Franziska Hauser: Die Glasschwestern

Zufälle gibt es, die gibt’s gar nicht. So wie bei Dunja und Saphie, Zwillingsschwestern, deren Ehemänner am gleichen Tag das Zeitliche segnen.

Die beiden Schwestern sind sich nur wenig ähnlich. Dunja lebt in der Großstadt, getrennt von ihrem Exmann, sie hat zwei halberwachsene Kinder, Jules und Augusta. Saphie ist im Dorf ihrer Kindheit, nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, geblieben und führt dort ein kleines Hotel, sie ist kinderlos.

Nach dem Tod ihres Mannes lässt Dunja ihr bisheriges Leben in der Stadt zurück und zieht zu ihrer Schwester ins Hotel, hilft ihr, die das Geschäft nur alleine leiten muss. Für Dunja ist es nicht einfach, wieder in das Dorfleben zurückzufinden, den Menschen ihrer Kindheit wieder zu begegnen, mit all ihren Vorurteilen und Erinnerungen. Sie hat ganz viele solcher Erinnerungen abrufbereit gespeichert, während Saphie sich an nichts mehr erinnert, was in ihrer Kindheit geschah, weder an Familienbräuche noch an Familiengeheimnisse. So wird es für beide Schwestern eine Art Wiederfinden verschütteter Ereignisse, Geschichten und Lügen.

Vor allem geht es im Roman von Franziska Hauser aber um das Finden von sich selbst, dem Erkennen der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. „Dunja knüllt sie zusammen. ‚Ich weiß einfach nicht, wer ich bin, wo ich hinwill und was ich kann‘, sagt sie zähneklappernd. Sie sieht in sein vom Mondlicht bläuliches Gesicht. ‚Hab ich wahrscheinlich noch nie gewusst.‘“ (Seite 93) Weiterlesen

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Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Oberkommissar Leo Wechsler, Chef der Inspektion A der Berliner Polizei, muss in dem Roman der Mönchengladbacher Autorin seinen siebten Fall lösen. Im heißen Sommer 1928 im Berlin des Charleston und der kriminellen Ringvereine wird die Garderobiere eines Ballhauses ermordet, während im Tanzsaal der Witwenball stattfindet. Natürlich gibt es viele Verdächtige, viele Spuren und viele davon führen in Sackgassen. Ermordet wurde die junge Frau mit Chloroform im Hinterhof von Clärchens Ballhaus. Bei ihrem Tod trug sie ein Kleid, das ihre finanziellen Möglichkeiten überstieg. Woher hatte sie es, warum trug sie ein eigentlich zu elegantes Kleid, während sie ihren Dienst an der Garderobe des Ballhauses versah? Und wo sind die Verbindungen zu mehreren Angriffen auf junge Frauen in Frankfurt und Berlin, bei denen die Opfer mit Chloroform betäubt und missbraucht wurden?

Ganz in klassischer Krimimanier legt Susanne Goga ihren Roman an. Geschickt werden die vielen Spuren den Kriminalisten zugeführt, mit großem Einfühlungsvermögen schildert die Autorin die Hintergründe der verschiedenen Figuren und die privaten oder dienstlichen Probleme der Ermittler. Leo Wechsler hat nicht nur mit der Aufklärung des Mordes zu tun, er kämpft außerdem mit dem physischen und psychischen Verfall eines seiner Mitarbeiter, der von seiner Freundin verlassen wurde. Weiterlesen

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Helwig Brunner: Gummibärchenkampagne

Wer viel in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist oder in Wartezimmern oder Ämtern längere Wartezeiten zubringen muss, wird dieses Buch mögen. Helwig Brunner unterhält die Leserin mit Minutennovellen. Diese sind wunderbar geeignet, jede Wartezeit amüsant zu verkürzen.

