Themen wirklich Platz und Zeit. Weiterlesen

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Ulrike Draesner: Kanalschwimmer

Ein eindrucksvolles Buch. Es gibt eigentlich zwei Geschichten die ineinander schwimmen. Die eine, ein Beziehungsdrama, die andere eine Dokumentation des Willens. Charles, heute jenseits der sechzig, und sein damaliger Freund Silas, lernten als Engländer mit etwas kosmopolitischeren Hintergrund – wird ja immer seltener sowas – Ende der Siebziger auf Sylt, ein Schwesternpaar kennen: Maude und Abbie. Man ist jung, schäkert, flirtet, verliebt sich, etc… wobei die Gefühlslage der vier durchgehend durcheinander ist und im Laufe der ersten Jahre ihrer gemeinsamen Geschichte, ein schreckliches Ereignis, die Gruppe erstarren lässt. Nach Jahren des Verarbeitens, gibt es bei Charles und Maude so etwas wie ein Familienleben und sogar eine Tochter namens Hazel. Silas existiert noch, aber selten körperlich, sondern eher als ein Art Weltenbummler, der sich ab und an meldet.

Eines Tages, vierzig Jahre nach ihrem ersten Treffen, werden die Abgründe noch mal neu sortiert, die Gefühle durcheinander gewirbelt und neue Entscheidungen getroffen. Eine dieser Entscheidungen ist die von Charles: er will den Ärmelkanal bezwingen. Diesen Punkt ohne Rückkehr teilt er niemanden mit, er bereitet sich alleine vor. Weiterlesen

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