Tim Winton: Atem

Schon in frühester Jugend hat der Sanitäter Bruce eigene Grenzerfahrungen gemacht. Als er nun einen toten Jungen vor sich sieht, weiß er gleich, dass es sich keinesfalls um Selbstmord handeln kann. Seine Gedanken schweifen zurück in seine eigene Kindheit und Jugend. Mit dem großen Zeitabstand und seiner jetzigen Lebenserfahrung kennt er nur zu gut die Gefahren, das Überschätzen, das Ausreizen, das Spiel mit dem Tod. War doch die Zeit seines eigenen Heranwachsens ausgefüllt gewesen von einem unstillbarem Hunger und Sehnen, dem ständigen Austesten der Grenzen, dem Hype nach Glück, Tempo, Adrenalin und einem Schaudern vor einer unbestimmten stillen Todessehnsucht.

Damals lebte er mit seinen Eltern in Sawyer, einem öden australischen Kaff, alle nannten ihn Pikelet. Zuerst war da nur die Wette, so lange wie möglich den Atem anhalten zu können. Beide liebten das Gefühl, ganz leicht im Kopf zu werden und nicht mehr auftauchen zu wollen, die Halluzinationen, die damit einhergehen. (eBook S. 4). Dann begeistern Pikelet und Loonie sich fürs Surfen. Immer wagemutiger nehmen die beiden Freunde den Kampf gegen immer gefährlichere Meereswellen auf. Der ersehnte und damit einhergehende Kick bestimmt bald ihr gesamtes Leben. Dabei liefern sich die beiden Jungen immer wieder der nicht berechenbaren Naturgewalt aus. Weiterlesen

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Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Florida Anfang der 60ger Jahre ist ein schwieriger Ort für Schwarze. Trotzdem scheint Elwood Curtis es geschafft zu haben. Sein Platz im College ist ihm so gut wie sicher, er ist schon auf dem Weg dorthin. Leider ist er in das falsche Auto gestiegen und landet in der Nickel Academy , einer Besserungsanstalt für Jungen. Nicht nur für schwarze Jungen, dort gibt es auch weiße, aber fein abgetrennt und natürlich nicht gleich behandelt. Elwood ist nicht dumm und fest entschlossen, die Zeit, die er dort absitzen muss, möglichst unauffällig hinter sich zu bringen. Aber das erweist sich als sehr viel schwieriger als er glaubt.

Sehr viele Jahre später wird ein geheimer Friedhof auf dem Gelände der inzwischen stillgelegten Anstalt gefunden. Wer sind all diese unbekannten Toten, teilweise sehr jung und teilweise durch Gewalteinwirkung gestorben? Das Nickel hat viele seiner Insassen für immer geprägt, denn es war sehr viel weniger eine Besserungsanstalt als mehr ein Straflager. Elwood versucht sein Bestes, passt sich an, aber er ist einfach zu gut für diese Welt. Er glaubt wirklich daran, dass das Nickel nur eine vorübergehende Erscheinung ist, dass alle Menschen im Prinzip gut sind und dass sie nur sein Bestes wollen. Alle Erlebnisse können ihm diesen Glauben nicht nehmen und das ist seine einzige Stärke in einer Welt, die nicht an ihn glaubt. Weiterlesen

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Stewart O’Nan: Henry persönlich

„Henry persönlich“ von Stewart O‘Nan ist quasi die Fortsetzung des 2011 erschienenen Romans „Emily, allein“ des 1961 geborenen US-amerikanischen Schriftstellers. Damals ging es um eine ältere Dame, die allein lebt, seit ihr Mann Henry vor sieben Jahren gestorben ist.

Der neue Roman widmet sich nun ganz eben jenem Henry. Das Paar, das in seinen 70ern ist, lebt ein beschauliches Leben in Pittsburgh. Henry, der etwas unter dem Pantoffel seiner Frau steht, geht mit dem Hund Rufus raus, fährt zum Baumarkt, repariert alles Mögliche am Haus und sieht sich abends Sport-Reportagen im Fernsehen an. Ab und zu kommt die Verwandtschaft zu Besuch, die nicht immer ganz unkompliziert ist. Und im Sommer geht’s ins Ferienhaus nach Chautauqua. Das ist aber auch schon das Aufregendste im Leben des älteren Paares.

Wie schon in „Emily, allein“ bewährt sich Stewart O‘Nan in der hohen Kunst, einen Roman zu schreiben, in dem eigentlich gar nichts passiert, der aber trotzdem auf keiner seiner vielen Seiten auch nur einen Hauch langweilig ist.

Das liegt vermutlich an dem hohen Identifikations-Potenzial, das der gemütliche, etwas verschrobene, aber insgesamt rundum sympathische Henry verströmt. Weiterlesen

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Daniel Kehlmann: Vier Stücke: Geister in Princeton / Der Mentor / Heilig Abend / Die Reise der Verlorenen

Daniel Kehlmann, der besonders mit seinem 2005 erschienenen Werk „Die Vermessung der Welt“ für Furore gesorgt hat, schreibt nicht nur erfolgreich Romane, sondern auch Theaterstücke. Vier davon sind nun in Buchform erschienen und heißen schlicht „Vier Stücke“.

