Marina Lewycka: Die Werte der modernen Welt und Berücksichtigung diverser Kleintiere

„Wir müssen alle lernen, mit weniger zu leben. Weniger Gier, weniger sinnloser Konsum.,“ meint Althippie Doro. Ihr Sohn Serge kontert: „Die Wirtschaft hängt davon ab, dass sich Leute Geld leihen und es ausgeben, so entsteht Wohlstand.“ Bei diesem Generationenkonflikt prallen Welten aufeinander. Daher hat Serge seiner Mutter bislang verschwiegen, dass er das Mathematikstudium an den Nagel gehängt hat, um zur kapitalistischen Hochburg überzulaufen – der Londoner Börse! Autorin Marina Lewycka ist ein perfekt austarierter Roman zwischen Witz, Wahnsinn und Gesellschaftskritik gelungen. Mittendrin agieren herrlich verschrobene Charaktere, die einem mit all ihren Eigenarten sofort ans Herz wachsen.

Serge hat seine Kindheit in einer Kommune verbracht. Für ihn bedeutete dies pures Chaos: tägliche Linsenpampe, ständige Geldprobleme, garniert mit den Sexplänen der Erwachsenen (jeder darf mal bei jedem zum Zuge kommen), die direkt neben den Kochplänen aufgehängt wurden. Plus der morgendliche Kleiderkampf mit den anderen Kommunenkindern. Wer nicht schnell genug war, bekam aus dem Textilberg zu kurze, zu mädchenhafte oder knallbunt-peinliche Stücke ab. Weiterlesen

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Nicole C. Vosseler: Die Farben der Erinnerung

Mit vier Jahren verlor Gemma ihre Eltern bei einem Brand in Italien. Seitdem lebte sie bei ihrer Großmutter in New York und dann allein. Mittlerweile ist sie Mitte 30 und ihr Leben wird täglich von vielen Kontrollzwängen beherrscht und nachts plagen sie meist Albträume. Als sie ein seltsames Schmuckstück und ein Gedicht zugesandt bekommt, ist sie ratlos. Könnten diese Dinge etwas mit den Recherchen ihres Vaters vor dreißig Jahren zu tun haben? Gemma begibt sich auf Spurensuche und lernt so in Großbritannien den ebenfalls nicht ganz gesellschaftskompatiblen Sisley kennen.

Nicole C. Vosselers neuster Roman rankt sich um ein Gemälde, dessen Ursprung und Urheber nicht ganz zuordenbar sind. „Die Dame in Grün“ wird dieses Gemälde genannt. Interessante Zusatzinformationen und ein Foto des Bildes finden sich auf dem Blog der Autorin. Die Geschichte selbst spielt auf drei Zeitebenen. Im 16. Jahrhundert bei einer wohlhabenden, aber unglücklichen jungen Frau namens Lucrezia, im 19. Jahrhundert bei der Dichterfamilie Barrett-Browning und schließlich bei Gemma im 21. Jahrhundert. Gemmas Geschichte nimmt den größten Teil der Erzählung ein, aber auch die anderen beiden Handlungsstränge sind von Bedeutung. Das Setting stimmt also. Weiterlesen

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2

Als ich den ersten Band vor ca. einem Jahr gelesen habe hat es mich fast umgehauen. Es traf mich unvermittelt, wie ein Schlag in die Magengrube und ich habe das Buch geliebt, gehasst und gefressen. Ein paar Monate vorher war da noch Michel Houellebecq mit „Unterwerfung“ auf meiner Leseliste und ich schwor nach der Lektüre dieser beiden gesellschaftspolitischen Abrechnungen, dass ich keinen Pfifferling mehr auf das Abendland setzen würde. Weil sich (ich zitiere wörtlich aus Subutex 2, Seite 70):“…die Leute seit (…) Jahren das Gehirn haben waschen lassen, dass sie nur noch eins wollen, nämlich ihren Hass auf die Kameltreiber rausschreien. Man hat ihnen die Würde geraubt, die sie in Jahrhunderten des Klassenkampfes erworben hatten, es gibt keinen Moment am Tag, in dem sie sich nicht wie gerupfte Hühner vorkommen, und der einzige gottverdammte Trick, den man ihnen verkauft hat, damit sie sich weniger scheiße fühlen, ist der Triumph, dass sie weiß sind und das Recht haben, auf jeden Dunkelhäutigen herabzusehen. ( …) Die Allianz aus Banken-Religionen und Weltkonzernen hat die Schlacht gewonnen.“ Weiterlesen

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Paul Auster: Das rote Notizbuch

Paul Austers Red Notebook von 1995 erscheint nun erstmals vollständig in deutscher Sprache. 25 Geschichten sind in dieser nur wenige Seiten umfassenden bibliophilen Ausgabe abgedruckt.

