Eric Berg: Totendamm

Dieses Buch ist bereits 2018 unter dem Titel „So bitter die Rache“ im Limes Verlag erschienen.

Die Diplomatengattin Ellen hat sich von ihrem in Asien tätigen Ehemann getrennt und kehrt mit ihrem vierzehnjährigen Sohn Tristan nach Deutschland zurück. Sie erwirbt ein Haus in Heiligendamm an der Ostsee, ein Haus in einer abgeschlossenen Siedlung namens Vineta. Erst nach dem Einzug erfährt sie, dass in diesem Haus vor sechs Jahren ein Dreifachmord geschah. Ellen versucht, sich von der Vergangenheit ihres Hauses nicht einschüchtern zu lassen; als jedoch Gegenstände verschwinden und sie mehr über die früheren und derzeitigen Nachbarn erfährt, wandelt sich ihre Distanz nach und nach erst in Neugier und schließlich in Besorgnis.

Der Roman erzählt die Vorkommnisse auf zwei Zeitebenen: einmal erleben wir die Gegenwart, als Ellen nach Vineta kommt und zum anderen die Ereignisse sechs Jahre vorher. Die Geschehnisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet und so lernt die Leserin Zug um Zug alle Protagonisten kennen. Von den Nachbarn, die zur Zeit des Verbrechens schon in der Siedlung lebten, lernt Ellen zuerst Ruben kennen, den geistig behinderten Nachbarn, mit dem sich ihr Sohn Tristan anfreundet. Ellen kämpft mit ihren Vorbehalten gegen Ruben und hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Das führt wiederum dazu, dass sie Ruben weiter in ihr Leben hineinlässt, als sie eigentlich will. So lernt sie auch Sven, seinen amtlichen Betreuer vom Jugendamt, kennen. Weiterlesen

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Tanya Tagaq: Eisfuchs

Es gibt Bücher, die eine Sonderstellung in der Belletristik einnehmen: Sie lassen sich nicht mit anderen Romanen vergleichen, haben ein besonderes Anliegen und bewegen sich sprachlich auf einem ganz eigenen Niveau.

Die Autorin, Sängerin, Komponistin und Performerin Tanya Tagaq wurde 1975 im heutigen Nunavut (Cambriges Bay, Kanada) geboren. Sie erzählt die mythologisch unterlegte Geschichte eines Mädchens im Norden von Kanada über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren, beginnend im Geburtsjahr der Autorin, in der ihr kultureller Hintergrund systematisch von der christlichen Religion zersetzt wird. Dies geht so weit, dass ein verstorbener Schamane nicht mehr beerdigt werden darf und auf der Mülldeponie verrottet. Das Leben im ewigen Eis, minus 50 Grad Celsius bei monatelanger Dunkelheit im Winter und durchgängigem Sonnenschein in den Sommermonaten rahmen die Überlebenszähigkeit der Ureinwohner ein. Sex, Drogen und Countrymusik sorgen für Unterhaltung, bei der die Feiern häufig einem festen Rhythmus folgen:

„… Bier im Bauch,
Leer die Seele,
Arm die Moral,
Außer Kontrolle
Ich freue mich auf den Moment, wenn alle sich wieder in die Menschen verwandelt haben werden, die ich liebe.“ (S.112) Weiterlesen

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T.C. Boyle: Sind wir nicht Menschen: Stories

Wie schon in „Good Home“, das vor zwei Jahren erschienen ist, legt der amerikanische Erfolgsautor T.C. Boyle wieder einen Band mit ganz unterschiedlichen Erzählungen vor. „Sind wir nicht Menschen“ heißt er.

Bei aller Vielseitigkeit gemein ist den Storys, dass sich ihre Figuren zumeist nach kurzer Zeit in skurrilen und aberwitzigen Situationen wiederfinden – so wie der Rentner, der auf den bekannten Internet-Abzocketrick nach dem Motto hereinfällt: „Wir möchten Ihnen gerne 30 Millionen Dollar auf Ihr Konto überweisen“. Aber bevor das Geld angewiesen werden kann, muss der glückliche Neu-Multimillionär zunächst seinerseits 20.000 Dollar auf das Konto des edlen Spenders einzahlen.

Eine andere Figur hat in der Zukunft mit genmanipulierten Teenagern und Tieren wie einem kirschroten Pitbull zu tun. Und dann gibt es einen Mann, der mit Hilfe einer Maschine alle beliebigen Momente seiner Vergangenheit wiedererleben kann, was er ausgiebigst nutzt. Darüber vergisst er aber sein Leben in der Gegenwart. Weiterlesen

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Joe Abercrombie: Die Klingen-Saga 01: Zauberklingen

Lang ist sie vorbei – die Zeit der blutigen Kämpfe, die Zeit der Helden, die Zeit, da die Union ihre Grenzen immer weiter verschoben hat. Die alten Recken, viele davon gefürchtete Schlächter, sind entweder tot, oder sie siechen, alt und verbraucht, dahin.

