N. K. Jemisin: Die Wächterinnen von New York

Ein junger Mann sprayt Münder auf Wände und Häuser, damit die Stadt atmen kann. Ein Neuankömmling vergisst mitten in der U-Bahn seinen Namen und sieht plötzlich geheimnisvolle Tentakel, die Menschen und Gebäuden umschlingen, aber allen anderen verborgen bleiben. Es geht etwas vor sich in New York… die Stadt „erwacht“. Wenn dies der Fall ist, bestimmt die Stadt einen Avatar, der sie verkörpern soll. New York erhält derer gleich fünf, untergliedert in die Stadtteile Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staaten Island. Doch Mächte aus dem Untergrund versuchen, dieses Erwachen zu verhindern. Den Auserwählten bleibt nichts anderes übrig, als sich trotz aller Unterschiede zusammenzuschließen, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei müssen sie sich mit Visionen und übernatürlichen Fähigkeiten auseinandersetzen. Schnell folgt die Erkenntnis, niemandem mehr trauen zu können, denn die feindlichen Mächte können von allem Besitz ergreifen.

In Jemisins „Schöpfungsgeschichte“ sind alle Universen aus einem gemeinsamen Keim entstanden. „Diese erste Welt, dieses erste Leben, war eine wundersame Sache. Doch durch jede Entscheidung, die diese Lebewesen getroffen haben, hat sich eine neue Welt abgespalten… (…) Wie übertrifft man ein Wunder? Kann man nicht; man erschafft einfach ein anderes Universum, das dann seine eigenen Wunder hervorbringt. Und so breitete sich das Leben aus – über tausend Millionen Universen, von denen jedes merkwürdiger war als das vorherige.“ (S. 207). Erwachende Städte sind die einzigen, die dieses Schichtsystem von Universen durchstoßen können.

Was Jemisins Roman so spannend macht, ist zum einen die clever konstruierte Story. Zum anderen liegt es daran, dass nicht nur das Setting mehrdimensional ist, auch die Charaktere sind es. New Yorks Avatare sind wunderbar lebendig geraten: Galeristin, Politikerin, Mathematikerin, Student, Obdachloser… Es macht Laune, sie kennenzulernen, da jede Person individuell reagiert. Manche stürzen sich in ihre neue Berufung, manche probieren neugierig ihre übersinnlichen Fähigkeiten aus, manche wollen sich am liebsten verkriechen, um ihre Bestimmung von sich zu weisen. Wobei der deutsche Buchtitel missverständlich geraten ist. Es sind nicht nur Frauen, die als Avatare von New York dienen. Männer mischen ebenfalls kräftig mit.

Jemisins Charaktere bestechen durch äußerste Diversität. Homosexuell, lesbisch, Schwarze, Inder, Latinos… ob Rasse, ob Gender, die Autorin deckt alle Facetten ab, weshalb ihre Story so bunt ist wie der Melting Pot von New York. Dennoch kann ihr Roman auch als Rassismus-Kritik verstanden werden. Denn die finsteren Mächte dieses Buches sind hier alle mehr oder weniger weiß. Die Autorin, die auch als feministische Bloggerin aktiv ist, lässt zum Beispiel die Angry White Men-Bewegung Gift und Galle spucken. Außerdem ist da die weiße Macht im Untergrund, die sich nicht nur über weiße Tentakel manifestiert, sondern die von ihr befallenen Menschen ebenso farblos und wie ferngesteuert zurücklässt. Als Manifestation tritt sie wie eine Art Albino in unterschiedlichen Gestalten auf den Plan. Sie verbündet sich ausgerechnet mit dem „weißesten“ Stadtteil von New York, dem republikanisch geprägten Staaten Island.

Die Autorin streift dabei den Bereich der fiktionalen Möglichkeiten. Paralleluniversen sind schon lange Gegenstand der Diskussion in der Quantenphysik. Auch die Fähigkeit, mittels Gedankenkraft Dinge zu verändern, beschreibt Jemisin so natürlich, dass wir ihr ganz selbstverständlich in den Plot folgen. Wenn sie über Städte schreibt, die ihr Erwachen nicht überlebt haben, macht sich beim Lesen Gänsehaut breit. New Orleans und Port-au-Prince haben es nicht geschafft, sich gegen die bösen Mächte zu behaupten. Ihr Erweckungsprozess wurde mittels Hurrikan Katrina und einem Erdbeben zunichte gemacht. Ebenso wie Atlantis, Pompeji… der Kampf der Städte tobt seit Jahrtausenden.

Fazit: Ein im wahrsten Sinne des Wortes herausragender Science-Fiction Roman. Bei diesem hochspannenden Pageturner ist so manche schlaflose Nacht garantiert. Die mehrfach ausgezeichnete Science-Fiction Autorin hat so ziemlich jeden Award des Genres erhalten wie mehrere Hugo und World Fantasy Awards. Dass sie selbst in New York wohnt, macht den Plot umso authentischer. Eine gute Nachricht: Wie ihre bisherigen Erfolge rund um „Das Erbe der Götter“ und „Die große Stille“ ist auch „Die Wächterinnen von New York“ als Trilogie angedacht. Schade, dass wir nicht in ein Paralleluniversum versetzen können, wo die nächsten Bände bereits erschienen sind. Bis dahin bleibt uns in dieser Welt nur eines – Vorfreude!

N. K. Jemisin: Die Wächterinnen von New York.
Aus dem Englischen übersetzt von Benjamin Mildner.
Tropen, März 2022.
544 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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Ein Kommentar zu “N. K. Jemisin: Die Wächterinnen von New York

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