René Freund: Niemand weiß, wie spät es ist

„Alle wahrhaft großen Gedanken kommen einem beim Gehen“, wusste schon Friedrich Nietzsche. Darauf zielt auch die Grundidee dieses Buches ab. Auf einer Art Pilgerfahrt zur letzten Ruhestätte ihres Vaters, lernt Nora nicht nur neue Seiten an sich selbst, sondern auch verborgene Familiengeheimnisse kennen. Der Roman bildet ein Konglomerat aus Komödie, Road- und Selbstfindungstrip, Drama plus philosophisches Gedankengut zum Thema Tod. Diese ambitionierte Mischung gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Die 38-jährige Nora lebt als Journalistin in Paris und hat das Gefühl, im Leben festzustecken. Ihren Job bei einer großen Frauenzeitschrift hat sie verloren, sie lebt in einer winzigen Wohnung mit Kater und ein brauchbarer Mann ist auch nicht in Sicht. Dazu kommt der überraschende Tod ihres Vaters und eine noch überraschendere Testamentsverkündung. Ihr Erbe ist an eine Bedingung geknüpft: Nora soll sich unter notarieller Aufsicht mit der Asche ihres Vaters nach Österreich zu einer Wanderfahrt aufmachen. Weiterlesen

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Amélie Nothomb: Happy End

Déodat ist hässlich und zwar schon seit seiner Geburt. Selbst seine Eltern erschrecken, als sie ihn zum ersten Mal sehen. Doch seine Mutter Énide, die ihre Ballett-Ausbildung aufgeben musste, weil sie zu mager war, und sein Vater Honorat, Koch in der Tanzakademie, lieben ihn trotzdem von ganzem Herzen. Dabei hat Déodat, dieses ganz besondere Kind, auch seine Finger mit im Spiel, denn: „Der Säugling verfügte über jene höhere Form der Intelligenz, die man den Sinn für andere nennen könnte.“ Und diese Form der Intelligenz hilft ihm, „eine Umwelt zu besänftigen, die wenig geneigt war, den Schrecken der Natur mit Wohlwollen zu begegnen.“

Im Übrigen ist Déodat zurückhaltend, unkompliziert, freundlich und liebt das Alleinsein. Er zieht sich in sich zurück und betrachtet alles ganz genau. So entdeckt er Dinge, die ihn erstaunen und erfreuen und macht sich seine Gedanken dazu. In der Schule hat er es nicht einfach, aber mit einem ruhigen Gemüt übersteht er alle Unverschämtheiten der Mitschüler.

Als eines Tages beim Völkerball auf dem Schulhof Vogelkot auf seinem Kopf landet, öffnet sich für ihn eine neue Welt. Er ist überzeugt: Der Vogel hat ihn auserwählt. Ab diesem Zeitpunkt spielen Vögel eine ganz besondere Rolle für ihn. Sein Verhältnis zu Frauen ist speziell: Ab der Pubertät fliegen sie – trotz seines abstoßenden Äußeren – auf ihn, was er genießt, aber meistens nicht versteht. Bis er Trémière kennenlernt. Weiterlesen

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3

Ich bin ganz ehrlich: der erste Teil hat mich echt umgehauen. Einsame Klasse. Der zweite Teil hat mich überrascht und der dritte Teil, da sage ich jetzt: na gut. Wenigstens gibt es keinen Vierten. Weil ich diese Atemlosigkeit des ersten Bandes nicht wieder gefunden habe, erst nicht im zweiten Teil und im Dritten schon gar nicht. Trotzdem ist es natürlich wieder in Teilen riesig: Sätze wie in Stein gemeißelt. Mit einer weltwissenden Schärfe und Analysekraft wird unsere Gesellschaft seziert und brillant zerlegt.

Ich komme allerdings mit den vielen, immer mehr werdenden Figuren nicht mehr klar, die sich irgendwie um den nunmehr eher als Guru in Erscheinung tretenden Vernon, versammelt haben. Vernon Subotex tritt immer weiter in den Hintergrund, wird zum esoterischen Satelliten, der in den Gedanken seines Gefolges kreist. Weiterlesen

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Günter de Bruyn: Der neunzigste Geburtstag

Der deutsche Schriftsteller Günter de Bruyn (Jahrgang 1926) wurde in Berlin geboren, erlebte Nazi-Deutschland, arbeitete als Bibliothekar und Schriftsteller in der DDR und lebt heute in Görsdorf (Brandenburg). De Bruyn wurde vielfach ausgezeichnet und besonders durch seine kulturgeschichtlichen Essays und seine autobiographischen Werke bekannt. Am 26. September 2018 ist sein Roman „Der neunzigste Geburtstag“ im S. Fischer Verlag erschienen.