Ein Theaterstück lesend zu konsumieren und nicht als Bühnenfassung, ist per se nicht ganz einfach, weil vieles eben fehlt, was ein Theaterstück ausmacht: die Einfälle des Regisseurs, die schauspielerischen Leistungen mit Gestik, Dramatik, Emotionen und so weiter.

Insofern ist diese Lektüre vielleicht als etwas mühsam zu bezeichnen, obwohl es andererseits falsch wäre, „Geister in Princeton“, „Der Mentor“, „Heilig Abend“ und „Die Reise der Verlorenen“ misslungen zu nennen. Vielleicht lässt sich sagen, dass sie manchmal etwas verschwurbelt sind – zum Beispiel wenn der Protagonist in „Geister in Princeton“ mit seinem jüngeren Ich spricht oder die Akteure sich in „Die Reise der Verlorenen“ aus ihren Rollen lösen und direkt ans Publikum wenden. All das kann mit einem guten Regisseur gelingen, aber gelesen wirkt es gelegentlich etwas überdreht. Weiterlesen

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Nicole C. Vosseler: Die Hüterin der verlorenen Dinge

Ivy war zehn Jahre alt, als ihre Mutter Lila spurlos verschwand. Am Morgen war sie noch da und als Ivy aus der Schule kam, war sie nicht mehr auffindbar. Seitdem klammerten sich Ivy und ihr Vater an die Hoffnung, dass Lila eines Tages vielleicht doch noch wiederauftauchen könnte. Doch nach mehr als 13 Jahren möchte Ivys Vater nun endlich nach vorne schauen und mit seiner neuen Partnerin Joy eine Familie gründen. Aus diesen Gründen muss er Lila für tot erklären lassen. In Ivy sträubt sich alles.

Die junge Frau geht einem Hobby der besonderen Art nach. In ihrer Heimatstadt New York sammelt sie verlorene Gegenstände auf. Porzellanfigürchen, liegengelassene Tonträger, Kleidungsstücke. All diese Dinge hortet sie in ihrer Wohnung und schreibt genaustens auf, wann und wo sie sie gefunden hat. Denn sie ist überzeugt, alles, was verloren gegangen ist, findet seinen Platz wieder und hinterlässt eine Spur. Als ihr Vater Ivy die Nachricht seiner neu geplanten Heirat mit Joy eröffnet, nimmt sie endlich allen Mut zusammen und sucht nach Spuren ihrer Mutter. Polizei und Presse waren vor 13 Jahren allerdings sehr gründlich und Ivy sucht nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Weiterlesen

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Martin Simons: Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon

Heute Mittag erreichte mich die Nachricht, dass die Frau eines meiner besten Freunde verstorben sei. Von Diagnose und Krankheitsverlauf war das irgendwann zu erwarten, aber trotzdem trifft Dich die Nachricht immer wie ein Hammer. Sofort fand ich mich wieder, denn meine Frau starb vor ziemlich genau neun Jahren. Sehr krank zwar – aber immer „plötzlich und unerwartet“.

Relativ schnell legt sich so eine Art „Welpenschutz“ über dich und du bist froh über die technokratischen Hürden, die jetzt zu bewältigen sind. Bestatter, Ämter, all der Scheiß. Einfach funktionieren! Gleichwohl hast Du von Anfang an das Gefühl, dass neben oder unter dir dieser große, schwarze, tiefe und undurchdringliche See liegt, der von nun an auch an Dir zerrt und dich zu verschlingen droht. Auch ich war schon auf dem Sprung. Ich kenne diesen Sog. Dein Job ist es nun, dem irgendwie zu widerstehen. Sei es durch therapeutische Begleitung oder der Sicherheit mit guten Menschen zu tun zu haben für die du sogar noch Verantwortung hast. Über allem liegt aber ein Thema: die Endlichkeit des Lebens!

Warum diese lange Einleitung? Parallel zu der obigen Nachricht lese ich, wenn es sich nicht so marktschreierisch anhören würde, ein sensationelles Buch zum Thema. Eben die Endlichkeit. Martin Simons ist der, der seine Erfahrungen beschreibt – ausgehend von einem seltsamen Blutgerinnsel, Aneurysma, oder ähnlichem im Hirn, welches bei ihm, grade Mitte 40 oder so, einen Schlaganfall auslöst. Weiterlesen

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Joanna Cannon: Drei Dinge über Elsie

Florence ist 84 Jahre alt und lebt in einem Altersheim. Als ein neuer Bewohner einzieht, steht ihre Welt auf einmal Kopf, denn dieser Mann sieht haargenau aus wie jemand, der ihres Wissens 1953 in einem Fluss ertrunken ist. Mit ihrer Freundin Elsie berät sie, was zu tun ist. Und dann begeben sich die Frauen auf die Suche nach der Wahrheit. Das führt allerdings dazu, dass sie sich auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Denn einst passierte etwas Schreckliches, das bis heute nicht ans Licht gekommen ist.