Unterteilt in die Kategorien Eigenbrötler, Paare, Schreibende, Lesende und Herden präsentiert der Autor fein pointierte, scharfzüngige, aber nie verletzende „Erzähldestillate“. Er führt uns, immer mit einem Augenzwinkern, unsere eigenen Absonderlichkeiten, Manierismen und alltäglichen Absurditäten vor Augen.

Wenn er von der Frau erzählt, die unbedingt eine zyklamfarbene Handtasche erwerben muss, die ihr nach einer Weile gar nicht mehr gefällt und die sie daher in den Sammelcontaier gibt, erkennen wir (Frauen) uns darin nicht alle wieder? Wenn jemand seine Brille nicht findet, weil er ohne Brille nicht genug sieht, ist das zwar sicher kein neuer Witz, aber wenn es so leichtfüßig erzählt wird, macht es einfach Spaß, davon zu lesen. Weiterlesen

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Inès Bayard: Scham

Was für ein Buch! Wäre es ein Kinofilm, würde er mit FSK 18 eingeordnet, vermutlich. Schon der Beginn ist ein heftiger Schlag in die Magengrube.

Der Roman von Inès Bayard, geboren 1992, erschien in Frankreich 2018. Geschrieben wurde er also wahrscheinlich zu oder kurz nach dem Beginn der #MeToo-Bewegung. In ihrem Debütroman schildert die Autorin in teils drastischen Worten und in teils extrem plastischen Bildern, was eine Vergewaltigung mit dem Opfer macht.

Marie, gutaussehend, jung, glücklich verheiratet, erfolgreich im Beruf wird von ihrem Chef im Auto brutal vergewaltigt. Inès Bayard erspart der Leserin hier nichts. Brutal heißt brutal auch in der Beschreibung des Vorgangs.

Danach ist für sie nichts mehr wie vorher. Ihr Vergewaltiger droht ihr, sie und ihren Mann Laurent zu zerstören, wenn sie davon erzählt. Aber vermutlich hätte sie dies ohnehin nicht getan. Marie ist wie paralysiert, sie erzählt tatsächlich niemandem davon, nicht ihrer Familie, nicht ihrem Mann. Marie redet sich vergeblich ein, dass die Schande, die sie empfände, wenn sie ihrem Mann die Wahrheit sagen würde, sicherlich nur ein kleines Opfer im Gegenzug für ihre Freiheit wäre, am Ende fügt sie sich doch immer der Lüge, wohl wissend, dass sie sich damit selbst täuscht und zerstört. (S. 58). Sie erträgt auch die sexuelle Bedürfnisse ihres Mannes, lässt alles über sich ergehen. Er merkt nichts, ihm fällt ihre Veränderung nicht auf. Weiterlesen

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Ilse Helbich: Diesseits

„Gebrauchsanweisung: Manche Geschichten sind wie Steine, die man aus dem Fluss fischt. Rund und glatt und schwer in der Hand.“  Diese Anleitung stellt die Autorin ihren gesammelten Erzählungen voran.

Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman „Schwalbenschrift“ veröffentlicht. Darauf folgten mehrere Anthologien und Erzählbände. Und nun legt der Literaturverlag Droschl dieses Buch vor, das schon allein durch seine Gestaltung, seine Optik und seine Haptik Leserinnen erobern dürfte. Viele der in diesem Band gesammelten Erzählungen sind vorher noch nicht veröffentlicht worden. Leider, so im Info-Teil am Ende, lässt sich nicht mehr für alle Texte sagen, wann sie entstanden sind. Ich finde das auch nebensächlich, außer dass natürlich das eigene Leben der Autorin jeden Text immer beeinflusst.

