Anna Burns: Amelia

Das Cover trifft bereits den Nagel auf den Kopf. Der Weg zum Erwachsenwerden ist bei Amelia Lovett, im katholischen Stadtteil Ardoyne von Belfast geboren, von etlichen Schrammen begleitet. Mitten in den Unruhen Nordirlands zwischen Katholiken und Protestanten in der 70er und 80er Jahren aufgewachsen, bleibt ihr eine gewöhnliche Kindheit versagt. Die für ihr Buch „Milchmann“ ausgezeichnete Man-Booker-Prize Trägerin zeichnet Amelias Lebensweg von 1969 bis zum Waffenstillstand 1994 nach. Dabei schafft Sie Szenen zwischen Horror und schrillem Wahnsinn, zwischen Gewalt und Humor, zwischen verschiedenen Erzählebenen. Das Buch ist eine Tour-de-Force. Da bleibt beim Lesen die Luft weg, das Lachen im Halse stecken und der eine oder andere Schreckmoment in den Gliedern stecken. Beängstigend gut!

Amelia ist acht Jahre alt, als die Probleme zwischen Katholiken und Protestanten in Belfast eskalieren. In einer katholischen Familie aus eher ärmlichen Verhältnissen wächst sie zwischen ihrem gewalttätig veranlagten Bruder und ihren beiden Schwestern auf. Auch ihre hitzigen Eltern wenden in ihrer eigenen Logik Gewalt an, um keine Gewalt erfahren zu müssen. Kaum jemand, der sich nicht einer IRA-ähnlichen Widerstandsgruppe angeschlossen hat. Der perfekt austarierte Plot der Autorin lässt die Konflikte gegen die Besatzer im Hintergrund schwelen und zeigt dabei andere Ebenen der Verrohung auf, die schon längst alle Gesellschaftsschichten durchziehen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kristina Pfister: Ein unendlich kurzer Sommer

Ein Sommer auf einem rustikalen Campingplatz an einem ruhigen, märchenhaften See irgendwo im Nirgendwo. Wer diese Atmosphäre verspüren will, der sollte „Ein unendlich kurzer Sommer“ von Kristina Pfister lesen. Der Roman ist nicht nur die perfekte Sommerlektüre, sondern zeigt auch, dass manchmal schwere Entscheidungen ein Tor zum Glück sein können, wenn man es zulässt.

Nach einem Schicksalsschlag verspürt Lale das dringende Bedürfnis nach einem Tapetenwechsel. Sie will einfach nur raus, muss weg von ihrem Ehemann und ihrem gemeinsamen Zuhause. Ihr Weg führt sie zu einem alten Mann, der ihr anbietet, auf seinem Campingplatz an einem See irgendwo in Deutschland auszuhelfen und im Gegenzug dort unterzukommen. Doch Lale ist nicht die Einzige, die zu dem Campingplatz findet. Die Magie des Ortes führt vier Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensstandpunkten zusammen, die fortan einen unendlich kurzen Sommer miteinander verbringen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Carole Johnstone: Das Spiegelhaus

Warum verlassen zwei kleine Mädchen ihr Elternhaus und laufen nachts mit blutbefleckten Kleidern zum Hafen auf der Suche nach einem Schiff?

Weil ihre Zwillingsschwester El von einem Segelausflug nicht zurückgekommen ist, kehrt Cat nach zwölf Jahren Abwesenheit zurück in die kleine Stadt in der Nähe von Edinburgh. In die Stadt ihrer Kindheit. In das Haus ihrer Kindheit. Dort trifft sie auf Ross, den Gatten ihrer Schwester und ihrer beider Spielgefährte aus Kindertagen. Er wirkt verzweifelt und hilflos. Die ermittelnden Beamten der Polizei haben Fragen und erwarten, dass Cat ihnen einen Grund für das Verschwinden von El nennen kann. Fast alle haben die Hoffnung, sie lebend zu finden, inzwischen aufgegeben. Doch Cat glaubt nicht an den Tod ihrer Schwester. Sie ist sich sicher, dass sie gespürt hätte, wenn El etwas Schlimmes zugestoßen wäre, so wie sie früher ihre Ängste und Schmerzen gespürt hat.

