Brian Flynn: Die Morde von Mapleton (1929)

Wie überaus entspannend, wie wohltuend geruhsam. Ein Krimi ohne ständige Handytelefonate, ohne hektische Facebook-Postings, ohne Schießerei und Autojagd. Und ohne einen physisch oder psychisch angeschlagenen Ermittler.

Dieser im Original 1929 erschienene Weihnachtskrimi ist einer aus einer Reihe von Kriminalromanen von Brian Flynn (1885-1958) um die Ermittlerfigur Anthony Bathurst. Ein klassischer whodunnit im Agatha-Christie-Stil. Das heißt mit all den Stereotypen: arroganten Angehörigen der upper-middle-class, undurchschaubaren Geistlichen, ehemaligen Soldaten, entlassenen Sträflingen und zartbesaiteten Damen und Dämchen.

Während der Weihnachtsfeier auf dem Landsitz von Sir Eustace Vernon wird erst der Butler und danach auch noch der Gastgeber ermordet aufgefunden. Der zufällig gemeinsam mit dem Polizeichef vorbeikommende Ermittler – eben jener Anthony Bathurst – folgt daraufhin seiner offensichtlich stets erfolgreichen Spürnase. Diese führt ihn auf all den unübersehbar ausgelegten Spuren und dank seiner genialen Kombinationsgabe natürlich am Ende zum Täter. Weiterlesen

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Edward Carey: Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud

„Ich stecke immer in den kleinen Ecken und Nischen dieser Welt. Ich dränge mich niemandem mit großem Gepolter auf. Ich suche mir eine Lücke und richte mich dort ein.“ (Seite 313)

Anna Maria Grosholtz wird 1761 im Elsass geboren und zieht im Alter von sieben Jahren mit ihrer Mutter nach Bern. Bei Dr. Curtius soll ihre Mutter als Haushaltshilfe arbeiten, doch sie stirbt und Marie nimmt ihre Stelle ein. Im Laufe der Zeit übernimmt sie immer mehr die Aufgaben einer Assistentin von Dr. Curtius, der für das Spital Wachsmodelle der menschlichen Organe und Körperteile herstellt.

Zwei Jahre später müssen sie Bern verlassen und gehen nach Paris. Dort mieten sie sich bei der Witwe Picot ein. Marie oder Petite, wie sie wegen ihrer geringen Körpergröße gerufen wird, arbeitet auch im Haushalt der Witwe und ihres Sohnes als Dienstmädchen, wird permanent von der Witwe schikaniert und drangsaliert. Sie muss in einem dunklen Verschlag wohnen und darf nicht mehr das sein, was sie sich am meisten wünscht: die Assistentin von Dr. Curtius. Der hat immer mehr zu tun, da sehr viele Pariser ihre Köpfe in Wachs nachgeformt haben möchten.

Sie treffen die skurrilsten und absonderlichsten Menschen in diesem Paris der vorrevolutionären Jahre. Curtius und Marie formen Wachsköpfe von Adligen und Gaunern, von Philosophen und Mördern, von Lebenden und von Toten. Weiterlesen

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Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren

Fast ein Kilogramm wiegt das Buch, aber nicht nur deshalb ist der Roman ein schweres, ein gewichtiges Werk.

Die Unsichtbaren erzählt von den Bewohnern der kleinen norwegischen Insel Barrøy, dem verwitweten Martin, seinem Sohn Hans mit seiner Frau Marie und ihrer gemeinsamen Tochter Ingrid sowie Barbro, Hans‘ Schwester.  Die Handlung setzt ein, als Ingrid drei Jahre alt ist, einige Jahre vor Beginn des ersten Weltkriegs.

Es geschieht nicht viel im Leben der Inselbewohner und doch ist jedes Ereignis überlebens-entscheidend. Jede Neuerung kommt einem Sakrileg gleich, alle Veränderungen müssen lange überdacht werden. Vor allem vor sich selbst gerechtfertigt werden. Wenn Hans ein Gebäude von außen streichen möchte, eine Idee, auf die noch niemand vorher kam, wenn er ein Pferd auf die Insel bringen möchte, dann spricht er nicht mit den anderen darüber, macht es mit sich allein aus und entscheidet dann. Nicht immer ist er dann hinterher glücklich mit seiner Entscheidung.