Die Geschichte um die Familie Leydenfrost siedelt Günter de Bruyn im Jahre 2015 im Dorf Wittenhagen in Brandenburg an. Hedwig Leydenfrost, die früher „radikale Wortführerin der außerparlamentarischen Opposition“ gewesen ist, wird im nächsten Jahr neunzig Jahr alt. Dieser runde Geburtstag soll mit einer Spendensammlung für Flüchtlinge verknüpft werden. Die Organisation der Feier liegt in den Händen von Hedwigs Bruder Leonhardt, ihrer Pflegetochter Fatima und Leonhardts Tochter Wilhelmine sowie deren Sohn Walter.

Leonhardt Leydenfrost, der selber weit über achtzig Jahre alt ist und im Gegensatz zu seiner Schwester die DDR nie verlassen hatte, ist ehemaliger Bibliothekar und lebt mit Hedwig, Wilhelmine, Fatima und Walter in der Villa auf dem ehemaligen Gutshof der Familie. Weiterlesen

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Richard Flanagan: Der Erzähler

Mit seinem neuen Roman „Der Erzähler“ reicht der australische Autor Richard Flanagan nicht an die Qualität der beiden guten Vorgänger „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ (2015) und „Die unbekannte Terroristin“ (2017) heran.

Zum Inhalt: Der erfolglose Schriftsteller Kif muss aus purer finanzieller Not einen heiklen Auftrag annehmen. Er soll die Biographie des australischen Wirtschafts-Kriminellen Nummer eins, Siegfried Heidl, schreiben. Der hat die Banken um 700 Millionen Dollar erleichtert, indem er sie erfolgreich um Kredite für ein Projekt gebeten hat, das es gar nicht gibt.

Für Kif entpuppt sich die Aufgabe als überaus schwierig, weil Heidl nicht gewillt ist, Details aus seinem Leben preiszugeben. Aber ohne Details keine Biographie und ohne Biographie kein Geld. Seine Hoffnung, irgendwann ein fertiges Buch in Händen zu halten, schwindet mehr und mehr.

„Der Erzähler“ hat gleich mehrere Probleme. Erstens tritt der Text über hunderte von Seiten auf der Stelle, ohne dass etwas Nennenswertes passiert. Kif versucht in einem tristen Verlagsbüro vergeblich, etwas aus dem Gangster herauszubekommen. Für den Leser ist das wechselweise nervtötend bis langweilig. Weiterlesen

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Dörthe Binkert: Vergiss kein einziges Wort

Deutschland in den 1920er Jahren: Das Ehepaar Carl und Martha Strebel lebt mit seinen sechs Kindern in der Stadt Gleiwitz/Gliwice, einem Ort in Oberschlesien, westlich von Krakau. Polnische und deutsche Bürger leben Tür an Tür, der Ort gehört mal zu Deutschland, mal zu Polen. Kein Wunder also, dass Sohn Konrad eine Polin heiraten möchte. Ausgerechnet eine Polin! Der zweite Sohn Heinrich interessiert sich für die NSDAP, die älteste Tochter Ida für Mode, Hedwig lernt als Krankenschwester, die stille Klara geht noch zu Schule, die quirlige Luise erkundet die Paulstraße gerade auf eigenen Beinen. Vor der Familie liegen gute und schwere Zeiten, ein Weltkrieg, die Nachkriegszeit, Ehen, Kinder und Tode.

Dörthe Binkert gelingt es hervorragend, Zeitgeschichte und die Leben ihrer Figuren miteinander zu verbinden. Auch wichtige Nebenfiguren wie Luises Freundinnen Maria und Magda, Magdas Mutter Anna Kuznik oder die Nachbarn der Familie Liedka nehmen wichtige Plätze ein. Sie alle könnten unterschiedlicher nicht sein und so gestaltet sich dann auch die Handlung des Romans. Weiterlesen

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Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten

Allan Karlsson ist wieder da – der Hundertjährige, der 2012 aus dem Fenster stieg und verschwand – und dessen schwedischer Autor Jonas Jonasson damit einen literarischen Welterfolg landete.

Während der sympathisch-lebensbejahende und freundliche Senior im früheren Buch Abenteuer quasi im gesamten 20. Jahrhundert erlebte, konzentriert sich der Folgeband – „Der Hundertjährige, der zurückkam und die Welt rettete“ heißt er – ganz auf die Gegenwart.