Vielleicht habe ich zu viel von „Drei Dinge über Elsie“ erwartet und wurde deshalb enttäuscht. Alles beginnt erstmal ganz gut. Man lernt Florence kennen, später Elsie. Eine enge Freundschaft verbindet die beiden Frauen, man kann aber auch etwas Seltsames, Unerklärliches spüren. Dann geht bei der Geschichte aber irgendwie was schief. Man liest Kapitel über Kapitel und Kapitel nach Kapitel. Weiterlesen

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Cynthia Swanson: Im Wald der Lügen

Subtiles Psychogramm ohne blutiges Gemetzel: Im Wald der Lügen kommt langsam und bedächtig daher – wie sich wiegende Äste im Wind. Doch spürt man die Bedrohung im Unterholz lauern, ohne sie konkret benennen zu können. Zur Story:  Die junge Angie führt mit ihrem gutaussehenden Mann Paul, einem Künstler sowie ihrem kleinen Sohn ein sorgloses Leben. Bis ein Anruf alles durcheinander bringt. Pauls Bruder Henry wurde tot im Wald aufgefunden, seine Ehefrau Silja ist spurlos verschwunden. Daraufhin reist die Familie zu Pauls 17-jähriger Nichte Ruby, um ihr beizustehen. Bald nach der Ankunft mehren sich die Ungereimtheiten. Ruby nimmt das Geschehen teilnahmslos hin. Ist dies der Schock? Steckt etwas anderes dahinter? Weiß Ruby mehr, als sie zugibt? Paul wird immer reizbarer, herrischer und verschlossener. Und der dunkle Wald, der das Haus umgibt, scheint ebenfalls ein düsteres Geheimnis zu hüten… Was ist hier geschehen?

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat sich Autorin Cynthia Swanson einer ungewöhnlichen Methode bedient. Sie erzählt den Plot abwechselnd aus Sicht von drei Frauen. Die Gegenwart im Jahr 1960 wird aus Sicht von Angie in der ICH-Perspektive und aus Sicht von Ruby in der dritten Person geschrieben. Die Vorgeschichte wird aus Sicht von Silja erzählt und beginnt zur Zeit des zweiten Weltkrieges, als sich Silja in den charismatischen Soldaten Henry verliebt. Weiterlesen

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Eugen Ruge: Metropol

Eugen Ruge wurde 2011 für seinen Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Damals ging es um das Schicksal seiner Familie in der untergehenden DDR.

Nach einigen weniger erfolgreichen Romanen hat sich der 1954 geborene Autor nun erneut seiner Familie zugewandt. „Metropol“ springt gegenüber dem Erstling einige Jahre zurück und zeichnet das Leben Ruges Großmutter ab 1936 in der Sowjetunion nach.

Auf der Flucht vor den Nazis ist die Kommunistin Charlotte mit ihrem Mann Wilhelm in die UdSSR emigriert. Dort arbeiten beide in der „Komintern“, einer Organisation, in der Kommunisten aus dem Ausland tätig sind.

Doch schon bald rückt etwas in den Mittelpunkt ihres Daseins, das heute als die „Große Säuberung“ bekannt ist. Diktator Stalin ließ damals und auch später noch zum Teil völlig grundlos Menschen verhaften und zum Tode verurteilen, die seine Macht gefährden konnten. Es begann eine Zeit der Angst und der Denunziation.

Auch Charlotte und Wilhelm sind bedroht. Sie kannten jemanden der Verhafteten. Allein das reicht schon, sie ihres Jobs bei der Komintern zu entheben und sie im Hotel „Metropol“ – darauf bezieht sich der Titel – zu parken. Eine quälende Zeit der Ungewissheit beginnt. Weiterlesen

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Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Ich mag Bücher von Karen Duve und ich mag historische Romane. Anhand von „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ habe ich allerdings gelernt, dass ich die Kombination aus beiden nicht mag. Annette von Droste-Hülshoff als Protagonistin hat nur genervt und zwar nicht nur ihre Umwelt, sondern auch mich. Der Spiegel der Zeit ist Karen Duve gut gelungen, aber als Roman vermag das Buch nicht zu packen. Die Intrige um Annettes Ehe geht fast unter in den vielen Hä?-Erlebnissen, die man während dieses Romans als Leser hat. Das Handeln der Männer bleibt – auch unter dem Aspekt der anderen Zeit – zum Teil völlig rätselhaft. Ich habe den Roman immer wieder angefangen und wieder weggelegt und fast ein Jahr bis zum Ende gebraucht. Außer „es hat mich überhaupt nicht gepackt“, kann ich auch nicht viel herumkritteln, ich kann an nichts festmachen, was mich eigentlich so gestört hat. Darum greife ich auf die Aussage zurück: Roman und Leserin haben irgendwie nicht zusammen gepasst.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer.
Galiani-Berlin, September 2018.
592 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Regina Lindemann.

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