Harry Bingham: Fiona: Den Toten verpflichtet

Es gibt genug Gründe, Fiona den Polizeidienst zu verweigern. Zum einen verdient ihr Vater, ein polizeibekannter ‚Verbrecher‘ ohne Verurteilung, sein Geld mit Stripteaselokalen. Darüber hinaus hält Fiona ihre psychische Erkrankung geheim, die sie unter der Maske der verschrobenen Einzelgängerin mit Verstand verbirgt. Jeden Tag könnte dieses Geheimnis entdeckt werden.

Seit vier Jahren arbeitet DC Fiona Griffith bei der Polizei in Wales, als sie in die Ermittlung eines Doppelmordes eingebunden wird. Der Anblick der toten Mutter und Tochter in dem verwahrlosten Haus lässt sie nicht los. Vor allem die ungewöhnlich brutale Ermordung des sechsjährigen Mädchens treibt Fiona zu unzähligen Überstunden. Statt sich nur auf den einen Ermittlungsauftrag zu konzentrieren, betreibt sie noch eigene Recherchen, die mehr in Gang setzen, als sie ahnen kann. Und dann werden noch mehr Menschen ermordet. Tote schweigen bekanntlich für immer.

Harry Bingham hat mit Fiona eine eigensinnige Ermittlerin geschaffen, die intelligent und unkonventionell eigene Wege geht. Ihr Motto lautet, » … dafür zu sorgen, dass die Dinge Sinn ergeben.« (S. 121) Während sie eine erfahrene Kollegin bei der Befragung von Prostituierten begleiten darf, tauchen wie gewohnt Konflikte auf. »… Dass wir die Vorschriften nicht einhalten, macht ihr große Sorgen. Mir nicht. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Mein Problem sind eher die Vorschriften an sich.« (S. 229). Aus diesem Grund häufen sich Auseinandersetzungen mit Kollegen und Vorgesetzten, die auch schon einmal Folgen haben können.

In seinem Nachwort zu Fionas Erkrankung erklärt Harry Bingham, wie er auf die seltene Erkrankung einer Frau aufmerksam wurde. Die extreme Ausprägung einer Depersonalisierung beschäftigte ihn umso mehr, weil eine vollständige Heilung kaum möglich sei. Der Auslöser für diese schwere Erkrankung kann unter anderem ein traumatisches Erlebnis in der früheren Kindheit sein. Wie wäre es, wenn seine Romanfigur darunter litte und jeden Tag ihr Anderssein kaschieren müsste? Was passiert, wenn das Trauma den Alltag beeinflusst? Fiona, die geniale Ermittlerin, war geboren. Weil der Autor Fiona selbst erzählen lässt, wirkt ihre Verschrobenheit angenehm sympathisch. Die unerwarteten Wendungen gepaart mit ganz viel Klugheit schenken eine kurzweilige und spannende Unterhaltung.

Inzwischen darf der Leser in drei Kriminalromanen Fiona in die Abgründe der englischen Gesellschaft begleiten.

Eine feine Urlaubslektüre, die Hunger auf immer mehr macht.

Harry Bingham: Fiona: Den Toten verpflichtet.
Rowohlt, Juni 2018.
496 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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