Guadalupe Nettel: Nach dem Winter

Mit „Nach dem Winter“ stellt der Blessing-Verlag dem deutschen Lesepublikum erstmals die Übersetzung eines Romans der in Mexiko bereits sehr erfolgreichen Schriftstellerin Guadalupe Nettel vor.

Die 1973 geborene Autorin erzählt ihre Geschichte abwechselnd aus der Sicht zweier sehr unterschiedlicher Protagonisten. Da ist zunächst der egoistische Machtmensch Claudio, der in New York sein Leben nach strengen Ritualen lebt. Er hat eine 15 Jahre ältere Geliebte – Ruth –, mit der er sich ausschließlich aus sexuellen Gründen trifft.

Und da ist Cecilia, eine zurückgezogene und labile Studentin in Paris. Sie verliebt sich in ihren kränklichen und ebenso zurückgezogenen Nachbarn Tom, weil sich beide für Friedhöfe interessieren. Irgendwann bei einem Abstecher Claudios nach Paris treffen sich die beiden Hauptfiguren und haben eine kurze Affäre miteinander. Weiterlesen

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Mike Gayle: Nur zusammen ist man nicht allein

Im Original lautet der Titel des Romans „The Hope Family Calendar“ – der Familienkalender der Hopes spielt eine wichtige Rolle in dieser Geschichte über Verlust und Trauer, Entdecken und Glück. „Egal wie gut wir alles planen und organisieren, keiner von uns kann wirklich wissen, was die Zukunft für uns bereithält, egal ob gut oder schlecht. Und doch kaufen wir diese Kalender, füllen sie mit unseren Vorstellungen, Träumen und alltäglichen Dingen und geben die Hoffnung nicht auf, dass die Dinge so laufen werden, wie wir sie uns vorstellen.“ (Zitat S. 378)

Laura hat früher den Familienkalender geführt und alle Termine eingetragen: Schulaufführungen, Geburts- und Jahrestage, Ausflüge, Arzttermine, Verabredungen. Sie hat die Familie gemanagt, Konflikte gelöst, Kompromisse gefunden, das Haus der Hopes zu einem Zuhause gemacht. Doch Laura ist vor einem Jahr tödlich verunglückt, nichts ist mehr wie es war. Tom verschanzt sich seit dem Tod seiner Frau hinter der Arbeit. Lauras Mutter Linda ist zu den Hopes gezogen und kümmert sich um Evie, vierzehn, und Lola, acht. Linda versucht, das Familienleben zusammenzuhalten und den Mädchen die Mutter zu ersetzen. Weiterlesen

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Abby Fabiaschi: Für immer ist die längste Zeit

Madeline, genannt Maddy, sucht eine neue Frau für Ihren Mann Brady und eine neue Mutter für ihre 16-jährige Tochter Eve. Das ist an sich schon ungewöhnlich, wird aber noch seltsamer, wenn man weiß, dass Maddy nach einem Sturz vom Bibliotheksdach des Wellesley-College gestorben ist und nun in einer Zwischenwelt über der Erde schwebt. Sie kann sich nicht erklären, warum das so ist, fragt sich, ob sie jetzt dauerhaft als Gespenst ihr Unwesen treiben muss oder ob dieser Zustand das Fegefeuer ist.

Ihren Mann und ihre Tochter möchte sie jedenfalls möglichst gut versorgt wissen, denn sie war schon zu Lebzeiten die Zuverlässigkeit in Person. Anstrengt versucht sie, die richtige Frau zu finden, die – wie sie – den Alltag von Brady und Eve organisiert, denn die beiden sind sonst aufgeschmissen. Sie war immer da, wenn sie gebraucht wurde, hat sich selbst und ihre Bedürfnisse zurückgenommen und kannte für jede Lebenssituation das richtige Lied oder eine passende Weisheit. Da Grundschullehrerinnen genau die Eigenschaften haben, die Maddy sich für ihre Nachfolgerin wünscht, schaut sie sich zuerst unter ihnen um. Als sie gerade aufgeben und zu den Krankenschwestern übergehen will, findet sie in Rory das scheinbar perfekte Exemplar. Sie beginnt, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Weiterlesen

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Andreas Maier: Die Universität

Der Doktor der Philosophie und Schriftsteller Andreas Maier (Jahrgang 1967) hat 2011 mit dem Buch „Das Zimmer“ einen autobiografischen Romanzyklus angefangen, von dem bisher fünf Teile veröffentlicht wurden. Im Februar 2018 erschien im Suhrkamp Verlag Teil Sechs „Die Universität“. Wie seine Vorgänger ist „Die Universität“ ein schmales Bändchen. Darin beschreibt Maier die ersten Semester seiner Philosophie-Studienzeit in Frankfurt a. Main Ende der 1980er Jahre.

