Han Kang: Deine kalten Hände

„Warum verwenden Sie für Ihre Werke die Abdrücke von Menschen?“, fragt die Autorin H. den Bildhauer Jang Unhyong bei einem zufälligen Zusammentreffen. Die Antwort darauf bleibt er ihr schuldig. Einige Monate später erfährt sie von Unhyongs Schwester, dass er spurlos verschwunden ist. Hinterlassen hat er nur eine Reihe seiner berühmten Gipsabdrücke und ein Manuskript mit dem Namen „Ihre kalten Hände“, das ihr die Schwester überlässt und das mit folgenden Worten beginnt: „Warum?“, fragte mich die Schriftstellerin H.

Sie fängt an zu lesen: über Unhyongs Leben, seine Gedanken und Gefühle, ungeschminkt aufgezeichnet von ihm selbst, ausgehend von der Frage: „Warum? Warum ist die Mitte meines Lebens so absolut hohl?“ Doch ihm ist klar, dass er keine Antwort auf diese Frage geben wird.

Gemeinsam mit der Schriftstellerin H. tauchen die Leserinnen und Leser in Unhyongs Geschichte ein. Weiterlesen

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Yishai Sarid: Monster

Yishai Sarid hat einen Protagonisten erschaffen, der im Holocaust eine ganz andere Opferrolle einnimmt. Mit ihm zeigt er einen neuen Blick auf den Umgang mit der Erinnerung auf: In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef versucht ein junger Familienvater einen Eklat, den er ausgelöst hat, zu erklären.

Für seine Doktorarbeit beschäftigte der junge Israeli sich mit den Vernichtungsmethoden in den verschiedenen Konzentrationslagern. Später fährt er nach Polen, um die Gedenkstätten, über die er tausende von Seiten gelesen hat, zu besuchen. Durch seine umfassenden Kenntnisse ist ihm dort bereits alles so vertraut, dass er sich nach eigenen Angaben gar wie zu Hause fühlt. Hier kann er die Schreckensszenarien in allen Einzelheiten noch einmal aufleben lassen. Nachdem er immer häufiger als Guide für Gruppenführungen in den Vernichtungslagern angefragt wird, bleibt er monatelang in Polen. Mit dem dort verdienten Geld kann er sich selbst und seine Familie in Israel ernähren. Weiterlesen

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Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

Nach „Schwimmerbecken“ legt Ulrike Anna Bleier mit „Bushaltestelle“ ihren zweiten Roman vor. Darin führt Elke ein imaginäres Gespräch mit ihrer Mutter Theresa, die sie mit „Du“ anspricht.

Im Laufe dieser Selbst-Gespräche und Reflexionen taucht der Leser so tief in die Familiengeschichte Elkes ein, folgt den episodenhaften Sprüngen über Zeit und Orte hinweg und in sie hinein, dass eine Vertrautheit mit den einzelnen Familienmitgliedern entsteht, über die man am Ende des Buches fast ein bisschen mehr weiß, als sie selbst.

Elke ist ein Kind, das von ihrer Mutter nicht wahrgenommen wird, was es ihr leicht macht, immer wieder zu verschwinden. Mal wird sie von der Mutter unter einer Schneeschicht an einer Bushaltestelle wiedergefunden, mal entwischt sie aus ihrem Körper und findet mit viel Übung im gewünschten Moment zurück. Irgendwann verschwindet sie endgültig: Hinter den Eisernen Vorhang. Sie wechselt ihre Identität und schließt sich Madla an.

Madla gehört zur Familie und irgendwie auch nicht. Sie ist die Adoptivschwester von Theresa, Elkes Mutter, und sie ist in Kriegszeiten selbst verschwunden. Weiterlesen

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Kent Haruf: Abendrot

Im Schweizer Diogenes-Verlag ist dankenswerterweise ein Buch erschienen, das im amerikanischen Original „Eventide“ bereits seit 2004 existiert: „Abendrot“ von Kent Haruf.

Wir reisen in den fiktiven Ort Holt, Colorado, einem Kaff in den Great Plains, und lernen die Menschen kennen, die dort leben: den unglaublich gütigen, großmütigen und sanften Rancher Raymond, der einen schweren Schicksalsschlag verkraften muss und dann doch wieder Freude am Leben empfindet, einen elfjährigen Jungen, der sich rührend um seinen alten Großvater kümmert, oder Betty und Luther, zwei Menschen am Existenzminimum, die nicht in der Lage sind, ihre beiden Kinder vor dem Schläger Hoyt, ihrem Onkel, zu schützen.

