Jennifer Eagan: Manhattan Beach

Jennifer Egan, eine 1962 geborene amerikanische Schriftstellerin, entführt uns mit ihrem fulminanten Roman „Manhattan Beach“ in das New York des Zweiten Weltkriegs. Ihre Hauptfigur Anna, eine selbstbewusste junge Frau, möchte unbedingt in den Marinewerften, wo die imposanten Kriegsschiffe gebaut werden, als Taucherin arbeiten.

Das erscheint zunächst unmöglich, hat es doch noch nie zuvor eine Frau gegeben, die den 100 Kilogramm schweren Tauchanzug angezogen hat. Und so treten ihr die größten Vorbehalte und Widerstände entgegen.

Die Autorin verquickt diese Emanzipations-Geschichte um Anna, die mit Mutter und schwerbehinderter Schwester zusammenlebt, mit zwei weiteren Handlungssträngen: Da ist zunächst der zwielichtige, aber gut aussehende Dexter Styles. Er verdient sein Geld zumindest teilweise mit illegalen Geschäften, in denen Nachtclubs, greise, aber mächtige Gangsterbosse in mafiaähnlichen Strukturen eine Rolle spielen. Dexter und Anna lernen sich kennen, und eine gegenseitige Anziehungskraft verbindet sie zumindest kurz. Weiterlesen

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Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist

In seinem Roman „Karl oder Der letzte Kommunist“ beschreibt Autor Eberhard Rathgeb einen Mann, der jahrzehntelang treu hinter seinen politischen Ansichten steht. Er lässt sich weder durch gesellschaftliche Umbrüche von seiner Meinung abbringen, noch interessiert ihn irgendetwas, das nichts mit seinem Thema zu tun hat. Seine Umwelt reagiert zunehmend genervt oder gelangweilt auf Karls Tiraden.

Problem: Auch für den Leser wird dieses Buch schnell langweilig, denn das oben Beschriebene ist im Grunde nach wenigen Seiten abgehandelt. Danach dreht sich der Text im Kreis. Humor oder eine Art Handlung fehlen gänzlich. Nicht zu empfehlen.

Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist.
Hanser, Juli 2018.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Dirk von Petersdorff: Wie bin ich denn hierhergekommen

Eine klassische Dreiecksgeschichte unter End-Dreißigern breitet der 1966 geborene deutsche Autor Dirk von Petersdorff in seinem Roman „Wie bin ich denn hierhergekommen“ aus. Tim und Anna leben ein klassisches Leben mit Beruf, Ehe und Kind. Johannes dagegen hat keinen festen Job und führt immer noch das Dasein eines Studenten. Die Drei kennen sich aus alten Zeiten, und auch Johannes und Anna haben ein Faible füreinander.

Hauptproblem dieses Romans ist seine Sprunghaftigkeit und sein Reichtum an überflüssigen Details. Dirk von Petersdorff, der an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena unterrichtet, kommt von einem Thema aufs Nächste, ohne dass das etwas mit den drei Hauptfiguren zu tun haben muss. Weiterlesen

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Jeroen Olyslaegers: Weil der Mensch erbärmlich ist

Einen Brief an seinen fiktiven Urenkel lässt der belgische Autor Jeroen Olyslaegers  den über 90 Jahre alten Wilfried Wils schreiben. Darin geht es vor allem um Wils‘ Erlebnisse in der Zeit, als Belgien von den Nazis besetzt war. In einer Stadt, die zwar nie benannt, aber mit der wohl Antwerpen gemeint ist, dient Wils Anfang der 1940er-Jahre als Hilfspolizist und findet sich zwischen allen Stühlen wieder: Auf der einen Seite muss er den neuen Machthabern dabei helfen, Juden zu verhaften und abzuführen, andererseits unterstützt er seinen Freund Lode, der im Keller einen der Verfolgten versteckt.

​Der Roman stellt die Frage nach Schuld und Mitverantwortung für die Nazi-Gräuel durch Mitläufer wie unseren Helden. Hätte der damals 20-Jährige sich widersetzen können und sollen? Hätte er seinen Job kündigen müssen, in dem er den Nazis sehr nahe kam, obwohl er der einzige Ernährer der Familie war? Ist man feige, wenn man nicht den Helden markiert? Weiterlesen

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Natalie Buchholz: Der rote Swimmingpool

Adam, ein Junge an der Grenze zur Volljährigkeit, ist Hauptfigur und Ich-Erzähler in Natalie Buchholz‘ Debütroman „Der rote Swimmingpool“. Er kommt nicht darüber hinweg, dass sein Vater die Familie zugunsten einer neuen Freundin und deren Kinder verlassen hat.

Sehr früh – andeutungsweise sogar schon in einem kleinen Vorspann vor dem ersten Kapitel – erfährt der Leser, dass die Situation zwischenzeitlich eskaliert: Adam steckt das Haus in Brand, in dem die Familie früher gewohnt hat und in dem sein Vater nun mit der neuen Familie lebt. Dabei sterben zwei Hundewelpen.