Andreas Maier ist von Friedberg in der Wetterau nach Frankfurt am Main gekommen, um Philosophie und Germanistik zu studieren. In den Semesterferien will er nach Italien, genauer gesagt nach Südtirol. Doch als er am Hauptbahnhof Frankfurt steht, kauft er eine Fahrkarte nach Butzbach, wo sich eine Zweigstelle der Bindernagelschen Buchhandlung befindet. In die Buchhändlertochter war er einst verliebt.

Zurück in Friedberg sitzt er vor einem leeren Blatt Papier mit der Überschrift „Butzbachfahrt“. Weiterlesen

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Helen Simpson: Nächste Station

„Nächste Station“ ist ein Buch mit neun Erzählungen, die das mittlere Alter und das Älterwerden thematisieren.

In der ersten Geschichte fahren die langjährigen Freundinnen Julie und Philippa einer neuen, in der U-Bahn vergessenen Gleitsichtbrille hinterher. Bis zur Endstation Cockfosters dreht sich ihre Unterhaltung außer um diese neue Brille um die Loslösung von den Kindern, einstige Mitschülerinnen, Kindheitserinnerungen, alte Eltern die in Zukunft Hilfe brauchen würden…

Die nächste Erzählung „Torremolinos“ beschreibt zwei Patienten auf einer Krankenstation. Der eine hat einen Dreifachbypass und soll nun dem anderen, der direkt aus der Vollzugsanstalt kommt, beschreiben, wie sich ein Herzinfarkt anfühlt. Der Inhaftierte will sich die Symptome zu eigen machen, um länger auf der Krankenstation verweilen zu können… Weiterlesen

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Daša Drndic: Belladonna

Ein Mensch kann vieles sein und entsprechend viele Rollen in seinem Leben innehaben. Andreas Ban ist einer von ihnen: Psychologe, Schriftsteller, Dozent, ehemaliger Wehrdienstleister und Fahnenflüchtiger, Witwer, Vater und zum Schluss reduziert auf Alter, Krankheit und Armut. Auf diese Weise zurechtgestutzt blickt er auf sein Leben zurück, das andere Geschichten und Schicksale anzog wie ein Magnet.

»… die Geschichten sprangen aus dem Nichts, sprangen ihn an und kullerten ihm nach, krallten sich an ihm fest, … Hier in dieser kleinen Stadt, direkt unter seiner Nase, schlummerten die gleichen Geschichten, verstreut auf den Friedhöfen, haften an den Namen, eingeprägt in Fotografien, man hat sie rumliegen lassen wie billige Ware, … (S. 344, 345)

Was soll Andreas mit seinem großen Wissen anfangen? Was ist es wert, wenn Worte nichts mehr zählen? Stückweise verabschiedet er seinen Besitz, solange seine Augen noch funktionieren. Weiterlesen

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Szczepan Twardoch: Der Boxer

Ein Mann sitzt in seiner Wohnung und hält mit einer Schreibmaschine seine Erinnerungen fest. „Ich heiße Mojźesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und ich bin kein Mensch, ich bin ein Nichts…“, schreibt er und fährt nur wenige Sätze später fort: „Ich heiße Mojźesz Inbar, bin siebenundsechzig Jahre alt. Ich habe meinen Namen geändert. Ich sitze an der Schreibmaschine und schreibe. Ich bin kein Mensch. Ich habe keinen Namen.“

Er denkt zurück an das Jahr 1937 in Warschau, als sein Vater durch die Hand des Boxers und Banditen Jakub Shapiro stirbt, weil er das Schutzgeld nicht bezahlen konnte, das Shapiro im Auftrag des Paten Jan Kaplica eintreiben sollte. Mojźesz bewundert Shapiro, er möchte sein wie Shapiro. Er möchte Shapiro sein. Und er erinnert sich, wie dieser ihn nach dem Tod seines Vaters bei sich aufgenommen hat und wie er ihm als unsichtbarer Schatten folgt. Der dünne, vater- und mittellose „Judenbengel“ bewegt sich im Schlepptau des angesehenen Boxers.

