Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen

Ich mag Familienepen über mehrere Generationen sehr und ich mag die Bücher von Judith W. Taschler. Also war es keine Frage, dass ich auch ihren neuesten Roman unbedingt lesen wollte. Und ich habe es keineswegs bereut.

Sie erzählt die Geschichte der Familie Brugger, die im österreichischen Mühlviertel in einem kleinen Ort die Mühle betreibt. Beginnend im frühen 19. Jahrhundert verfolgt die Autorin die Geschicke der Familie über mehr als 100 Jahre.

Dabei verfährt sie nicht unbedingt streng chronologisch, sondern folgt eher einzelnen Erzählsträngen, angelehnt an die Perspektive einzelner Familienmitglieder. So erfährt man im einen Strang angedeutete Ereignisse erst später dann im Detail.

Die ersten Protagonisten sind Anton Brugger und seine Schwester Rosa. Sie folgt den Versprechungen einer Anwerberin und gelangt als Hausmädchen nach Wien. Es kommt, wie es kommen muss. Weiterlesen

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Mikael Bergstrand: Zusammen ist es Freundschaft

Zwei ganz besondere Figuren prägen diesen Roman, zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dennoch werden sie Freunde.

Vor allem der einsame Ingemar Modig ist eine Figur, die man einfach mögen muss. Ja, man möchte ihn in den Arm nehmen, trösten und beschützen vor der Welt, die ihm so grausam vorkommt. Und da ist Dalia, das fußballverrückte Mädchen aus Syrien, mutig ohne Rücksicht auf Verluste, beladen mit leidvollen Erinnerungen.

Diese Beiden begegnen sich durch einen Zufall. Ingemar, seit einem tragischen Ereignis psychisch schwer gestört, zählt alles, in der Hoffnung und dem Wunsch, das Ergebnis möge sich durch Drei teilen lassen. Er zählt die Autos auf einem Parkplatz ebenso wie die Bäume auf der Tapete in seinem Wohnzimmer. Ingemar, über 60 Jahre alt und früher erfahrener Fußballtrainer, erkennt sofort das unglaubliche Talent der kleinen Dalia. Sie ist die Wildeste auf dem Spielfeld zwischen all den älteren Jungs, zumindest so lange, bis ihr Vater sie für alt genug befindet, ab jetzt das vorgeschriebene Kopftuch zu tragen. Weiterlesen

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Eric Berg: Die Toten von Fehmarn

Es hat etwas für sich, eine Krimireihe zu lesen. Man begegnet denselben Figuren wieder, kennt sie und ihre Stärken und Schwächen. Und man kennt den Autor bzw. die Autorin und weiß, was man erwarten darf. Eric Berg dagegen, trotzdem er hier die Reihe um die Journalistin Doro Kagel fortsetzt, ändert zwar seinen Schreibstil nicht, dennoch sind die einzelnen Romane dieser Serie recht unterschiedlich.

Manchen mochte ich sehr, fand beispielsweise „Die Mörderinsel“ unglaublich spannend und tiefschürfend. Andere, wie „Totendamm“ waren eher etwas durchschnittlich, auch überzeugten mich die Figuren damals nicht. Nun also ein weiterer Krimi, in welchem diesmal Doro Kagel sozusagen in eigener Sache ermittelt.

Denn sie taucht in ihre eigene Vergangenheit ein, als sie zum Begräbnis eines früheren Jugendfreundes zu Besuch nach Fehmarn kommt und bei ihrer Mutter unterschlüpft. Mit dieser verbindet sie ein sehr schwieriges Verhältnis, bei dem auch die Hilfe von Yim, Doros Ehemann, nicht viel ausrichtet. Weiterlesen

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Helen Frances Paris: Das Fundbüro der verlorenen Träume

Eine versponnene, etwas skurrile Hauptfigur und eine ungewöhnliche Plotidee, das verspricht dieser Roman. Dazu kommt ein wunderschöner, bildhafter und berührender Schreibstil, mit humorigen Untertönen, ohne dabei ins alberne abzugleiten. Doch leider kollidiert dieser Stil mit einer etwas zäh verlaufenden Handlung.

Die junge Dot lebt völlig zurückgezogen, seit ihr so sehr geliebter Vater starb. Ihre ältere Schwester Philippa dominiert und organisiert nicht nur vieles in Dots Leben, sondern auch die Unterbringung und die Besuche bei der dementen Mutter. Dot arbeitet in einem Londoner Fundbüro und fühlt sich dort, zwischen all den verlorenen Gegenständen mit ihren eigenen Geschichten, sehr wohl. Dabei bricht es ihr das Herz, wenn Fundsachen, die bis Ablauf der Aufbewahrungsfrist nicht abgeholt wurden, versteigert oder verschrottet werden.

