Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau

Über Auschwitz sind schon viele Bücher geschrieben worden. Aber erst jetzt ist im Schöffling-Verlag eines erstmals auf Deutsch erschienen, das die polnische Autorin Seweryna Szmaglewska bereits 1945 verfasst hat – also unmittelbar nachdem sie dem berüchtigten Todesmarsch kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Russen entkommen konnte.

Man merkt dem Buch die zeitliche Nähe zu den grausigen Geschehnissen und die unmittelbare Betroffenheit der Autorin an – sie überlebte von 1942 bis 1945 das Frauenlager in Auschwitz-Birkenau: Alle Beschreibungen wirken direkt und unmittelbar. Man wird als Leser tief in die Atmosphäre aus Hunger, Tod, Kälte, grausamen und menschenverachtenden SS-Aufsehern, der Selektion auf Leben und Tod an der Rampe und dem Geruch der Krematorien gestoßen. Und das, obwohl (oder gerade weil?) sich die Autorin einer relativ nüchternen Sprache bedient, die das Buch zu einer Mischung aus Roman und Sachbuch macht. Weiterlesen

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Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Ein hochverdienter Preisträger: Der Prix Goncourt Gewinner 2019 ist ein Roman, der uns Leser emotional sofort in seinen Bann zieht. Dies liegt vor allem an dem hervorragend entworfenen Hauptakteur Paul Hansen, dem der Autor die vielen Licht- und Schattenseiten des Menschseins auf den Leib geschrieben hat. Dubois hat einen „literarischen Adam vor dem Sündenfall“ geschaffen. Einen Menschen, der sein Leben lang Gutes getan hat, doch eines Tages jemanden umbringen will. Wie konnte es dazu kommen?

Diese Kernfrage treibt von Anfang an den Plot voran und uns Leser um. Was ist dem Protagonisten Furchtbares zugestoßen, das ihn zu so einer Tat hingerissen hat? Dubois lässt Paul aus dem Gefängnis heraus in Rückblenden von seinem Leben erzählen. Dabei schafft er konträre Bilder, die sich ins Bewusstsein einprägen und Pauls Absturz umso mehr verdeutlichen. Er erinnert sich an Szenen seiner Kindheit, während sein Zellenkollege, ein Hells Angels Mitglied, vor seinen Augen auf der Toilette defäkiert. Wie kann man unter solchen Umständen seine Würde bewahren? Wie die Hoffnung nicht verlieren? Weiterlesen

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Nina George: Die Schönheit der Nacht

Bisher bin ich ein wirklicher Fan der Bücher von Nina George. Ihre im Süden Frankreichs spielenden, warmherzigen Romane haben mich oft berührt und lange nachgehallt.

Mit diesem Roman allerdings komme ich nicht zurecht. Die Handlung, so man das Geschehen so nennen kann, tritt vollkommen zurück hinter den Grübeleien und den philosophischen Betrachtungen der Protagonistin, und zwar in einem Ausmaß, dass es für mich schwer zu ertragen war.

Claire ist eine renommierte Verhaltensbiologin, verheiratet mit Gilles und Mutter von Nicolas. Claire gestattet sich wiederholt One-Day-Stands in einem Hotel, die ihr nichts bedeuten, für sie aber wichtig sind. Ihr Verhältnis zu ihrem Mann ist brüchig und von Zweifeln geprägt, obwohl er ihr mit viel Verständnis begegnet. Eines Tages, Claire hat wieder eine „verbotene Stunde“ in einem Hotel verbracht, trifft sie beim Verlassen des Zimmers ein Zimmermädchen, das sie beobachtet. Am selben Abend stellt ihr Sohn Nicolas genau diese junge Frau als die Frau seines Lebens seinen Eltern vor. Weiterlesen

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André Hille: Das Rauschen der Nacht

Es ist immer interessant, einen Roman zu lesen, dessen Autor Dozent für Kreatives Schreiben ist. Immerhin kennt er in der Theorie das Handwerkszeug, um spannende und packende Bücher zu schreiben. André Hille ist Gründer und Leiter der Textmanufaktur, eine seit mehr als 10 Jahren existierende, renommierte Schule für Kreatives Schreiben in Frankfurt. „Das Rauschen der Nacht“ ist nun sein Debütroman.

