Simon Stephenson: Kurioses über euch Menschen

Jared ist ein Roboter, der im Jahre 2054 in Michigan/USA lebt und als Zahnarzt arbeitet. Als er feststellt, dass er Gefühle hat, muss eine Fehlfunktion vorliegen, denn auf so etwas ist er nicht programmiert. Eigentlich müsste er sich abschalten lassen. Doch dem entzieht er sich, indem er nach Los Angeles aufbricht, um ein Drehbuch für einen Film zu schreiben, der zeigt, dass Roboter durchaus Gefühle entwickeln können.

„Kurioses über euch Menschen“ des Drehbuchautors Simon Stephenson ist ein spannender und anrührender Unterhaltungsroman mit viel Witz, der sich vor allem aus dem Gegensatz zwischen den (zumeist) logischen Gedankengängen des Roboters und dem unlogischen menschlichen Handeln ergibt. Dabei wird „uns Menschen“ oft ein Spiegel vorgesetzt, der zu denken gibt. Ein Beispiel: Jared sagt: „Wenn ein Bot immer wieder denselben Fehler macht, gilt er als fehlerhaft. Wenn ein Mensch wiederholt denselben Fehler macht, gilt er als hartnäckig und wird als Held gefeiert.“ Weiterlesen

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Ildikó von Kürthy: Morgen kann kommen

Es ist ein buntes Völkchen, das sich da in der Villa Ohnsorg einfindet, in der Ohnsorgstraße in Hamburg. Das prächtige Haus gehört Gloria Wilhelmi, Besitzerin eines Buchladens. Bei ihr wohnt Rudi „der gute Sozi“, überzeugt von der SPD und von sanftem Gemüt. In der umgebauten Remis hinter dem Haus lebt Johann, der auch irgendwie mit zum Haushalt gehört. Diese friedliche Gemeinschaft bringt Glorias Schwester Ruth ordentlich durcheinander.

Ruth, 51, kinderlos, verheiratet mit dem Star einer Krimiserie. Sie entdeckt im Drogeriemarkt ein vergessenes Foto, das ihren Gatten in eindeutiger Pose zeigt und ist geschockt. Obendrein hat der ihr erklärt, er brauche eine Ehe-Auszeit, weil Ruth so langweilig und nicht inspirierend sei. Trennen wolle er sich allerdings nicht. Fertig mit den Nerven düst Ruth zu ihrer Schwester Gloria nach Hamburg, um sie nach 15 Jahren Funkstille zu den Vorgängen während ihrer Hochzeit zu befragen. Der Abend damals endete nämlich im Desaster. Weiterlesen

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Lea Streisand: Hätt‘ ich ein Kind

Leser:innen fragen sich ja oft, wieviel vom Autor bzw. der Autorin in der Geschichte steckt, und das besonders bei in Ich-Form verfassten Romanen. Hier ist es aber eine zu persönliche Frage, als dass man sie der Autorin stellen könnte. Jedoch hatte ich beim Lesen dieses Buchs stets das Gefühl, hier erzählt jemand seine eigene Geschichte.

Das mag an der gelungenen Umsetzung liegen oder eben vielleicht doch daran, dass es selbst erlebt ist. Lea Streisand, von deren im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Hufeland, Ecke Bötzow“ ich absolut begeistert war, beschreibt hier den dornigen Weg einer jungen Frau von der Erkenntnis, dass sie keine eigenen Kinder wird haben können bis zum Ausgang ihres Antrags auf Adoption.

In einem niemals lamentierenden, oft vielmehr sehr humorvollen, sich selbst auf die Schippe nehmenden Ton folgen wir Kathi und ihrem Mann durch diese sich lange hinziehenden Monate. Parallel dazu erleidet Kathis beste Freundin eine Fehlgeburt, wird wieder schwanger und so können beide Frauen auf ganz unterschiedliche Weise die Erwartung der Mutterschaft erleben. Weiterlesen

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Rebecca Gisler: Vom Onkel

Ist es eigentlich eine unabänderliche Gesetzmäßigkeit, dass mit wichtigen Preisen ausgezeichnete Bücher so oft unlesbar sind? Dieser kurze Roman ist das Debüt einer jungen Schweizer Autorin und er wurde gleich mehrfach mit Preisen, sowohl in der Schweiz wie in Deutschland, ausgezeichnet.