Eine neue Zeit ist angebrochen. Eine Zeit, die nicht weniger brutal ist, die beileibe nicht weniger Menschenleben kostet, als die gute Alte. Nicht länger werden die Konflikte auf den matschigen Schlachtfeldern der Ehre – oder was man dafür hielt – sondern in den aufstrebenden Städten, in denen die Fabrikschornsteine in den Himmel ragen, in denen der Qualm allgegenwärtig, die Flüsse verdreckt und die Schwindsucht unübersehbar sind, ausgetragen. Das moderne Zeitalter ist angebrochen, eine Ära um Karrieren, um Reichtümer zu machen, auch wenn dies auf Kosten der Gesundheit von Kindern und Schwachen geschieht – was solls.

Nun, so ganz stimmt das nicht, schließlich sind die Nordmänner und Frauen weiterhin in ihrem kargen, kalten Land zu haus und pflegen ihre blutigen Animositäten. Dies ist die Geschichte von drei Menschen – Abkömmlinge bekannter Helden, die auf der Jagd nach ihrem ganz persönlichen Glück sind. Weiterlesen

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Graham Swift: Da sind wir

Der britische Schriftsteller Graham Swift (Jahrgang 1949) gehört zu den renommierten Autoren der Gegenwart. Er ist Man Booker Prize Träger und seine Romane sind internationale Bestseller. Sein neuester Roman „Da sind wir“ erscheint in einer Übersetzung von Susanne Höbel am 13. März 2020 bei dtv Literatur.

Graham Swift erzählt die Geschichte von Jack Robbins, Ronnie Dean und Evie White. Sie spielt in den 1950er Jahren. Jack ist Entertainer, Conférencier und Komiker, Ronnie zaubert und Evie tanzt, kann aber nicht singen. Jack und Evie werden von Kindesbeinen an auf das Bühnenleben „abgerichtet“:

„Wenn man sonst nichts hatte, so verfügte man doch über den eigenen Körper, den man für Auftritte und zur Unterhaltung einsetzen konnte.“ (S. 21)

Ronnie wächst in armen Verhältnissen auf, sein Vater Sid fährt zur See und seine Mutter Agnes ist Putzfrau. Einmal bringt Ronnies Vater einen Papagei mit, der Pablo genannt wird, Ronnies zweiter Vorname. Ronnie mag ihn, seine Mutter nicht. Irgendwann verkauft Agnes den Vogel an einen Tierhändler. Das verzeiht Ronnie ihr nicht.

Als Achtjähriger, 1939, wird Ronnie, wie viele Kinder, wegen des Krieges von London aufs Land geschickt. Er hat Glück und landet bei Eric und Penelope Lawrence in Evergrene nahe Oxford. Dort wächst er glücklich auf und lernt von Eric das Zaubern. Als er 1945 nach London und zu seiner Mutter zurückkehrt, steht sein Berufswunsch fest: er will Zauberer werden. Weiterlesen

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Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten

Beirut im Libanon, 1994: Amin ist ein gerade aus Deutschland zurückgekehrter Jugendlicher, der mit seiner Oma in der Stadt lebt. Der Vollwaise hat seine Eltern durch einen Unfall verloren und streift nun durch die Trümmer der Stadt. Bei dem gleichaltrigen Jafar findet der Junge Anschluss. Seine eigene Oma gibt ihm immer wieder Rätsel auf. Sie spricht nicht über die Vergangenheit und so bleibt Amin mit vielen Fragen allein zurück. Jafar hilft seinem besten Freund dabei, einige der Rätsel zu lösen.

Pierre Jarawan (Jahrgang 1985) ist Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter. Durch seinen Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ aus dem Jahr 2016 wurde der vorher als Bühnenpoet tätige junge Mann auch als Schriftsteller bekannt. In seinem neusten Roman stellt er wieder eine libanesische Familie vor, die durch die politischen Verhältnisse im Land bestimmt wird. „Schon ein Sandkorn genügt, um eine große Geschichte daraus zu machen“ (Zitat Kapitel „Yeki Bud. Yeki Nabud“) heißt es gleich zu Beginn der Geschichte. Erzählt wird sie aus Sicht des erwachsenen Amins, der hört, dass seine Großmutter verstorben ist. Seit über einem Jahr hat er allerdings nicht mehr mit der Oma gesprochen und es wird eine Kluft zwischen den beiden deutlich. Im Angesicht ihres Todes erinnert er sich an seine Jugend im Jahr 1994 und eine besondere Beziehung zu der Großmutter wird schnell deutlich. Weiterlesen

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Edna O’Brien: Das Mädchen

Ich schluckte meine Tränen herunter, schämte mich. Was war mit dem Mädchen passiert, das ich einmal gewesen war. Es war fort. Ich hatte keine Liebe mehr in mir. Ich wollte sterben. Ich will sterben, flüsterte ich.“ (Zitat Kapitel „Buki und ich standen vor der Hütte …“)

Es ist ein Tag wie jeder andere. Maryam, die in Nigeria lebt, will ihre Schulprüfung ablegen. Doch dann werden die fünfzehn Mädchen von Kämpfern der Boko Haram entführt und ein Martyrium beginnt für die Mädchen. Maryam schafft es schließlich nach vielen Monaten durch die Hölle, den Kämpfern zu entkommen. Doch damit ist nicht alles wieder gut. Sie hat ein Kind von einem der Kämpfer und ist auch sonst eine gebrochene junge Frau. Ob ihre Verwandten sie mit offenen Armen empfangen?