Gemeinsam mit Mojźesz taucht der Leser, taucht die Leserin in diese ferne, vergangene und doch ganz nahe Welt ein.

Der Pate Kaplica, Pole, Sozialist und Judenfreund, hat seine Viertel fest im Griff und herrscht mit der Willkür eines Monarchen, dem jeder zu dienen hat. Dabei unterstützt er seine Freunde, straft gnadenlos seine Feinde und die, die ihn verärgern. Für lange Zeit halten die Politik und die Polizei ihre schützenden Hände über ihn. Weiterlesen

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Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Andrew Sean Greers neuer Roman „Mister Weniger“ spielt im (männlichen) Homosexuellen-Milieu. Der Titelheld, Arthur Weniger, geht auf eine Reise durch mehrere Länder auf der ganzen Welt, um der Hochzeit eines ehemaligen Liebhabers im heimischen San Francisco zu entgehen, die immer noch zu schmerzhaft für ihn ist.

Und auch wenn man als Leser nicht viel mit der Schwulenszene zu tun hat, macht es Spaß, diesen Roman zu lesen. Andrew Sean Greer, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, hat ihn in einem locker-amüsanten und charmanten Plauderton verfasst, der das gesamte Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegen, immer auch ironisch aufs Korn nimmt.

So fühlt sich der Titelheld nur in einem taubenblauen, extravaganten und auffälligen Anzug so richtig wohl, und als der kaputtgeht, ist das für Weniger ein solches Drama, dass er sich gleich seiner gesamten Persönlichkeit beraubt sieht. Weiterlesen

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Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen

In einer nordfinnischen Stadt lässt die todkranke Lahja ihr Leben, das mit einem belastenden Geheimnis behaftet ist, Revue passieren. Nur ihre Schwiegertochter Kaarina weiß von diesem Geheimnis, nachdem sie auf dem Dachboden einen Brief findet, der eine  Tragödie preisgibt. Obwohl Kaarina sich nie gut mit ihrer eigenwilligen Schwiegermutter verstanden hat, bewahrt sie Stillschweigen und vernichtet den Brief.

Der Rückblick beginnt mit dem Jahr 1895 und Maria, der  alleinstehenden Mutter von Lahja. Maria war Hebamme gewesen. Sie legte Wert darauf, ihr Geld selbst zu verdienen und gesellschaftlich respektiert zu werden. Die Menschen holten Maria nur bei langen und schweren Geburten zu Hilfe, was aber fast jeden Tag vorkam. Hier lesen sich so schonungslose Geschichten wie die, als Maria einer Gebärenden ihr totes Kind mit dem Messer aus dem Leib schneidet, damit die Mutter überleben kann. Am Fluss kocht sie die blutigen Schürzen aus. Weiterlesen

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Julia Jessen: Die Architektur des Knotens

Eigentlich könnte Yvonne glücklich sein. Sie hat doch alles: Einen sympathischen, gut verdienenden Mann, zwei liebenswerte kleine Jungen, ein schönes Heim, einen guten Beruf als Grundschullehrerin, einen netten Freundeskreis…

Wieder ist es der Selbstfindungsprozess einer Frau, den Julia Jessen wie schon in ihrem ersten Roman „Alles wird hell“ beschreibt. Wieder ist eine unheilvoll gärende Story, die die  Entfremdung vom Partner thematisiert.

Yvonne schleudert viel zu früh in eine Partnerschaftskrise hinein, aus der sie keinen Ausweg findet. Ihre beiden Kinder sind in einem Alter, wo sie dringend beide Elternteile brauchen. Ihr dementer Vater, der ihr sowieso keinen Halt geben kann, bezeichnet sie in seiner Verwirrung gar als läufige Hündin, was ihrem Verhalten unterschwellig schon wieder eine gewisse Legitimität gibt. Einerseits ist sie sich darüber bewusst, dass ihr intaktes Familienleben etwas Kostbares ist, das es zu bewahren gilt. Andererseits ist da eine ermüdende Abgestumpftheit in ihr. Sie fühlt sich wie eine Gefangene in einem Netz aus Erwartungshaltungen, das ihre Sehnsüchte und Träume gefangen hält. Weiterlesen

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