Nina George: Die Schönheit der Nacht

Bisher bin ich ein wirklicher Fan der Bücher von Nina George. Ihre im Süden Frankreichs spielenden, warmherzigen Romane haben mich oft berührt und lange nachgehallt.

Mit diesem Roman allerdings komme ich nicht zurecht. Die Handlung, so man das Geschehen so nennen kann, tritt vollkommen zurück hinter den Grübeleien und den philosophischen Betrachtungen der Protagonistin, und zwar in einem Ausmaß, dass es für mich schwer zu ertragen war.

Claire ist eine renommierte Verhaltensbiologin, verheiratet mit Gilles und Mutter von Nicolas. Claire gestattet sich wiederholt One-Day-Stands in einem Hotel, die ihr nichts bedeuten, für sie aber wichtig sind. Ihr Verhältnis zu ihrem Mann ist brüchig und von Zweifeln geprägt, obwohl er ihr mit viel Verständnis begegnet. Eines Tages, Claire hat wieder eine „verbotene Stunde“ in einem Hotel verbracht, trifft sie beim Verlassen des Zimmers ein Zimmermädchen, das sie beobachtet. Am selben Abend stellt ihr Sohn Nicolas genau diese junge Frau als die Frau seines Lebens seinen Eltern vor. Weiterlesen

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André Hille: Das Rauschen der Nacht

Es ist immer interessant, einen Roman zu lesen, dessen Autor Dozent für Kreatives Schreiben ist. Immerhin kennt er in der Theorie das Handwerkszeug, um spannende und packende Bücher zu schreiben. André Hille ist Gründer und Leiter der Textmanufaktur, eine seit mehr als 10 Jahren existierende, renommierte Schule für Kreatives Schreiben in Frankfurt. „Das Rauschen der Nacht“ ist nun sein Debütroman.

Er erzählt darin von Jonas und Birte und ihren zwei kleinen Kindern Sophie und Jeremias. Die Familie hat auf dem Land vor kurzem ein Haus gebaut und liegt seither im Streit mit mehreren Baufirmen über mangelhaften Putz und andere Mängel. Jonas hat zudem vor nicht allzu langer Zeit eine eigene Firma gegründet. Sein Partner Toni, der bislang reichlich Kapital in die Firma gesteckt hat, verweigert nun weitere Zahlungen und Jonas muss sich nach anderen Geldgebern umsehen, die seine Projekte finanzieren.

Dazu begibt er sich nach Berlin, um dort seine Projekte auf einer Veranstaltung zu präsentieren. Während dieser Vorstellung kommt er in Kontakt mit einem potentiellen neuen Partner, der jedoch von Jonas auch eigene finanzielle Risiken als Voraussetzung für seine Beteiligung verlangt. Das führt dazu, dass Jonas immer verzweifelter wird, denn die nötigen Geldbeträge hat er nicht, aufgrund des Hausbaus sind ihre finanziellen Ressourcen erschöpft. Jonas versucht vergeblich, bei der Bank, bei seinem Vater oder bei seinen Schwiegereltern Geld zu leihen, möglichst ohne dass seine Frau davon erfährt. Hinzu kommen familiäre Belastungen und Herausforderungen. Dazu gehört schließlich auch eine Affäre mit einer Kollegin, die er während seines Aufenthaltes in Berlin beginnt. Weiterlesen

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Lydia Davis: Es ist, wie’s ist: Stories

In dem dünnen Bändchen sind 34 Geschichten der preisgekrönten amerikanischen Autorin versammelt. Darunter Geschichten mit einer Länge von wenigen Zeilen, die dafür mit großer Prägnanz ihre Botschaft vermitteln.

Leider jedoch blieben mir bei der Lektüre die meisten Botschaften in den Texten von Lydia Davis verborgen. Es ist, wie es so oft ist: die von Feuilletons, Kritikern und Jurys renommierter Buchpreise hochgelobten Werke sind für die „normalen“ Leser unergründlich, unverständlich, ja manches Mal gar unlesbar. Ich habe die Erzählungen in diesem Buch gelesen und mich am Ende gefragt, was die Autorin damit sagen will. Dabei schließe ich natürlich gar nicht aus, dass dieses Unverständnis vollkommen an mir liegt. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass mir Stil, Inhalt und Botschaft der Erzählungen fremd blieben. Weiterlesen

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Colum McCann: Apeirogon

Apeirogon = eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten.