Als ein älterer Mann einen Verlust meldet, möchte sie so gerne die verlorene Tasche für ihn finden. Das und viele weitere Umstände, wie ein schmieriger Vorgesetzter, der ihr auf die Pelle rückt, führen dazu, dass sie sich immer mehr im Untergrund des Fundbüros verkriecht und dabei Gefahr läuft, in ihrer Fantasiewelt zu versinken. Doch mit Hilfe von ihrer Kollegin, ihrer Schwester und eines Arztes aus dem Pflegeheim ihrer Mutter gelingt ihr die  Entwicklung und Befreiung. Weiterlesen

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Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige

Was für ein Buch. Was für eine Autorin. Ich war schon von ihren anderen Romane begeistert, die ich lesen durfte. Aber dieses hier ist wie ein Faustschlag in den Magen, wie eine eiskalte Dusche. Und man kann nur hoffen, dass es viele Menschen lesen und ihre Lehren daraus ziehen. Ich bin jedenfalls sicher, dass es noch lange nachwirken wird, dass ich noch lange darüber nachdenken werde.

Die Handlung beginnt 2019. Mélanie ist eine Mutter, die ihre Kinder, Sammy und Kimmy,  vergöttert. Ihre Liebe und vor allem ihre Bewunderung für ihre Kinder sollen möglichst viele andere Menschen teilen. Und diese Menschen sollen vor allem auch Mélanie selbst lieben. Um das zu erreichen, hat Mélanie, als Kimmy gerade einmal 2 Jahre alt war, begonnen, Videos ihrer Kinder zu drehen und diese auf You-Tube zu veröffentlichen. Nach anfänglich nur gelegentlichen Filmen wird es immer mehr, bis schließlich ständig die Handykamera auf die Kinder gerichtet ist. Und die Familie unglaublich viel Geld damit verdient.

Doch eines Tages verschwindet Kimmy, kehrt vom Versteckspiel nicht zurück. Die Polizei glaubt an Entführung und setzt den in solchen Fällen üblichen Apparat in Gang. Besonders in die Ermittlungen eingebunden ist die procédurière Clara. Sie hat eine ganz andere Geschichte als Mélanie, sie führt ein komplett anderes Leben als Mélanie. Clara ist unverheiratet, hat keine Kinder und geht im Grunde völlig in ihrem Beruf auf. Weiterlesen

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Julia Mattera: Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach

Ein liebenswerter Grantler mit eigenwilligen Macken, eine wunderschöne Landschaft und dazu noch gutes Essen – also die perfekten Zutaten zu einem perfekten Roman. Die selbst im Elsass geborene Autorin siedelt die Handlung ihres ersten Romans für Erwachsene eben dort an und erzählt von Robert, dem Koch, der in der von seiner Schwester Elsa betriebenen Auberge für die kulinarischen Genüsse der Gäste sorgt.

Robert ist ein verschrobener, zurückhaltender Mann Anfang 50, der am liebsten allen Menschen, außer seiner Schwester und deren beiden Kindern, aus dem Weg geht. Viel lieber als mit Menschen unterhält er sich mit seinen Möhren, seinen Tomaten und den Zucchini, die er alle mit großer Achtung und Liebe behandelt.

In sein bisher geordnetes Leben bricht nun einmal der junge Hassan ein, der zusammen mit seiner Mutter Fatima in Elsas Auberge aushelfen und Robert zur Hand gehen soll. Aufgrund schlechter Erfahrung mit solchen Praktikanten ist Robert erst sehr skeptisch, doch mit vereinten Kräften, viel Geduld und Humor gelingt es den anderen, ihn dazu zu bringen, sich etwas mehr zu öffnen. Noch mehr ist das der Fall, als schließlich auch noch die Engländerin Maggie, eine Freundin von Fatima, in sein Idyll eindringt. Sie überwältigt ihn, er ist fasziniert von ihr und man ahnt, was kommen wird. Weiterlesen

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Dietmar Wischmeyer: Als Mutti unser Kanzler war

Von A wie Abschied bis Z wie Zukunft führt uns Dietmar Wischmeyer durch 16 Jahre Kanzlerin Angela Merkel. Wer kennt ihn nicht, den Kabarettisten und Autor Dietmar Wischmeyer, bekannt für seine treffsichere Ironie, seine präzise Aufdeckung der Schwachstellen unsere aktuellen und früheren Politiker.

