Paul Auster: Das rote Notizbuch

Paul Austers Red Notebook von 1995 erscheint nun erstmals vollständig in deutscher Sprache. 25 Geschichten sind in dieser nur wenige Seiten umfassenden bibliophilen Ausgabe abgedruckt.

Bereits nach wenigen Seiten hat man das Gefühl, ein modern ausgestaltetes Zauberbuch zu lesen. Dies mag daran liegen, dass die allesamt wahren Erzählungen seiner Bekannten und Freunde, die Auster über Jahre zusammengetragen hat, ausgesprochen phantasievoll, ja teilweise sogar fast unheimlich anmuten.

Es sind seltsame Begebenheiten, nahezu unwahrscheinliche Möglichkeiten, die zu dieser besonderen Aura, die diese Geschichten umhüllt, beitragen. Darüber hinaus verdeutlichen die Storys auch, dass das, was wir für gänzlich unmöglich betrachten, dennoch möglich sein kann. Auster ist wie ein Sezierer. Er dringt in etwas ein und bringt etwas ans Licht, was normalerweise verborgen bleibt. Das Gewöhnliche erhält durch seine Sicht mit einer anderen Gewichtung eine phantastische Komponente und wird so plötzlich neu wahrnehmbar. Weiterlesen

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Joachim Zelter: Im Feld: Roman einer Obsession

Frank und Susan ziehen nach Freiburg. Warum nach Freiburg? Darauf hat nur Frank eine Antwort: Das treibende Wort für ihn ist „Hochschwarzwald“. Der Umzug ergibt für ihn „Radsportsinn“. Weg von den mickrigen Hügeln in Norddeutschland, vom Training auf den Rampen von Tiefgaragen. Richtige Anstiege braucht er jetzt, da es im Beruf bergab geht und er sich nicht mehr orientieren kann. Herausfordernde Strecken, Gleichgesinnte. Susan fährt nicht mehr Rad. Sie hinterfragt: den Umzug, die berufliche Situation, den Sinn, sich Berge hoch zu quälen, Kilometer zu fressen, nicht auszuscheren. Dennoch weist sie Frank auf eine Anzeige hin: „Rennradtreff. Christi Himmelfahrt. Donnerstag um 10 Uhr. Der Radverein lädt ein. Auch Nichtmitglieder sind willkommen.“

Frank fährt los, unsicher, verhalten, folgt einem anderen Radfahrer, landet am Treffpunkt Heidegger-Denkmal und wird in die „mittlere Gruppe“ der Ausfahrt einsortiert. 27er-Schnitt, rund 100 Kilometer. Das kann er schaffen, das passt, denkt er beim eher gemächlichen Einrollen. Ruhe und Rhythmus kehren ein, bei gleichbleibendem Tempo unterhält man sich über Ritzel, Sattelstützen, Tretlager, Fahrradmarken oder hängt seinen Gedanken nach. Frank wird ein Teil des Feldes, das zusammenspielt wie ein Schwarm, Handzeichen fliegen von Fahrer zu Fahrer, wenn ein Hindernis ansteht, abwechselnd stehen sie im Wind. Weiterlesen

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Laura Dave: Hello Sunshine

Da das Buch im Rahmen der „Hello Sunhsine“-Kampagne von Blanvalet als kostenloses eBook zur Verfügung gestellt wurde und im Zusammenhang mit einer Gewinnmöglichkeit steht, muss dieser Beitrag als #Werbung gekennzeichnet werden. Dies beeinflusst aber nicht die ehrliche Meinung zu dem rezensierten Buch.

Sunshine MacKenzie kann nicht kochen. Gar nicht. Trotzdem ist es ihr gelungen, mit einem Kochblog und dazugehörigen YouTube-Videos erfolgreich zu sein. So richtig erfolgreich. Das verdankt sie unter anderem ihrem Manager, sie ist sogar im Gespräch für eine eigene Kochsendung im regionalen Fernsehen. Leider, leider ist das Kochen aber nicht die einzige Lüge in Sunshines Leben. Und ausgerechnet an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag holt sie das alles ein. Mit Schwung. Und schlägt ihr ins Gesicht. Der Mann, den sie liebte, behauptet sie überhaupt nicht mehr zu kennen. Ihre Fans sind empört. Ihre Konkurrenten frohlocken. Ihre Freunde lassen sie fallen.

