Philipp Winkler: Carnival

Eine Hommage an die gute alte Kirmes und die Menschen, die dort arbeiten, ist Philipp Winklers kurzer Roman „Carnival“. Er erweckt die Schwertschlucker und Messerwerfer, die Zuckerwatte und das Riesenrad, den Schießstand und das Kettenkarussell zum Leben und beschreibt das Ganze als etwas, das im Grunde zu einer untergegangenen Zeit gehört. Mit den Vergnügungen von heute in Multiplexkinos oder an der Playstation hat das nur noch wenig gemein.

Dabei werden die „Kirmser“ als eine eingeschworene Truppe dargestellt, die geradezu in einer anderen Welt leben als die Besucher – die „Marks“ und „Steifen Jonnys“ –, auf deren Geld sie so dringend angewiesen sind.

Der Star in diesem Roman ist eindeutig die Sprache. Winkler nähert sich seinem Thema auf eine fast poetische Weise, die eine große Zärtlichkeit für die oft unglücklichen Gestalten mit trauriger Vorgeschichte ausdrückt, die mit einer Kirmes durch die Lande ziehen. Weiterlesen

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David Szalay: Turbulenzen

In seinem schmalen Roman „Turbulenzen“ erzählt der kanadisch-britische Autor David Szalay zwölf kleine Geschichten von Menschen, die sich zwar zufällig begegnen, deren unterschiedliche Schicksale aber ansonsten wenig miteinander zu tun haben. Immer geht es dabei ums Fliegen. Und so sind auch die einzelnen Kapitel nach Flugrouten betitelt: „Von London nach Madrid“ oder „Von Madrid nach Dakar“.

In der ersten Geschichte erleidet eine ältere Dame einen Zusammenbruch. Sie kehrt vom Besuch ihres Sohnes zurück, der an Prostatakrebs erkrankt ist. Im Flugzeug neben ihr sitzt ein senegalesischer Geschäftsmann, der in Dakar erfahren muss, dass sein Sohn einen Motorradunfall hatte. Wegen dieses Unfalls kommt ein Flugkapitän zur spät zur Arbeit. Und so geht es immer weiter, bis sich am Ende der Kreis schließt und wir mit dem letzten Flug von Budapest nach London wieder bei dem an Krebs erkrankten Mann ankommen.

So gesehen ist dieser Roman nicht nur eine Reise um die Welt sondern zugleich eine literarische Anordnung wie in Arthur Schnitzlers Klassiker „Reigen“. Weiterlesen

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Karine Tuil: Menschliche Dinge

Was passiert, wenn die Welt der Reichen, Schönen und Erfolgreichen plötzlich Risse bekommt, das seziert die 1972 geborene französische Autorin Karine Tuil aufs Allerfeinste.

In ihrem sehr lesenswerten Roman „Menschliche Dinge“ sieht sich der Elitestudent Alexandre Farel plötzlich mit einem Vergewaltigungsvorwurf konfrontiert. Er stammt aus einem priviligierten Elternhaus, in dem der berufliche Erfolg über allem steht. Sein Vater ist der egoistische und skrupellose Fernsehmoderator Jean, der sich mit deutlich jüngeren Geliebten vergnügt und für den beruflichen Erfolg über die sprichwörtlichen Leichen geht. Seine Mutter ist die erfolgreiche feministische Sachbuch-Autorin Claire. Auch diese beiden Figuren und ihr (verkorkstes) Liebesleben spielen eine zentrale Rolle im Roman.

Dann läuft eine Party, bei der Drogen und Alkohol im Spiel sind, aus dem Ruder. Alexandre bedrängt die völlig unerfahrene Mila sexuell, die aus einem streng gläubigen jüdischen Elternhaus stammt. Sie ist völlig verzweifelt und erstattet Anzeige. Weiterlesen

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Richard Russo: Sh*tshow: Erzählung

Nachdem in diesem Jahr mit „Jenseits der Erwartungen“ bereits ein großer Roman des amerikanischen Schriftstellers Richard Russo erschienen ist, lässt der Dumont-Verlag nun noch ein schmales Bändchen unter dem Titel „Sh*tshow“ aus seiner Feder folgen. Der Text darin ist kein Roman, sondern eher eine Erzählung.

​Darin geht‘s um drei Paare, deren Leben sich nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten verändert. Gegenseitiges Misstrauen kommt auf (haben wirklich alle Freunde für Hillary gestimmt?), und die Ehe von David und Ellie scheint zu zerbrechen, nachdem Ellie im Whirpool menschliche Fäkalien gefunden hat. Nach weiteren Funden dieser Art wird sie fast paranoid und weigert sich, weiterhin im gemeinsamen Haus zu leben.