Doch leider passen Stil und Inhalt nicht zu den Erwartungen, die der Klappentext weckt. Dabei sind die Figuren, die uns Rebecca Gisler vorstellt, wahnsinnig plastisch und lebendig gezeichnet, man steht ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber, erlebt ihre Macken und ihre Absonderlichkeiten. Aber die Art, wie die Autorin schreibt, ist sehr anstrengend. Das liegt vor allem an den – und das ist wörtlich zu verstehen – seitenlangen Sätzen. Da gibt es kaum Sätze, die mal kürzer sind als eine halbe oder dreiviertel Seite, da gibt es viele Sätze, die länger sind als eine ganz Seite. In diesen verliert man sich, am Ende des Satzes hat man längst vergessen, worum es am Anfang überhaupt ging. Weiterlesen

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Tania Blixen: Babettes Gastmahl

Die Zutaten zu „Babettes Gastmahl“ sind so einfach wie edel: Da wären zunächst zwei Schwestern, Martine und Philippa, benannt nach Martin Luther und Philipp Melanchthon, Töchter eines Probstes, welcher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine freikirchliche Gemeinschaft gegründet hatte. Beide sind inzwischen in der Mitte des Lebens angekommen, aber noch immer anmutig und graziös, jedoch fern aller modischen Verführungen. Dazu eine stetig alternde Gemeinschaft aus Brüdern und Schwestern, welche auch nach dem Tode des Probstes etliche Jahre zuvor ihrer Kirche und deren Regeln treu geblieben sind. Eine weitere und ganz entscheidende Zutat ist Babette, die französische Haushälterin der beiden Damen, eine Kommunardin. Sie musste vor 14 Jahren aus Paris fliehen und fand auf Empfehlung des Sängers Achille Papin, der einst im Hause des Probstes zu Gast war, dort Unterschlupf. Seitdem führt sie mit viel Geschick Haushalt und Küche. Und nicht zu vergessen General Löwenhjelm, welcher in seiner Jugend einige Wochen im Dorf der Schwestern verbracht hatte.

All das würzen wir mit ein bisschen abenteuerlicher Romantik in Gestalt des abgelegenen kleinen Dorfes Berlevaag im rauen Norden Norwegens am Ufer eines Fjordes, mit zwei Teelöffeln freundlich abgewiesener Liebe und einem Quäntchen Pariser Oper. Abgeschmeckt mit einem unerwarteten Gewinn und einer Prise Café Anglais, erhalten wir ein wohlschmeckendes Menu, das keine Wünsche offenlässt. Weiterlesen

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Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer

Der Tod zweier Hunde bildet den Handlungsrahmen in diesem Roman. Sie gehören Jakob Fischer, einem jungen Bauern aus dem Alpenvorland. Die Hündin Landa wildert. Der Jagdtrieb geht mit ihr durch, sie haut ab, gehorcht nicht, macht auf eigene Faust Beute und frisst diese auch auf. Jakob vergiftet sie zu Beginn des Buches. Sie stirbt qualvoll.

Fischer betreibt auf dem heruntergekommenen Hof seiner Familie eine Geflügelmast. Erst hat man die Milchwirtschaft eingestellt, dann gingen eine Schafzucht und der Betrieb von Fischteichen daneben. Jetzt lebt Jakob also kläglich von der Hühnerfleisch-Produktion und führt ein zurückgezogenes, verschrobenes Leben. Mit am Hof wohnen seine Mutter, der Vater, der als „Nichtsnutz“ bezeichnet wird, die Oma, die nie den ersten Stock verlässt und fallweise seine Schwester Luisa, die nichts arbeitet, auftaucht, eine Weile bleibt und wieder verschwindet. Alles ändert sich, als er der unsteten und ziellosen Künstlerin Katja begegnet. Sie erkennt das Potential, das in Jakob und im Hof steckt. Mit der Freilandhaltung einer alten Schweinerasse feiert der Betrieb ein Comeback. Weil die verstorbene Großmutter Jakob viel Geld vererbt, kann er die verkauften Felder zurückholen. Es geht aufwärts. Er heiratet Katja, sie bekommen einen Sohn. Alles scheint gut zu laufen. Mit Axel kommt ein neuer Hund auf den Hof. Jakob glaubt, sein Leben im Griff zu haben, bis er entdeckt, dass auch Axel wildert. Er erwischt ihn, als er ein Rehkitz frisst. Grausamst erhängt er ihn und läutet damit den Niedergang seiner Ehe und seines Hofes ein. Weiterlesen

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Katharina Korbach: Sperling

Sie hatten beide lange nichts gesagt, dem Regen gelauscht. Von draußen war trübes Licht ins Zimmer gefallen, das über die Wände zog, wann immer ein Auto vorüberfuhr. Illuminierte Quadrate, durchschnitten von den Bahnen der Tropfen auf den Fensterscheiben. Ein Schattentheater.“ (S. 210)

Vorweg: Ich persönlich finde den Buchtitel und das Cover genauso einzigartig wie den Roman selbst.