Allan, dem sein Dauerurlaub mit Kumpel Julius auf Bali zu langweilig geworden ist, stürzt mit einem Heißluftballon im Meer ab, wird von einem nordkoreanischen Schiff aufgegriffen und direkt zu Kim Jong-un weitergeleitet. Ein paar Seiten später macht er Bekanntschaft mit der schwedischen Außenministerin, um dann gemeinsam mit ihr bei Donald Trump vorbeizuschauen. So weit, so turbulent. Und das alles nur, weil das nordkoreanische Boot angereichertes Uran für den Diktator an Bord hat. Weiterlesen

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Nadine Sieger: Coco Chanel

Als Gabrielle Chanel 1883 im Armenhaus von Saumur geboren wird, tragen die Damen noch Korsett und können sich kaum alleine anziehen. Bei ihrem Tod 1971 in Paris ist in der Mode alles möglich. Als Coco Chanel – eine der berühmtesten Modeschöpferinnen – hat sie dazu beigetragen und das Leben unzähliger Frauen beeinflusst. „Unnötigen Prunk und sinnlosen Schnickschnack“ lehnt sie vehement ab. Frauen sollen sich frei bewegen können, unabhängig und selbstbewusst auftreten. Wie sie selbst.

Mit Anfang 20 trägt sie am liebsten Männerkleider. Bequem soll es sein, aber mit Stil. Denn „Mode ist vergänglich, Stil niemals“. Doch nichts wurde ihr in die Wiege gelegt. Mit elf Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter, gab sie der Vater im nächstgelegenen Waisenhaus ab. Als Schausteller und Luftikus hatte er weder Zeit noch Lust, sich um seine fünf Kinder zu kümmern. Als junges Mädchen träumt Gabrielle davon, Sängerin zu werden. Doch sie muss sich eingestehen, dass ihr Talent nicht reicht. Zwei Männer werden zu ihren ersten Förderern: Étienne Balsan, ein reicher Offizier und Lebemann, der sie (als eine seiner Mätressen) für einige Jahre auf seinem Landsitz beherbergt, und Arthur „Boy“ Capel, die große Liebe ihres Lebens. Boy ist gebildet, attraktiv, verkehrt in besten Kreisen und lebt nicht nur von seinem Erbe, sondern verdient – was Gabrielle am meisten beeindruckt – sein eigenes Geld. Das möchte sie auch: unabhängig sein vom Wohlwollen anderer. Weiterlesen

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Joshua Ferris: Männer, die sich schlecht benehmen

Selten passt ein Buchtitel so gut wie diesmal: In Joshua Ferris‘ herrlicher Geschichten-Sammlung „Männer, die sich schlecht benehmen“ geht es – genau – um Männer, die allerlei dummes Zeug machen. Nicht so dumm allerdings, dass man als (männlicher) Leser nicht gelegentlich auch ein gewisses Verständnis für ihre Schrulligkeiten hätte.

Gleich in der ersten Geschichte, „Die Dinnerparty“, nervt ein Mann seine Frau mit allerlei Prophezeiungen, wie schrecklich das bevorstehende Abendessen mit einem befreundeten Paar doch mit Sicherheit werden würde. Natürlich kommt alles ganz anderes: Die Gäste ziehen es vor, erst gar nicht zu kommen und unser Held macht sich auf die Suche nach ihnen.

Wir treffen Männer, die von dem Wahn befallen sind, ihre Frau habe sie verlassen, auf welche, die irgendwelchen unerreichbaren Traumfrauen hinterherhecheln, und auf solche, die auf einer privaten Stadtführung durch Prag ihre ganze Oberflächlichkeit und Arroganz heraushängen lassen. Weiterlesen

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Annette Hess: Deutsches Haus

Eva Bruhns ist Mitte zwanzig und als Übersetzerin für Polnisch in einer Agentur angestellt, als sie 1963 überraschend angefragt wird, ob sie in einem Prozess gegen Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz Zeugenaussagen übersetzen könnte. Bisher hatte sie vor allem Verträge und Gebrauchsanweisungen ins Deutsche übertragen und traut sich die Aufgabe nicht zu. Doch was sie über das Lager und die Gefangenen erfährt, lässt sie nicht mehr los. Sie fühlt eine Verbundenheit, die sie sich nicht erklären kann. Schließlich sagt sie zu, den ausgefallen Dolmetscher zu vertreten.

Ihre Eltern, die in Frankfurt die Gaststätte „Deutsches Haus“ betreiben, versuchen, sie davon abzubringen, diesen Auftrag zu übernehmen und auch Evas ältere Schwester Annegret schüttelt nur verständnislos den Kopf. Warum sollte man sich mit etwas beschäftigen, was zwanzig Jahre zurückliegt? Im Krieg geschehen nun einmal schlimme Dinge. Es ist besser, man spricht nicht mehr darüber.

Evas Verlobter Jürgen – wohlhabender Erbe eines Versandhandels – stellt sie sogar vor ein Ultimatum: er oder der Prozess. Schließlich ist er der Herr im Haus, dem die Frau auch schon vor der Hochzeit gehorchen muss. Weiterlesen

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