Selten wollte ich ein Buch abbrechen, weil es so gut ist. Bei „Das Mädchen“ war ich mehrmals kurz davor. Das Geschriebene geht tief unter die Haut und vor allem das erste Drittel ist extrem harte Kost. Man kann sich dem Geschehen nicht entziehen und ringt mehrmals mit Fassung. Weiterlesen

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Aja Gabel: Das Ensemble

Vier junge Leute treffen sich Anfang der 1990er-Jahre am Konservatorium in San Francisco und beschließen, ein Kammermusik-Quartett zu gründen. Zunächst verbindet sie nur die Musik, die sie zusammen machen, denn ihre Herkunft, ihre persönliche Geschichte, ihre Ziele und ihr Talent könnten kaum unterschiedlicher sein.

Da ist zunächst Jana, die die erste Geige spielt und sich auch so benimmt. Sie gibt den Ton an und das Tempo vor. Ehrgeizig und zielorientiert verfolgt sie ihren großen Plan, berühmt und erfolgreich zu werden. Das Privatleben ist nicht von Bedeutung. Mit ihrer Mutter, einer erfolglosen Schauspielerin, die sich mit verschiedenen Jobs über Wasser hält, sich vor allem für sich selbst interessiert und gerne mal einen über den Durst trinkt, hat sie nur sporadisch Kontakt.

Ihr emotionaler Anker ist Henry, der Jüngste des Quartetts. In ihm sieht sie den Bruder, den sie nie hatte. Henry, der Bratschist des Ensembles, ist ein begnadetes Talent, der auch als Solist Karriere machen könnte. An Angeboten dafür fehlt es ihm nicht. Alles scheint ihm in den Schoß zu fallen. Selbst seine Familie ist ein Traum. Reich, liebevoll und immer da, wenn er sie braucht.

Vor allem Daniel, der Cellist, beneidet ihn darum. Seine Eltern sind verheiratet, kümmern sich aber weder umeinander noch um ihren Sohn. Sie haben nichts dagegen, wenn er erfolgreich ist, aber muss es unbedingt klassische Musik sein? Mit Geld können sie Daniel während des Studiums nicht zur Seite stehen, das muss er sich selbst beschaffen, aber seine Mutter betet wenigstens für ihn. Weiterlesen

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James Baldwin: Giovannis Zimmer

Eine der größten, traurigsten, faszinierendsten Liebesgeschichten der Literatur: Autor James Baldwin beging beim Erscheinen des Romanes 1956 einen mehrfachen Tabubruch. Er wagte es, als schwarzer Schriftsteller über eine homosexuelle Liebe zwischen zwei weißen Männern zu schreiben. Doch es geht um mehr als eine verbotene Leidenschaft. Es geht um chauvinistische Männerbilder, die Unfreiheit von Frauen, das Recht des Stärkeren, Bigotterie, das Trugbild des „American Innocence“. Es geht um Liebe, die in Hass umschlägt. Die einem das Herz auf immer erkalten lässt, wenn sie endet. Eben die Art von Liebesgeschichten, die Literaturgeschichte schreiben.

David ist Amerikaner, der ziellos in Paris lebt. Ständig abgebrannt, droht er sogar aus seinem schmuddeligen Hotelzimmer geworfen zu werden. Seiner Freundin Hella hat er einen Heiratsantrag gemacht, doch sie flieht nach Spanien, um in Ruhe über seine Offerte nachzudenken. Sein Vater drängt ihn zur Rückkehr nach Amerika, nach dem Tod der Mutter ist der einzige Sohn alles, was er noch hat. Um all dem Durcheinander zu entfliehen, lässt sich David durch das „Milieu“ von Paris treiben. Durch verruchte Bars, in denen Gigolos, Prostituierte, Transvestiten und Vergnügungssüchtige die Nacht zum Tag machen. Weiterlesen

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Steven Price: Die Frau in der Themse

1885 stirbt Charlotte Reckitt in London – doch wo ihr Leben endet, erreicht ihre Geschichte die Pointe. Wie ist sie gestorben? Ermordet. Vermutlich. Aber wer kann das schon so genau wissen? Sie war eine schöne Frau, stolz, unabhängig und vor allem eine Gesetzlose.

Im Leben war sie das Ziel zweier Männer: William Pinkerton, ein berüchtigter Dedektiv aus Amerika, und Adam Foole, ein Dieb und Gesetzloser, genau wie Charlotte. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, doch nun werden sie gegen ihren Willen durch eines einander gebunden: Den Drang, den Mörder von Charlotte Reckitt zu finden.

Für Adam Foole ist sie die Vergangenheit: Eine teuflische Geliebte, die ihn bei seinen größten Verbrechen begleitete, die er aber seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Für William Pinkerton ist sie das Ende einer langen Suche, einer Besessenheit, denn sie hätte ihn zu einem Mann führen können, den schon sein Vater jagte: Edward Shade. Weiterlesen

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