Als ich mich der Story hingegeben habe, musste ich mich zuerst an den Schreibstil gewöhnen und wusste nicht so recht, wo mich diese Geschichte hinführen wollte. Katharina Korbach schreibt in einer klaren Sprache, literarisch bemerkenswert und elegant. Ganz deutlich spürt man beim Lesen die Liebe zur Kunst und auch zur französischen Sprache. Empfindungen und Gedanken kommen auf eine bedrückende Art und Weise zu Tage und so offenbart die Autorin der Leserschaft die fragile Verbindung zwischen Dozent und Studentin. Die Perspektivwechsel zwischen Charlotte und Wolfgang haben mir sehr gut gefallen. Auch wenn beide eine fast identische Erzählsprache aufweisen und ich einige Alltagszenen etwas langatmig empfand, war es äußerst interessant, ihren Lebenswegen zu folgen. Weiterlesen

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Annegret Held: Das Verkehrte und das Richtige

Ein verschlafenes Dorf im Westerwald namens Scholmerbach in den 80er Jahren. Die junge Anna, unglücklich in ihrem Beruf als Polizistin in Darmstadt und unglücklich in ihrer Liebe zu einem verheirateten Kollegen, kommt nach Hause in ihr Dorf und begegnet auf dem Feuerwehrfest dem verboten attraktiven Pfarrer aus dem Nachbardorf. Was daraus entsteht und wie dies das Leben etlicher Menschen auf Dauer verändert, darum geht es in dem neuen Roman von Annegret Held.

In Ich-Form erzählt Anna von den Ereignissen damals, erzählt sie jemandem, dessen Identität man ahnt, die aber wirklich enthüllt wird erst am Ende des Buchs. Anna ist eine recht zerrissene junge Frau, einerseits fest verwurzelt in ihrem Dorf, in dem Umfeld, in welchem sie aufwuchs. Andererseits zieht es sie weg. Daher arbeitet sie in Darmstadt, hat sich auf eine andere Stelle in Frankfurt beworben. Doch die Arbeit bei der Polizei ist nichts für sie, sie kündigt und bewirbt sich erfolgreich um einen Studienplatz in Heidelberg, wovon sie immer geträumt hatte. Dort zieht sie in eine WG mit anderen Studentinnen, gleichzeitig pflegt sie eine innige Freundschaft mit Thea, eine jungen Mutter aus Scholmerbach. Weiterlesen

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Liane Moriarty: Eine perfekte Familie

Joy hat sie und lebt sie: Die „perfekte Familie“ – und dem Leser ist klar, das kann nicht sein, das gibt es nicht, schon gar nicht in einem Roman mit diesem Titel.

Um Joy dreht sich alles in der Familie Delaney, ohne sie wäre ihr Mann nicht erfolgreich mit der gemeinsamen Tennisschule, um ihre Liebe kämpfen ihre vier erwachsenen Kinder, ihre Nähe sucht ein geheimnisvolles Mädchen, das sich bei den Delaneys einnistet – und sie ist es, die eines Tages spurlos verschwindet. Die Kinder vermissen sie zunächst nicht, ihr Leben ist mit Job, Partnern, Ex-Partnern und Krisen aufregend genug. Ihr Mann Stan bemerkt ihr Verschwinden sehr wohl, aber auch er unternimmt nichts.

Alle erhalten eine kryptische Nachricht von Joy auf ihren Handys, die eher beunruhigt als erklärt, wohin und warum Joy verschwunden ist, zumal das Handy, auf dem die Nachricht getippt wurde, unter dem Ehebett gefunden wird. Joys Fahrrad wird gefunden, Blut wird entdeckt, Stan wird verdächtigt und auch jenes mysteriöse Mädchen, das bei Joy und Stan untergekommen ist und besonders Joy ungewöhnlich nah war. Weiterlesen

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Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt

Die Autorin und Literaturvermittlerin Mareike Fallwickl (Jahrgang 1983) ist Österreicherin. Sie schreibt im Schwerpunkt über feministische, queere und diverse Themen. Mit „Dunkelgrün fast schwarz“ erschien 2018 ihr Debütroman. Es folgte 2019 der Roman mit dem Titel „Das Licht ist hier viel heller“. Nun ist am 22. März 2022 ihr dritter Roman „Die Wut, die bleibt“ bei Rowohlt Hundert Augen erschienen.

Was für ein krasses Buch! Schon nach den wenigen Seiten der Leseprobe von „Die Wut, die bleibt“, die der Rowohlt Verlag auf seiner Homepage zur Verfügung stellt, bin ich als Lesende wie vom Donner gerührt.

„Haben wir kein Salz, sagt Johannes…“ und dann steht Helene  wortlos vom Abendbrottisch auf, geht die paar Schritte bis auf den Balkon und springt aus dem fünften Stock. Zurück bleiben ihre Kinder Lola, Maxi und Lucius, ihr Ehemann Johannes und ihre beste Freundin -seit Kindergartentagen- Sarah.

So beginnt Mareike Fallwickl die Geschichte um die zurückgelassenen Familienmitglieder im Schock. Sie erzählt sie Kapitel für Kapitel abwechselnd aus Lolas und aus Sarahs Perspektive. Es ist das Pandemie-Jahr 2. Die fünfzehnjährige Lola ist eine kluge, bockige Teenagerin, die Skateboard fährt und sich auf ihre Freundin Sunny verlassen kann. Sarah ist eine erfolgreiche Krimischriftstellerin, unverheiratet und kinderlos. Aktuell lebt sie mit Leon, einem wesentlich jüngeren Mann zusammen. Weiterlesen

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