Sie verfängt sich in dem Netz aus Erinnerungen, dem sie mit ihrer Flucht in die USA zu entkommen versucht hatte. Da sind die ausgelassenen Spiele auf einem Piratenschiff, die Geschichten des Großvaters und die, die ihnen ihre Mutter vorgelesen hat. Das Haus war voller Abenteuer. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andrea Abreu: So forsch, so furchtlos

Außergewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte  – wild, roh, gar verstörend? Wenn ich Pressestimmen lese wie „Mein Gehirn ist gerade explodiert, was für ein Genie“ oder dieser Roman sei wie eine Bombe, der sich in Seele und Herz festsetzt – dann muss ich mir das Buch natürlich genauer anschauen.

Aber diesen Hype kann ich ehrlich gesagt nicht so ganz nachvollziehen. Andrea Abreus Zauber hat mich einzig und allein durch ihren Schreibstil berühren können.

„So forsch, so furchtlos“ nimmt uns mit auf Teneriffa, abseits der allseits bekannten touristischen Insel. Es zeigt eine intensive Mädchenfreundschaft von zwei zehnjährigen Mädchen, die in einem armen Bergdorf am Hang des Vulkans leben. Die Autorin erzählt dabei sehr plastisch und nachfühlbar von den Wachstumsschmerzen der Pubertät. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Éliette Abécassis: Ein unwahrscheinliche Begegnung

Warum hefteten sich seine Augen ausgerechnet auf diese Frau? Sie war nicht sonderlich schön. Hatte etwas Merkwürdiges, etwas Verstörendes an sich, das seine Aufmerksamkeit erregte. Etwas, das für ihn bestimmt war.“ (S. 7)

Ein Buch wie eine Symphonie. Worte die in Zeilen fließen wie eine Melodie.

Der neue 123-seitige Roman von Éliette Abécassis spielt ein sehr spannendes, intelligent tiefsinniges Drama an einem Bahnsteig. Dort, auf dem zwei Leben – die unterschiedlicher nicht sein können – aufeinanderprallen. Sie, die für das politische System arbeitet und an einer Elitehochschule studiert. Ja, sie gehört zu Elite der Nation und er? Er ist der Fremde, „dem Nomade, der auf der Durchreise war, dem Migranten, wie es bei ihnen hieß.“ (S. 44)

Es sind zwei Fremde, die sich zufällig begegnen und wie Magnete voneinander angezogen werden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Lizzie Damilola Blackburn: Yinka, wo bleibt dein Date?

Ich wollte dieses Buch so sehr lieben! Allein der coole Titel und das wunderschöne Cover. Und Yinka, eine nigerianische Einwanderin in Großbritannien! Sozusagen eine „schwarze Bridget Jones“, die den unglaublichen äußeren Druck beklagt, eine Singlefrau zu sein. Wobei der Jones-Vergleich hinkt, da hier definitiv der Humor und die Romantik fehlen.

Doch die Geschichte um Yinka – einer gebildeten, religiösen, britischen Nigerianerin in den frühen Dreißigern – konnte mich leider nicht richtig begeistern. Yinka ist Single und ihre Mutter (sie betet fürs heiraten, Babys kriegen, heiraten, Babys kriegen) und die meisten ihrer Tanten lassen sie das selten vergessen, daher schmiedet sie einen Plan, um das zu ändern.

Bemerkenswert fand ich, dass die Aspekte ihrer nigerianischen Kultur so stark zelebriert wurden. Sehr löblich, wenn Autoren Facetten ihrer eigenen Identität auf eine Figur in der Geschichte übertragen. Doch beim Lesen hat es mich leider nicht auf die Weise gepackt, dass ich unbedingt Tag für Tag weiterlesen wollte. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Helene Hegemann: Bungalow

In ihrem Roman „Bungalow“ erzählt Helene Hegemann die Geschichte eines Mädchens, das in einer immer apokalyptischer werdenden Welt versucht, aus ihrer aussichtslosen Situation auszubrechen. Der Roman ist auf vielerlei Weise brillant und gehört zu den Büchern, die wirklich Charakter haben.

Charlie wächst mit einer psychisch kranken Mutter auf, die das letzte Einkaufsgeld für Alkohol ausgibt und ihr überhaupt keine unbeschwerte Kindheit ermöglicht. Die beiden wohnen in einer Betonmietskaserne, von dessen Balkon aus sie die perfekte Sicht auf die benachbarten Bungalows haben. Als Charlie die Bewohner der Bungalows beobachtet, fällt ihr auf, dass sie kein gutes Los im Leben gezogen hat. Als kurz nach ihrem zwölften Geburtstag dann ein neues und äußerst interessantes Ehepaar in einen der Bungalows zieht, fühlt sie sich auf seltsame Weise zu den beiden hingezogen und versucht fortan mit allen Mitteln, irgendwie zu ihnen dazuzugehören. Wie wird ihr das gelingen? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Veronika Bauer: Der Busführer

