Corinna Griesbach: Das Prinzip der Mittelmäßigkeit

H’Thüsos Maisyn ist Historiker und fremd in der Welt, in die er aus der Zukunft geschickt wurde. Es ist nicht wirklich unsere Welt, aber wir könnten nur wenige Jahre davon entfernt sein. Großbrände und Überschwemmungen bestimmen die Nachrichten, Füchse haben sich die Städte erobert und leben neben den Menschen, andere Tiere sind komplett ausgestorben oder ihre Sichtung ist extrem selten, wie Enten. H’Thüsos Maisyn hat eine Aufgabe. Er soll mit seinem „Auge“ aufzeichnen, was ihm des Aufzeichnens wert erscheint und er soll eine Frau für seine Zukunft finden. Keine besondere, nur eben eine mittelmäßige. Keine leichte Aufgabe, wenn man die Vorgehensweisen der Welt, in der man gerade nicht, nicht wirklich versteht.

„Das Prinzip der Mittelmäßigkeit“ hat mich mehr durch seine Sprache als durch seine Handlung bestochen, obwohl man doch irgendwie immer wissen will, wie es weitergeht. Dabei muss ich sagen, dass ich nicht behaupten kann, alle Handlungsstränge vollständig verstanden zu haben. Manches ist mir rätselhaft geblieben, z.B. warum sich die Frauen dauernd umbringen und warum das H’Thüsos Maisyn sagt, dass einer seiner Kollegen erfolglos war. Weiterlesen

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Brit Bennett: Die Mütter

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“ (Zitat S. 9)

Die Mütter, so werden die alten Frauen der Gemeinde Oceanside in Kalifornien genannt, kennen die Geheimnisse der Gemeindemitglieder. Das glauben sie jedenfalls, schließlich kümmern sie sich um deren Gebetsanliegen und beten für sie um neue Jobs, neue Häuser und Ehemänner, bessere Gesundheit, mehr Geduld und weniger Versuchungen. Und zusammengenommen haben sie jahrhundertelange Lebenserfahrung. Doch tatsächlich übersehen sie vieles. Ihnen entgeht, wie die siebzehnjährige Nadia Turner den Boden unter den Füßen verliert, nachdem ihre Mutter sich ohne ein Wort der Erklärung oder des Abschieds das Leben genommen hat. Sie wissen nichts von Nadias Selbstvorwürfen, denn ist Nadia der Grund, warum Elise Turner keine Ausbildung machen und nicht so leben konnte, wie sie es sich erträumt hatte. Die Mütter ahnen nicht, wie ungeliebt sich Nadia fühlt, wie tief sich der Vater in sich selbst zurückzieht, welche Sprachlosigkeit zwischen den beiden herrscht. Weiterlesen

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Maria Regina Kaiser: Hildegard von Bingen

Als Hildegard von Bermersheim im Jahr 1098 als 10. Kind ihrer Eltern geboren wird, haben Frauen in der Welt und in der Kirche nicht viel zu sagen. Ihr Weg ist vorbestimmt und schon beschlossen: Wenn sie alt genug ist, soll sie in ein Kloster eintreten. Beten, gehorchen, arbeiten, wie schon so viele vor und nach ihr.

Doch Hildegard ist schon als kleines Mädchen anders. Immer wieder werden ihre Gliedmaßen, manchmal über Wochen, durch Anfälle gelähmt. Oft kann sie kaum gehen oder stehen, sie ist schwach und kränklich. Doch es wohnt auch eine außergewöhnliche Kraft und Gabe in ihr. Sie hat Visionen, sieht Ereignisse voraus und empfängt Botschaften von einem „lebendigen Licht“, in dem sie eindeutig Gottes Worte erkennt.

Die Menschen glauben ihr nicht, halten sie für verrückt oder besessen, deshalb verschweigt sie, was sie sieht und hört, zweifelt an sich und probiert, nicht aufzufallen.

Mit 14 Jahren folgt sie ihrer Cousine Jutta von Sponheim in die Klausur im Benediktinerkloster Disibodenberg, die dort neu gegründet und von Jutta geleitet wird. Die jungen Frauen werden in einem Wohnturm eingeschlossen, der nur kleine Fenster und eine Gittertür als Verbindung zur Kirche hat. Der Kontakt zur Außenwelt ist reglementiert, Jutta führt die ihr anvertrauten Mädchen und Frauen mit strenger Hand, am strengsten ist sie allerdings zu sich selbst. Weiterlesen

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Jean-Luc Bannalec: Bretonische Geheimnisse

„Die“ Bretagne gibt es nicht! Diese Wahrnehmung beschreibt der Autor, indem er die geheisvollen Seiten dieser, in der Tat, vielfältigen Landschaft zur Kulisse seines 7. Bandes erhebt. Der Titel ist selbsterklärend und mit bedacht gewählt zumal sich um den Autor selbst immer noch Geheimnisse ranken. Das Pseudonym ist enttarnt. Ein erstes bretonisches Geheimnis gelüftet: Jean-Luc Bannalec ist Jörg Bong, Literaturwissenschaftler und Geschäftsführer des S. Fischer Verlags. Ihm gelingt es zum siebten Mal, seiner persönlichen bretonischen Vorliebe im Genre eines Krimi´s Referenz zu erweisen.

