Gerhild Stoltenberg: Überall bist du

Tom hat Martha verlassen und diese versinkt in ein tiefes Loch. Alles in ihrer Heimatstadt erinnert sie an ihren Liebsten, an die Beziehung, die gemeinsam verbrachten Stunden und Ausflüge. Deshalb muss sie einen Schnitt machen: Sie flieht ins ferne Belgrad. Von hier aus beginnt sie Geschichte zu erzählen und in dieser spielen drei Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren eine wichtige Rolle. Es sind allerdings nicht Marthas eigene Kinder, sondern die Kinder einer Mutter, bei der sie schließlich babysittet. Oskar, Nippon und Beppi können Martha allerdings nur am Rande von ihrem Liebeskummer ablenken, sie muss immer wieder an Tom denken.

Dass Tom eigentlich gar nicht Tom heißt, erfährt man etwa zur Mitte des Romans. Für Martha wäre es zu schmerzhaft, ständig seinen wahren Namen zu denken und zu schreiben, deswegen hat sie im kurzerhand einen anderen verpasst. Weiterlesen

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Lily King: Euphoria

„Einer von den Mumbanyo warf ihnen noch etwas nach, als sie ablegten. Ewas Bräunliches … ‚Nur wieder ein toter Säugling‘, sagte Fen.“
Seit Kafkas „Die Verwandlung“ hat es wohl kein „erster Satz“ mehr fertiggebracht, so unmittelbar zu fesseln! Gleichfalls schockiert wie fasziniert, wird der Leser in eine sinnlich-verstörende Szenerie hineingezogen.
Lily King entführt in den Dschungel von Neuguinea, wo das Anthropologen-Ehepaar Nell und Fen Anfang der 30er Jahren auf Stämme trifft, die – von der Zivilisation weitestgehend unberührt –außergewöhnliche Bräuche pflegen. Dabei lernen sie einen Andrew Bankson kennen, einen weiteren Forscher. Der Beginn eines produktiven Gedankenaustausches, pendelnd zwischen Kooperation und Konkurrenz, der schließlich in einer tragischen Dreiecksbeziehung mündet. Weiterlesen

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Ella Simon: Das Leuchten einer Sommernacht

Lynne arbeitet bei einer Agentur, die schwer kranken Kindern ihre (meist letzten) Wünsche erfüllt. In ihrem Job hat sie deshalb schon einiges gesehen und ist hart im Nehmen. Auf den Anblick ihrer Jugendliebe hat sie allerdings niemand vorbereitet. Vor zwölf Jahren floh sie Hals über Kopf mit Reed, den sie bereits seit Kindertagen kannte, nach London. Er konnte nicht mehr im kleinen Heimatstädtchen bleiben und für die damals 15 Jahre alte Lynne stand fest, dass er auf keinen Fall alleine gehen würde. Doch dann ging viel schief und die beiden verloren sich aus den Augen. Eigentlich müsste Reed in Australien Rugby spielen, doch nun steht er vor der perplexen Lynne in Cardiff und bringt sie völlig aus dem Konzept.

Dieser Roman ist toll, einfach wunderschön. Man kann es nur so sagen. Eine romantische Kömodie, die zwar in vielen Teilen vorhersehbar ist, aber durch ihre überaus sympathischen Figuren so viel Farbe gewinnt, Weiterlesen

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Sorj Chalandon: Mein fremder Vater

Die grauenhafte Kindheit eines Jungen in Lyon in den 60er-Jahren ist Thema in Sorj Chalandons Roman „Mein fremder Vater.“ Der kleine Émile muss mit einem bösartigen Mann klarkommen, der ihn grundlos schlägt, ihn nächtelang im Schrank einsperrt (die „Besserungsanstalt“), ihm das Abendessen streicht und ihn in eine obskure Widerstandsgeschichte verwickelt, von der lange nicht klar ist, ob sie etwas mit der Wirklichkeit zu hat oder ob der Vater sie sich nur ausgedacht hat. Die Mutter, die ebenfalls den Gewaltausbrüchen ihres Mannes ausgeliefert ist, schweigt zu den Vorkommnissen und sagt nur: „Du weißt doch, wie dein Vater ist.“ Weiterlesen

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Carolin Hagebölling: Der Brief

Marie lebt als Journalistin in Hamburg, in einer Gemeinschaft mit ihrer Freundin Johanna. Eines Tages erhält sie einen seltsamen Brief. Er scheint von einer alten Schulfreundin zu stammen, aber es ist von Dingen die Rede, die so nie geschehen sind. Marie lebt angeblich in Paris mit einem Mann zusammen und hat regen Kontakt zu ihrer Freundin, die sich im realen Leben seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Sie nimmt Kontakt auf und stößt auch da auf eine völlig andere Geschichte. In dem Brief war von zwei Kindern die Rede, aber das jüngere Mädchen wurde niemals geboren. Marie reist nach Paris und findet die Menschen, von denen im Brief, inzwischen sind es mehrere Briefe, die Rede ist. Das Zusammentreffen fühlt sich seltsam vertraut an, aber auch irreal. Sie verdächtigt einen ehemaligen Schulkameraden, den sie als Mädchen wenig nett behandelt hat, aber wie er so schön sagt: „Die Realität ist eine Frage der Wahrnehmung, nicht der Wahrheit.“(S. 51). Weiterlesen