Ilse Helbich hat einen ganz eigenen, faszinierenden Stil. In ihren Geschichten geht es um alltägliche Menschen, Frauen zumeist, in alltäglichen Situationen im alltäglichen Leben. Auffällig ist, dass die Autorin ihren Protagonistinnen kaum je einen Namen gibt. Manch eine Nebenfigur erhält einen Namen, aber in den meisten ihrer Texte bleibt die Protagonistin einfach „sie“. Das schafft gleichzeitig Nähe und Distanz, Empathie und Fremdheit. Weiterlesen

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Peter-André Alt: ‚Jemand musste Josef K. verleumdet haben …‘: Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten

„Am Beginn jeder Erzählung steht ein Verführungsversuch.“ (S. 10) Wie wahr dieser erste Satz des Buchs von Peter-André Alt ist. Denn was ist es, das uns dazu verführt, ein Buch zu kaufen? Das Cover, der Titel und? Genau, der erste Satz. Wenn er uns nicht überzeugt, nicht verführt, wenn er uns nicht hineinzieht in das Buch, dann hat es schon verloren und wir lassen es in der Buchhandlung zurück.

Peter-André Alt ist Literaturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Er hat u.a. Bücher über Schiller, Kafka oder Freud veröffentlicht. Und nun schreibt er über erste Sätze der Weltliteratur. Er zitiert fast 250 erste Sätze, von Homer über Goethe, Poe, Twain, Grass, bis Patrick Süßkind, Michel Houellebecq, Paula Hawkins. Er analysiert, wie sich die ersten Sätze über die Jahrhunderte verändert haben, was damals und was heute ihre Absicht, ihre Intention ist.

Und danach ist sein Buch gegliedert. Nach dem, was die ersten Sätze sagten und sagen. Darin spiegelt sich auch immer die jeweilige Art der Rezeption von Literatur, von Romanen wider. Weiterlesen

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John von Düffel: Der brennende See

Ein hochaktuelles Thema in einem Roman verpackt. John von Düffel präsentiert hier eine ruhige Geschichte mit wenig plakativer, aktionsreicher Handlung. Er konzentriert sich wesentlich mehr auf die inneren Befindlichkeiten der Protagonistin, über die die Leserin wenig zu Aussehen, Alter oder Beruf erfährt.

Hannah kommt in die Stadt ihrer Kindheit zurück. Ihr Vater ist vor kurzem gestorben, die Beerdigung war schon und nun will sie seinen Haushalt auflösen und ihre Erbschaft antreten. In der leeren Wohnung ihres Vaters findet sie ein Foto einer ihr unbekannten jungen Frau. Hannah hält sie für eine Mitarbeiterin des Pflegedienstes, der am Ende ihren Vater, einen mehr oder weniger erfolgreichen Schriftsteller, versorgt hat. Als ihr wenig später dieselbe Frau am See, in dem Hannah ein Bad nimmt, das Fahrrad klaut, das Hannah kurz vorher im Keller ihres Vaters gefunden hatte, ist sie immer mehr verwirrt. Nachdem sie danach auch noch von ihrem Anwalt erfährt, dass ihr Vater sie enterbt hat und über das Wenige, das er besaß, anderweitige Verfügungen getroffen hat, ist sie gekränkt und möchte nur noch schnellstens wieder abreisen und in ihren Alltag zurück. Doch dann trifft sie eine Freundin aus Schultagen wieder, die sie zu sich einlädt. Im Haus der Freundin Vivien und ihres Mannes Matthias begegnet Hannah der Frau von dem Foto.

Julia, Viviens Tochter, ist eine Umweltaktivistin und stand, so scheint es, Hannahs Vater näher als seine eigene Tochter. Weiterlesen

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Eric Berg: Totendamm

Dieses Buch ist bereits 2018 unter dem Titel „So bitter die Rache“ im Limes Verlag erschienen.

Die Diplomatengattin Ellen hat sich von ihrem in Asien tätigen Ehemann getrennt und kehrt mit ihrem vierzehnjährigen Sohn Tristan nach Deutschland zurück. Sie erwirbt ein Haus in Heiligendamm an der Ostsee, ein Haus in einer abgeschlossenen Siedlung namens Vineta. Erst nach dem Einzug erfährt sie, dass in diesem Haus vor sechs Jahren ein Dreifachmord geschah. Ellen versucht, sich von der Vergangenheit ihres Hauses nicht einschüchtern zu lassen; als jedoch Gegenstände verschwinden und sie mehr über die früheren und derzeitigen Nachbarn erfährt, wandelt sich ihre Distanz nach und nach erst in Neugier und schließlich in Besorgnis.

