Es gibt Klassiker, die einen speziellen Blick in die Vergangenheit erlauben. Sie erzählen authentisch, wie der „Zeitgeist“ und gesellschaftliche Normen in die Biografie einer Person eingreifen. Dabei zeigen sie, wie Geschichten einerseits persönlich anrühren und andererseits einen besonderen Charakter erhalten.
In dem Briefroman von Marga Berck (1875-1970), einer hanseatischen Großkaufmannstochter, geht es um die 17-jährige Matti (Marga), die ihren Platz in der Gesellschaft finden muss. Sie steht in direkter Konkurrenz mit verschiedenen Freundinnen und Cousinen, die alle eine gute Partie suchen. Der standesgemäße zukünftige Ehemann muss im richtigen Alter sein und auch ihre Gefühle erwidern können.
Auch heute finden sich die geeigneten Ehepartner häufig im gleichen sozialen Umfeld. Dass jemand weit weg vom eigenen sozialen Spektrum einen Partner kennenlernt, liebt und heiratet, dürfte die eigene Familie eher überraschen als bei Verbindungen mit Kollegen oder jemandem aus dem Freundeskreis.
Seit Matti und ihre beste Freundin Bertha räumlich getrennt leben, pflegen beide einen intensiven Briefwechsel. 1893 war die Kunst des Briefeschreibens in der gehobenen Gesellschaft die einzige Möglichkeit des Austauschs mit entfernt wohnenden Menschen. Und weil Matti mit ihren Eltern ständig reiste, hat sie selten die Möglichkeit, Bertha zu besuchen.
Während Matti noch immer von potenziellen Heiratskandidaten hofiert wird, hat Bertha bereits ihren John gefunden. In einem Zeitraum von fast drei Jahren ist Bertha versprochen, verlobt, verheiratet und wird natürlich im ersten Ehejahr Mutter.
Bei der ungestümen, phantasievollen Mattie sind diese drei Jahre wechselhaft. Anfangs glaubt sie, gar nicht lieben zu können. Sie ist so jung und unerfahren, dass ihr eine konkrete Vorstellung fehlt. Gleichzeitig wird sie überbehütet, denn ihre Naivität und Unberührtheit ist die wahre Währung einer jungen Frau aus gutem Hause. In ihrer Zeit hat der zukünftige Ehemann ein großes Interesse, seine Frau in spe nach seinen Vorstellungen „anzuleiten“. Denn er bestimmt die Regeln innerhalb und außerhalb der Ehe.
Matti hatte eines Tages die Qual der Wahl, als zwei sehr unterschiedliche Männer ihr Interesse und ihre Gefühle wecken. Der jüngere, liebevolle Percy und der im richtigen Alter befindliche, erwachsene Rudi, der später Direktor der Hamburger Kunsthalle wird. Verstand und Gefühl bringen Matti durcheinander. Kann man zwei unterschiedliche Männer lieben?
Empathisch und kunstvoll stellte die Autorin Marga Berck ihre Jugendbriefe für eine Veröffentlichung 1951 zusammen. Dank diverser Neuauflagen und einer Verfilmung mit Katja Riemann in der Hauptrolle hat der feinfühlige und spannend zu lesende Briefroman Sommer in Lesmona einen festen Platz in der Reihe der Klassiker.
Marga Berck: Ein Sommer in Lesmona
Nachworte von Hans Harder Biermann-Ratjen und Nicole Seifert
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 03/2026
208 Seiten, Taschenbuch, 15,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
