Anne Griffin: Ein Leben und eine Nacht

Der vierundachtzigjährige Maurice Hannigan sitzt in einer  Hotelbar in Irland und lässt die Ereignisse seines langen, bewegten Lebens an sich vorbeiziehen. In dieser Nacht springt er über seinen Schatten und lässt seine Gefühle zu, die er sonst immer negiert hat.

Im ersten Kapitel hält er Zwiesprache mit seinem Sohn Kevin, einem bekannten Journalisten, der mit seiner Familie in den USA lebt. Kevin wird in fünf weiteren Kapiteln alles erfahren, was das Leben und Werden seines Vaters ausgemacht hat. Fünf Menschen samt den   wichtigen Erlebnissen und den Erfahrungen, die den Vater mit diesen Menschen verbinden, füllen die nächsten Kapitel aus. Zu diesen Menschen gehören Kevin selbst, seine Mutter Sadie, deren  behinderte Schwester Noreen, ein Baby das nicht Leben durfte und Tony, der Bruder seines Vaters.

Kevin, der wohlbehütet in seinem gut situierten Elternhaus aufgewachsen ist, wird nun mit allen Höhen und Tiefen aus dem Leben seines Vaters konfrontiert und mit dem, was das Leben seiner Eltern ausgemacht hat. Weiterlesen

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Helen Endemann: Todesstreifen

Die Grenzmauer zwischen Ost- und West-Berlin wirkt auf Marc eher wie die Wand eines Gefängnisses. Er muss da raus, weg von den Bestrafungen und den ständigen Kontrollen. Er will auch keine Tabletten einnehmen, die die Sportschule ihm vorschreibt.

Marcs Auflehnung kritisiert indirekt das sozialistische System der DDR, in dem jeder stumm jede Regel befolgt. Mal freiwillig, mal unter Zwang. Natürlich wissen alle, dass es mit Marc nicht gut enden wird. Niemals.

„… Wer diskutiert, ist ein Schädling.“ (S. 51) sagen die Lehrer.

Weil Marc trotzdem nicht den Mund halten kann, droht ihm der Aufenthalt in einem Kinderheim, das genaugenommen ein Gefängnis für Kinder ist.

Der Besuch einer Westberliner Sportschule zu einem Sportfest in Ost-Berlin verleitet Marc zu einem Fluchtversuch in den Westen. Ben, einer der westlichen Schüler, sieht ihm so ähnlich, dass Marc in Bens Kleidung und mit dessen Pass heil über die Grenze kommen könnte. Weiterlesen

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Per Petterson: Männer in meiner Lage

Arvid, der Ich-Erzähler, wird von seiner Frau verlassen, die auch die drei gemeinsamen Töchter mitnimmt. Außerdem sterben Arvids Eltern und einer seiner Brüder bei einem Schiffsbrand. In der Folge schlittert der Ich-Erzähler in eine tiefe Krise.

Per Pettersons Roman bietet gleich Mehreres auf, das das Lesen durchaus erschweren kann: durchgängige Tristesse, so gut wie keine Handlung, Bandwurmsätze, ständige Rückblenden, die nicht zu datieren sind, und ein seltsames Springen zu immer neuen Themen. Auf Seite 50 etwa geht es um flatternde Gebetsfahnen in Nepal, weiße Leoparden, Alkohol, einen dänischen Möbelschreiner und vieles mehr. Nicht empfehlenswert.

Per Petterson: Männer in meiner Lage.
Hanser, August 2019.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

 

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Maxim Wahl: Das Savoy: Aufbruch einer Familie

England, 1932: Das Savoy ist bereits jetzt ein angesehenes Hotel, das von vielen bekannten und reichen Persönlichkeiten geschätzt wird. Geführt wird es von Violets Großvater Larry. Doch als dieser einen Schlaganfall erleidet, setzt er ausgerechnet die junge Violet an seine Stelle und verärgert somit seine eigenen Kinder, die sich Chancen ausgerechnet hatten. Doch in dem Hotel ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Larry vermutet, dass er selbst vergiftet werden sollte, eine Leiche liegt im Hinterhof und auch sonst haben die Belegschaft und die Gäste so allerhand Geheimnisse.