Der Roman erzählt die Vorkommnisse auf zwei Zeitebenen: einmal erleben wir die Gegenwart, als Ellen nach Vineta kommt und zum anderen die Ereignisse sechs Jahre vorher. Die Geschehnisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet und so lernt die Leserin Zug um Zug alle Protagonisten kennen. Von den Nachbarn, die zur Zeit des Verbrechens schon in der Siedlung lebten, lernt Ellen zuerst Ruben kennen, den geistig behinderten Nachbarn, mit dem sich ihr Sohn Tristan anfreundet. Ellen kämpft mit ihren Vorbehalten gegen Ruben und hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Das führt wiederum dazu, dass sie Ruben weiter in ihr Leben hineinlässt, als sie eigentlich will. So lernt sie auch Sven, seinen amtlichen Betreuer vom Jugendamt, kennen. Weiterlesen

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Oliver Buslau: Feuer im Elysium

Zum Beethovenjahr der Beethovenkrimi. Und ein hervorragender noch dazu.

Oliver Buslau ist mir bislang bekannt als Autor von Heimatkrimis; so habe ich von ihm gelesen „Der Bulle von Berg“, ein eher durchschnittlicher Kriminalroman. Außerdem habe ich ihn erlebt als Mitglied einer Band, die aus mehreren Krimiautoren besteht und die gemeinsam ihre Musik und ihre Texte vortragen – sehr unterhaltsam und sehr professionell. Oliver Buslau ist aber nicht nur Krimiautor und Bandmitglied, er hat auch Musikwissenschaft studiert und ein Sachbuch mit dem Titel „111 Werke der klassischen Musik, die man kennen muss“ herausgebracht. Die besten Voraussetzungen also für das Verfassen einen historischen Musikkrimis.

Der eine Protagonist des Romans, Sebastian Reiser, verliert durch einen Unfall Vater, Arbeitgeber und Stellung. Er geht nach Wien, wo er noch ein paar Verbindungen aus der Zeit seines Jurastudiums hat. Er sucht eine neue Anstellung, auch weil er die Hoffnung, seine geliebte Theresia, Tochter seines verstorbenen Arbeitgebers, wiederzusehen, nicht aufgeben will. Weiterlesen

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Megan Miranda: Little Lies – Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht

Die Journalistin Leah hat ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit und zieht deswegen aus Boston in eine Kleinstadt weitab vom Großstadtleben. Sie mietet ein Haus zusammen mit einer Freundin aus Collegezeiten, Emmy. Leah arbeitet als Lehrerin, Emmy, so hat sie ihr erzählt, verdient sich ihr Geld an der Rezeption eines Hotels und mit Putzen.

Eines Tages ist Emmy verschwunden. Leah fällt dies wegen ihrer unterschiedlichen Arbeitszeiten erst nach Tagen auf und, nachdem eine schwerverletzte Frau gefunden wird, fängt sie an, sich Sorgen zu machen. Der ermittelnde Kommissar Kyle beginnt zusammen mit ihr, nachzuforschen. Dabei finden sie vor allem heraus, dass Leah so gut wie nichts über Emmy weiß. Statt Antworten tauchen immer mehr Fragen auf: wer ist Emmy, wieso gibt es nirgendwo Spuren von ihr, keine Vergangenheit, keine Gegenwart.

Die Handlung verspricht einen Thriller mit reichlich Nervenkitzel und Hochspannung. Es gibt immer neue Wendungen, so dass man im Laufe der Lektüre nie sicher sein kann, wer die Wahrheit sagt und wer etwas verbirgt. Weiterlesen

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