Edward Carey: Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud

„Ich stecke immer in den kleinen Ecken und Nischen dieser Welt. Ich dränge mich niemandem mit großem Gepolter auf. Ich suche mir eine Lücke und richte mich dort ein.“ (Seite 313)

Anna Maria Grosholtz wird 1761 im Elsass geboren und zieht im Alter von sieben Jahren mit ihrer Mutter nach Bern. Bei Dr. Curtius soll ihre Mutter als Haushaltshilfe arbeiten, doch sie stirbt und Marie nimmt ihre Stelle ein. Im Laufe der Zeit übernimmt sie immer mehr die Aufgaben einer Assistentin von Dr. Curtius, der für das Spital Wachsmodelle der menschlichen Organe und Körperteile herstellt.

Zwei Jahre später müssen sie Bern verlassen und gehen nach Paris. Dort mieten sie sich bei der Witwe Picot ein. Marie oder Petite, wie sie wegen ihrer geringen Körpergröße gerufen wird, arbeitet auch im Haushalt der Witwe und ihres Sohnes als Dienstmädchen, wird permanent von der Witwe schikaniert und drangsaliert. Sie muss in einem dunklen Verschlag wohnen und darf nicht mehr das sein, was sie sich am meisten wünscht: die Assistentin von Dr. Curtius. Der hat immer mehr zu tun, da sehr viele Pariser ihre Köpfe in Wachs nachgeformt haben möchten.

Sie treffen die skurrilsten und absonderlichsten Menschen in diesem Paris der vorrevolutionären Jahre. Curtius und Marie formen Wachsköpfe von Adligen und Gaunern, von Philosophen und Mördern, von Lebenden und von Toten.

Eines Tages besucht auch Elisabeth, die Schwester Ludwigs des XVI., das Figurenkabinett, ist von Maries Arbeit begeistert und erbittet sich ihre Dienste. So zieht Marie nach Versailles und wird Elisabeths „Mensch, Herz und Milz“. Sie lebt die nächsten 10 Jahre in einem Schrank in den Fluren des Schlosses und wird eine enge Vertraute der Prinzessin.

Wie ein running gag, bei dem einem allerdings das Lachen schmerzhaft im Hals stecken bleibt, wiederholt Petite ihre Forderung nach Lohn. All die Jahre, ob im Dienst von Curtius und der Witwe Picot oder als „Körper“ der Prinzessin Elisabeth, erhält sie keinerlei Bezahlung. Auch die Entlohnung für ihre Dienste in Versailles wird an Curtius und die Witwe ausgezahlt.

Nachdem Marie unerlaubt die königliche Familie in Wachs nachgebildet hat und das entdeckt wird, schickt man sie in Schimpf und Schande zurück. Das Wachskabinett hat sich in dieser Zeit sehr vergrößert und ist in Paris eine Attraktion geworden. Doch alles wird sich ändern. Es ist das Jahr 1789.

Edward Carey hat nach eigenen Aussagen 15 Jahre recherchiert und geschrieben. Dazu hat er das Buch mit bezaubernden Zeichnungen illustriert. Im Nachwort erläutert er die mühsamen Recherchen aufgrund des wenigen Wissens über das Leben der Madame Tussaud. Daher sind sicher viele Episoden im Roman eher Fiktion als Biographie. Das tut der Wirkung des Buches aber keinerlei Abbruch.

Petite ist ein praller, lebendiger, faszinierender Roman mit einer mutigen, naiv-weisen, gutherzigen und genau beobachtenden Heldin. Beim Anfertigen der Gussformen für ihre Wachsköpfe sieht Marie viel mehr als nur das Äußere der Menschen. Sie versteht mehr vom Leben als Curtius, sie durchschaut die Schranzen am Hof von Versailles und sie leidet mit den Armen in den Gossen von Paris. Anna Maria Grosholtz, die spätere Madame Tussaud, erzählt in diesem Buch ihr abenteuerliches Leben mit morbider Präzision, lakonischem Humor und ohne Larmoyanz.

Ein Leseerlebnis, das in Erinnerung bleiben wird.

Edward Carey: Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud.
C. H. Beck, August 2019.
492 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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