Neues Literaturgenre
Kunst und Comedy – geht das zusammen? Und wie! Der Kunsthistoriker und Comedian Jakob Schwerdtfeger nimmt uns mit auf eine Reise durch 1000 Jahre Kunstgeschichte, von Romanik über Renaissance bis zu Pop Art und Performancekunst. Gewürzt wird dieser flotte historische Rundgang mit ganz viel Humor. Persönliche Anekdoten, Wortspielereien und knackige Anmerkungen zeigen, dass Kunstgeschichte nicht dröge sein muss, sondern richtig Spaß machen kann! Kurz und knackig auf den Punkt gebracht, holt er damit sogar „Kunstbanausen“ ab. Merke: Renaissance ist Streberkunst vom Feinsten, Barock ist Kunst auf Koks, Dadaismus Quatsch mit Qualität.
„Kunstgeschichte auf einen Blick“-Bücher gibt es viele. Aber keines ist so wie dieses. Die einzelnen Kunstepochen werden an berühmten Kunstwerken skizziert (natürlich mit entsprechenden Abbildungen) und mit einem historischen und gesellschaftlichen Kontext versehen, der zur Entstehung dieser Kunstströmung beigetragen hat. Soweit, so gut. Das kennen wir bereits aus anderen Büchern, aber beileibe nicht so gewitzt und humorvoll.
Furzende Fabelwesen & Kuriositäten der Kunst
Bereits die Einleitung jedes Kapitels ist ein Genuss. Auf den Fotos von Felix Krämer aus der Serie „It’s a Match“ sehen wir Museumsgäste von hinten, die ein Kunstwerk betrachten, woraus sich köstliche Spannungsfelder ergeben. Die ersten Kapitel zeigen, dass selbst im finstersten Mittelalter noch Raum für Komik bleibt. Da wäre zum Beispiel das Northumberland Bestiarium mit einem Fabelwesen, das mit feurigen Fürzen gegen einen Ritter kämpft. Schwerdtfeger hat einen untrüglichen Blick für amüsante Details. Daneben baut er viele persönliche Anekdoten ein. Von Erfahrungen während seiner Museumsführungen bis zu seinem Großvater, der einst Schüler am legendären Bauhaus war.
Ein Blauton erhitzt die Gemüter
Bei den Kapiteln Performancekunst und Moderne Kunst kann Jakob Schwerdtfeger vollends über die Stränge schlagen. So lässt der Autor YouTube-Kommentare einfließen, die aufzeigen, welche Gemütswallungen Yves Kleins Werk „Mondrian Blau“ – bestehend aus einem einzigen Blauton – bei Personen mit labilem Kunstempfinden hervorrufen kann. Sie reichen von einem „Das ist der Anfang von allem, was in der Welt schiefläuft“ (S. 233) bis zu „Das schönste Blau ist Schalke Blau.“ (S. 234). VALIE EXPORT hob das Thema Body Art 1968 auf ein neues Level durch ihr Tapp- und Tastkino, bei welchem Kunstfreunde ihre Brüste durch einen Kasten berühren durften. Wie gefährlich blindes Vertrauen in KI sein kann, zeigt eine völlig verhunzte David Skulptur. Während Streetart Künstler in Kreuzberg den bezahlbaren Wohnraum im wahrsten Sinne des Wortes zu Grabe tragen.
Praktisches Partywissen: Kunst im Kurzformat
Literarische „Leckerchen“ krönen dieses Buch. Da wäre der kurze Steckbrief am Ende jeder Kunstepoche mit Zeit, Merkmalen, Anliegen und einem Merksatz. Beispiel: „Rokoko sieht aus, wie blumiges Parfum riecht“ (S.73). Oder: „Dada ist der Hofnarr der Kunst“ (S.188). In der Rubrik „Gegen den Strom“ werden außergewöhnliche KünstlerInnen vorgestellt, die sich herzlich wenig um die Konventionen ihrer Zeit geschert haben.
Fun Facts: Nerds, soweit das Auge reicht!
Dann gibt es noch die Rubrik Fun Facts. So erfahren wir beispielsweise, dass Rubens nicht nur eine Vorliebe für üppig proportionierte Frauenkörper hatte, sondern 1630 als Diplomat den Frieden zwischen Spanien und England vorbereitet hat – „was man halt so macht als Nebenjob.“ (S. 46) Eine weitere Anekdote: Michelangelo wurde 1494 tatsächlich damit beauftragt, einen Schneemann zu gestalten! Anmerkung des Autors: „sein kurzlebigstes Kunstwerk“. (S. 31). Eine Vorreiterin des Upcyclings war Helen Frankenthaler. Sie benutzte ihre Kaffeekanne als Utensil und ließ daraus Farbe auf Leinwände fließen. Sehr ressourcenschonend.
Tausendsassa Jakob Schwerdtfeger hat Kunstgeschichte studiert, im Frankfurter Städel Museum gearbeitet und erobert seit 2012 die Stand-up Bühnen. Als Moderator und Kunstexperte ist er in mehreren Hörfunk-, Fernseh- und Museumsformaten präsent. Außerdem publiziert er eigene Social Media Kurzfilme. Nach dieser Lektüre werden Sie Lust bekommen, ins nächste Museum zu rennen. Apropos Museum: Nur 9,59 Sekunden betrachten wir durchschnittlich ein Gemälde. Nehmen Sie sich das nächste Mal mehr Zeit. Denn es gibt viel zu entdecken, zu staunen und auch zu lachen. Das weiß sogar Taylor Swift und hat dadurch Friedrich Heysers „Ophelia“ im Museum Wiesbaden zu neuem Ruhm verholfen!
Jakob Schwerdtfeger: Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht‘
dtv, Mai 2026.
272 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