Er erzählt darin von Jonas und Birte und ihren zwei kleinen Kindern Sophie und Jeremias. Die Familie hat auf dem Land vor kurzem ein Haus gebaut und liegt seither im Streit mit mehreren Baufirmen über mangelhaften Putz und andere Mängel. Jonas hat zudem vor nicht allzu langer Zeit eine eigene Firma gegründet. Sein Partner Toni, der bislang reichlich Kapital in die Firma gesteckt hat, verweigert nun weitere Zahlungen und Jonas muss sich nach anderen Geldgebern umsehen, die seine Projekte finanzieren.

Dazu begibt er sich nach Berlin, um dort seine Projekte auf einer Veranstaltung zu präsentieren. Während dieser Vorstellung kommt er in Kontakt mit einem potentiellen neuen Partner, der jedoch von Jonas auch eigene finanzielle Risiken als Voraussetzung für seine Beteiligung verlangt. Das führt dazu, dass Jonas immer verzweifelter wird, denn die nötigen Geldbeträge hat er nicht, aufgrund des Hausbaus sind ihre finanziellen Ressourcen erschöpft. Jonas versucht vergeblich, bei der Bank, bei seinem Vater oder bei seinen Schwiegereltern Geld zu leihen, möglichst ohne dass seine Frau davon erfährt. Hinzu kommen familiäre Belastungen und Herausforderungen. Dazu gehört schließlich auch eine Affäre mit einer Kollegin, die er während seines Aufenthaltes in Berlin beginnt. Weiterlesen

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Jacques Poulin: Volkswagen Blues

Der kanadische Übersetzer und Schriftsteller Jacques Poulin (Jahrgang 1937) hat mit dem 1984 im Original erschienenen Buch „Volkswagen Blues“ eine klassische Roadnovel geschrieben, die in seinem Heimatland längst Kultstatus hat. Nun veröffentlichte der Carl Hanser Verlag den Roman am 21. September 2020 in einer Übersetzung von Jan Schönherr erstmals auf Deutsch.

In „Volkswagen Blues“ macht sich der Schriftsteller Jack Waterman vom kanadischen Québec aus auf die Suche nach seinem älteren Bruder Théo, den er zwanzig Jahre lang nicht mehr gesehen hat. Eine Postkarte von Théo führt ihn zunächst nach Gaspé östlich von Québec. Unterwegs in seinem alten VW-Bus lernt er dort das Mädchen Pitsémine, auch Große Heuschrecke genannt, kennen. Ihr junger schwarzer Kater, Chop Suey, reist im Rucksack mit. Pitsémine hat eine indianische Mutter, einen weißen Vater und praktischerweise eine Ausbildung zur Automechanikerin.

Im Museum von Gaspé finden sie den Text, den Théo auf die Postkarte drucken ließ. Er ist von dem Franzosen Jacques Cartier, der 1534 auf seiner ersten Reise auf der Suche nach einer Westpassage Richtung Fernost an der Ostküste Kanadas landete. Im Gästebuch des Museums finden sie eine Adresse in St. Louis, Missouri, USA, mit der sich Théo dort eingetragen hatte. Weiterlesen

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Etgar Keret: Tu’s nicht: Storys

In seiner neuen Kurzgeschichten-Sammlung gelingt dem israelischen Autor Etgar Keret das Kunststück, ernste und oft tieftraurige Inhalte mit sehr viel – natürlich oft schwarzem – Humor zu verknüpfen. Gutes Beispiel ist dafür bereits die erste Geschichte, die so heißt wie das gesamte Buch: „Tu‘s nicht“.

Ein Selbstmörder droht, sich vom Dach eines Hochhauses zu stürzen. Die Geschichte beschreibt, welche Schwierigkeiten der Ich-Erzähler hat, mit einem quengelnden Sohn auf dem Arm die Stufen des Hauses zu erklimmen, um den Mann von seinem Tun abzuhalten. Am Ende geht‘s nach dramatischen Minuten nur um die Süße des Eises, das die Beteiligten verspeisen, und ob der Sohn vom Schokomilchshake einer unbekannten Frau kosten darf. Weiterlesen

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Lydia Davis: Es ist, wie’s ist: Stories

In dem dünnen Bändchen sind 34 Geschichten der preisgekrönten amerikanischen Autorin versammelt. Darunter Geschichten mit einer Länge von wenigen Zeilen, die dafür mit großer Prägnanz ihre Botschaft vermitteln.

