Juan Moreno: Glück ist kein Ort: Geschichten von unterwegs

Für den spanisch-deutschen Autor Juan Moreno braucht es zum Reisen vor allem Zeit und das Interesse am anderen Leben. Reisen ist Geduld und Zuhören. In seinem Buch „Glück ist kein Ort“ erzählt er von den Begegnungen mit Menschen in unterschiedlichen Gegenden der Welt. Reportageaufträge und Neugier brachten ihn nach Nord- und Südamerika, Indien oder Sibirien, aber auch nach Berlin, Kottbusser Tor. Er war dabei, als in Thailand Kinder aus einer überfluteten Höhle gerettet wurden oder als sich in Kolumbien die Guerillatruppen der Farc trotz Friedensvertrag neuformierten. Das Buch vereint Reportagen und Texte, welche mit nur zwei Ausnahmen bereits in Zeitschriften veröffentlicht worden waren, darunter auch Aufzeichnungen von den Stationen einer Weltreise, die ihn 2005/06 im Verlauf eines Jahres durch achtzehn Länder führte.

Moreno erzählt im Plauderton und doch sprachlich präzise. In den meisten Texten nimmt er sich mit seinen Befindlichkeiten zurück, seine Gedanken und Erlebnisse bleiben im Hintergrund. Er rückt Menschen vor Ort in den Fokus, lässt sie über ihr Leben erzählen. Oftmals sind es Biografien im Umbruch, wie zum Beispiel die des indonesischen Seenomaden Tadi, der mit seiner Familie auf einem Boot lebte, bis die Regierung den Menschen einen festen Wohnsitz aufzwang. In Kolumbien trifft er auf Danilo Alvizu, einen Farc-Kämpfer, der wie viele seiner ehemaligen Mitstreiter von den Ergebnissen des Friedensvertrages enttäuscht ist und daher als Kommandant einer Guerilla-Einheit das Land erneut in den Krieg zieht. In Spanien beschreibt er den Abschied eines Toreros vom Stierkampf.

Ausgenommen davon sind die Texte, in denen eigene Erfahrungen und Einsichten im Mittelpunkt stehen. Hier erlebe ich einen Menschen, der sich selbst auf den Prüfstand stellt, der eigene Positionen überdenkt, sei es humorvoll bei der Suche nach dem Haus am See oder ganz und gar ernsthaft auf dem Abenteuertrip durch den Darièn, dem Urwald zwischen Panama und Columbien.

Besonders gefällt mir, dass Juan Moreno mit Bedacht wertet. Er präsentiert seine Sicht der Dinge, aber nie als absolute Wahrheit. Mir bleibt als Leser genug Raum, eine eigene Sicht zu entwickeln, ich erhalte die Informationen, die ich dafür brauche. Er teilt Erlebnisse, Beobachtungen und manchmal auch Einsichten, ohne sich dabei aufzudrängen. Er urteilt nicht, sondern lässt das andere Lebenskonzept neben seinem bestehen.

Dabei rückt er immer wieder ins Bewusstsein, in welch komfortabler Lage wir uns hier in Deutschland befinden und wie sehr sich unser Leben von dem in vielen Ländern, selbst in Europa, unterscheidet.

Fazit: Die wohldosiert kurzweilige Geschichtensammlung ist unbedingt empfehlenswert und macht Lust auf mehr. Ich werde den nächsten Besuch im Buchladen nutzen, immerhin gibt es von Juan Moreno auch eine Biographie von Uli Höneß und ein Buch zum „Fall Claas Relotius“, dessen Fälschungen er, Moreno, im Dezember 2018 aufgedeckt hatte.

Juan Moreno: Glück ist kein Ort: Geschichten von unterwegs.
Rowohlt, Oktober 2021.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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