Es folgt eine Reise in die Vergangenheit, aber auch tief ins eigene ich. Sunshine zieht sich zurück, wohnt bei ihrer ungeliebten Schwester und bewirbt sich bei einem Spitzenkoch, um naja – kochen zu lernen. Natürlich hat er keine Ahnung, wer sie ist. Sie lernt, sich dem Leben ohne Lügen zu stellen, und das ist ein langer Weg. Weiterlesen

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André Aciman: Call Me By Your Name

Ein heißer Sommer in Italien, zwei Männer, die sich ineinander verlieben. Im Jahr 2007 wurde „Call me by your name“ erstmals veröffentlicht. 2017 folgte die Verfilmung durch Regisseur Luca Guadagnino, auf der diesjährigen Oscarverleihung gab es die Goldtrophäe für das beste Drehbuch. Nun die literarische Neuauflage – gut so! In den vergangenen 11 Jahren hat sich viel getan, nicht nur durch die „Ehe für alle“. Dies sollte es der Leserschaft ermöglichen, dem Buch unvoreingenommen zu begegnen. Der homoerotische Aspekt ist hier nicht primär ausschlaggebend. Es geht um eine universelle Liebe, die Verschmelzung zweier Menschen. Ruf mich bei deinem Namen, dann ruf ich dich bei meinem. „Ich will dich erfahren und durch dich auch mich!“ Es geht hier um nichts Geringeres, als um eine der schönsten, intelligentesten, emotionalsten Lovestorys aller Zeiten! Weiterlesen

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Andreas Izquierdo: Fräulein Hedy träumt vom Fliegen

Fräulein Hedy von Pyritz ist mit ihren 88 Jahren eine Respektsperson in dem kleinen Städtchen im Münsterland, wo sie in einer feinen Villa auf einem Hügel lebt. Jeder kennt sie, manche fürchten sie, manche verehren sie und verdanken ihr viel. Sie leitet die Von-Pyritz-Stiftung für begabte junge Menschen, ist preußisch streng zu sich und anderen und verliert eines Nachts den Verstand. Das glaubt zumindest ihre Tochter Hannah oder – was wahrscheinlicher ist – sie nimmt das ungewöhnliche Verhalten ihrer Mutter zum willkommenen Anlass, sie vom Vorsitz der Stiftung zu verdrängen und aufs Altenteil zu schieben. Auch Maria, Hedys Haushälterin und engste Vertraute, macht sich immer öfter Sorgen um Hedy, aber die verfliegen meistens schnell, wenn sie ein leckeres Essen auf den Tisch bringt.

Hannah achtet sehr auf Etikette und darauf, was andere von ihr halten. Dass Hedy sich im Dunkeln auf den Balkon stellt und „TIM-BUK-TUUU“ in die Finsternis ruft, mag ja noch angehen. Aber als sie den Zeitungsjungen mit ihrem alten Mercedes jagt und eine Anzeige aufgibt, in der sie einen Kavalier sucht, der sie zu einem Nacktbadestrand fährt – Entgeltung garantiert – wird es Hannah zu viel. Sie strebt ein Entmündigungsverfahren an und schickt Hedy eine Psychologin ins Haus (diese Begutachtung ist für mich die witzigste Szene im Buch). Weiterlesen

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Michael Chabon: Moonglow

Der US-amerikanische Autor Michael Chabon machte bereits Ende der 80er-Jahre mit seinem sensationellen Romanerfolg „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ von sich reden. Jetzt, über 30 Jahre später, hat er rein gar nichts von seinem Können eingebüßt: „Moonglow“, die zumindest weitgehend fiktive Biografie seines Großvaters mütterlicherseits, ist großartig.

Und dieser Großvater, hat so einiges erlebt. Er hat versucht, seinen Chef mit einem Telefonkabel zu erdrosseln und musste dafür in den Knast, hat im Krieg den Nazi Wernher von Braun gejagt und war mit einer Frau verheiratet, die sich immer mal wieder in psychiatrische Behandlung begeben musste. Über allem aber stand die Liebe dieses Mannes zu Raketen und zu dem Weltraumprogramm der NASA. Weiterlesen

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Bianca Bellová: Am See

Das Fischerdorf Boros liegt an einem großen See, der systematisch vergiftet und ausgebeutet wird. Die Menschen in Boros glauben an den Seegeist, der einmal erzürnt, durch ein Menschenopfer besänftigt werden kann. Auch Nami glaubt an ihn und dass die Erzürnung des Seegeistes mit seinem Schicksal verknüpft ist. Schon vor seiner Geburt liegt ein Zorn auf seinem Leben, in dem alles zerrinnt, was gut war: Mutter verschollen, Vater unbekannt, Großeltern früh verstorben. Misshandelt und beschimpft flieht Nami in die fremde Hauptstadt. Dort soll es für ihn eine Zukunft geben. Doch aus irgendeinem Grund scheint ihn die Rache des Seegeistes zu verfolgen.