Bereits nach wenigen Seiten hat man das Gefühl, ein modern ausgestaltetes Zauberbuch zu lesen. Dies mag daran liegen, dass die allesamt wahren Erzählungen seiner Bekannten und Freunde, die Auster über Jahre zusammengetragen hat, ausgesprochen phantasievoll, ja teilweise sogar fast unheimlich anmuten.

Es sind seltsame Begebenheiten, nahezu unwahrscheinliche Möglichkeiten, die zu dieser besonderen Aura, die diese Geschichten umhüllt, beitragen. Darüber hinaus verdeutlichen die Storys auch, dass das, was wir für gänzlich unmöglich betrachten, dennoch möglich sein kann. Auster ist wie ein Sezierer. Er dringt in etwas ein und bringt etwas ans Licht, was normalerweise verborgen bleibt. Das Gewöhnliche erhält durch seine Sicht mit einer anderen Gewichtung eine phantastische Komponente und wird so plötzlich neu wahrnehmbar. Weiterlesen

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Joachim Zelter: Im Feld: Roman einer Obsession

Frank und Susan ziehen nach Freiburg. Warum nach Freiburg? Darauf hat nur Frank eine Antwort: Das treibende Wort für ihn ist „Hochschwarzwald“. Der Umzug ergibt für ihn „Radsportsinn“. Weg von den mickrigen Hügeln in Norddeutschland, vom Training auf den Rampen von Tiefgaragen. Richtige Anstiege braucht er jetzt, da es im Beruf bergab geht und er sich nicht mehr orientieren kann. Herausfordernde Strecken, Gleichgesinnte. Susan fährt nicht mehr Rad. Sie hinterfragt: den Umzug, die berufliche Situation, den Sinn, sich Berge hoch zu quälen, Kilometer zu fressen, nicht auszuscheren. Dennoch weist sie Frank auf eine Anzeige hin: „Rennradtreff. Christi Himmelfahrt. Donnerstag um 10 Uhr. Der Radverein lädt ein. Auch Nichtmitglieder sind willkommen.“

Frank fährt los, unsicher, verhalten, folgt einem anderen Radfahrer, landet am Treffpunkt Heidegger-Denkmal und wird in die „mittlere Gruppe“ der Ausfahrt einsortiert. 27er-Schnitt, rund 100 Kilometer. Das kann er schaffen, das passt, denkt er beim eher gemächlichen Einrollen. Ruhe und Rhythmus kehren ein, bei gleichbleibendem Tempo unterhält man sich über Ritzel, Sattelstützen, Tretlager, Fahrradmarken oder hängt seinen Gedanken nach. Frank wird ein Teil des Feldes, das zusammenspielt wie ein Schwarm, Handzeichen fliegen von Fahrer zu Fahrer, wenn ein Hindernis ansteht, abwechselnd stehen sie im Wind. Weiterlesen

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Laura Dave: Hello Sunshine

Da das Buch im Rahmen der „Hello Sunhsine“-Kampagne von Blanvalet als kostenloses eBook zur Verfügung gestellt wurde und im Zusammenhang mit einer Gewinnmöglichkeit steht, muss dieser Beitrag als #Werbung gekennzeichnet werden. Dies beeinflusst aber nicht die ehrliche Meinung zu dem rezensierten Buch.

Sunshine MacKenzie kann nicht kochen. Gar nicht. Trotzdem ist es ihr gelungen, mit einem Kochblog und dazugehörigen YouTube-Videos erfolgreich zu sein. So richtig erfolgreich. Das verdankt sie unter anderem ihrem Manager, sie ist sogar im Gespräch für eine eigene Kochsendung im regionalen Fernsehen. Leider, leider ist das Kochen aber nicht die einzige Lüge in Sunshines Leben. Und ausgerechnet an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag holt sie das alles ein. Mit Schwung. Und schlägt ihr ins Gesicht. Der Mann, den sie liebte, behauptet sie überhaupt nicht mehr zu kennen. Ihre Fans sind empört. Ihre Konkurrenten frohlocken. Ihre Freunde lassen sie fallen.

Es folgt eine Reise in die Vergangenheit, aber auch tief ins eigene ich. Sunshine zieht sich zurück, wohnt bei ihrer ungeliebten Schwester und bewirbt sich bei einem Spitzenkoch, um naja – kochen zu lernen. Natürlich hat er keine Ahnung, wer sie ist. Sie lernt, sich dem Leben ohne Lügen zu stellen, und das ist ein langer Weg. Weiterlesen

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André Aciman: Call Me By Your Name

