Valeria Parrella: Liebe wird überschätzt

Die italienische Autorin Valeria Parrella (Jahrgang 1974) wurde für die Erzählungen „Die Signora, die ich werden wollte“ 2003 in ihrem Heimatland ausgezeichnet. Hierzulande ist sie eher weniger bekannt. Dies sollte sich jedoch bald ändern, denn mit ihrem neuesten Buch „Liebe wird unterschätzt (und andere menschliche Geschichten)“ legt sie ein Stück guter Erzählkunst vor. Es ist am 24. Juli 2017 in einer Übersetzung von Annette Kopetzki beim Carl Hanser Verlag erschienen. Darin acht Erzählungen oder wie der Untertitel sagt „menschliche Geschichten“, die (fast alle) überzeugend geschrieben sind und mich als Lesende beeindruckt haben.

Den Auftakt zu dem Lesevergnügen macht die titelgebende Geschichte „Liebe wird überschätzt“, in der die Sportjournalistin Federica und ihr Arztgatte Giorgio gemeinsam mit der fast erwachsenen Tochter Susanna in den Urlaub in die Berge fahren. Das Ehepaar hat sich mit seiner beidseitigen sexuellen und emotionalen Untreue arrangiert, bis eine unerwartete Todesnachricht die Heimlichkeiten und Lügen aufdeckt. Und die Tochter den Eltern ordentlich die Leviten über die Liebe liest.

Die fünfzigjährige Giulia besucht seit Jahrzehnten dieselbe Pizzeria und hat wechselnde Männerbeziehungen bis sie zur Hochzeit der Tochter ihrer besten Freundin eingeladen wird und feststellt, „dass es uns allen leichtfällt, bei einem Fest dabei zu sein, aber wichtiger ist, wie man sich am nächsten Tag fühlt.“ (S. 54).

Oder Madre Pia, seit zwanzig Jahren in Kloster-Klausur, fasst den Beschluss, das Baby einer Zwangsprostituierten anzunehmen und das Klosterleben aufzugeben. In „Behave“, der einzigen Geschichte, die nicht in Italien, sondern in England (Liverpool) spielt, muss sich der Seemann Bud nach dem Tod seiner Frau Jude der Liebe und Verantwortung für seinen behinderten Sohn Brandon stellen. In einer anderen kurzen Geschichte wiederum entdeckt eine Frau, wie frischer Fisch wirklich schmeckt. Ein Mann lernt im Gefängnis durch einen alten Mitgefangenen, den Wert der Freiheit zu schätzen. „Das letzte Leben“ (die letzte Geschichte des Buches) erzählt von der Krankheit und dem Sterben einer Tochter, die ihre Mutter tröstet.

Valeria Parrella ist Sprachwissenschaftlerin und kann mit Sprache umgehen. Ihre Erzählungen in „Liebe wird überschätzt“ sind kurz und fein formuliert. Ihre Figuren zeichnet sie treffend und glaubwürdig. Als Lesende nehme ich ihr die Stimmen der achtzehnjährigen Abiturientin genauso ab wie die der fünfzigjährigen, geschiedenen Lehrerin oder des alternden Seemanns. Es steckt viel Erzählkraft in den kurzen Episoden. Eine Erzählkraft, die viel von dem schriftstellerischen Talent Valeria Parrellas zeigt. Bleibt zu hoffen, dass sie uns auch in Zukunft mit hochwertigem Lesestoff versorgen wird.

Valeria Parrella erzählt diese alltäglichen Geschichten von der Liebe überraschend anders, italienisch und klug. Bitte lesen!

Valeria Parrella: Liebe wird überschätzt.
Hanser, Juli 2017.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.