Der Leser spürt sofort, dass der Autor selbst ein Stück seiner persönlichen Identität aus dieser Region bezieht. Darum ist es kein Zufall, dass die Reihe um Kommissar Dupin sehr erfolgreich ist und in weiten Teilen verfilmt wurde. Im Jahre 2016 wurde Bannalec mit einem bedeutenden Preis für seine literarischen Verdienste um die Bretagne geehrt. Immer wieder fördert er Typisches, Besonderes und Legendenhaft-Geheimnisvolles in seinen Kriminalfällen zutage. In seinem siebten Band fordert Bannalec sein Ermittlerteam heraus, sich einer besonderen Legende an einem geheimnisvollen Ort zu stellen. Weiterlesen

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Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist

In seinem Roman „Karl oder Der letzte Kommunist“ beschreibt Autor Eberhard Rathgeb einen Mann, der jahrzehntelang treu hinter seinen politischen Ansichten steht. Er lässt sich weder durch gesellschaftliche Umbrüche von seiner Meinung abbringen, noch interessiert ihn irgendetwas, das nichts mit seinem Thema zu tun hat. Seine Umwelt reagiert zunehmend genervt oder gelangweilt auf Karls Tiraden.

Problem: Auch für den Leser wird dieses Buch schnell langweilig, denn das oben Beschriebene ist im Grunde nach wenigen Seiten abgehandelt. Danach dreht sich der Text im Kreis. Humor oder eine Art Handlung fehlen gänzlich. Nicht zu empfehlen.

Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist.
Hanser, Juli 2018.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Ingrid Freimuth: Lehrer über dem Limit

Ingrid Freimuth arbeitete lange als Lehrerin und unterrichtete an verschiedenen Schulen. Sie gab Schülerinnen und Schülern in der sozialpädagogischen Lernhilfe Einzelunterricht und war darüber hinaus auch in der Lehrerfortbildung tätig. Ein Frau also, die über reiche Erfahrungen aus dem Lehralltag verfügt.

In ihrem Buch berichtet sie davon. Und es ist ein sehr glaubhafter und auch sehr mutiger Bericht. Denn Frau Freimuth prangert schonungslos die Mängel an, die den Unterricht an unseren Schulen erschweren und bisweilen nahezu unmöglich machen.

Ein Hauptthema dabei ist die aktuell in vielen Medien diskutierte Problematik der Integration der vielen nach Deutschland kommenden Flüchtlinge. Frau Freimuth zeigt an zahlreichen Beispielen aus ihrem Lehreralltag, welche Probleme alleine schon die zum Teil immensen kulturellen Unterschiede verursachen, die zwischen den in Deutschland aufgewachsenen Kindern und Jugendlichen und den aus oft stark patriarchalisch geprägten Kulturen stammenden Migranten bestehen. Weiterlesen

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Christian Hardinghaus: Ein Held dunkler Zeit

Als ich von diesem Buch hörte, hatte ich nicht allzu viele Erwartungen. Ein Historiker, der einen Roman geschrieben hat. OK, das geht meistens schief, aber die Geschichte an sich hat mich interessiert. Und Christian Hardinghaus kann schreiben. So richtig. Belletristik. Also spannend. Und flüssig. Und so, dass man weiterlesen möchte. Und vor allem so, dass etwas im Leser von dem Buch hängen bleibt.

Im Winter 1941/42 ist Friedrich der Sanitätsoffizier des Arztes Wilhelm Möckel und in der Südukraine stationiert. Und Möckel tut sich durch Tapferkeit bis hin zur Waghalsigkeit hervor. Dahinter stecken nicht etwa Selbstmordabsichten, sondern eine tragische Geschichte. Eine echte Liebesgeschichte. 1932 lernt der aufstrebende Augenarzt die Medizinstudentin Annemarie kennen. Amor trifft sie beide mit voller Wucht und sie denken schon an das Heiraten. Dann kommt 1933 und die Nazis an die Macht. Wilhelm findet das zunächst alles nicht so furchtbar bedrohlich, muss sich denn nicht etwas ändern in diesem Land? Wilhelms Einstellung ist eher neutral, solange er nicht selbst betroffen ist und das ist für mich einer der Punkte, der den Roman so wichtig macht. Denn ja, es ist eine Liebesgeschichte und ja, es ist eine Heldengeschichte und ja, es ist nach einer wahren Geschichte – und trotzdem ist diese Geschichte ganz anders, ganz eigen und ganz besonders. Weiterlesen