Colum McCann legt hier wirklich ein Meisterwerk vor. Und wie das bei Meisterwerken oft der Fall ist, so liest sich auch dieses Buch nicht einfach. Man muss sich darauf einlassen, sich einlesen und dem Roman Gelegenheit geben, sich zu entfalten. Allein die kaleidoskopische Darbietung der Handlung oder vielmehr der Handlungen ist für sich genommen schon ein Statement.

Der Autor erzählt die wahren Geschichten von zwei Männern, von Rami Elhanan und von Bassam Aramin. Jude der eine, Palästinenser der andere. Beide sind Väter von Töchtern, von verstorbenen Töchtern. Ramis Tochter Smadar starb mit 13 Jahren bei einem Selbstmordanschlag dreier Palästinenser. Bassams Tochter Abir wurde im Alter von 10 Jahren von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen. Zwischen den beiden Todesfällen liegen 10 Jahre.

Er verpackt diese Geschichten, die gleichzeitig die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts ist, in 1001 Kapitel. Die ersten 499 vorwärts erzählt bis zur Mitte. Diese Mitte wird von zweimal einem Kapitel 500 gebildet, in welchen jeweils einer der Männer seine Geschichte mit eigenen Worten erzählt. Dazwischen wiederum gibt es das Kapitel 1001, welches auf eineinhalb Seiten die komplette Rahmenhandlung zusammenfasst. Die davon berichtet, wie Rami und Bassam sich treffen, um über ihre Töchter zu sprechen, immer wieder und immer wieder. Weiterlesen

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Amelie Fried: Die Spur des Schweigens

Es ist tatsächlich erstaunlich, wie vielseitig diese Autorin ist. Amelie Fried ist Journalistin und Moderatorin und sehr erfolgreiche Schriftstellerin, sie schreibt Komödien, Familiengeschichten, Kinderbücher und Krimis, von denen etliche verfilmt wurden. Hier legt sie nun einen neuen, spannenden Kriminalroman vor.

Julia, freie Journalistin, schlägt sich mit kleinen Aufträgen durch, darunter immer wieder Artikel für das Magazin „Gesundheit-heute“. In dessen Auftrag recherchiert sie zu Vorwürfen von sexuellen Übergriffen innerhalb eines renommierten deutschen Forschungsinstituts. Sie hat dazu eigentlich keine Lust, da sie dieses Themas überdrüssig ist und ähnliche Vorbehalte hat wie viele Menschen, nach dem Motto, sollen sich die Frauen doch nicht so anstellen. Dabei hadert sie selbst immer wieder mit den reichlich sexistischen Sprüchen des Chefs von „Gesundheit-heute“.

Als sie ihre Recherchen beginnt, lässt sie gegenüber den betroffenen Frauen ihre Vorbehalte durchaus erkennen, so dass die Frauen ihrerseits wenig zu erzählen bereit sind und vor allem immer anonym bleiben wollen. Sie fürchten Repressalien bis hin zu Entlassung und Zerstörung ihrer wissenschaftlichen Karrieren. Besonders betroffen sind in dem Institut vor allem die chinesischen Stipendiatinnen, die dort als Doktorandinnen arbeiten. Durch ihre Kultur sind sie auf Unterordnung und schweigende Duldung trainiert. Weiterlesen

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Michael Crummey: Die Unschuldigen

Dieses Buch ist wie ein heftiger Sturm, der über das Land braust. Und gleichzeitig zart wie ein leichter Windhauch.

Der Kanadier Michael Crummey, der aus Neufundland stammt und auch heute dort lebt, erzählt uns die Geschichte der Geschwister Ada und Evered Best, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit ihren Eltern – und nur mit ihren Eltern – in einer einsamen Bucht in Neufundland leben. Evered ist elf Jahre alt und Ada neun, als erst die Mutter und die neugeborene Schwester Martha sterben und kurz danach auch der Vater. Die Familie lebt in einer Hütte, deren einziges Fenster im Winter stets durch einen Holzladen versperrt ist und die keinerlei Privatsphäre bietet, es sei denn, man hängt eine Decke quer durch den Raum. Sie ernähren sich von Fischfang, der Fang wird über den Sommer getrocknet und gesalzen und dem zweimal jährlich vorbeikommenden Schiff „Hope“ im Austausch gegen Vorräte  übergeben.