Es ist ein bisschen so, wie es in einem Zitat von Bernhard Schlink auf der Buchrückseite heißt: „Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg.“

Tatsächlich gelingt es Kent Haruf (1943-2014), seine Figuren sehr plastisch werden zu lassen und sie auf diese Weise seinen Lesern sehr nahe zu bringen. Weiterlesen

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Chris Cander: Das Gewicht eines Pianos

Man sagt, heißt es in diesem Buch, der Klavierbauer Julius Blüthner hätte ein besonders gutes Händchen bei der Auswahl des Holzes für seine Pianos gehabt. Wenn er in den rumänischen Wäldern mit seinem Spazierstock an die Fichten klopfte und dem Fallen der Stämme lauschte, konnte er sagen, aus welchem ein ausgezeichneter Resonanzboden werden würde. Diese Sachkenntnis und die Liebe zum Detail beim Bau, ließen in seiner Werkstatt Klaviere entstehen, die mit ihrem warmen Klang die Menschen bezauberten.

Ein solches Blüthner-Piano vermacht ein geheimnisumwitterter, blinder Deutscher der 8-jährigen Katya Anfang der 1960er Jahre im sowjetischen Zagorsk. „Ihr Herz schlägt für die Musik, das sieht selbst ein Blinder,“ schreibt er in seinem Abschiedsbrief.

Und er hat Recht. Katya verliebt sich in ihr Blüthner und in die Musik, die sie ihm entlocken kann. Viele Jahre wird sie täglich an ihrem Klavier sitzen und schließlich an der Leningrader Akademie ihren Abschluss als Konzertpianistin machen.

Als ihr Mann Mikhail sie bedrängt, mit ihm und ihrem kleinen Sohn in die USA auszuwandern, sträubt sie sich, denn es wäre unmöglich, das Blüthner mitzunehmen. Weiterlesen

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Claudia Sammer: Ein zögerndes Blau

Leon wächst geborgen auf in einem Haus voller Lachen und Musik. Doch seine glückliche Kindheit endet, als der Krieg über die Familie hereinbricht. Der Vater wird eingezogen, die Mutter wird mit ihren Söhnen in einen Zug ins Nirgendwo verfrachtet. Auf einem Bahnhof verliert Leon im Gedränge seine Mutter und seine Brüder. Er strandet in einem fremden Land an einem unbekannten Ort, findet andere Kinder mit demselben Schicksal und schließt sich mit ihnen zusammen. Gemeinsam überleben sie von dem, was sie im Wald und auf den Feldern finden oder sich erbetteln. Eine besondere Beziehung hat er zu einem kleinen Mädchen, das nicht redet und nichts von sich preisgibt. Leon nennt sie Teres. Als beide von einer Bauernfamilie aufgenommen werden, wird aus Leon Leonas und aus Teres seine Schwester. Ihre alten Identitäten scheinen ausgelöscht.

Die beiden müssen im Haushalt und in der Landwirtschaft mithelfen, aber sie haben genug zu essen und werden gut behandelt. Bald können sie sich in der fremden Sprache ausdrücken. Doch Leon leidet unter der Eintönigkeit. Weiterlesen

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Wolf Haas: Junger Mann

Mal was leichtes, federndes für zwischendurch. Vom Großmeister literarisch, komödiantischer Krimis im Wiener Milieu (Kommissar Brenner) fein gezeichnet, und mit einem ständigen Schmunzeln auf den Lippen zu lesen. Der „junge Mann“, ich glaube der Vor- oder Familienname wird nie erwähnt, erzählt von sich selbst und von seiner ersten großen Liebe und von einem Typ namens Tscho, vor dem er Respekt hat, ihn vielleicht auch heimlich bewundert und dessen Freundin und spätere Frau Elsa, in die sich der „junge Mann“ herrlich verliebt. Elsa selbst ist äußerst kokett ihm gegenüber und lässt den Altersunterschied einfach mal weg in dem sie kräftig mit dem (sagen wir ca.) Vierzehnjährigen flirtet, wenn Tscho mit seinem Scania LKW mal wieder auf dem Autoput Richtung Teheran unterwegs ist.