Hinter dem Pseudonym Maxim Wahl steht ein bekannter deutscher Schriftsteller, der bereits viele Veröffentlichungen vorzuweisen hat. Das merkt man dem Roman auch an. Wahl blickt immer zur richten Zeit an den richtigen Ort und erzählt die Geschehnisse mit der nötigen Spannung. Dabei verliert er seine vorrangige Protagonistin Violet nicht aus den Augen. Sie will beim BBC ganz groß rauskommen, hat sich in den Hotelmechaniker verliebt, bekommt aber auch von ihrem Chef eindeutige Angebote gemacht. Weiterlesen

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Tommy Wieringa: Santa Rita

In seinem Roman „Santa Rita“ beschreibt der niederländische Autor Tommy Wieringa das triste Leben in einem Kaff an der deutsch-niederländischen Grenze. Hauptfigur Paul pflegt seinen alten Vater und handelt mit militärischen Hinterlassenschaften. Auch Neonazis sind seine Kunden. Pauls einziger Freund Hedwiges ist ein menschenscheuer Sonderling, der sich in seinem Haus verschanzt. Aber auch für Paul bieten die regelmäßigen Kneipengänge und die gelegentlichen Besuche im Puff die einzigen Abwechslungen. Der Titel des Romans bezieht sich auf den Namen einer der Prostituierten – sie kümmert sich wie die heilige Rita von Cascia um die aussichtslosen Fälle.

Es gelingt Wieringa recht gut, die freudlose, langweilige, beklemmende und zuweilen aggressive Atmosphäre in diesem Dorf einzufangen. Weiterlesen

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Stefan Barz: Spiel des Bösen

Spannung für einen entspannten Sonntagnachmittag. So könnte man dieses Buch von Stefan Barz untertiteln.

Stefan Barz erzählt in flottem, dem Thema durchaus angemessenen Tempo von mysteriösen Todesfällen in der Eifel. Es gibt keine Motive, keine wirklich Verdächtigen und zunächst auch keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen den drei Morden. Dann allerdings entdecken die beiden Kommissare Grimberg und Wagner durch Zufall drei Entführungsfälle. Kinder sind verschwunden ohne dass die jeweiligen Eltern sich bei der Polizei gemeldet hätten. Relativ schnell erkennt die Leserin, auch aufgrund der eingeschobenen Szenen aus der Perspektive des Täters, die Verbindung.

Stefan Barz schreibt spannend, keine Frage, aber die Spannung ist recht oberflächlich, so erkennbar erzeugt. Es mangelt an Subtilität, an Originalität. Der Stil ist wie aus dem Lehrbuch, viele Formulierungen sind abgedroschen,  Bilder und Vergleiche ausgelutscht. Und die reichlichen Fehler mindern das Lesevergnügen zusätzlich. Mehrmals sind die Namen der handelnden Personen – von denen es reichlich gibt – vertauscht, so dass man als Leser aus dem Lesefluss gerissen wird, weil man erst einmal überlegen muss, wer denn eigentlich gemeint ist. Weiterlesen

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Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960)

Fast jeder hat schon einmal von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer gehört. Wer nur die Verfilmungen kennt – von denen ich die der Augsburger Puppenkiste am meisten schätze – hat aber etwas verpasst.

Und so fängt die Geschichte an: Auf Lummerland, einer winzigen, beschaulichen Insel im großen Ozean, leben genau vier Menschen und die Lokomotive Emma. Da sind Lukas der Lokomotivführer, der so großartige Dinge kann wie Loopings spucken und Eisenstangen zu Schleifen binden; König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, der zwischen den beiden Gipfeln der Insel in seinem Schloss thront und regiert; Frau Waas, die den Kaufladen führt und die Einwohner mit allen wichtigen Dingen – zum Beispiel mit ihrem selbstgemachten Erdbeereis – versorgt und Herr Ärmel, der am liebsten spazieren geht und sonst vor allem Untertan ist.