Richard Russo, der bekannt ist für seine groß angelegten psychologisch aufs Genaueste nachgespürten Gesellschaftsepen, geht hier vergleichsweise sparsam zu Werke. Seine Figuren charakterisiert er nur kurz, weil ihm diesmal die Aussage, die hinter dieser Parabel steckt, wichtiger ist als die Psychologie: Ein von Fäkalien beschmutztes Haus ist wie ein Land, in dem jemand wie Donald Trump Präsident werden kann. In beidem möchten und können nicht alle unbeschwert weiterleben. Weiterlesen

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Taylor Jenkins Reid: Daisy Jones and The Six

Rockfans müssen „Daisy Jones and The Six“ lesen. Dieser Roman, den Autorin Taylor Jenkins Reid aus (fiktiven) Interview-Schnipseln zusammengesetzt hat, ist das derart authentisch wirkende Porträt einer Rockband aus den 70er-Jahren, dass man ständig versucht ist, bei Google nachzuschauen, ob es die Gruppe nicht doch gegeben hat. Nein, hat es nicht. Aber nach der Lektüre dieses Buches wünscht man sich, es hätte sie gegeben und man könnte sich ihre alten Songs irgendwo anhören. Bekannt ist allerdings, dass die Autorin viel über Fleetwood Mac recherchiert hat.

Als die wilde und eigensinnige Daisy Jones mit der rauchigen Stimme zu „The Six“ stößt, sind die eine aufstrebende Band mit ersten Erfolgen. Aber erst die Zusammenarbeit katapultiert die Musiker in ungeahnte Höhen.

Doch es gibt Probleme im zwischenmenschlichen Bereich: Daisy und Bandleader Billy fühlen sich zueinander hingezogen, Billy jedoch will keinesfalls seine Ehe aufs Spiel setzen. Eine Zerreißprobe beginnt. Schwierigkeiten bereitet den beiden auch ihr Drogen- und Alkohol-Konsum. Weiterlesen

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Bernd Cailloux: Der amerikanische Sohn

Der Berliner Schriftsteller Bernd Cailloux schickt in seinem autobiographisch geprägten Roman „Der amerikanische Sohn“ den Ich-Erzähler in die USA. Eine Stiftung hat ihn nach New York eingeladen. Aber zugleich bietet diese Reise für ihn eine Möglichkeit, seinen erwachsenen Sohn zu treffen, der in den Staaten lebt. Zuvor hatte er nie Kontakt zu ihm. Die Mutter, mit der er vor über 30 Jahren eine kurze Affäre hatte, hat sich wenig später mit dem gemeinsamen Sohn nach Jamaica und dann in die USA abgesetzt.

​Der Ich-Erzähler ist das, was man heute als Alt-68er bezeichnen würde – ein ehemaliger Hippie, der in dieser Zeit eine Firma für Stroboskope aufgezogen hat.

„Der amerikanische Sohn“ ist ein lakonisch und humorvoll erzählter Roman, der von den zahlreichen Erinnerungen des Protagonisten lebt. Sie legen die vielen Widersprüchlichkeiten in seinem Leben genauso frei wie die eines Landes wie den USA. Weiterlesen

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Richard Russo: Jenseits der Erwartungen

Drei ältere Herren treffen sich für ein Wochenende an genau dem Ort wieder, an dem sie auch schon vor über 40 Jahren zusammen waren: in einem Häuschen in Chilmark auf Martha‘s Vineyard. Mit einem entscheidenden Unterschied: Damals war auch die freche und lebenslustige Jacy mit von der Partie, in die alle drei Jungs verliebt waren.

Doch seit diesem Wochenende fehlt jede Spur von Jacy. Was ist aus ihr geworden? Ist sie womöglich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen? Hat der unsympathische Nachbar oder gar einer der Jungs etwas damit zu tun? Könnte es sein, dass sie auf dem Anwesen in Chilmark begraben ist?

​Doch ein Krimi, nach dem sich das anhören mag, ist Richard Russos Roman „Jenseits der Erwartungen“, der aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, nur zu einem kleinen Teil. Weiterlesen

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Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Den Roman „Die Wahrheit ist“ von Eshkol Nevo haben gleich zwei unserer Rezensenten gelesen. Lesen Sie hier beide Beiträge von Sabine Sürder und Andreas Schröter.

