Leena Lander: Die Gesichter des Meeres

Vor der Küste Irlands spielt sich an Heiligabend im Jahr 1895 eine Tragödie ab: Die finnische Fregatte Palme läuft bei stürmischer See auf eine Sandbank auf und erleidet Schiffbruch. Fünfzehn Männer aus der nahegelegenen Stadt Kingstown (heute Dún Laoghaire) kommen bei der Seenotrettungsaktion ums Leben.

Erzählt wird aus Sicht einer finnischen Schriftstellerin, die für einen Roman Recherchen über das Schiffsunglück der Palme anstellt. Sie kann sich an Erzählungen aus ihrer Kindheit von ihrem Großvater erinnern, der sich zum Zeitpunkt der Havarie auf der Fregatte befand. Außerdem hat sie im Nachlass ihrer Eltern einen Ordner des Großvaters mit Unterlagen des Seeunglücks gefunden, über das in der Familie nie gesprochen wurde. Viele Fragen, die sie dem Verstorbenen nicht mehr stellen kann, stehen nun im Raum. Ihr Ehemann Mikko, ein vor kurzem in Ruhestand getretener Marineoffizier, will sie bei den Recherchen unterstützen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, sichtet die Autorin unter anderem Dokumente in Museen, Aufzeichnungen aus Büchern und alte Zeitungsberichte. Zusätzlich befasst sie sich mit Tagebüchern und Reisebriefen von Kapitänsfrauen aus vergangenen Zeiten. Immer wieder finden sich Einschübe verschiedenster historischer Belege wie einstige Schiffsmeldungen, Auszüge aus dem Lehrbuch der Seefahrt, dem Finnischen Seerecht oder alten Berichten der Irish Times in ihrem Romanprojekt. So ganz nebenbei erfährt man auch von einem  prominenten Zeitzeugen der Havarie, welcher kein anderer als der damals zwölfjährige James Joyce war, der sich später in seinem Roman Ulysses an das Geschehen zurückerinnert.

Die Handlung unserer Romanautorin rankt sich um die Kapitel realer Vorbilder wie dem Schiffsjungen Matias Sahlman, der ursprünglich als blinder Passagier an Bord des havarierten Frachters kam, später von der Kapitänsfamilie aufgenommen wurde und schließlich Wesentliches zu den Ermittlungen des Unglücks beitragen konnte.  Weitere Erzählstränge drehen sich um die achtjährige Sarah Donoghue, deren Vater bei der Rettungsaktion ums Leben kam und die noch lange Zeit jeden Tag am Strand auf die Rückkehr des Vaters wartete. Außerdem geht es um die Kapitänsgattin Elin Siren und um den Reporter Daniel samt ihren Schicksalen. So bringt die Romanautorin alles was mit dem Schiffsunglück damals zusammenhing, nach und nach wieder ans Licht. Im Plot verwebt sie die historisch belegten Geschehnisse mit eigenen kreativen Gedanken.

Zu der damals eingeleiteten Untersuchung des Unglücks stellte der Journalist Daniel zusätzliche Recherchen an. So erfährt man unter anderem, dass Kapitän Oskar Siren eigentlich gar kein offizieller Kapitän gewesen war. Zudem hatte er sich den Befehlen seines Vaters, dem Schiffseigner, untergeordnet. Außerdem stellt sich heraus, dass Lüftungsventile des Rettungsboots offengeblieben sein sollen. Weiter liest man davon, dass die Unglücksfregatte Palme ursprünglich den Namen von Eiskönig Frederic Tudor trug und ihr späterer Schiffseigner die Fregatte für den Transport von Millionen Tonnen Natureis vorgesehen hatte. Ganz nebenbei wird man nochmals mit dem Untergang der Fähre Estonia im Jahr 1994 konfrontiert oder damit, dass einst aus irischen Waisenhäusern unzählige irische Kinder nach Kanada zur Zwangsarbeit verfrachtet wurden.

Interessante Historie, die Vergangenes und Vergessenes ans Licht bringt. Die vielen Verzweigungen hemmen allerdings etwas den Lesefluss der eigentlichen Handlung.

Leena Lander: Die Gesichter des Meeres.
btb, Dezember 2019.
592 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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