Niccolò Ammaniti: Anna

Seit vier Jahren bringt nun schon ein Virus alle Erwachsenen und Jugendlichen um, die die Pubertät erreicht haben. In Italien herrscht Chaos, die Kinder haben Banden gegründet, Hunde ziehen auf der Suche nach Essbarem herrenlos durchs Land und greifen jeden an, der auch nur einen Krümel Nahrung an sich trägt. Anna hat die Pubertät fast erreicht und weiß, dass es jeden Tag losgehen könnte mit ihrem schleichenden, aber sicheren Tod. Doch sie muss vorsorgen, denn seit dem Tod der Mutter kümmert sie sich um ihren kleinen Bruder Astor, der noch nichts von dem Unglück der Welt ahnt und sicher in den Mauern des Familiengutes lebt. Als Astor sich einer der Banden anschließt, ist Anna verzweifelt. In nur einem Moment hat man ihr alles genommen, was noch wichtig war.

„Anna“ ist vom ersten Satz an harte Kost, auch in der deutschen Übersetzung. In Italien war der Roman monatelang in den Bestsellerlisten zu finden und auch die Financial Times wählte ihn zu einem der besten Bücher des Jahres 2017. Anna beschreibt schonungslos, was in ihrer Umwelt los ist, ganz egal wie schwer die Ereignisse zu verarbeiten sein mögen. Selbst daran, wie die Mutter zu Beginn der Seuche gestorben ist und was vor allem Anna dann leisten musste, verbirgt sie nicht. Schnörkellos umschreibt sie, wie sie die tote Mutter auf dem Ehebett liegen ließ, die Fenster öffnete und sie den Krähen überließ, damit diese das Fleisch von den Knochen pickten, um den Leichnam leichter und transportierfähig zu machen. Hier allerdings hielt sich Anna nicht mehr an die Anweisungen ihrer Mutter, die vorsah, dass Anna die Knochen im angrenzenden Wald verscharrte. Das Skelett thront weiterhin gespenstisch auf dem Bett hinter der verschlossenen Schlafzimmertür. Anna hat es liebevoll verziert und dekoriert.

Ansonsten hält sich Anna schon an die Anweisungen, die ihre Mutter in einem Buch hinterlassen hat. Hier findet sie wichtige Hinweise zu Krankheiten oder auch worauf sie bei sich selbst achten soll, wenn die Seuche auch bei ihr zuschlägt. Man kann sich der Lektüre nicht entziehen und sie ist zutiefst verstörend. Dennoch hat das Buch mich nicht in Gänze erreichen können. Vielleicht weil alles so krass geschildert wurde und dann noch viele unerwartete Wechsel durchlief. Mit Astors Verschwinden geht eine Veränderung durch Anna, die ich nicht recht nachvollziehen konnte. Sie wirkt nicht glaubhaft gegenüber dem Rest der Geschichte.

Ansonsten ist „Anna“ aber eine interessante Lektüre für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren. Trotz des Alters der Protagonistin würde ich es nicht für eine jüngere Zielgruppe empfehlen. Die sehr verstörenden Ereignisse innerhalb der Geschichte passen nicht zum klassischen Jugendbuch.

Verstörend und direkt – dennoch konnte mich persönlich die Geschichte nicht erreichen. Ein Blick auf eine Leseprobe lohnt allemal, wenn man auf der Suche nach besonderen Dystopien ist.

Niccolò Ammaniti: Anna.
Eisele Verlag, August 2018.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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