Als die Kinder allein zurückbleiben, dauert es viele Wochen, bis sie ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, dazu gezwungen von Hunger und Not. Evered übernimmt die Aufgaben des Vaters, fährt mit dem kleinen Boot hinaus in die Bucht, während Ada sich um den winzigen Acker kümmert. Dabei erzählt sie ihrer toten kleinen Schwester von ihrem Tagesablauf, von ihren Gedanken, ihren Sorgen und von den Gefahren, in denen sie und ihr Bruder quasi ständig schweben. Weiterlesen

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Frank Goldammer: Zwei fremde Leben

Der Autor erzählt uns eine Geschichte, die, so ist zu befürchten, öfter als man sich vorstellen möchte in der DDR geschah. Frank Goldammer, 1975 in Dresden geboren, ist erfolgreich mit seinen im Nachkriegs-Dresden angesiedelten, historischen Kriminalromanen.

Eine junge Frau, Ricarda, wird kurz vor der Entbindung ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist das Jahr 1973, wir befinden uns in Dresden. Während der Geburt, bei der ihr eigener Vater, an der Klinik Leiter der gynäkologischen Abteilung, anwesend ist, gibt es Komplikationen und das Kind kommt tot zur Welt. So erzählt man der verzweifelten Mutter und dem jungen Vater. Doch Ricarda wird sich nie mit dieser Aussage abfinden, immer über all die folgenden Jahre und Jahrzehnte, wird sie daran zweifeln, dass ihre Tochter tot ist. Sie wird nach ihr suchen, sie wird Nachforschungen anstellen, bei Polizei und Anwälten um Hilfe bitten. Doch mit ihren Eltern und besonders mit ihrem Vater wird sie nie über die Geburt und ihr Kind sprechen.

In einer Parallelhandlung lernen wir den Polizisten Rust kennen, dessen Frau zeitgleich mit Ricarda in der Klinik auf die Geburt ihres ersten Kindes wartet. Dadurch erfährt er von der Totgeburt und weil ihm die Sache suspekt erscheint, beginnt er ebenfalls nachzuforschen.

Dem Autor gelingt es sehr gut, die Verhältnisse, die Stimmung und die gegenseitigen Verdächtigungen, das Misstrauen und die Nöte der Menschen in der DDR zu dieser Zeit zu schildern. Was im Hinblick auf seine Herkunft nicht überrascht. Dabei umschifft er zwar nicht jedes Klischee, aber manchmal ist die Realität eben ein großes Klischee. Weiterlesen

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Anja Goerz: Jakobs Schweigen

Ein bekannter Bremer Anwalt wird in seiner Kanzlei erschossen. Mit vier Schüssen niedergestreckt. Eine Zeugin hat einen Jugendlichen vom Tatort weglaufen sehen. So gerät Jakob, der Sohn des Toten, unter Mordverdacht. Es gibt wenige, die nicht daran glauben, dass er der Täter ist. Sogar sein Dad, David, scheint zu zweifeln. Einzig seine Großmutter Dora ist überzeugt, dass Jakob kein Mörder sein kann. Sie beginnt, da die Kriminalpolizei offensichtlich keinem weiteren Verdacht nachgeht, selbst zu ermitteln, nachzuforschen, ob es andere mögliche Täter mit einem Motiv geben könnte. Hilfe bekommt sie von einem alten Freund, Wolfgang, der aus seiner früheren Tätigkeit als Anwalt noch viele nützliche Beziehungen hat.

Damit ist im Grunde schon die ganze Handlung des Romans beschrieben. Es gibt natürlich, zumindest in den Augen Doras, noch andere Verdächtige. Darunter auch David, der Ehemann ihres getöteten Sohnes. David wiederum scheint seit dem Mord regelrecht Angst vor Jakob zu haben. Kirsten, Doras Tochter, die mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat, versucht, ihrer Mutter bei ihren Nachforschunngen zu helfen und beschäftigt sich mit den Dokumenten ihres Bruders.

