Judith Hermann: Lettipark

letDas literarische Werk von Judith Hermann ist überschaubar, jedoch mitunter hoch gelobt. Der verstorbene Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki prophezeite ihr 1998 mit „Sommerhaus, später“ eine große Schriftstellerinnen-Zukunft, die sich zunächst nicht einstellte, fiel doch ihr zweiter, heiß ersehnter Erzählband „Nichts als Gespenster“ von 2003 deutlich gegen den ersten ab. Mit „Alice“ (erschienen 2009) und ihrem Roman „Aller Liebe Anfang“ (2014) versucht sie seitdem an ihren Debüt-Erfolg anzuknüpfen.

Nun also „Lettipark“, 17 Erzählungen kurz und knapp wie ihre Titel, erschienen im S. Fischer Verlag. Da werden in „Kohlen“ ebendiese geschippt als Requiem für eine tote Mutter, die an der Liebe gestorben ist und als Trost für ihren kleinen Sohn Vincent. Ella wartet auf ihren Freund Carl, der nicht wiederkommen wird, während ein Junge ein langgehütetes Foto („Fetisch“) im Lagerfeuer verbrennt. Oder die Tochter, die ihren Vater besucht, der es aufgegeben hatte, „Gedichte“ auszuhalten,  und ihm ein Stück Pflaumenkuchen mitbringt. Was bleibt von der gemeinsamen Vergangenheit bei Martha und Iris, die damals eine Reise ins Haus von Zach, einem vermutlich Kriminellen, auf den Antillen führte? Die alte Frau Greta, die ihrer jungen Mitbewohnerin Maude in „Manche Erinnerungen“ von einem Badeunfall erzählt, bei dem möglicherweise ihr Geliebter ertrank. Das kinderlose Paar, Philipp und Deborah, das ein russisches Kind adoptiert und doch nicht zusammenbleiben wird.
Oder zwei Frauen, deren Psychoanalytiker ihnen bei der Deutung ihrer „Träume“ hilft. Dann Ari und Jessica auf ihrer Reise nach „Osten“, nach Odessa, wo sie in einer Absteige landen und das Schwarze Meer suchen. In der Titelgeschichte „Lettipark“ trifft Rose auf die einstmals „schöne“ Elena im Supermarkt, erinnert sich an einen Mann, dem Elena „das Herz brach“ und lässt den Moment des Wiedersehens fast verstreichen.

Siebzehn Geschichten, wie in Trance: entrückt und doch vom Leben und von den Menschen. Judith Hermann schreibt Erzählungen mit sehr kurzer Belichtungszeit. Manchmal schön, manchmal unverständlich, zumeist düster, selbst wenn die Sonne scheint und es Sommer ist. Sie deutet an, erklärt nicht, lässt ahnen, vermuten, offen.
Ihre Figuren verströmen eine Traurigkeit, die sich festsetzt. Sie kreisen um sich selbst  und verhalten sich so vage, dass man sie schütteln oder ihnen gar eine Ohrfeige verpassen möchte, damit sie endlich aufwachen und handeln. Die knappen, reduzierten Texte schaffen eine Leere, die den Lesenden zweifeln lässt, ob es gut ausgehen kann für die Figuren. Und vielleicht soll es das auch nicht.
Geschichten wie Seifenblasen, prall und durchsichtig, einen Augenblick durch die Luft schwebend, dann zerplatzen sie.
Judith Hermann bleibt sich treu in Sprache und Inhalt ihrer Erzählungen. Und für ihre Fans ist das gut so.

Judith Hermann: Lettipark.
S. Fischer, Mai 2016.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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