Sabine Sürder meint: Der israelische Schriftsteller und ehemalige Werbetexter Eshkol Nevo (Jahrgang 1971) landete 2007 mit seinem zweiten Roman „Wir haben noch das ganze Leben“ in Deutschland einen Bestseller. 2018 veröffentlichte dtv seinen Roman „Über uns“. Nun erschien ebenda am 24. April 2020 Nevos neuestes Werk unter dem Titel „Die Wahrheit ist“ in einer Übersetzung von Markus Lemke.

Darin beantwortet ein Autor mit dem Namen Eshkol Nevo Leserfragen, die ihm ein Online-Redakteur übermittelt. Und es beginnt ein Spiel mit Wahrheit und Lüge. Der Autor lässt seine Lesenden im Unklaren darüber, wie viel in seinen Antworten wahr ist und wie viel er erfunden hat. Das hat anfänglich viel Reiz, da ich mich als Lesende immer wieder neu frage: stimmt es oder stimmt es nicht? Aber mit zunehmender Seitenzahl und Lesedauer ermüdet mich dieses Frage- und Antwortspiel. Und zwar vor allem deswegen, weil der Autor penetrant darauf besteht, ein notorischer Lügner und Geschichtenerfinder zu sein. Der alles und jede/n zu einer Geschichte macht. Wie unnötig, mich fortwährend mit der Nase darauf zu stoßen. Genauso unnötig wie das fortlaufende Gejammer über Dysthemie („einer auf kleiner Flamme schmorenden Missstimmung“), unbefriedigende Lesereisen und mangelndes Talent.  Weiterlesen

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Dave Eggers: Die Parade

Von Dave Eggers erscheinen in diesem Frühling gleich zwei Romane. Neben „Der größte Kapitän aller Zeiten“, einer Trump-Parodie, die wir hier ebenfalls besprochen haben, legt der Amerikaner ein Werk namens „Die Parade“ vor.

Es spielt in einem nicht näher benannten Land, in dem es kurz zuvor einen Bürgerkrieg gegeben hat. Zwei Männer, die im Buch bloß „Vier“ und „Neun“ heißen, haben die Aufgabe, eine große Straße zu asphaltieren, die die Provinzen enger mit der Hauptstadt verbindet.

Das hat unbestreitbare Vorteile für die unterentwickelte Landbevölkerung. Sie kann künftig besser Handel treiben und auch die Zentren der medizinischen Versorgung leichter erreichen. Doch es gibt ein dickes „Aber“: Diktatoren werden es leichter haben, diese Bevölkerungsteile zu unterjochen. Tun „Vier“ und „Neun“ also wirklich etwas Gutes für das geschundene Land?

„Die Parade“ ist ein sehr gradlinig und auch minimalistisch erzählter Roman. „Vier“ sitzt in einer hochmodernen Maschine, die zuverlässig und makellos den Asphalt verlegt. Kontakte zu Einheimischen versucht er streng zu vermeiden – ganz so, wie es die Firma, für die er arbeitet, es ihm vorschreibt. Weiterlesen

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Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten

Dave Eggers ist mit seinem Roman „Der größte Kapitän aller Zeiten“ eine wunderbare Satire auf das heutige Amerika unter Donald Trump gelungen. Auf einem riesigen Schiff namens „Glory“ wird ausgerechnet der allerunfähigste Mann an Bord zum Kapitän gewählt. Als eine der ersten Amtshandlungen schmeißt er die Bücher weg, die darüber Auskunft geben, wie man ein solches Schiff überhaupt navigiert. Dann entlässt er die Offiziere und wirft missliebige Personen, von denen es aus Sicht des Kapitäns eine ganz Menge gibt, einfach über Bord. Das Schwarze Brett nutzt er vor allem dazu, täglich die Größe und Funktionsfähigkeit seines Penis‘ herauszustreichen.

Man liest dieses Buch und kommt im Grunde aus dem Kichern gar nicht mehr heraus – wobei es natürlich ein Kichern ist, das eine erschreckte Grundnote hat, weil Eggers‘ Gags so zielsicher ins Schwarze der derzeitigen US-amerikanischen Realität zielen.

Natürlich gibt es einige wenige Menschen an Bord, die sich gegen die Schreckensherrschaft des rundum unfähigen Kapitäns stellen. Aber sie haben gegen seine Unterstützer, ein Trupp, der sich „Die Eitlen Gockel“ nennt und im Hahnenkostüm auftritt, keine Chance. Weiterlesen

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