Es wird kaum geredet in diesem Roman, die Menschen sind wortkarg, jedoch ohne gefühlskarg zu sein. Die Gefühle brodeln in den Männern und Frauen und der innere Druck findet keinen Ausdruck. Es gibt wenig Dialoge im klassischen Sinn, die meisten der Gespräche, die überhaupt so genannt werden können, werden in indirekter Rede dargestellt. Ein überaus wirkungsvolles Stilmittel, um die Sprachlosigkeit der Menschen plastisch zu machen. Weiterlesen

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Lorna Neuber: Restorative Yoga

Endlich ein Yoga-Buch für Bewegungs-Legastheniker…

Scherz beiseite: das Buch von Lorna Neuber ist durchaus empfehlenswert. Es geht nicht um Yoga zur Kräftigung von Muskeln oder um den Sonnengruß. Die Autorin vermittelt in ihrem Buch die Form der Restorative Yoga zur Entspannung. Oder wie der Untertitel lautet: Ruhe und Kraft durch Entspannung.

Und schon bevor man die ersten der gezeigten Übungen nachmacht, kommt tatsächlich ein leichtes Gefühl der Entspannung auf. Das liegt am ruhigen, fast sanften Stil der Autorin. Ich hatte beim Lesen nie das Gefühl, dass man versucht, mich zu bekehren oder zu irgendetwas zu drängen. Immer wieder betont sie, der wichtigste Aspekt des Restorative Yoga ist, sich dabei wohlzufühlen.

Nach einigen interessanten Vorbemerkungen und einer kleinen Aufstellung der benötigten Hilfsmittel wie Kissen, Decken usw., beginnt auch schon der praktische Teil. Die Übungen werden ausführlich erklärt und mit großen und sehr anschaulichen Fotos gezeigt. Hierbei hat mir besonders gut gefallen, dass auf diesen Fotos einmal nicht ein superschlankes Sportgirl vorturnt, sondern eine „normale“ Frau wie du und ich. Für viele ist das sicherlich eine zusätzliche Motivation. Weiterlesen

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Nina George: Südlichter

Kennen Sie diese klebrigsüßen, zuckergusstriefenden, zahnschmelzzerfressenden englischen Törtchen? Bei denen man genau weiß, dass sie ungesund sind, viel zu viele Kalorien haben und bei denen man eigentlich nach dem ersten Bissen satt ist? Denen man aber nicht widerstehen kann und die man daher immer weiter isst? Weil sie die Seele streicheln.

Dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung von Nina Georges neuem Buch. „Südlichter“ ist die Realitätswerdung eines fiktiven Buchs aus einer fiktionalen Geschichte. In ihrem früheren Buch „Das Lavendelzimmer“ – auch ein Seelenstreichler – berichtet der Protagonist von einem Buch, das in der Provence entstand und das für ihn eine große Bedeutung hat.

Dieses Buch legt Nina George nun vor. Und darin erzählt die Liebe von der Liebe.

Marie-Jeanne, zehn Jahre alt, lebt im Jahr 1968 bei ihren Pflegeeltern Francis und Elsa in einem Dorf in der Provence. Es ist Sommer, es duftet nach Lavendel und Thymian, und Francis hat, von Marie-Jeanne angestiftet, die Idee, eine Überlandbibliothek ins Leben zu rufen. Weiterlesen

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Petra Hammesfahr: Das Mädchen Jannie

Petra Hammesfahr ist seit langem bekannt für ihre spannenden und brisanten Kriminalromane, die sich immer wieder mit hochaktuellen und oft verstörenden Themen beschäftigen.

So auch in diesem Fall: Die 10-jährige Jannie flüchtet vor der Brutalität des Anführers der Bettlerbande, an die sie im Alter von vier Jahren von ihrem eigenen Großvater verkauft worden war. Sie landet auf dem abgelegenen Bauernhof von Dieter Leuken, einem Psychopathen, der, um möglichst authentische Thriller schreiben zu können, die Taten, die er in seinem Büchern beschreiben möchte, vorher selbst ausübt. Doch Jannie beginnt, Dieter zu vertrauen, der ihr zu essen gibt, sie einkleidet und ihr Lesen und Schreiben beibringt. Und sie hat Freude daran, seine Mutter, die nach einem Schlaganfall gelähmt und stumm im Bett liegt, zu versorgen. Dass die Frau mit Augenblinzeln versucht, Jannie zu warnen vor dem, was Dieter mit ihr vorhat, erkennt sie nicht.

Parallel ermittelt Kommissar Klinkhammer im Fall einer rumänischen Kinderhandelbande und findet relativ bald heraus, dass zwischen dieser und der Bettlergruppe ein Zusammenhang besteht. Weiterlesen

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Amelie Fried: Ich bin hier bloß die Mutter

Ich habe schon viele Bücher von Amelie Fried gelesen und war jedes Mal sehr angetan. Und auch dieses hier hat mich nicht enttäuscht.