Die 1977 geborene Münchener Autorin verschränkt geschickt zwei Handlungs- und Zeitebenen miteinander. Da ist einerseits die Gegenwart, in der Adam zur Strafe Sozialstunden in der Altenpflege ableisten muss und sich dabei in die Urenkelin einer der Seniorinnen verliebt Weiterlesen

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Denis Johnson: Die Großzügigkeit der Meerjungfrau

Der 2017 gestorbene hochdekorierte amerikanische Schriftsteller Denis Johnson hat der literarischen Welt einen Band mit fünf Erzählungen hinterlassen: „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“. In allen Geschichten stehen Menschen im Vordergrund, die gerade eine Krise zu bewältigen haben oder am Ende ihres Lebens stehen – so wie Darcy, ein Schriftsteller, der als alter Mann allein in seinem Elend lebt und die Geister längst verstorbener Familienangehöriger sieht. Oder wie Mark, ein hochangesehener Dichter, der literarische Preise absahnt, aber gleichzeitig von dem Wahn besessen ist, Elvis Presley sei ab dem Jahr 1958 durch seinen tot geglaubten Zwillingsbruder ersetzt worden. Er gibt tausende von Dollar für angebliche Dokumente aus, die diese Verschwörungstheorie stützen.

Denis Johnson war sicherlich ein brillanter Schreiber, der tief in die Seelen seiner Figuren blicken konnte und seinen Büchern auf diese Weise einen enormen Tiefgang verlieh. Und doch wird „Die Großzügigkeit der Meerjungfrau“ nicht jedem Leser gefallen. Weiterlesen

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Richard Russo: Immergleiche Wege

Pulitzer-Preisträger Richard Russo hat ein Buch mit vier Erzählungen geschrieben, in denen Akademiker im Mittelpunkt stehen, die bereits etwas älter sind. Sie müssen feststellen, dass sie ihr Plus an Lebenserfahrung nicht davor bewahrt, Rückschläge einzustecken. Eine Uni-Dozentin sieht sich mit einem Plagiatsfall konfrontiert, ein Immobilienmakler ist an Krebs erkrankt und ein Drehbuchautor wird von der Filmbranche böse hintergangen.

Die längste Geschichte handelt von einem Englisch-Professor, der sich in Venedig verliert. Diese Geschichte, die womöglich die stärkste im ganzen Buch ist, hat Parallelen zu der berühmten Thomas-Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“. Unser Held hat Schwierigkeiten mit seinem Handy, er verirrt sich und weiß nicht recht, wie er mit den Avancen einer Frau umgehen soll, die zu seiner Reisegruppe gehört. Weiterlesen

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David Mitchell: Slade House

Wer auf den guten alten englischen Schauerroman steht, den man am besten nachts mit Taschenlampe unter der Bettdecke liest, der sollte unbedingt „Slade House“ von David Mitchell lesen. Die sprichwörtliche Gänsehaut kriecht einem den Rücken hinunter, und man möchte den Protagonisten ständig zuschreien: „Nein, um Himmels Willen, geh nicht durch dieses schmale Törchen!“

Natürlich kümmern sich Romanfiguren in aller Regel nicht um solche Leserwarnungen, und so durchschreiten sie denn doch jedes Mal am „Tag der offenen Tür“ jenes Törchen. Es zeigt sich nur alle neun Jahre am letzten Samstagabend im Oktober und befindet sich in einer ausgesprochen düsteren, nebeligen und kalten Gasse irgendwo in England.

Wer hindurchgeht, dessen Seele ist verloren, denn die Zwillinge Norah und Jonah, am Ende des Romans 116 Jahre alt, brauchen in regelmäßigen Abständen eine frische Seele, um ihren Unsterblichkeitsakku wieder aufzuladen. Weiterlesen

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Jean Cocteau: Thomas der Schwindler (1923)

Der Manesse-Verlag, der sich auf Klassiker spezialisiert hat, hat einen Roman von 1923 neu übersetzen lassen: „Thomas der Schwindler“ von Jean Cocteau. Darin gibt sich ein 16-Jähriger als 19-jähriger Sohn eines Generals aus und verschafft sich auf diese Weise im 1. Weltkrieg Ansehen und Zutritt in Kreise, die ihm sonst verschlossen wären.

Gemeinsam mit einer Prinzessin und deren Tochter reist er in einem Wagen-Konvoi an die Front nach Reims, um Verwundeten zu helfen. Die Drei begreifen den Krieg dabei jedoch eher als spannende Theater-Kulisse, die gut dazu taugt, ihnen die Langeweile zu vertreiben, als als grausames Gemetzel.

Der kurze Roman ist in einem stakkatohaften Stil verfasst, der gelegentlich so wirkt, als habe der Autor lediglich eine Handlung skizzieren wollen, um sie später noch detaillierter auszuführen. Dazu angetan, dem Leser die Figuren näher zu bringen, ist dieser Erzählstil nicht. Weiterlesen

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John Boyne: Cyril Avery

Der irische Autor John Boyne ist in Deutschland vor allem mit seinem Holocaust-Roman „der Junge mit dem gestreiften Pyjama“ (2007) bekannt geworden. Nun hat er sich im 730-Seiten-Wälzer „Cyril Avery“ auf die Suche nach seinen irischen Wurzeln begeben. Er beschreibt darin das Leben Cyrils, der schon früh seine homosexuellen Neigungen erkennt, von der Geburt bis ins Alter.

Doppelmoral, religiöser Eifer, Rückständigkeit und Homophobie sind Themen, die sich durch den gesamten Roman ziehen – aber auch Liebe und familiärer Zusammenhalt.

Alles beginnt damit, dass im ländlichen Irland im Jahr 1945 Cyrils Mutter, Catherine, im Gottesdienst vor versammelter Gemeinde an den Pranger gestellt wird, weil sie sich als 16-Jährige hat schwängern lassen. Weiterlesen

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