Erika Swyler: Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt

Bei der Lektüre dieses Romans war ich oft zwischen Lachen und Weinen hin und her gerissen. Und habe mir die Frage gestellt, wie ein Buch so schön sein kann, wenn man gleichzeitig nicht einmal die Hälfte von dem versteht, was geschieht?

Die mit Mann und Kaninchen auf Long Island lebende Autorin erzählt in ihrem sensiblen und trotzdem hochspannenden Roman die Geschichte von Nedda. Diese ist im Hauptstrang, der im Jahr 1986 spielt, 11 Jahre alt und lebt zusammen mit ihren Eltern in Florida in unmittelbarer Nähe zur Startrampe der NASA-Weltraumraketen. Die Handlung setzt ein am Tag des Challenger-Unglücks, für Nedda, die von allem, was mit Weltraum und Astronauten zu tun hat, begeistert ist, ein geradezu traumatisches Erlebnis. Zusammen mit ihrem Freund Denny versucht sie, damit klarzukommen, es zu verarbeiten.

Neddas Vater Theo, ein versponnener Wissenschaftler und ehemaliger NASA-Mitarbeiter, der seine Tochter abgöttisch liebt, tüftelt an einer Art Zeitmaschine, die helfen soll, Neddas Kindheit zu konservieren, sie länger zu bewahren. Im Gegensatz dazu beschäftigt sich Neddas Mutter Betheen vor allem mit Backen, ersinnt und erprobt ständig neue Rezepte. Dabei war auch sie einmal Wissenschaftlerin, nach Theos Worten sogar die bessere von ihnen beiden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Romalyn Tilghman: Die Bücherfrauen

Den Unterschied zwischen Erwartung und Realität nennt man Enttäuschung. Und hinsichtlich dieses Romans wurde meine Erwartung leider nicht erfüllt.

Erzählt wird die Geschichte einer Kleinstadt in Kansas. Oder ist es die Geschichte von Angelina, die ihre Dissertation über die Bibliothek der Stadt schreiben will? Oder ist es die Geschichte von Traci, der Künstlerin, die für ein Jahr nach New Hope kommt, um dort Kunstprojekte zu realisieren und die Frauen und Jugendlichen der Stadt künstlerisch anzuleiten? Oder welche Geschichte erzählt uns die Autorin?

Genau das ist der Punkt, während des gesamten Romans wurde mir das nicht wirklich klar. Geschrieben ist er aus drei wechselnden Perspektiven. Zum einen der von Angelina, die in den Ort ihrer Geburt zurückkommt, vordergründig, um ihre Doktorarbeit zu vollenden. Deren Thema sind die von Andrew Carnegie zahlreich gespendeten öffentlichen Bibliotheken in amerikanischen Kleinstädten. Gleichzeitig folgt sie aber auch den Spuren ihrer Großmutter, die sich für die Gründung und den Erhalt der örtlichen Bibliothek schon vor einhundert Jahren einsetzte. Von Bedeutung sind hier besonders deren verschollene Tagebücher. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Pascal Engman: Rattenkönig

Um es gleich vorwegzunehmen: der Roman hat mich enttäuscht. Weder fand ich Zugang zur Handlung noch konnte ich mich für den Stil des Autors erwärmen.

Vorrangiges Thema soll die Gefahr durch sogenannte „Incels“ sein. Incel steht für Männer, die angeblich ungewollt Single sind, die sich von Frauen verachtet, abgelehnt fühlen. Dieses Gefühl kompensieren sie durch extreme Gewalt gegen Frauen, oft in Gruppen, oft durch Vergewaltigung, Folter, ja sogar Mord.

Protagonistin ist die Stockholmer Kommissarin Vanessa Frank, der vorliegende Roman ist der zweite des Autors um diese Ermittlerin. Diese Figur ist durchaus vielschichtig angelegt und hat das Potenzial, ein faszinierender Romancharakter zu sein. Doch leider verschenkt der Autor meines Erachtens dieses Potenzial.

Für mich hat sich in dem Roman die Spannung nicht aufgebaut, über die ersten einhundert, einhundertfünfzig Seiten geschah zu wenig. Womit ich nicht sagen will, dass der Mord an einer Frau – wofür ihr Exfreund in Verdacht gerät – und die Mehrfachvergewaltigung einer jungen Journalistin „nichts“ sind. Das sind durchaus griffige Thrillermotive. Aber man kommt nicht hinein in die Handlung, ständig werden neue Figuren eingeführt, ohne dass erklärt wird, welchen Bezug sie zu den Geschehnissen haben. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Willem Asman: Enter: Die Wahrheit wird dich töten

Ein furioser Action-Thriller, rasant und hochspannend, mit Schauplätzen in Amsterdam, London, New York und Miami. Geschickt konstruiert und packend geschrieben, mit einer vielschichtigen Protagonistin.