An einem schönen Tag legt das Postschiff vor der Insel an und der Briefträger bringt – etwas ratlos – ein Paket für eine „Frau Malzaan oder so ähnlich“. Natürlich ist allen gleich klar, dass es auf Lummerland keine Frau Malzaan gibt. Die Zahl der Einwohner ist ja ziemlich überschaubar. Weiterlesen

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Michael Ende. Die unendliche Geschichte (1979)

Als Bastian vor der Schule ein Buch mitgehen lässt, weiß er noch nicht, dass die Lektüre sein Leben für immer verändern wird. Er taucht ein in die Unendliche Geschichte und lernt dort Atréju kennen, der gemeinsam mit dem Glücksdrachen Fuchur das Leben der Kindlichen Kaiserin retten muss. Seitdem sie krank ist, verschwindet Phantásien zusehends und hat schwarze Löcher aus Nichts. Das muss gestoppt werden, die fantasievolle, grenzenlose Welt darf nicht für immer im Vergessen landen. Bastian erkennt fast zu spät, dass er selbst der Schlüssel zur Rettung ist.

Michael Endes Werk ist ein wahrer Klassiker und wurde seit seinem Erscheinen von vielen Generationen gelesen. Im Vordergrund steht nicht nur die Handlung. Sie nimmt aber viel Raum ein und ist immer wieder abwechslungsreich und bunt gestaltet. Erst gibt es zwei Handlungsstränge, einen in Phantásien, einen in der Welt der Menschen, die sich zur Mitte des Buches dann miteinander verknüpfen. Weiterlesen

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Andrej Kurkow: Graue Bienen

Sergej Sergejitsch – fast 50 Jahre alt, Frührentner und Imker – lebt in Malaja Starogradowka, einem Dorf mitten in der grauen Zone, zwischen den Fronten der prorussischen Separatisten und der ukrainischen Kämpfer. Nur noch zwei Bewohner harren dort aus: Sergej und Paschka, sein „Kindheitsfeind von der ersten Klasse der Dorfschule an“ (Zitat Seite 6), der immer mehr zu seinem „Feindfreund“ wird. Schließlich hat er sonst niemanden mehr, mit dem er sich unterhalten kann. Die anderen Einwohner haben die Flucht ergriffen, weil sie um Leib und Leben fürchteten und der Alltag ihnen zu beschwerlich wurde.

Denn schon lange gibt es keinen Strom mehr und keine Post, der Laden ist geschlossen und auch wenn das Geschützfeuer meist nur als Hintergrundgeräusch aus der Ferne zu vernehmen ist und im Normalfall keine Aufmerksamkeit mehr erregt, verirrt sich doch manchmal eine Granate ins Dorf. Eine davon hat die Kirche in Schutt und Asche gelegt und Sergejitsch dadurch zu einem ganzen Haufen Kirchenkerzen verholfen.

Abwechslung gibt es eher selten – mal ein toter Soldat auf dem Feld, mal eine Explosion, die Paschkas Fensterscheiben zerfetzt, mal eine Wanderung ins Nachbardorf oder der überraschende Besuch eines jungen ukrainischen Soldaten namens Petro. Doch auch bei unvorhergesehenen Ereignissen bleibt Sergej meistens ruhig und überlegt sich gut, was er tut und was er lässt. Nicht einmischen ist meistens seine Devise – und damit fährt er bisher gut. Weiterlesen

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Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht

In den Jahren 1994/1995 stand Jostein Gaarders Roman Sofies Welt, in der das Mädchen Sofie über sich selbst und das Leben nachdenkt,  auf der Spiegel-Bestenliste. Zwischenzeitlich ist das Buch zum Longseller geworden. Wer Sofies Welt kennt, ahnt vielleicht, dass Jostein Gaarder, der unter anderem Philosophie studiert hat, auch in diesem Buch die Handlung wieder philosophisch verwebt:

Der Protagonist Albert zieht sich zurück an den einsamen Waldsee Glitretjern, wo er und seine Familie eine kleine Hütte besitzen. Hier will er darüber nachdenken, wie es mit seinem Leben weitergehen soll. Er muss eine beängstigende Diagnose, von der er vor wenigen Stunden erfahren hat, erst einmal verarbeiten um dann eine Entscheidung zu treffen. Nur durch das Schreiben gelingt es ihm, klare Gedanken zu fassen. So erzählt er schreibend von seiner kleinen Familie, geht zurück bis zum Kennenlernen seiner Frau Eirin, beschreibt glückliche Tage wie auch Krisen. Weiterlesen

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