Der „junge Mann“ arbeitet in den Sommerferien an der Tankstelle eines unbestimmten Ortes nicht weit von der deutschen Grenze in Österreich und fühlt sich in seiner pubertierenden Zeit einfach zu dick. Zu Hause hat er eine fürsorgliche Mutter, die ihn zu sehr füttern will, und sein Vater, köstlich beschrieben, hat einen kleinen psychischen Schatten in der Landesklinik aufzuarbeiten. Weiterlesen

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T.C. Boyle: Das Licht

Für sein neuestes Werk „Das Licht“ bedient sich der US-amerikanische Kultautor T.C. Boyle einer Methode, die er bereits bei früheren Büchern angewandt hat: Er schreibt einen Roman rund um Geschehnisse, die sich wirklich ereignet haben.

In diesem Fall geht es um die Hippie-Kommune um Professor Timothy Leary, der zu Beginn der 60er-Jahre mit der bewusstseinserweiternden Droge LSD experimentiert hat. Die beiden fiktiven Figuren Fitz und seine Frau Joanie, aus deren Sicht der Roman geschrieben ist, geraten in den Inneren Zirkel rund um Leary. Sie nehmen die Droge, haben gute und schlechte Trips – teils mit rauschhaftem Sex und Kaskaden von bunten Farben, teils mit schlimmen Angstzuständen und Albträumen – und werden immer mehr zum Teil der Gruppe. Sie ziehen mit ihr nach Mexiko und schließlich nach Millbrook im US-Bundesstaat New York. Dort bekommen sie unter anderem Besuch von den legendären Merry Pranksters in ihrem bunten Schulbus „Further“ des Autors Ken Kesey („Einer flog übers Kuckucksnest“) – ein Besuch, den es ebenfalls tatsächlich gegeben hat. Weiterlesen

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Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles

Julia ist 14 Jahre alt und so gar kein typischer Teenager. Sie läuft in weiten Armeeklamotten umher, lässt sich Turtle nennen und kann bestens mit allen Waffen ihres Vaters umgehen. Die beiden leben nach dem Tod der Mutter seit vielen Jahren allein im Wald. Nur der Großvater väterlicherseits lebt noch in einem Wohnwagen in der Nähe. Doch als auch er stirbt, hat Turtle kaum mehr Kontakte zur Außenwelt. In der Schule ist sie Außenseiterin und schon durch ihr seltsames Verhalten aufgefallen. Und das möchte ihr Vater Martin auf keinen Fall. Auffallen muss um jeden Preis vermieden werden.

Gabriel Tallent hat mit „Mein Ein und Alles“ eine besondere Geschichte über sexuellen Missbrauch geschrieben. Die komplette Geschichte wird aus Turtles Sicht beschrieben. Sie ist auf den ersten Blick sehr sonderbares Mädchen. Umgibt sich mit Waffen, interessiert sich nicht für Themen von Gleichaltrigen und für Jungs. Erst als sie dem ein Jahr älteren Jacob über den Weg läuft, scheint es eine kleine Wendung zu geben. Aber Kontakt zu einem Jungen würde ihr Vater Martin ihr niemals erlauben. Für ihn gibt es nur sich und Turtle. Die beiden gehören zusammen. Für immer. Komme, was da wolle. Weiterlesen

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David Whitehouse: Der Blumensammler

Ohne dass sie es wissen, ist das Leben dreier Männer miteinander verknüpft. Professor Cole schrieb als junger Mann Liebesbriefe und versteckte sie in den botanischen Nachschlagewerken einer Bibliothek, damit sie von seiner zukünftigen Frau gefunden und gelesen werden. Einer dieser Briefe wird von Peter entdeckt, als er seinen Wissensdurst über eine seltene Blume stillen will. Und dreißig Jahre später wird Dove, der nach einem abgebrochenen Studium in der Notrufzentrale arbeitet, von Migräne- und Ohnmachtsattacken heimgesucht, durch die er in visionären Träumen Peters Suche nach sechs einzigartigen Blumen miterlebt und erleidet.

Große Abenteuer fangen im Kleinen an, und sie enden manchmal glücklich oder dramatisch. Im Falle der drei Männer entsteht ein dynamischer, lebensverändernder Prozess, der sie aus der selbst erwählten Sackgasse katapultiert.

Der 1981 in England geborene David Whitehouse hat sich auf Abenteuerromane spezialisiert. Weiterlesen

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