Im vorliegenden Buch nun nimmt er sich die Zeit vor, die von Angela Merkel als Kanzlerin geprägt ist. Dabei geht er nicht chronologisch und eigentlich auch nicht thematisch vor, sondern er hangelt sich von einer Erinnerung zur anderen, eben von A bis Z durch eine „total krasse Zeit“.

Keiner ist vor ihm sicher, an allen Parteien, an allen echten und eingebildeten Größen der Politik arbeitet er sich ab. Dabei ist seine Zunge so spitz, dass sie tief in die von ihm aufgerissenen Wunden eindringt und den Eiter freilegt. Weiterlesen

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Lea Streisand: Hätt‘ ich ein Kind

Leser:innen fragen sich ja oft, wieviel vom Autor bzw. der Autorin in der Geschichte steckt, und das besonders bei in Ich-Form verfassten Romanen. Hier ist es aber eine zu persönliche Frage, als dass man sie der Autorin stellen könnte. Jedoch hatte ich beim Lesen dieses Buchs stets das Gefühl, hier erzählt jemand seine eigene Geschichte.

Das mag an der gelungenen Umsetzung liegen oder eben vielleicht doch daran, dass es selbst erlebt ist. Lea Streisand, von deren im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Hufeland, Ecke Bötzow“ ich absolut begeistert war, beschreibt hier den dornigen Weg einer jungen Frau von der Erkenntnis, dass sie keine eigenen Kinder wird haben können bis zum Ausgang ihres Antrags auf Adoption.

In einem niemals lamentierenden, oft vielmehr sehr humorvollen, sich selbst auf die Schippe nehmenden Ton folgen wir Kathi und ihrem Mann durch diese sich lange hinziehenden Monate. Parallel dazu erleidet Kathis beste Freundin eine Fehlgeburt, wird wieder schwanger und so können beide Frauen auf ganz unterschiedliche Weise die Erwartung der Mutterschaft erleben. Weiterlesen

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Rebecca Gisler: Vom Onkel

Ist es eigentlich eine unabänderliche Gesetzmäßigkeit, dass mit wichtigen Preisen ausgezeichnete Bücher so oft unlesbar sind? Dieser kurze Roman ist das Debüt einer jungen Schweizer Autorin und er wurde gleich mehrfach mit Preisen, sowohl in der Schweiz wie in Deutschland, ausgezeichnet.

Doch leider passen Stil und Inhalt nicht zu den Erwartungen, die der Klappentext weckt. Dabei sind die Figuren, die uns Rebecca Gisler vorstellt, wahnsinnig plastisch und lebendig gezeichnet, man steht ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber, erlebt ihre Macken und ihre Absonderlichkeiten. Aber die Art, wie die Autorin schreibt, ist sehr anstrengend. Das liegt vor allem an den – und das ist wörtlich zu verstehen – seitenlangen Sätzen. Da gibt es kaum Sätze, die mal kürzer sind als eine halbe oder dreiviertel Seite, da gibt es viele Sätze, die länger sind als eine ganz Seite. In diesen verliert man sich, am Ende des Satzes hat man längst vergessen, worum es am Anfang überhaupt ging. Weiterlesen

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Annegret Held: Das Verkehrte und das Richtige

Ein verschlafenes Dorf im Westerwald namens Scholmerbach in den 80er Jahren. Die junge Anna, unglücklich in ihrem Beruf als Polizistin in Darmstadt und unglücklich in ihrer Liebe zu einem verheirateten Kollegen, kommt nach Hause in ihr Dorf und begegnet auf dem Feuerwehrfest dem verboten attraktiven Pfarrer aus dem Nachbardorf. Was daraus entsteht und wie dies das Leben etlicher Menschen auf Dauer verändert, darum geht es in dem neuen Roman von Annegret Held.

In Ich-Form erzählt Anna von den Ereignissen damals, erzählt sie jemandem, dessen Identität man ahnt, die aber wirklich enthüllt wird erst am Ende des Buchs. Anna ist eine recht zerrissene junge Frau, einerseits fest verwurzelt in ihrem Dorf, in dem Umfeld, in welchem sie aufwuchs. Andererseits zieht es sie weg. Daher arbeitet sie in Darmstadt, hat sich auf eine andere Stelle in Frankfurt beworben. Doch die Arbeit bei der Polizei ist nichts für sie, sie kündigt und bewirbt sich erfolgreich um einen Studienplatz in Heidelberg, wovon sie immer geträumt hatte. Dort zieht sie in eine WG mit anderen Studentinnen, gleichzeitig pflegt sie eine innige Freundschaft mit Thea, eine jungen Mutter aus Scholmerbach. Weiterlesen

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