Grundsätzlich erstmal ein interessanter Augangspunkt für einen Krimi. Selten genug, dass diese Konstellation – zwei Väter ziehen gemeinsam ihr Kind auf – in einem Kriminalroman vorkommt. Und auch der Ansatz, dass dieses Kind der Hauptverdächtige ist, ist geschickt und sollte für Spannung sorgen. Weiterlesen

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Sue Monk Kidd: Das Buch Ana

Was für ein faszinierendes Buch! Und was für ein wichtiges Buch. Ich habe schon mehrere Romane dieser Autorin gelesen und war jedesmal begeistert, besonders von „Die Erfindung der Flügel“. Und auch „Das Buch Ana“ ist hervorragend. Wieder geht es um die Stimme der Frau, darum, wie Frauen zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte unterdrückt wurden und wie es ihnen dennoch gelang, sich zu befreien, zu sprechen und gehört zu werden. Dazu kommen bei dieser Autorin jedes Mal wieder die genauen Recherchen, die präzise Beschreibung von Ort und Leben, die gelungene Schaffung des entsprechenden Zeitkolorits, seien es das Jahrhundert der Sklavenhaltung in Amerika in „Die Erfindung der Flügel“ oder wie im vorliegenden Roman die ersten Jahrzehnte nach Christi Geburt.

Sue Monk Kidd erzählt in ihrem neuen Roman, der von Judith Schwaab ins Deutsche übersetzt wurde, die Geschichte von Ana, der fiktiven Ehefrau Jesus‘. Ana ist von Kindesbeinen an eine Rebellin, sie weigert sich, die klassische weibliche Rolle der Schweigenden und Dienenden einzunehmen. Schon als Kind ringt sie ihrem Vater die Erlaubnis ab, Lesen und Schreiben zu lernen, etwas für Frauen normalerweise undenkbares. Doch Ana schreibt und schreibt, sie notiert alle Geschichten, die sie hört über Frauen, die unterdrückt, versklavt, misshandelt wurden und sie gibt diesen Frauen ihre Stimmen zurück. Der Roman setzt ein, als Ana 15 Jahre alt ist. Ihr Vater hat für sie einen Ehemann ausgesucht und vollzieht gegen den heftigen Widerstand seiner Tochter die Verlobung mit dem sehr viel älteren Mann. Anas Vater ist Schriftgelehrter und arbeitet für Herodes Antipas, den römischen Statthalter. Damit macht er sich um Unterstützer der Römer und zum Gegner der Juden, die sich der römischen Besatzung erwehren wollen. Heftiger Kämpfer gegen die Römer ist Anas Adoptivbruder Judas, der vom Vater wegen seiner Rebellion aus der Familie verstoßen wird. Weiterlesen

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Gilly Macmillan: Die Nanny

Jocelyn kehrt nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit ihrer 10-jährigen Tochter Ruby nach England zurück, auf den Landsitz ihrer Eltern. Nur ihre Mutter lebt noch dort auf Lake Hall, mit der sich Jocelyn, die lieber Jo genannt wird, ihr ganzes Leben nicht vertrug. Sie fühlte sich immer von ihrer Mutter abgelehnt, liebte ihren inzwischen verstorbenen Vater dafür umso mehr. Jos Bezugsperson war jedoch hauptsächlich ihre Nanny Hannah.

Doch Hannah verschand eines Tages, als Jocelyn etwa sieben Jahre alt war, spurlos und das Kind glaubte zeitlebens, sie sei schuld am Verschwinden der Nanny, da sie sich unartig verhalten hatte am Abend vorher.

Jocelyns Mutter Virginia glaubt zu wissen, dass Hannah tot ist. Als Jo und Ruby eines Tages im See, der zum Landsitz gehört, einen Schädel finden, der eindeutige Spuren eines gewaltsamen Todes trägt, wird Virginia sehr nervös und bekommt Angst vor den Fragen der Polizei.

Aber eines Tages steht Hannah plötzlich quicklebendig vor der Tür. Und es gelingt ihr, erneut Anschluss an die Familie zu finden.

Erzählt wird die Handlung aus verschiedenen Perspektiven. Als Ich-Erzählerinnen berichten abwechselnd Jocelyn und Virginia, in der dritten Person werden die Handlungen des Detective Andy Wilton erzählt. Und dann gibt es noch, in der dritten Person und kursiv gedruckt, den Handlungsstrang um Linda Taylor, dessen Bedeutung sich erst im Laufe des Romans entschlüsselt. Weiterlesen