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Tanja Voosen: My First Love

Die 17-jährige Cassidy hat an ihrer Schule einen besonderen Ruf. Sie führt heimlich einen sogenannten „Schlussmach-Service“, bei dem sie Mädchen wie Jungs hilft, ihre Partner zu verlassen. Manche Mitschüler und Mitschülerinnen bezahlen sogar für den Service, so dass Cassidy nebenher etwas Geld sparen und auch einige Rechnungen der Familie begleichen kann. Vor einiger Zeit half sie der Freundin von Mädchenschwarm Colton, sich von ihm los zu machen. Colton nahm ihr dies sehr übel und seitdem besteht eine Feindschaft zwischen den beiden. Doch Cassidys Freundin Lorn schwärmt ausgerechnet für Coltons Cousin Theo. Und selbst darüber hinaus laufen die beiden Feinde sich ständig über den Weg …

Tanja Voosen ist eine 1989 geborene deutsche Schriftstellerin. Sie hat bereits viele Kinder- und Jugendromane veröffentlicht. Die Handlung von „My First Love“ legt sie in die USA, ein kalifornisches Städtchen mit viel Sonnenschein. Alle Figuren sind irgendwie zwanghaft auf „cool“ gezeichnet. Einzig Cassidy ist in der Beliebtheitsskala ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen nicht so weit oben angesiedelt. Auch die Lehrer sollen besser nichts von ihrem Schlussmach-Service wissen. Weiterlesen

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Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende, die 1942 geborene chilenische Schriftstellerin, lebt seit Mitte der 1970er Jahre im Exil und seit 1988 in Kalifornien (USA). Ihr Roman „Das Geisterhaus“ hat sie weltberühmt gemacht. Am 13. August 2018 erscheint im Suhrkamp Verlag ihr neuestes Werk „Ein unvergänglicher Sommer“.

„Ein unvergänglicher Sommer“ beginnt kurz vor Weihnachten des Jahres 2015 in Brooklyn (NYC). Dort wohnt die 62jährige Chilenin Lucía Maraz mit ihrem Chihuahua Marcelo als Untermieterin von Professor Richard Bowmaster im Souterrain eines etwas heruntergekommenen Hauses in Prospect Heights. Sie arbeitet als Gastdozentin an der New Yorker Universität, Richard ist ihr Vorgesetzter.

Richard Bowmaster ist ein einsamer, eigenwilliger Mann, der viele Jahre in Brasilien gelebt hat und den Job an der Uni seinem alten Freund Horacio verdankt. Richard hat Lucía zwar nach New York eingeladen, behandelt sie nun aber recht distanziert. Er hat vier Katzen. Während eines Schneesturms trinkt einer seiner Kater versehentlich Frostschutzmittel. Richard bringt ihn zum Tierarzt und auf der Rückfahrt auf den vereisten, glatten Straßen fährt er einem weißen Lexus ins Heck. Die Fahrerin ergreift die Flucht. Weiterlesen

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Niccolò Ammaniti: Anna

Seit vier Jahren bringt nun schon ein Virus alle Erwachsenen und Jugendlichen um, die die Pubertät erreicht haben. In Italien herrscht Chaos, die Kinder haben Banden gegründet, Hunde ziehen auf der Suche nach Essbarem herrenlos durchs Land und greifen jeden an, der auch nur einen Krümel Nahrung an sich trägt. Anna hat die Pubertät fast erreicht und weiß, dass es jeden Tag losgehen könnte mit ihrem schleichenden, aber sicheren Tod. Doch sie muss vorsorgen, denn seit dem Tod der Mutter kümmert sie sich um ihren kleinen Bruder Astor, der noch nichts von dem Unglück der Welt ahnt und sicher in den Mauern des Familiengutes lebt. Als Astor sich einer der Banden anschließt, ist Anna verzweifelt. In nur einem Moment hat man ihr alles genommen, was noch wichtig war.

„Anna“ ist vom ersten Satz an harte Kost, auch in der deutschen Übersetzung. In Italien war der Roman monatelang in den Bestsellerlisten zu finden und auch die Financial Times wählte ihn zu einem der besten Bücher des Jahres 2017. Anna beschreibt schonungslos, was in ihrer Umwelt los ist, ganz egal wie schwer die Ereignisse zu verarbeiten sein mögen. Weiterlesen

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