Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_zwölf

Bereits seit 2008 gibt Axel Kutsch im Verlag Ralf Liebe jährlich die Versnetze heraus. Die Idee hinter den Netzen ist spannend, denn sie verbinden die Verse regional und über die Generationen hinweg. Innerhalb der großräumigen Sortierung nach deutschen Postleitzahlenbereichen erfolgt die Anordnung nach dem Alter der Autorinnen und Autoren – am Beginn stehen jeweils die Jüngsten. Die Bandbreite reicht vom Jahrgang 1929 bis 1997, wobei der Schwerpunkt deutlich auf den Jahrgängen zwischen 1940 und 1970 liegt. Hinzu kommt der „kleine Grenzverkehr“, in dem auch deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aus anderen Ländern zu Wort kommen.

Die Vielfalt der Sammlung ist beeindruckend, die unterschiedlichsten Stile und Themen sind vertreten. Rätselhafte Verse wechseln sich ab mit leicht verständlichen, gereimte mit ungereimten, konkrete mit abstrakten, heitere mit ernsten oder gar wütenden. Manche bestehen nur aus wenigen Worten, andere füllen eine ganze Seite. Die Autorinnen und Autoren befassen sich mit der Natur, der Umwelt und dem Klima, mit Menschen, die flüchten, die lieben oder leiden, mit den Auswüchsen der modernen Gesellschaft, mit Geschichte und mit Politik. Dabei konnte ich keinen gravierenden Unterschied in der Themenwahl in den verschiedenen Regionen oder Altersgruppen erkennen. Die Lyrik spannt ihre Netze darüber hinweg und wirkt so auch verbindend.

Eine ganze Reihe namhafter Autorinnen und Autoren wie Ulla Hahn, Günter Kunert oder Arne Rautenberg haben sich eingereiht und steuern Texte bei, aber insgesamt werfen 239, teils auch unbekannte Stimmen, ihre Netze aus und versuchen, die Leserinnen und Leser einzufangen. Nicht alle Gedichte haben mich auf Anhieb angesprochen. Doch das schadet nichts. Manchmal hilft das mehrfache Lesen und wenn es auch dann nicht klappt, gibt es noch viele Alternativen in diesem Band. Sich Lyrik zu erschließen oder sie zu genießen, ist so individuell wie jeder einzelne Mensch.

Meine persönlichen Favoriten sind Sprach- und Wortspielereien wie „neueröffnung“ von Rainer Stolz (Seite 40), die Texte von Marcus Neuert auf Seite 85 und 86 oder Martin Ebners pasta poetica (Seite 151). Aber auch „Survival kit“ von Andrea Maria Keller (Seite 340) und viele andere haben ihre positiven Spuren bei mir hinterlassen. „Über das Schauen“ von Herausgeber Axel Kutsch (Seite 198) hat mir schon in der Lyrikanthologie „Cinema“ des Elif-Verlages ausnehmend gut gefallen.

Insgesamt bietet „Versnetze_12“ einen umfassenden Überblick über die deutschsprachige Gegenwartslyrik. Wer sich dafür interessiert, ist mit dieser Sammlung gut bedient und kann für sich aus den Netzen picken, was ihm schmeckt und gut bekommt.

Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_zwölf.
Verlag Ralf Liebe, Mai 2019.
368 Seiten, Taschenbuch, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

 

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