Erzählt wird die Geschichte von Carla, der Mutter von Paula, Tim und Willi. Und Frau von Daniel. Und „Bildermalerin“. Und Kuchenbäckerin, Wäschesortiererin, Vorleserin, Streitschlichterin, und so weiter und so weiter. Kurzum, Amelie Fried erzählt die Geschichte von (fast) allen Müttern dieser Welt. Sie erzählt das in kurzen, aber herrlich präzisen Sätzen, in denen wir alle uns wiederfinden. Wie Carla versucht, ihre Berufstätigkeit und die Familie unter einen Hut zu bekommen, was ihr durch ihren ausgeprägten Perfektionismus sehr erschwert wird, wie es ihrem Mann immer wieder gelingt, sich aus allem herauszuhalten, wie ihre Kinder ihr den letzten Nerv rauben und dabei zum Fressen niedlich sind, das ist das wahre Leben. Weiterlesen

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Thomas Montasser: Eine himmlische Katastrophe

Eine Katastrophe ist diese kleine Buch ganz sicher nicht, weder eine himmlische noch eine irdische. Nein, sondern es ist eine entzückend altmodisch erzählte Geschichte. Ein bisschen Sister Act, ein wenig Soeur Sourire und ein Hauch von „Stadtmaus besucht Landmaus“ (inklusive Besuch der Speisekammer).

Thomas Montasser erzählt eine märchenhafte Culture Clash Komödie, die man im doppelten Wortsinn gut in einem Zug lesen kann.

Die junge Louise, oder Lou, wie sie lieber genannt werden möchte, kommt aus Gründen, die sie ungern an die große Glocke hängt, aus Paris ins Burgund. Ihre Tante Madeleine lebt dort in einem Kloster, eine von den drei letzten überlebenden Nonnen des Klosters Notre Dame de Bleaumont. Das Kloster ist oder besser war berühmt für den dort hergestellten Blauschimmelkäse. Leider hat jedoch eine der Nonnen das Rezept der Käsezubereitung mit ins Grab genommen und nun gehen die Einnahmen des Klosters rapide zurück.

Nachdem Lou die musikalischen Talente der drei Nonnen entdeckt, entwickelt sie schnell einen Plan, wie sich diese zu Geld machen lassen. Dank ihrer Verbindungen in das entsprechende Milieu – sie ist in einem Banlieu von Paris groß geworden, in dem man in diese Verbindungen quasi hineinwächst – gelingt es binnen kürzester Zeit, die drei Nonnen zu einer Band aufzubauen, die in ganz Frankreich vor ausverkauften Häusern spielt. Weiterlesen

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Dieter Aurass: Rheinlandbastard

Ein Kriminalfall im Jahr 1924 in Koblenz. Ein Fall um ein weitgehend unbekanntes Thema aus der Zeit der französischen Besatzung im Rheinland nach dem ersten Weltkrieg.

Dieter Aurass ist ein pensionierter Polizeibeamter, der nach einer Reihe von Frankfurter Regionalkrimis hier seinen ersten historischen Kriminalroman vorlegt. Und der ist ihm wirklich gelungen.

Der Krimi vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse ist hochspannend und, soweit ich das beurteilen kann, hervorragend recherchiert. Es geht um grausame und scheinbar willkürliche Morde an französischen Besatzungssoldaten. Der mit der Aufklärung beauftragte Colonel ist fest davon überzeugt, dass nur ein Deutscher der Täter sein kann. Die Deutschen, oder doch zumindest die Meisten, hassen die Franzosen, die ihr Land besetzt haben. Und die Franzosen, allen voran eben auch dieser Colonel, hassen die Deutschen für all das Leid, dass sie im Krieg über Frankreich gebracht haben. Weiterlesen

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Carla Berling: Der Alte muss weg

Pass auf, welche Sendungen du im Fernsehen siehst. Und achte auf die Folgen, die daraus entstehen. Diese Warnung hätte der Protagonistin in Carla Berlings witzigem Buch einige Wirrungen und viel Stress erspart. Dabei ist der Roman um die beige-braun-graue Heldin Steffi gar nicht so derb komisch, wie der Titel und das Cover suggerieren. Sicher sind manchmal die kölsch-rauen Späße ein wenig zotenhaft und manch ein Handlungsdreh vorhersehbar, dafür regt aber die Geschichte auch zum Nachdenken an.

Steffi, 50 und in den ausgefahrenen Spurrillen ihres Lebens gefangen, trifft sich regelmäßig mit ihren vier Freundinnen, die mehr oder weniger ähnlich mit sich, ihrem Leben und insbesondere mit ihren jeweiligen Lebenspartnern hadern. Und nun, inspiriert durch eine Fernsehsendung über unentdeckte Morde, entstehen in den Damen – in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlichen Auswirkungen – diverse Ideen, sich ebendieser Lebenspartner zu entledigen. Weiterlesen

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