Der niederländische Autor vermischt Agentenstory mit Familiendrama und Verbrechergeschichte. In Amsterdam lebt Tyler Young mit ihrer 15-jährigen Tochter Charlie. Was Charlie nicht weiß: Tyler hat eigentlich einen ganz anderen Namen und lebt im Zeugenschutzprogramm mit einer neuen Identität. Ihrer Tochter hat sie erzählt, Charlies Vater sei tot, bei einem Brand umgekommen, zusammen mit dem Familienhund Buster. In Wahrheit hat Tyler vor Jahren gegen ihren Mann ausgesagt und musste danach untertauchen.

Doch Charlie, in der Pubertät und entsprechend aufsässig, hat heimlich in den Unterlagen ihrer Mutter gesucht und beginnt nun nach vermeintlichen früheren Familienmitgliedern zu suchen. Auf einer Klassenfahrt in London wird sie jedoch entführt. Als Tyler bei der Schutzorganisation, die ihr die neue Identität gegeben hatte, um Hilfe bittet, beginnt eine abenteuerliche Jagd von Amsterdam über London nach Amerika. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Ein geradezu grausames Buch, das umso wirkungsvoller ist, da diese Geschichte jedem von uns jeden Tag passieren könnte. So realitätsnah ist sie. Und so erschütternd gut ist sie geschrieben.

In die Protagonistin dieses kleinen Romans kann sich jeder, der berufstätig ist, mit Leichtigkeit einfühlen. Mathilde, früh verwitwet, lebt allein mit ihren drei Söhnen, ein Zwillingspaar und deren älterer Bruder. Sie liebt ihre Arbeit, bei der sie sich immer anerkannt fühlte und wo sie bisher erfolgreich und beliebt war. Doch das ändert sich schlagartig, ohne dass es ihr gelingt, die Ursache für diese gravierende Änderung zu ergründen.

Mathilde hatte auch zu ihrem Vorgesetzen bislang eine, wie sie glaubte, gute und tragfähige Beziehung. Doch von einem Tag auf den anderen beginnt er, sie zu mobben, ja regelrecht zu drangsalieren. Zuerst denkt sie an ein Missverständnis, erträgt die Schikanen, sucht das Gespräch mit Jacques, ihrem Vorgesetzten. Doch der weigert sich, mit ihr zu sprechen, ihr irgendetwas zu erklären. Die Dinge eskalieren immer mehr, Mathilde wird von wichtigen Besprechungen ausgeschlossen, Benachrichtigungen erreichen sie nicht mehr, schließlich wird sie sogar aus ihrem Büro verdrängt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Anne Mette Hancock: Leichenblume

Den Namen dieser Autorin werde ich mir merken. Ihr Roman, der erste und bereits mehrfach ausgezeichnete der Dänin, bricht in Dänemark und anderswo bereits Verkaufsrekorde. Und ich möchte sagen, ziemlich zu Recht.

Heloise Kaldan, Investigativjournalistin in Kopenhagen, sitzt in der Bredouille, denn offensichtlich ist sie auf eine falsche Informationsquelle hereingefallen und hat nun heftigen Ärger mit ihrem Chefredakteur und auch im Kollegenkreis. In diese Situation hinein platzt ein Brief, den sie erhält. Absender ist eine seit Jahren gesuchte Mörderin, Anna Kiel. Sie macht in diesem und weiteren Briefen mysteriöse Andeutungen, bezieht sich auf Ereignisse aus Heloises Leben, die sie nicht wissen kann.

Im Zuge ihrer Nachforschungen trifft Heloise auf Kommissar Erik Schäfer, der im Fall der Anna Kiel die Ermittlungen leitete und nun die neue Spur verfolgt. Beide kommen gut miteinander aus und verbinden ihre Recherchen. Heloise, die unter anderem die Familie des damaligen Mordopfers aufsucht und die Eltern von Anna Kiel trifft, erhält weitere Briefe, die sie stets mehr verunsichern, deuten sie doch Dinge aus Heloises Vergangenheit an, die sie lieber für immer vergessen hätte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek

Wer kennt ihn nicht, den alten Schwarz-Weiß-Film „Ist das Leben nicht schön“ mit James Stewart, den man jedes Jahr um die Weihnachtszeit im Fernsehen anschauen kann. An diesen Film erinnert mich der neue Roman des britischen Autors Matt Haig.

Nora Seed, Mitte Dreißig, ist in ihren eigenen Augen eine komplette Versagerin. Sie verliert ihren Job, ihre Katze wird überfahren, ihre beste Freundin hat den Kontakt zu ihr abgebrochen und ihr Bruder will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Nora beschließt, es ist Zeit, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch statt zu sterben, landet sie in der Mitternachtsbibliothek. Diese heißt so, weil dort die Uhr stets auf Mitternacht steht. In dieser Bibliothek finden sich alle Bücher ihres Lebens, der Leben, die sie hätte führen können, wenn sie an dieser oder jener Wegkreuzung anders abgebogen wäre. Nora bekommt die Gelegenheit, diese möglichen Lebenswege auszuprobieren, um herauszufinden, ob sie wirklich sterben will. Die „Bibliothekarin“ in der Mitternachtsbibliothek, die für Nora die passenden Bücher heraussucht, ist Mrs Elm, die während Noras Schulzeit die Bücherei leitete und zu der Nora eine enge Beziehung hatte. Mrs Elm fragt Nora nach den Entscheidungen oder Handlungen in ihrem Leben, die sie am meisten bereut. Davon ausgehend wählt Nora beispielsweise das Buch, welches ihr das Leben zeigt, das sie als Polarforscherin geführt hätte. Oder das Leben als erfolgreiche Schwimmerin. Doch wenn die Lebensalternativen ihr nicht zusagen, kommt sie stets zurück in die Mitternachtsbibliothek. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Mirna Funk: Zwischen Du und Ich