Adolf ist 46 Jahre alt, ledig, lebt bei seiner Mutter und dreht Tag für Tag dieselben Runden als Busführer. Freude findet er am Essen, beim Fahren sowie bei den Gesprächen mit seinem besten Freund, dem Bus-Bertl. Mit seinem Schicksal hat sich Adolf längst arrangiert, ebenso wie mit seinem Vornamen, der ihm sein ganzes Leben lang nur Ärger eingebracht hat. Es liegt wohl am Ratschlag seiner Mutter, dass Adolf längst keine Ambitionen mehr im Leben hegt: „Die Kunst ist, zu glauben, dass du willst, was du musst.“ (S. 34)

Adolfs eintöniges Leben findet ein unerwartetes Ende, als seine unerwiderte Jugendliebe Hanni eines Tages unverhofft zu ihm in den Bus steigt. Hanni hat eine gute Partie gemacht, wohnt mit Ehemann, zwei Kindern und SUV in einem großen Haus mit Pool. Der Kontakt zwischen den einstmals besten Freunden ist längst abgebrochen, denn die attraktive Hanni spielt nach Meinung seiner Mutter in einer anderen Liga. Doch plötzlich sucht Hanni die Nähe zu Adolf. Die beiden unternehmen Dinge zusammen, kommen sich auch körperlich näher. Was wohl ihr Ehemann davon hält? Gar nichts! Denn Hanni vertraut Adolf an, dass dieser stocksteif in ihrer Gefriertruhe liegt. Adolf ist geschockt. Derartiges ist in seinem immergleichen Alltag nicht vorgesehen. Hat Hanni ihn nur benutzt, damit er ihr bei der Beseitigung der Leiche hilft? Womöglich, um den Verdacht auf ihn zu lenken? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ellen Berg: Für immer, oder was?

Laura ist 38, kinderlos und wieder einmal Single. Freunde und Familie machen sich Sorgen, sie selbst ist unglücklich, weil sich „Mr. Right“ einfach nicht einstellen will. Dabei würde sie sehr gerne heiraten und eine Familie gründen. Als selbstständige Floristin stattet sie nur die Hochzeiten anderer mit Blumenschmuck aus und nie ihre eigene. Liegt es am Ende vielleicht an ihr, dass keine Beziehung länger als drei Jahre dauert? Hat sie gravierende Macken? Ist ihr platonischer Freund Skipper der Grund dafür, warum sie keinen Bräutigam findet? Ihre Freundinnen vermitteln ihr Daniel, beruflich, optisch und finanziell ein Traumtyp. Bevor Laura sich allzu sehr auf ihn einlässt, besucht sie binnen einer Woche alle ihre Ex-Freunde, um herauszufinden, warum die Beziehungen mit diesen Männern gescheitert sind. Mit Daniel soll alles, wirklich alles klappen. Sie will nichts falsch machen. Der Kontakt mit ihm über WhatsApp läuft wie am Schnürchen und die Sache sieht eigentlich vielversprechend aus. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Raffaella Romagnolo: Das Flirren der Dinge

„Das Glück, Antonio. Hörst du nicht, dass es dich ruft?“ (S. 316)

Zunächst sieht Antonios Leben im Waisenhaus alles andere als glücklich aus.

Und wäre ihm in seiner Kindheit der Fotograf Alessandro nicht begegnet, wäre er vermutlich im Waisenhaus vor die Hunde gegangen. Wer wie er ganz unten in der Hierarchie der Kinder steht, lernt, sich unsichtbar zu machen. Und wer unsichtbar ist, wird weniger drangsaliert. Doch eines Tages steht wieder ein Fremder vor den aufgereihten Waisenkindern, um sich eine Arbeitskraft auszusuchen. Ausgerechnet Antonio will der Fotograf Alessandro als zukünftigen Assistenten mitnehmen, den unscheinbaren Jungen mit einem fast blinden Auge, das er unter einer Augenklappe verbirgt.

In der Zeit von 1867 bis 1915 betrachtet Antonio die gesellschaftlichen Ereignisse in Genua und in Mailand durch den Sucher und erfährt dabei, dass auch jenseits der Linse alles für ihn möglich ist. Er muss sich nur trauen und die Initiative ergreifen.

Und es dauert nahezu ebenso lange, bis er begreift, dass seine besondere Gabe nicht nur Fluch, sondern auch ein Segen sein kann. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: