Hannelore Hippe: Die verlorenen Töchter

Hannelore Hippe hat in diesem Buch einen bis heute nicht geklärten Kriminalfall um eine mysteriöse halb verbrannte Frauenleiche, die 1970 im Isdal, der Gegend um Bergen/Norwegen, gefunden wurde, aufgegriffen. In ihre fiktiv ausgearbeitete Handlung hat sie Zeugenaussagen, Namen, Daten und Orte aus der Polizeiakte einfließen lassen. 2017 wurde der Fall mit neuen forensischen Techniken abermals untersucht. Erstaunlicherweise gelangten die Ermittler dabei zu ähnlichen Resultaten, wie Hippe sie in der Romanhandlung aufzeigt.

Das Buch beginnt mit dem Fund einer Frauenleiche im Jahr 1970, macht aber nach wenigen Seiten einen Zeitsprung und wechselt ins Jahr 1942. Die Wurzeln dieses Kriminalfalls liegen in der norwegischen Geschichte, als deutsche Wehrmachtssoldaten während des zweiten Weltkrieges das Land bevölkerten:

Die zwanzigjährige Åse findet in Tromsø eine Anstellung in der Wäscherei der Besatzungsmacht. Wie viele andere junge Frauen geht sie eine Beziehung mit einem deutschen Soldaten ein. Weil dies unter großen Teilen der Bevölkerung als höchst anrüchig gilt,  können Åse und der Unteroffizier Kurt sich nur heimlich treffen. Selbst der eigenen Familie kann Åse sich nicht anvertrauen. Weiterlesen

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Emma Claire Sweeney: Beim Ruf der Eule

Maeve Maloney ist 79 Jahre alt und kann ein Ereignis, das fast 60 Jahre in der Vergangenheit liegt, dennoch nicht gedanklich abschließen. Als ihr Jugendfreund Vincent plötzlich vor der kleinen Pension steht, die sie immer noch leitet, schickt sie ihn wie paralysiert fort. Nur er weiß, dass Maeve einst eine Zwillingsschwester namens Edie hatte. Edie, die so wunderbar singen konnte und dazu noch etwas ganz Besonderes war. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an die Vergangenheit, doch Vincents Anwesenheit reißt alte Wunden auf und Maeve muss sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen.

In „Beim Ruf der Eule“ laufen zwei Handlungsstränge parallel. In der Gegenwart ist Maeve Maloney alt, aber noch recht rüstig. Sie führt ein kleines Lodge, in dem sie Menschen mit Beeinträchtigungen aufnimmt. Auch unter ihrer Belegschaft sind zwei junge Menschen mit Down-Syndrom. Als die beiden sich ineinander verlieben und ein Paar sein wollen, wirft das für Maeve neue Probleme auf. Weiterlesen

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Michael Ondaatje: Kriegslicht

Kriegslicht, das klingt nach Verdunkelung, nach kaum ausgeleuchteten Winkeln, nach Dingen, die im Verborgenen liegen und besser unentdeckt bleiben. Kriegslicht, das ist auch eine treffende Umschreibung für die Atmosphäre der Nachkriegsjahre in London, für eine Zeit, in der Nathaniel und Rachel erwachsen werden.

„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ (Zitat S. 13) Mit diesem Satz beginnt der Roman, mit einer Tatsache und einer Vermutung. Bald nach der Abreise der Mutter finden der vierzehnjährige Nathaniel und seine zwei Jahre ältere Schwester Rachel heraus, dass die Mutter ihren Überseekoffer zurückgelassen hat. Jenen Koffer, den sie so hingebungsvoll über Tage hinweg gepackt hatte samt einer kleinen Geschichte zu jedem einzelnen Gegenstand, den sie in der Ferne unbedingt brauchen würde. Ist die Mutter dann überhaupt fortgegangen, und wenn ja, wohin? Und warum erhascht Nathaniel manchmal unverhofft einen Blick auf eine Frau, die seine Mutter sein könnte? Vermeintliche Tatsachen sind oft keine, Vermutungen können falsch sein, auf nichts ist Verlass, stellt Nathaniel fest. Weiterlesen

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Anna Pfeffer: Unter uns nur Wolken

Tom weiß wirklich nicht mehr weiter. Sein Großvater Florian hat Alzheimer und er möchte alles tun, damit der Opa nicht ins Heim muss. Doch Tom hat eine Arbeit und Verpflichtungen und kann ganz sicher nicht den ganzen Tag zur Betreuung opfern. Alle Pflegekräfte, die er bisher eingestellt hat, sind innerhalb weniger Tage getürmt und wurden nie wiedergesehen. Denn Florian ist ein echtes Ekel und gibt sein Bestes, um alle zu vergraulen. Als die junge Ani plötzlich vor der Tür der beiden steht und sich sowohl für das Zimmer als auch die Stelle als Pflegekraft interessiert, fragt Tom deshalb nicht lange nach Reverenzen und stellt Ani ein. Ani selbst ist ebenfalls verzweifelt, hat nach der Trennung von ihrem Partner keine Wohnung und Perspektive mehr. In der Stelle bei Tom und Florian sieht sie einen letzten Hoffnungsschimmer.

Hinter Anna Pfeffer verbergen sich die Autorinnen Ulrike Mayrhofer und Carmen Schmit, die an diesem Werk nicht zum ersten Mal gemeinsam gearbeitet haben. Diesmal ist ihnen eine witzige, aber auch ein bisschen tiefgründige Geschichte gelungen, die abwechselnd aus den Perspektiven von Tom und Ani geschrieben ist. Natürlich versucht Witwer Florian auch Ani zu vergraulen. Weiterlesen

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Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen

Chris Kraus, vielfach ausgezeichneter Filmregisseur von Werken wie „Poll“ und „Die Blumen von gestern“ zeigt mit diesem Roman aufs Neue, dass er auch ein großartiger Romancier ist. Er schickt seinen Protagonistin Jonas Rosen ins New York des Jahres 1996. Dort soll der Filmstudent für den exzentrischen Regisseur Lila von Dornbusch einen Sexfilm drehen. Doch New York ist nichts für Anfänger: Jonas findet Obdach in der Bruchbude eines homosexuellen Autors, die Vorbereitungen für die Filmcrew geraten ins Stocken, zudem lauern überall reizende „Sommerfrauen“, während zuhause seine „Winterfrau“ eifersüchtig auf ihn wartet. In New York empfängt ihn zudem ein dunkles Kapitel seiner Familiengeschichte.

„Sommerfrauen Winterfrauen“ nicht zuletzt ein äußerst amüsanter Abgesang an das Lebensgefühl der 90er Jahre. Mit einem sympathischen Protagonisten, der im wahrsten Sinne des Wortes einen an der Klatsche beziehungsweise etwas am Kopf hat. Weshalb selbiger vor umherfliegenden Stiefeln, herabstürzenden Dachbalken und entrüsteten Ohrfeigen geschützt werden muss. Weiterlesen

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Alice Peterson: Ein Song bleibt für immer

Alice ist Mitte 20 und das ist schon ein Wunder. Als sie Mitte der 70er geboren wurde, gaben ihr die Ärzte gerade einmal 10 Jahre. Sie leidet an Mukoviszidose, einer unheilbaren Erbkrankheit, die vor allem ihre Lungen befällt und das Atmen schwer macht. Doch Alice hat länger gelebt als nur 10 Jahre und auch jetzt hat sie noch Träume. Sie will singen und berühmt werden, das Modeln an den Nagel hängen. Und sie will mehr Zeit mit Tom verbringen, den sie eben erst kennengelernt hat. Doch wie kann man eine Beziehung aufbauen, wenn die Zukunft so unklar ist? Wenn schon übermorgen Schluss sein könnte?

Alice Peterson hat ihre Geschichte inspirieren lassen von Alice Martineau, die mit ihrer Krankheit ebenfalls den großen Traum des Singens hatte. Peterson empfindet in ihrem Roman deren Geschichte nach, bleibt nah an der Wirklichkeit, fügt aber auch wichtige Elemente für Spannung und Dramatik ein. Weiterlesen

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Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet

Wild ist die kleine Meta, kaum zu bremsen in ihrem Tatendrang und bei der Heuernte im Weg. Deshalb sitzt sie mit ihren zweieinhalb Jahren „strafweise im Regenfass“. Etwas Schlimmeres kann sie sich kaum vorstellen, Wut steigt in ihr auf. Doch dann beschließt sie, die bösen Großen einfach wegzuschicken und freundet sich stattdessen mit dem Fass an, das brav ist „und zum Liebhaben“. Ab und zu schaut ein Mann-Riese oder eine Frau-Riese herein, aber Meta will sie heute nicht mehr sehen. Viel lieber beschäftigt sie sich mit dem Himmel oder einer Hummel.

So beginnt Marlen Haushofers wunderbarer Roman „Himmel, der nirgendwo endet“, der erstmals im Jahr 1966 erschien und jetzt als Ullstein Taschenbuch wieder aufgelegt wurde. Er begleitet Meta in lose aneinander gereihten Episoden durch ihre Kindheit bis zur frühen Jugend. Die Leserinnen und Leser lernen ihre Familie kennen, die in einem Forsthaus lebt, erleben ihre zwiespältigen Gefühle der Mutter gegenüber und ihre Verehrung für den Vater.

Ihre Wissbegier macht es Meta und den Erwachsenen oft nicht leicht: „Die Großen sind leider sehr lästig. Alle stellen sich Meta in den Weg und hindern sie an ihren Forschungen.“ Doch immer wieder entkommt sie in den Wald, den Garten oder den Roßstall, wo sie sich versunken ihren fantastischen Spielen hingeben kann. Weiterlesen

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Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Als Philippe 1984 17 Jahre alt ist, verliebt er sich in Thomas. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Auch die Mädchen umschwärmen Thomas. Ständig suchen sie seine Nähe, und ihm scheint es zu gefallen.

Während Philippe unter dieser unmöglichen Liebe leidet, bleibt er für alle der Musterschüler, der Sohn des Rektors und der Einzelgänger mit der weiblichen Gestik. Dabei hat er sich angewöhnt, andere zu beobachten und ihnen ein Leben mit Geschichten anzudichten. Aus diesem Grund nennt ihn seine Mutter häufig einen Lügner. Um so überraschter ist Philippe, dass auch Thomas ein Lügner ist. Denn Thomas führt ein heimliches Doppelleben. Als dieser ihm eines Tages Sex anbietet, darf dies nur unter der Bedingung absoluter Verschwiegenheit geschehen.

Philippe lässt sich darauf ein, auch wenn ihr Arrangement nicht gerade perfekt ist.

Viel zu schnell neigt sich ihre Beziehung dem Ende zu. Sie haben ihr Abitur geschafft, und jeder verfolgt seine eigenen Ziele. Studium in Paris der eine, Flucht zur spanischen Familie der andere. Weiterlesen

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Dörte Hansen: Mittagsstunde

Hier ist es nun, mein Buch des Jahres 2018: Die Journalistin, Linguistin und Schriftstellerin Dörte Hansen (Jahrgang 1964) hat mit ihrem zweiten Roman wieder einen Buch-Volltreffer gelandet. Nach „Altes Land“, dem Überraschungserfolg aus dem Jahre 2015, ist „Mittagsstunde“ am 15. Oktober 2018 im Penguin Verlag erschienen.

Darin kehrt Dr. Ingwer Feddersen, Prähistoriker an Universität Kiel, in sein Heimatdorf Brinkebüll, einem Geestdorf in Schleswig-Holstein, zurück, um seine betagten Großeltern Sönke und Ella zu pflegen. Dazu hat er an der Uni ein Sabbatical eingereicht und seine langjährige Wohngemeinschaft mit Diplomatentochter Ragnhild Dieffenbach und Regattasegler Claudius in einem Kieler Altbau verlassen.

In Rückblenden erzählt Dörte Hansen die Geschichte von Marret, Ingwers Mutter, die singen konnte und im Dorf nur „Marret Ünnergang“ genannt wurde. Ingwer ist das Ergebnis einer kurzen Begegnung im Jahre 1965 zwischen der siebzehnjährigen Marret und einem Ingenieur, der als Landvermesser bei der Flurbereinigung in Brinkebüll mitarbeitete. Marrets Eltern, Sönke und Ella, ziehen den Jungen auf. Marret ist anders, „verdreiht“, sie läuft mit weißen Klapperlatschen durch das Dorf und verkündet den Weltuntergang. Und jede und jeder in Brinkebüll weiß, dass sie ein Kuckuckskind ist. Weiterlesen

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Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse

Ihren neuen Roman verknüpft Adriana Altaras wie immer mit ihren jüdischen Wurzeln und diesmal mit ihrem Berufsleben. Theater und Opern sind ihre Welt und ihre Erfüllung und entsprechend turbulent gestalten sich die Tage, die immer mit dem Bühnenalltag verbunden sind.

Altaras weist in einem Vorspann darauf hin, dass einige der Charaktere in ihrem Buch tatsächliche Vor- und Urbilder haben, ihre jeweiligen Beschreibungen und die Handlungen dennoch fiktiv ausgearbeitet sind.

Bühnenleben und Opernbetrieb erfordern, dass die Ich-Erzählerin Adriana immer wieder für einige Wochen weg von der Familie, der Wohnung und der vertrauten Umgebung ist. Ganz automatisch versucht sie, in fremden Städten heimisch zu werden und wie zu Hause eine Joggingstrecke, das Schwimmbad oder eine Espressobar ausfindig zu machen. So stellt sich bald überall der Alltag in Form des immer gleichen Gangs zu einem auserkorenen Lieblingsrestaurant oder dem unvermeidlichen permanenten Auswendiglernen ein. Natürlich gibt es da auch noch die Eigenheiten vieler Kollegen, deren Allüren vor und hinter dem Bühnenvorhang. Weiterlesen

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