Claire Adam: Goldkind

Peter und Paul sind 13 Jahre alt und Zwillinge. Mit ihren Eltern Clyde und Joy leben sie auf Trinidad und Tobago. Es ist nicht die allerbeste Wohngegend und vor kurzem wurde bei der Familie bereits eingebrochen. Seitdem herrscht zwischen Clyde und seinem Sohn Paul eine angespannte Stimmung. Denn Paul stellte sich vor den Angreifer und wollte sich zur Wehr setzen und somit alle in Lebensgefahr bringen. Wenige Tage später kommt Paul abends nicht nach Hause. Im Busch ist man zur Dunkelheit in den sicheren eigenen vier Wänden, doch auch um Mitternacht fehlt von dem Jungen jede Spur. Wütend geht Clyde auf die Suche nach seinem Sohn. Doch auch am Morgen ist Paul nicht wiederaufgetaucht.

„Goldkind“ ist die Geschichte einer Familie, die ganz besonderen Prüfungen ausgesetzt ist. Als Joy die Zwillinge zur Welt bringt, geht etwas schief. Peter kommt ohne Problem auf die Welt, bei Paul kommt es zu Komplikationen. Das Kind sei möglicherweise nun geistig behindert, so die Ärzte. Und es zeigt sich mit den Jahren tatsächlich, dass Paul besondere Aufmerksamkeit braucht. Er ist langsamer, schreit manchmal unvermittelt und kann nicht so einfach erzogen werden. Peter dagegen ist ein wahres Goldkind. Er bringt vom ersten Tag an die besten Noten mit nach Hause und scheint überdurchschnittlich klug. Die Welt steht ihm offen. Er könnte an jede Universität gehen. Wenn da nicht Paul wäre. Denn Paul braucht Peter, deswegen werden sie in dieselbe Klasse eingeschult, verbringen viel Zeit zusammen. Weiterlesen

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Dagmar Hansen: Alle Tage, die wir leben

Matilde, die lieber Tilda genannt wird, fürchtet sich vor ihrem bevorstehenden sechzigsten Geburtstag. Daher sieht sie derzeit ihr gesamtes Leben rabenschwarz. Hinzu kommt, dass sie von ihrem Freund verlassen wird und einen lukrativen Auftraggeber ihres Schreibbüros verliert. Tilda hat weder Mann noch Kinder oder Haustier und offensichtlich auch keinerlei andere Verwandtschaft. Dafür aber zwei herzensgute Freundinnen, mit denen sie sich regelmäßig zum gemeinsamen Kochen trifft.

Tilda, wie gesagt knapp Sechzig, ist seit fast vierzig Jahren Witwe, hat immer noch ihr Hochzeitsfoto an der Wand hängen und redet mit ihrem nach nur dreijähriger Ehe verstorbenen Mann, der ihr in Kölscher Mundart Ratschläge erteilt.

Wegen des Verlusts der einträglichen Aufträge muss sie sich eine neue Einnahmequelle suchen. Sie findet eine Stelle bei einer rüstigen alten Dame, die ihr Leben aufräumen will nach der schwedischen Döstädning-Methode. Das heißt, sich von Ballast trennen, Unerledigtes erledigen, alte Streitigkeiten beilegen und so weiter. Weiterlesen

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Brian Sewell: Pawlowa: oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt

Das ist sicher eines der bezauberndsten Bücher, die ich 2019 gelesen habe.

Brian Sewell (1931 – 2015) war ein umstrittener Kunstkritiker und Kolumnist in Großbritannien. Der 2015 entstandene Roman Pawlowa ist sein einziges fiktives Werk neben mehreren Kunst- und Reisebüchern.

Mr. B., ein drahtiger kleiner Mann von fünfzig Jahren mit weißem Haar, …“ (Seite 9) ist zu Filmaufnahmen in Pakistan, als er sieht, wie eine kleine, noch ganz junge Eselin viel zu schwere Lasten tragen muss. Er rettet das erst wenige Monate alte Tier und beschließt, entgegen allen Ratschlägen, sie mit nach Hause nach England zu nehmen. Ihm ist klar, dass er sie nicht im Flugzeug transportieren kann, und so begibt er sich, relativ unvorbereitet, zu Fuß auf den tausende Kilometer langen Heimweg.

Auf seiner ungewöhnlichen Reise durch Afghanistan, Iran, der Türkei, Griechenland und vielen anderen Ländern begegnet er netten und weniger netten Zeitgenossen, unaufmerksamen Zöllnern, resoluten Botschaftergattinnen, hilfsbereiten Teppichhändlern, hinterlistigen Schmugglern. Dabei ist Mr. B., seinen vollen Namen erfahren wir nicht, ein feinsinniger Mensch mit besonderem Interesse an Geschichte und an Kunstgegenständen. Weiterlesen

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Ellen Sandberg: Das Erbe

München, 2018: Als Mona einen Brief erhält, ist sie verwundert. Sie soll etwas von ihrer Tante, die sie kaum kannte, geerbt haben. Bestimmt ein schickes Schmuckstück, vielleicht sogar das wertvolle Gemälde aus Klaras Besitz. Doch Mona wird überrascht, denn Klara hat ihr das komplette Schwanenhaus mit mehreren Mietsparteien und ihrer eigenen Wohnung vermacht. Den ganzen Schmuck, das Gemälde und ein volles Bankkonto gibt es kostenlos oben drauf. Das kann nur für Ärger suchen, denn Monas Mutter, zu der sie kein gutes Verhältnis hat, war an dem Gemälde interessiert. Doch welches Geheimnis verbirgt das Haus wirklich?

München, 1938: Die 14-jährige Klara lebt mit ihrer Familie in einer schicken Mietswohnung im Schwanenhaus. Es gehört einem reichen Juden namens Roth und dieser sieht sich per Gesetz gezwungen, sein Hab und Gut abzugeben. Klaras Vater sieht seine Chance. Doch dann werden die Roths verhaftet und Klara bangt um die Zukunft ihrer Freundin Mirjam, der Tochter der Roths. Kurzerhand zwingt sie ihre Eltern, Mirjam bei sich aufzunehmen. Doch die Ruhe hält nicht lange an … Weiterlesen

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David Nicholls: Sweet Sorrow: Weil die erste Liebe unvergesslich ist

Sommer, 1997: Der 16-jährige Charlie hat die Schule beendet und vor ihm liegt ein Sommer voller Nichtstun. Er hat einen kleinen Job, um sich etwas Geld zu verdienen, aber auch massig Zeit, mit der er etwas anfangen muss. Beim Lesen auf einer Wiese lernt er Frances, genannt Fran, kennen. Sie macht in der Nähe bei einem Theaterkurs mit und Charlie wagt das Abenteuer, ebenfalls Theater zu spielen. Denn Frances gefällt ihm und er hätte gerne ihre Nummer. Eigentlich denkt er, dass dies nach nur einem halben Vormittag erledigt sei, doch Fran zwingt ihn, jeden Tag wieder zu den Proben zu erscheinen.

An den Schreibstil von David Nicholls musste ich mich erst ein wenig gewöhnen. Seit „Zwei an einem Tag“ hatte ich nichts mehr von ihm gelesen. Er schreibt nicht schlecht, nein, das ist es nicht. Eher umständlich, lange verschachtelte Sätze, mit denen Simone Jakob, die Übersetzerin dieses englischen Werkes, sicher so ihre liebe Mühe hatte. Aber mit der Zeit wird es besser und man findet Zugang zur Geschichte. Beschrieben wird die Lebenswelt eines 16-jährigen Jungens, der es wirklich nicht einfach hat: Sein Vater und seine Mutter leben in Trennung, die Mutter hat einen neuen Partner und seine 12-jährige Schwester Billie hat sie gleich dorthin mitgenommen. Zurück blieben Charlie und sein Dad, Weiterlesen

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Leena Lander: Die Gesichter des Meeres

Vor der Küste Irlands spielt sich an Heiligabend im Jahr 1895 eine Tragödie ab: Die finnische Fregatte Palme läuft bei stürmischer See auf eine Sandbank auf und erleidet Schiffbruch. Fünfzehn Männer aus der nahegelegenen Stadt Kingstown (heute Dún Laoghaire) kommen bei der Seenotrettungsaktion ums Leben.

Erzählt wird aus Sicht einer finnischen Schriftstellerin, die für einen Roman Recherchen über das Schiffsunglück der Palme anstellt. Sie kann sich an Erzählungen aus ihrer Kindheit von ihrem Großvater erinnern, der sich zum Zeitpunkt der Havarie auf der Fregatte befand. Außerdem hat sie im Nachlass ihrer Eltern einen Ordner des Großvaters mit Unterlagen des Seeunglücks gefunden, über das in der Familie nie gesprochen wurde. Viele Fragen, die sie dem Verstorbenen nicht mehr stellen kann, stehen nun im Raum. Ihr Ehemann Mikko, ein vor kurzem in Ruhestand getretener Marineoffizier, will sie bei den Recherchen unterstützen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, sichtet die Autorin unter anderem Dokumente in Museen, Aufzeichnungen aus Büchern und alte Zeitungsberichte. Zusätzlich befasst sie sich mit Tagebüchern und Reisebriefen von Kapitänsfrauen aus vergangenen Zeiten. Immer wieder finden sich Einschübe verschiedenster historischer Belege wie einstige Schiffsmeldungen, Auszüge aus dem Lehrbuch der Seefahrt, dem Finnischen Seerecht oder alten Berichten der Irish Times in ihrem Romanprojekt. So ganz nebenbei erfährt man auch von einem  prominenten Zeitzeugen der Havarie, welcher kein anderer als der damals zwölfjährige James Joyce war, der sich später in seinem Roman Ulysses an das Geschehen zurückerinnert. Weiterlesen

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Jess Kidd: Die Ewigkeit in einem Glas

Dieses Buch ist wie ein schwerer Wein. Den man am besten in kleinen Schlucken trinkt und nicht zu viel davon auf einmal. So hat man lange etwas davon und bekommt keinen dicken Kopf. Allerdings dauert es etwas länger, die Flasche zu leeren.

Und genauso muss man das neue Buch von Jess Kidd lesen: in kleinen Häppchen und mit Genuss. Die überbordende Fantasie dieser Autorin verlangt von der Leserin Ausdauer und Durchhaltevermögen. Dafür wird sie mit einer detailreichen und spannenden Geschichte belohnt.

Bridget Devine, genannt Bridie, arbeitet im London des Jahres 1863 als Privatdetektivin. Allein das ist ja schon mal eine fantastische Ausgangssituation. Sie bekommt den Auftrag, ein verschwundenes Kind zu suchen. Alles was mit diesem Kind zu tun hat ist geheimnisvoll und absonderlich. Denn Christabel, so der Name des Kindes, ist kein normales Mädchen.

Begleitet wird Bridie bei ihrer Suche von Ruby Doyle. Der allerdings seit kurzem verstorben ist. Dafür kann er durch Wände gehen und auf seiner Haut schwimmt eine tätowierte Meerjungfrau und ein Anker lichtet sich selbst. Weiterlesen

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John Burnside: Über Liebe und Magie – I Put a Spell on You

Es ist ein sehr persönliches Bekenntnis, was John Burnside über Liebe und Magie schreibt, und wenn ein Autor in einer solch schonungslos offenen und ehrlichen Weise seine Seele öffnet, ist das, was für ihn selbst eine Form von Aufarbeitung und letztlich Therapie darstellt, für LeserInnen ein absoluter Glücksfall.

Burnside beleuchtet die Liebe in allen Facetten von beglückend bis zerstörend und stellt sich dem zuvor Unergründlichen. Der Text zeigt wunderbar plastisch seine Kindheit mit den ärmlichen Familienverhältnissen in einer schottischen Bergarbeiterstadt auf. – Alles in allem keine optimalen Voraussetzungen für einen positiven Lebensablauf. Auf seinen alkoholsüchtigen, gewalttätigen Vater, einen Gelegenheitsarbeiter, entwickelt er einen Hass. Doch die Mutter beweist Stärke. Sie meistert den nahezu unerträglichen Alltag und kann Vieles ausgleichen. Sie bringt dem Sohn mit ausgeliehenen Zeitschriften das Lesen bei und weitere Fähigkeiten, wie später das Backen. Bei seiner Cousine, in die er sich zum ersten Mal unglücklich verliebt, hört er den Song I put a spell on you, was den Nerv seiner Empfindungen trifft und ihn darin gefangen hält. Überhaupt ist Musik ein Signalgeber für seine Empathie. Erinnerungen an viele Songs und Fenster in die damit verbundene Vergangenheit tun sich auf, so zum Beispiel auch das Bild von der Mutter in der Küche, die beim Lauschen von Musik ebenso wie er in eine andere Welt einzutauchen schien. Weiterlesen

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Pamela Redmond Satran: Younger – Tausche Alter gegen Liebe

Alice ist 43 Jahre alt und steht vor den Scherben ihrer Ehe. Ihr Zahnarzt-Ehemann ist mit seiner Dentalhygienikerin durchgebrannt, ihre Tochter macht einen Freiwilligendienst auf einem anderen Kontinent und Alice bleibt nur das Haus. Nachdem sie sich fast ein Jahr lang bemitleidet hat, geht sie nach einem Umstyling mit ihrer lesbischen Freundin Maggie an Silvester feiern. In einer Bar lernt sie Josh kennen, der wohl irgendwas Mitte 20 ist und verdammt gut aussieht. Kurz nach dem Jahreswechsel kommt es zwischen den beiden zu einem Kuss, danach sehen sie sich erstmal nicht wieder. Doch Alice hat gemerkt, dass sie mit ein paar Tricks als viel jünger durchgeht. Vielleicht würde sie endlich wieder einen Job finden, wenn sie behauptet, erst Ende 20 zu sein?

Pamela Redmond Satran entwirft eine sympathische, teils lustige Geschichte über eine Mittvierzigerin, die plötzlich die Chance erhält, ihre Jugend nachzuholen. Nur wenige Monate nach ihrem Start ins Berufsleben vor 20 Jahren wurde Alice schwanger. Ihre Tochter und darauffolgende Versuche, weitere Kinder zu bekommen, hielten sie seitdem von der Arbeit ab. Und so ist mit 43 Jahren nicht nur ihre Ehe kaputt, sie weist auch keinerlei berufliche Erfahrung auf. Natürlich ist auch ein Liebesleben nicht existent, denn Alice war – im Gegensatz zu Nicht-mehr-Ehemann Gary – immer treu. Es macht Spaß, dem Verlauf der Geschichte zu folgen, hier und da zu lachen, immer wieder ins Schmunzeln zu kommen. Denn es klappt: Alice wird für deutlich jünger gehalten, findet endlich ihren Traumjob, hat eine blutjunge Freundin und bekommt dann auch noch Josh … doch was, wenn alles ernster wird als gedacht? Weiterlesen

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Andrea Camilleri: Brief an Matilda: Ein italienisches Leben

Der in diesem Sommer mit 93 Jahren verstorbene italienische Schriftsteller und Theaterregisseur Andrea Camilleri gewährt uns mit seinem „Brief an Matilda“ einen Einblick in sein „italienisches Leben“ wie es im Untertitel heißt. Das Buch ist in einer Übersetzung von Annette Kopetzki am 19. November 2019 im Kindler Verlag erschienen.

Matilda ist Camilleris Urenkelin und vier Jahre alt, als Camilleri kurz vor seinem 92. Geburtstag beschließt, ihr einen Brief zu schreiben, der sie als Erwachsene an ihren Urgroßvater und sein Leben erinnern soll.

Darin berichtet er ihr von seinem Aufwachsen in Porto Empedocle auf Sizilien, der Herrschaft von Benito Mussolini und seiner ersten Begeisterung für den Faschismus. Mit fünf Jahren lernt Camilleri lesen und hört nie wieder damit auf. Camilleri wendet sich früh wieder ab vom Faschismus, wie auch vom katholischen Glauben. In der Schule ist er ein mittelmäßiger, unangepasster Schüler. Er beginnt, Texte zu schreiben. 1947 verlässt Camilleri Sizilien in Richtung Florenz, später geht er nach Rom. Zunächst arbeitet er als Journalist und wird Mitglied der kommunistischen Partei.

Er sagt über sich: „Im Herzen bin ich immer Kommunist geblieben, natürlich auf meine Weise, liebe Matilda, denn über die Schäden und Gräuel, die der Stalinismus angerichtet hat, konnte ich nicht hinwegsehen.“ (S. 54)

In Rom lernt er Rosetta Dello Siesto kennen und heiratet sie. Sie bekommen drei Töchter. Weiterlesen

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