Leider jedoch blieben mir bei der Lektüre die meisten Botschaften in den Texten von Lydia Davis verborgen. Es ist, wie es so oft ist: die von Feuilletons, Kritikern und Jurys renommierter Buchpreise hochgelobten Werke sind für die „normalen“ Leser unergründlich, unverständlich, ja manches Mal gar unlesbar. Ich habe die Erzählungen in diesem Buch gelesen und mich am Ende gefragt, was die Autorin damit sagen will. Dabei schließe ich natürlich gar nicht aus, dass dieses Unverständnis vollkommen an mir liegt. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass mir Stil, Inhalt und Botschaft der Erzählungen fremd blieben. Weiterlesen

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Hilmar Klute: Oberkampf

Nach Hilmar Klutes Romandebüt „Was dann nachher so schön fliegt“, kann auch „Oberkampf“ mit einer außergewöhnlich feinen, bildhaften Sprache überzeugen, was der resolute Titel nicht unbedingt vermuten ließe. Ein Buch voll von französischem Lebensgefühl, erschütterndem Terror und großen Fragen.

Mit Mitte vierzig noch mal von vorn anfangen. Alle Zelte abbrechen und ein neues Leben beginnen –  selbstbestimmt und frei von alten Mustern und gesellschaftlichen Konventionen. Jonas Becker lässt sein Leben in Berlin komplett hinter sich: Seine langjährige Beziehung, die eigene Agentur und sogar den Großteil seiner Bücher. In Paris will er eine Biografie über den alternden Schriftsteller Richard Stein schreiben und damit seinen eigenen Schriftsteller-Traum verwirklichen.

Der Neuanfang scheint zu glücken, der Verlag zahlt Jonas eine kleine Wohnung in der Rue Oberkampf und die endlosen Interview-Gespräche mit Stein können beginnen. Durch Christine tritt schon bald eine neue Liebe in Jonas Leben, an deren Seite er sich vom besonderen Flair der Stadt verzaubern lässt: Ausgiebige Essens- und Weingelage, stolze Chansons und natürlich die unverwechselbare französische Eleganz in Sprache und Stil.

Zeitgleich erreicht jedoch auch der Terror die Stadt. Das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo ist der Beginn einer Reihe von Anschlägen, die die Hauptstadt der Freiheit nachhaltig erschüttern – und damit auch Jonas neues Leben. Was verbirgt sich hinter Paris’ schönem Glanz? Hin- und hergerissen zwischen Genuss und Kritik am französischen Hedonismus, beginnt Jonas sein Leben im Dunstkreis der Rue Oberkampf in Frage zu stellen. Liegt das Buchprojekt wirklich noch in seiner Hand oder hat der egomane Stein nicht längst die Zügel an sich gerissen? Und will Jonas wirklich die Verbindlichkeiten einer neuen Beziehung eingehen? Weiterlesen

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Lily Brett: Alt sind nur die anderen

In diesem kleinen, nur 84 Seiten starken Buch sind 24 Kolumnen von Lily Brett versammelt, die bis auf zwei Geschichten alle bereits im Magazin „Brigitte Wir“ abgedruckt waren.

Lily Brett ist eine dreiundsiebzigjährige australisch-amerikanische Schriftstellerin, die seit dreißig Jahren in New York lebt. Die pulsierende, nie zur Ruhe kommende Metropole scheint ihre Dynamik auch auf Lily Brett zu übertragen und deren  Sicht auf das Altern angenehm milde zu stimmen. Allen ihren Geschichten liegt eine Prise Humor und eine gesunde Portion Eigenironie zugrunde: So liest man von peinlichen Themen im Wartezimmer oder von einem Speeddating-Dinner, das die Autorin zufällig beobachtet und darüber gänzlich ihre Sorge um ihre Nierenarterienstenose vergisst. Die Augenoperation beschert ihr wieder besseres Sehvermögen, gleichzeitig erkennt sie beim Blick in den Spiegel aber auch plötzlich die vielen Falten, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Weiterlesen

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Thomas Hettche: Herzfaden

Eine gemeinsame Kindheitserinnerung ganzer Generationen von Deutschen geht so: Man liegt an einem vertrödelten Sonntagnachmittag auf dem Sofa und verfolgt auf der Mattscheibe gebannt, wie Urmel aus dem Eis, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, die haarsträubendsten Abenteuer erleben.

Aus den Anfängen der Augsburger Puppenkiste, die längst zum deutschen Kulturgut gehört und auch Erwachsene fasziniert, hat der 1964 geborene Schriftsteller Thomas Hettche einen Roman gemacht, der reale Geschichte mit Fiktion verknüpft.

Es waren der Schauspieler und Theaterdirektor Walter Oehmichen und seine Familie, die mitten im Zweiten Weltkrieg die ersten Gehversuche mit einem Puppentheater unternahmen. Weiterlesen

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