Ein heißer Sommer in Italien, zwei Männer, die sich ineinander verlieben. Im Jahr 2007 wurde „Call me by your name“ erstmals veröffentlicht. 2017 folgte die Verfilmung durch Regisseur Luca Guadagnino, auf der diesjährigen Oscarverleihung gab es die Goldtrophäe für das beste Drehbuch. Nun die literarische Neuauflage – gut so! In den vergangenen 11 Jahren hat sich viel getan, nicht nur durch die „Ehe für alle“. Dies sollte es der Leserschaft ermöglichen, dem Buch unvoreingenommen zu begegnen. Der homoerotische Aspekt ist hier nicht primär ausschlaggebend. Es geht um eine universelle Liebe, die Verschmelzung zweier Menschen. Ruf mich bei deinem Namen, dann ruf ich dich bei meinem. „Ich will dich erfahren und durch dich auch mich!“ Es geht hier um nichts Geringeres, als um eine der schönsten, intelligentesten, emotionalsten Lovestorys aller Zeiten! Weiterlesen

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Andreas Izquierdo: Fräulein Hedy träumt vom Fliegen

Fräulein Hedy von Pyritz ist mit ihren 88 Jahren eine Respektsperson in dem kleinen Städtchen im Münsterland, wo sie in einer feinen Villa auf einem Hügel lebt. Jeder kennt sie, manche fürchten sie, manche verehren sie und verdanken ihr viel. Sie leitet die Von-Pyritz-Stiftung für begabte junge Menschen, ist preußisch streng zu sich und anderen und verliert eines Nachts den Verstand. Das glaubt zumindest ihre Tochter Hannah oder – was wahrscheinlicher ist – sie nimmt das ungewöhnliche Verhalten ihrer Mutter zum willkommenen Anlass, sie vom Vorsitz der Stiftung zu verdrängen und aufs Altenteil zu schieben. Auch Maria, Hedys Haushälterin und engste Vertraute, macht sich immer öfter Sorgen um Hedy, aber die verfliegen meistens schnell, wenn sie ein leckeres Essen auf den Tisch bringt.

Hannah achtet sehr auf Etikette und darauf, was andere von ihr halten. Dass Hedy sich im Dunkeln auf den Balkon stellt und „TIM-BUK-TUUU“ in die Finsternis ruft, mag ja noch angehen. Aber als sie den Zeitungsjungen mit ihrem alten Mercedes jagt und eine Anzeige aufgibt, in der sie einen Kavalier sucht, der sie zu einem Nacktbadestrand fährt – Entgeltung garantiert – wird es Hannah zu viel. Sie strebt ein Entmündigungsverfahren an und schickt Hedy eine Psychologin ins Haus (diese Begutachtung ist für mich die witzigste Szene im Buch). Weiterlesen

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Michael Chabon: Moonglow

Der US-amerikanische Autor Michael Chabon machte bereits Ende der 80er-Jahre mit seinem sensationellen Romanerfolg „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ von sich reden. Jetzt, über 30 Jahre später, hat er rein gar nichts von seinem Können eingebüßt: „Moonglow“, die zumindest weitgehend fiktive Biografie seines Großvaters mütterlicherseits, ist großartig.

Und dieser Großvater, hat so einiges erlebt. Er hat versucht, seinen Chef mit einem Telefonkabel zu erdrosseln und musste dafür in den Knast, hat im Krieg den Nazi Wernher von Braun gejagt und war mit einer Frau verheiratet, die sich immer mal wieder in psychiatrische Behandlung begeben musste. Über allem aber stand die Liebe dieses Mannes zu Raketen und zu dem Weltraumprogramm der NASA. Weiterlesen

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Bianca Bellová: Am See

Das Fischerdorf Boros liegt an einem großen See, der systematisch vergiftet und ausgebeutet wird. Die Menschen in Boros glauben an den Seegeist, der einmal erzürnt, durch ein Menschenopfer besänftigt werden kann. Auch Nami glaubt an ihn und dass die Erzürnung des Seegeistes mit seinem Schicksal verknüpft ist. Schon vor seiner Geburt liegt ein Zorn auf seinem Leben, in dem alles zerrinnt, was gut war: Mutter verschollen, Vater unbekannt, Großeltern früh verstorben. Misshandelt und beschimpft flieht Nami in die fremde Hauptstadt. Dort soll es für ihn eine Zukunft geben. Doch aus irgendeinem Grund scheint ihn die Rache des Seegeistes zu verfolgen.

Die Prager Autorin Bianca Bellová darf man als vielseitige Künstlerin sehen, die den Gebrauch der Sprache in- und auswendig beherrscht. Sie schreibt neben Novellen auch Romane und Übersetzungen. Darüber hinaus arbeitet sie als Dolmetscherin.

In ihrem Roman »Am See« thematisiert sie die Haltbarkeit von Unschuld und Reinheit in Gestalt des Jungen Nami, der unter widrigen Bedingungen erwachsen wird. Nami, lernt laufen, zuhören, schwimmen und geht zur Schule. Völlig unvorbereitet steht er vor seinen Gegenspielern: der grausamen Seite des Aberglaubens und der Willkürherrschaft der Russen. Lakonisch und bildhaft zugleich beschreibt Bianca Bellová die menschenverachtenden Lebensbedingungen und ihre Opfer in der von Männern dominierten Welt, zu denen nun auch Nami als Arbeitssuchender gehört. Weiterlesen

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