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Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Nach einem beschaulichen, fast an ein Kinder- und Jugendbuch erinnernden Anfang, entwickelt dieser wunderbare Roman doch einen ganz eigenen Stil und Sog. Wobei eigener Stil vielleicht etwas zu relativieren ist. Ich dachte, während ich mich mehr und mehr in dieses kleine Dorf im Westerwald, mit seinen teilweise ganz skurrilen Bewohnern einlas, plötzlich an Janosch. Der große Romancier, Autor und Philosoph und Erfinder wunderbarer Kinderbuchfiguren: die Charaktere der Janosch-Bücher. Vor allem die vielen Abenteuer vom kleinen Bären und seinem Freund, dem kleinen Tiger werden weltweit und über Generationen hinweg immer wieder gern gelesen. Und irgendwie finde ich in den Beschreibungen der Protagonisten dieses Westerwald Dorfes: da ist der Reiseesel Mallorca, im Buch mit Peter zu vergleichen, Luises Vater. Luise ist der kleine Tiger mit ihrem Freund Martin, dem Bären. Weiterlesen

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Valeria Parrella: Liebe wird überschätzt

Die italienische Autorin Valeria Parrella (Jahrgang 1974) wurde für die Erzählungen „Die Signora, die ich werden wollte“ 2003 in ihrem Heimatland ausgezeichnet. Hierzulande ist sie eher weniger bekannt. Dies sollte sich jedoch bald ändern, denn mit ihrem neuesten Buch „Liebe wird unterschätzt (und andere menschliche Geschichten)“ legt sie ein Stück guter Erzählkunst vor. Es ist am 24. Juli 2017 in einer Übersetzung von Annette Kopetzki beim Carl Hanser Verlag erschienen. Darin acht Erzählungen oder wie der Untertitel sagt „menschliche Geschichten“, die (fast alle) überzeugend geschrieben sind und mich als Lesende beeindruckt haben.

Den Auftakt zu dem Lesevergnügen macht die titelgebende Geschichte „Liebe wird überschätzt“, in der die Sportjournalistin Federica und ihr Arztgatte Giorgio gemeinsam mit der fast erwachsenen Tochter Susanna in den Urlaub in die Berge fahren. Das Ehepaar hat sich mit seiner beidseitigen sexuellen und emotionalen Untreue arrangiert, bis eine unerwartete Todesnachricht die Heimlichkeiten und Lügen aufdeckt. Und die Tochter den Eltern ordentlich die Leviten über die Liebe liest. Weiterlesen

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Andrea Camilleri: Berühre mich nicht

Eine junge Frau ist verschwunden. Freiwillig, ist sie entführt worden oder Opfer eines Verbrechens geworden? Was sich nach einem neuen Fall von Antonio Camilleris Kommissar Montalbano anhört, ist aber kein Krimi, sondern ein psychologischer Kurzroman. „Berühre mich nicht“ heißt das neue Buch des italienischen Bestseller-Autors, und dieser Titel ist einem Fresco von Angelico entlehnt, das die Szene zwischen Maria Magdalena und Jesus kurz nach der Auferstehung zeigt. „Berühre mich nicht“, soll Jesus da gesagt haben.

Die 35-jährige Laura, die Heldin von Camilleris Roman, hat über diese Fresken promoviert, ist aber nun Schriftstellerin und lebt mit dem 34 Jahre älteren Autor Mattia zusammen. – Bis sie plötzlich aus Florenz verschwindet. Weiterlesen

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A. Meredith Walters: Für uns macht das Universum Überstunden

Ellie McCallum wird von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht in ihrer Jugend. Mit Anfang zwanzig kann sie kaum auf Erfolge zurückblicken, wenn man da nicht gerade den abgeschlossenen Aufenthalt im Jugendgefängnis dazuzählen möchte. Gerade fasst sie wieder Fuß in der Gesellschaft, als ihr Flynn Hendricks über den Weg läuft. Seit Jahren hat sie den jungen Mann nicht mehr gesehen. In der Schule wurde er von ihr und ihren Freunden wegen seines Asperger-Syndroms gehänselt. Ellie ist sich dieser Schuld bewusst, auch wenn sie selbst immer wieder zaghaft versucht hatte, sich mit ihm anzufreunden. Und jetzt läuft sie ihm ständig über den Weg, dabei hat sie auch so schon genügend Probleme! Weiß Flynn, dass sie einst sein Leben zerstört hat? Weiterlesen

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Jean-Philippe Blondel: Die Liebeserklärung

Tatsächlich wieder ein Blondel und leichtfüßig, wie immer bei ihm, kommt sein neues Büchlein daher. Es geht mir bei Blondel so, dass ich mir vorstelle, ein milder Windstoß ließe ein Blatt durch das Küchenfenster hereinwehen, es würde auf meinem Tisch landen und ich halte ein schönes, klug aufgebautes Gedicht in den Händen. Nichts weltbewegendes, doch im Nachhinein genießt man die Zeit, die man mit diesem Gedicht verbracht hat und schaut melancholisch durch das andere Fenster, aus dem das Blättchen, mit einer neuerlichen lyrischen Erfassung des einzig wirklich großen belletristischen Themas, nämlich der Liebe, mit dem Wind wieder verschwunden ist.

Corentin ist mit seinen 27 Jahren ein Prototyp einer unentschlossenen Generation. Eher zufällig, in Ermanglung von Alternativen,  arbeitet er im Fotogeschäft seines Patenonkels, dessen unique selling point es ist, Hochzeiten zu dokumentieren. Weiterlesen

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