Die Prager Autorin Bianca Bellová darf man als vielseitige Künstlerin sehen, die den Gebrauch der Sprache in- und auswendig beherrscht. Sie schreibt neben Novellen auch Romane und Übersetzungen. Darüber hinaus arbeitet sie als Dolmetscherin.

In ihrem Roman »Am See« thematisiert sie die Haltbarkeit von Unschuld und Reinheit in Gestalt des Jungen Nami, der unter widrigen Bedingungen erwachsen wird. Nami, lernt laufen, zuhören, schwimmen und geht zur Schule. Völlig unvorbereitet steht er vor seinen Gegenspielern: der grausamen Seite des Aberglaubens und der Willkürherrschaft der Russen. Lakonisch und bildhaft zugleich beschreibt Bianca Bellová die menschenverachtenden Lebensbedingungen und ihre Opfer in der von Männern dominierten Welt, zu denen nun auch Nami als Arbeitssuchender gehört. Weiterlesen

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Monica Isakstuen: Elternteile

Was tun, wenn die Familie zerbricht? Wenn man die Zeit, die man mit seinem Kind verbringt, plötzlich aufteilen muss -„gleichwertig und klug“ (Seite 50) – , zwischen Vater und Mutter? Wenn man auf einmal entscheiden muss, bei wem die Tochter Weihnachten verbringt oder mit wem sie ihren Geburtstag feiern kann?

In Monica Isakstuens Roman blicken wir tief in die Gefühlswelt einer betroffenen Mutter. Was für eine Mutter ist sie, wenn ihre Tochter beim Vater ist? Ist sie dann überhaupt noch Mutter?

Eindrucksvoll, bisweilen poetisch, auf jeden Fall immer intensiv und nachdenklich stimmend ist die Lektüre ihres Romans „Elternteile“. Sie gibt damit allen Alleinerziehenden eine Stimme und zeigt, dass so eine Trennung nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern eine Herausforderung ist. „Es ist kein Wettkampf. Aber ich will ihn gewinnen.“ ( Seite 59) Weiterlesen

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Felicitas Hoppe: Prawda – Eine amerikanische Reise

Die Büchner Preisträgerin von 2012 Felicitas Hoppe (Jahrgang 1960) hat die Welt schon auf einem Containerschiff umrundet („Pigafetta“, 1999) und sich eine fiktive Autobiografie verpasst („Hoppe“, 2012).

Im März 2018 veröffentlichte der S. Fischer Verlag ihr neuestes Buch „Prawda – Eine amerikanische Reise“. Felicitas Hoppe begibt sich darin im Herbst 2015 auf eine Reise vom Osten der USA nach Westen, von Boston nach San Francisco und von Los Angeles zurück nach New York City. Inspiriert wurde sie durch den Reisebericht der beiden Russen Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, die in den 1930er Jahren im Auftrag der russischen Zeitung „Prawda“ Amerika bereisten.

Mit drei Mitreisenden, die sich in einem anspruchsvollen Auswahlverfahren durchgesetzt haben, macht sich „Frau Eckermann“ (wie sich Hoppe in ihrem Buch nennt) auf den Weg. Der russische Künstler Foma, die deutsche Fotografin Jerry und die österreichische Dozentin und Kettenraucherin MsAnnAdams begleiten Felicitas Hoppe fortan in einem rubinroten Ford Explorer durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Noch regiert Barack Obama, aber es ist Wahljahr. Weiterlesen

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Tim Krohn: Herr Brechbühl sucht eine Katze

Diese Idee ist grandios. Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider. Im Leben wir dir nichts geschenkt und es ist meist eine auch eine ziemliche Plackerei. Aber in allem steckt auch ein Wille, die Schwierigkeiten zu meistern, sich nicht demütigen zu lassen oder sogar zu kämpfen.

Dass in dem Haus dabei urkomische, absurde oder auch weltphilosophische Gedanken gewälzt werden, liegt eben in der menschlichen Natur. Nur weißt du eben oft genug nicht, was dabei der Sinn ist, nach dem alle irgendwie suchen. Vielleicht ist das aber eben genau der Sinn. Weiterlesen

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