Das ist wieder einmal so ein Roman, bei dem es schwerfällt, sich ein eindeutiges Urteil zu bilden. Das Thema, dessen sich die in Ost-Berlin geborene Autorin annimmt, ist interessant und kann nicht oft genug angesprochen werden. Der Stil ist modern, rasant, brachial, aber auch verstörend, nicht einfach zu lesen. Die Figuren sind es aber vor allem, die diesen Roman zu einer schwer verdaulichen Lektüre machen.

Die junge Nike, in Berlin beim DAAD arbeitende Jüdin, hadert mit ihrem Leben, mit ihrer Familie, mit sich selbst. Sie hat Erfahrungen hinter sich, die sie physisch und psychisch beschädigt haben, über die sie aber weder mit anderen noch mit sich selbst reflektieren kann. Ganz spontan beschließt sie, für ein Jahr nach Israel zu gehen und sich dort für den DAAD einzusetzen. Sie tauscht mit einer Israelin die Wohnung und findet in Tel Aviv auch recht gut Anschluss an die dortigen Kolleginnen.

Noam, der in Tel Aviv beim Haaretz als Journalist tätig ist und dort eine regelmäßige Kolumne veröffentlicht, ist ein ähnlich zerrissener Charakter. Auch er hat in Kindheit und Jugend schlimmste Erlebnisse verarbeiten müssen bzw. hat sie bis heute nicht verarbeitet. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Michael Macht: Hunger, Frust und Schokolade: Die Psychologie des Essens

Ein besseres Timing für das Erscheinen dieses Sachbuchs hätte man sich kaum ausdenken können. Jetzt, während der Pandemie, wo wir alle unserem Frust mit Essen begegnen und dadurch mehr zunehmen, als gut für uns ist, hilft diese Analyse unseres Essverhaltens.

Michael Macht, Psychotherapeut und Professor für Psychologie an der Universität Würzburg, legt hier sein erstes populärwissenschaftliches Buch vor. Und das ist ihm, meiner Meinung nach, durchaus gelungen.

In gut lesbarem, flott geschriebenem und leicht verständlichem Stil beschreibt er die Gründe für Hungergefühl, berichtet von verschiedenen Forschungsansätzen zu diesem Thema in der Vergangenheit und Gegenwart und reichert all das mit vielen anschaulichen und spannenden Beispielen an. Dass nicht immer ganz offensichtlich ist, ob es sich um authentische Beispiele aus der Praxis handelt oder um von ihm sehr kreativ erfundene, schadet dabei nicht. Er schildert nachvollziehbar die Probleme mit und vor allem die Ursachen für Essstörungen, wie beispielsweise Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Susanne Goga: Das Geheimnis der Themse

Zu diesem historischen Roman der Mönchengladbacher Autorin gibt es einen Vorgängerband mit dem Titel „Der verbotene Fluss“, den ich leider nicht gelesen habe. Doch auch ohne diese Vorgeschichte zu kennen, kann man das neue Buch verstehen und genießen. So man denn diese Romangattung mag.

Charlotte, eine junge Deutsche, ist seit zwei Jahren mit Tom verheiratet. Sie hat vor der Ehe als Gouvernante gearbeitet, er ist Autor und Rezensent von Theateraufführungen. Die beiden leben im London des Jahres 1894. Charlotte ist eine Frau mit einem für diese Zeit sehr ausgeprägten Unabhängigkeitsdrang. Sie hat durchaus ihren eigenen Kopf und sieht ihre künftige Rolle nicht ausschließlich als Ehefrau und Mutter. Wobei letzteres aktuell nicht zur Debatte steht, denn sie und Tom warten immer noch auf Nachwuchs, den sich vor allem Tom sehnlichst wünscht. Diese ungewollte Kinderlosigkeit ist eines der beiden Hauptthemen des Romans. Was natürlich vor dem Hintergrund der Zeit, in der der Roman spielt, besonders interessant ist.

Vorrangig geht es allerdings um Magie, Mystik und allerlei Geheimbünde, die in London existieren. Als eine junge Frau tot am Ufer der Themse gefunden wird und in der Nähe der Leiche offensichtlich ein Pentagramm aus Kerzen aufgebaut war, beginnen Charlotte und Tom nachzuforschen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: