Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne

Schon lange habe ich keinen Roman mehr gelesen, den ich gleich von Anfang an wieder weglegen wollte. Dieser Roman und ich, wir passen nicht zueinander. Dabei kenne ich das System, den Aufbau, die Produktion ganz gut. Denn hier geht es unter anderem um die Subjektivität des Erlebten, um die Relativität der Eindrücke. Ein und das gleiche Ereignis wird unterschiedlich interpretiert. Wir haben es mit drei Mittelschichtsehen zu tun. Es gibt einen Spontispruch, den ich für dieses psychopathologische und zweifelhafte Reihenhausvorortidyll leicht abgeändert habe: „In Gefahr und höchster Not, bringt die Mittelschicht den Tod“. Eltern und Kinder kommen abwechselnd mal länger mal kürzer zu Wort um ihre jeweilige Sicht der Dinge und den Lauf der Ereignisse zu kommentieren. Lexchen als eine Art Oskar Matzerath beschrieben, weil obwohl schon acht Jahre, sie anscheinend das Wachstum eingestellt hat.

Vielleicht passt hier das Bild aus der Blechtrommel: Bei all dem Psychoscheiß um sie herum, das Wachsen einstellen, warum auch nicht. Weiterlesen

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Jan Schomburg: Das Licht und die Geräusche

Johanna und Boris diskutieren über Gott und die Welt. Beide gehen zusammen in dieselbe Klasse, beide sind ähnlich wissensdurstig, erlebnishungrig und intelligent und in einem Lebensalter, in dem sie gern philosophieren und alles hinterfragen.

Was es mit Boris‘ portugiesischer Freundin Ana-Clara auf sich hat, wie die beiden wirklich zueinander stehen, begreift Johanna nicht so recht. Sie ist trotzdem in Boris verliebt, aber es ist einfach zu schwierig, ihm dies zu vermitteln obwohl es genügend Gelegenheiten gäbe.

Bei einer Klassenfahrt nach Barcelona regeln sie das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Marcel und dem Nerd Timo  untereinander ohne Lehrer. Johanna, die eigentlich ganz gut vermitteln kann, macht die Erfahrung, dass Machtausübung verschiedene Facetten hat. Als Boris in einem Club ausgelassen tanzt und dann von Unbekannten zusammengeschlagen wird, ist es für Johanna schlimmer als für Boris selbst, der darüber lacht. Immerhin fahren sie anschließend mit ihren Rädern noch in der Nacht an den See und am nächsten Morgen ist Boris verschwunden. Weiterlesen

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Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele

Als Helmut Gregor im Juni 1949 nach einer dreiwöchigen Überfahrt von Genua aus in Buenos Aires von Bord geht, ahnt keiner seiner Mitreisenden auf der North King, dass es sich bei ihm um den KZ-Arzt Josef Mengele handelt, der für den Tod unzähliger Menschen und für extrem grausame Menschenversuche verantwortlich ist. Mengele hat sich die Flucht und das neue Leben teuer erkauft. An Geld und Unterstützung fehlt es ihm nicht. Seine Familie steht hinter ihm, das Netzwerk der Nationalsozialisten ist intakt, die Fluchtroute sicher. Die Jahre nach dem Krieg hat er größtenteils versteckt auf einem Bauernhof verbracht. Zugute kam ihm hier – wie auch bei seiner kurzzeitigen Internierung durch die US-Armee 1945 -, dass er sich beim Eintritt in die SS der Blutgruppentätowierung verweigert hatte. Keiner schien ihn zu erkennen und wer ihn erkannte, verriet ihn nicht oder unterstützte ihn sogar.

Zunächst hält sich Mengele in Buenos Aires zurück, sucht keinen Anschluss, vermeidet es, deutsch zu sprechen. Doch dann lernt er Eberhard Fritsch kennen, den Gründer des Dürer-Verlages und Herausgeber der Zeitschrift „Der Weg“, „die Zeitschrift der Nostalgiker des Schwarzen Ordens“, wie Guez schreibt. Durch ihn und Willem Sassen, der später durch seine Interviews mit Adolf Eichmann bekannt wird, wird er in die Gesellschaft der Nationalsozialisten in Argentinien eingeführt. Man kennt sich, man hilft sich, bald ist es nicht mehr notwendig, die wahre Identität zu verschleiern, auch weil Präsident Juan Péron seine schützende Hand über sie hält. Weiterlesen

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Alex Capus: Königskinder

Der Schweizer Alex Capus (Jahrgang 1961) ist Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Reportagen. Er hat seine Leserinnen und Leser 2016 in „Das Leben ist gut“ mit dem Paar Max und Tina bekannt gemacht. In Capus‘ neuem Roman „Königskinder“, der am 20. August 2018 im Carl Hanser Verlag erschienen ist, begegnen wir Max und Tina wieder.

Max und Tina fahren mit ihrem roten Toyota Corolla auf eine gesperrte Passstraße in den Schweizer Bergen. Es schneit, kurz hinter der Passhöhe kommt der Wagen von der Straße ab und lässt sich nicht mehr manövrieren. Das Paar steckt im Schnee fest und muss auf die Schneefräse warten, die am nächsten Morgen die Passstraße frei räumen wird. Zum Glück haben sie gut zu Abend gegessen und eine Decke dabei. Zum Einschlafen erzählt Max Tina eine Geschichte, eine angeblich wahre Geschichte, aus Greyerzerland. Und wenn es nicht so stark schneien würde, könnten sie gegenüber die Melkhütte am Hang erkennen, in der die Geschichte vom Hirten Jakob Boschung ihren Anfang nimmt.

Nach dem Tod seiner Eltern und Geschwister und der Flucht vor seinem gewalttätigen Onkel lebt Jakob allein auf der Alp und hütet die Kühe der reichen Bauern aus dem Tal. Als er im Herbst des Jahres 1779 die Kühe von der Alm ins Tal treibt, verliebt er sich in Marie, die Tochter des reichen Bauern Magnin. Weiterlesen

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Thommie Bayer: Das innere Ausland

Hundertprozentig verlässlich scheint anfangs nur das Gebell des Nachbarhundes von Protagonist Andreas zu sein. Seit fünf Jahren lebt der Vierundsechzigjährige in einem Haus im Luberon, von dem er den vorderen Teil bewohnt. Im  hinteren Teil lebte seine Schwester Nina. Noch immer hat er ihren Tod nicht überwunden. Schon im Kindesalter hatte Andreas sich um die jüngere Schwester gekümmert, nachdem die Mutter der beiden von einem Auto überfahren wurde. Beide, Nina und Andreas fühlten sich schuldig am Tod der Mutter. Als der Vater auch noch stirbt, wachsen die Geschwister noch enger zusammen, obwohl sie in zwei unterschiedlichen Pflegefamilien untergebracht sind.

Erst als aus Nina nach dem Abitur eine rastlose Reisende wird, entstehen lange Lücken, in denen es nur wenig Kontakt gibt. Ninas Spuren führen nach Amerika, als die Verbindung zwischendurch ganz abbricht und  Andreas sogar befürchtet, seine Schwester könne nicht mehr leben.

Wie aus dem Nichts taucht Nina wieder auf, die Vertrautheit ist wieder da und die beiden bleiben wieder wie zu ihrer Kindheit miteinander verbunden. Weiterlesen

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Brit Bennett: Die Mütter

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“ (Zitat S. 9)

Die Mütter, so werden die alten Frauen der Gemeinde Oceanside in Kalifornien genannt, kennen die Geheimnisse der Gemeindemitglieder. Das glauben sie jedenfalls, schließlich kümmern sie sich um deren Gebetsanliegen und beten für sie um neue Jobs, neue Häuser und Ehemänner, bessere Gesundheit, mehr Geduld und weniger Versuchungen. Und zusammengenommen haben sie jahrhundertelange Lebenserfahrung. Doch tatsächlich übersehen sie vieles. Ihnen entgeht, wie die siebzehnjährige Nadia Turner den Boden unter den Füßen verliert, nachdem ihre Mutter sich ohne ein Wort der Erklärung oder des Abschieds das Leben genommen hat. Sie wissen nichts von Nadias Selbstvorwürfen, denn ist Nadia der Grund, warum Elise Turner keine Ausbildung machen und nicht so leben konnte, wie sie es sich erträumt hatte. Die Mütter ahnen nicht, wie ungeliebt sich Nadia fühlt, wie tief sich der Vater in sich selbst zurückzieht, welche Sprachlosigkeit zwischen den beiden herrscht. Weiterlesen

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Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist

In seinem Roman „Karl oder Der letzte Kommunist“ beschreibt Autor Eberhard Rathgeb einen Mann, der jahrzehntelang treu hinter seinen politischen Ansichten steht. Er lässt sich weder durch gesellschaftliche Umbrüche von seiner Meinung abbringen, noch interessiert ihn irgendetwas, das nichts mit seinem Thema zu tun hat. Seine Umwelt reagiert zunehmend genervt oder gelangweilt auf Karls Tiraden.

Problem: Auch für den Leser wird dieses Buch schnell langweilig, denn das oben Beschriebene ist im Grunde nach wenigen Seiten abgehandelt. Danach dreht sich der Text im Kreis. Humor oder eine Art Handlung fehlen gänzlich. Nicht zu empfehlen.

Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist.
Hanser, Juli 2018.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende, die 1942 geborene chilenische Schriftstellerin, lebt seit Mitte der 1970er Jahre im Exil und seit 1988 in Kalifornien (USA). Ihr Roman „Das Geisterhaus“ hat sie weltberühmt gemacht. Am 13. August 2018 erscheint im Suhrkamp Verlag ihr neuestes Werk „Ein unvergänglicher Sommer“.

„Ein unvergänglicher Sommer“ beginnt kurz vor Weihnachten des Jahres 2015 in Brooklyn (NYC). Dort wohnt die 62jährige Chilenin Lucía Maraz mit ihrem Chihuahua Marcelo als Untermieterin von Professor Richard Bowmaster im Souterrain eines etwas heruntergekommenen Hauses in Prospect Heights. Sie arbeitet als Gastdozentin an der New Yorker Universität, Richard ist ihr Vorgesetzter.

Richard Bowmaster ist ein einsamer, eigenwilliger Mann, der viele Jahre in Brasilien gelebt hat und den Job an der Uni seinem alten Freund Horacio verdankt. Richard hat Lucía zwar nach New York eingeladen, behandelt sie nun aber recht distanziert. Er hat vier Katzen. Während eines Schneesturms trinkt einer seiner Kater versehentlich Frostschutzmittel. Richard bringt ihn zum Tierarzt und auf der Rückfahrt auf den vereisten, glatten Straßen fährt er einem weißen Lexus ins Heck. Die Fahrerin ergreift die Flucht. Weiterlesen

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Niccolò Ammaniti: Anna

Seit vier Jahren bringt nun schon ein Virus alle Erwachsenen und Jugendlichen um, die die Pubertät erreicht haben. In Italien herrscht Chaos, die Kinder haben Banden gegründet, Hunde ziehen auf der Suche nach Essbarem herrenlos durchs Land und greifen jeden an, der auch nur einen Krümel Nahrung an sich trägt. Anna hat die Pubertät fast erreicht und weiß, dass es jeden Tag losgehen könnte mit ihrem schleichenden, aber sicheren Tod. Doch sie muss vorsorgen, denn seit dem Tod der Mutter kümmert sie sich um ihren kleinen Bruder Astor, der noch nichts von dem Unglück der Welt ahnt und sicher in den Mauern des Familiengutes lebt. Als Astor sich einer der Banden anschließt, ist Anna verzweifelt. In nur einem Moment hat man ihr alles genommen, was noch wichtig war.

„Anna“ ist vom ersten Satz an harte Kost, auch in der deutschen Übersetzung. In Italien war der Roman monatelang in den Bestsellerlisten zu finden und auch die Financial Times wählte ihn zu einem der besten Bücher des Jahres 2017. Anna beschreibt schonungslos, was in ihrer Umwelt los ist, ganz egal wie schwer die Ereignisse zu verarbeiten sein mögen. Weiterlesen

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Hélène Gestern: Der Duft des Waldes

Elisabeth Bathori, Historikerin und Expertin für Postkartenforschung, fällt nach dem tragischen Verlust ihres Lebensgefährten in ein tiefes Loch. Soziale Kontakte beschränkt sie auf das unbedingt notwendige Mindestmaß, an die Fortsetzung ihrer Tätigkeit als Professorin ist zunächst nicht zu denken. Um sich abzulenken, nimmt sie eine Stelle in einem Fotoarchiv an. Sortieren, zuschneiden, katalogisieren: mit Hilfe der eintönigen Arbeit schafft sie es zeitweise, ihren Schmerz einzulullen.

Dann bietet Alix de Chalendar, eine ältere Dame, dem Institut eine Sammlung von Briefen, Fotos und Postkarten an, die ihr Onkel Alban de Willcot im ersten Weltkrieg von der Front an seine Schwester Blanche und an seinen Freund, den berühmten Dichter Anatole Massis, geschickt hat. Dokumente von unschätzbarem historischem Wert, wie Elisabeth schnell erkennt. Doch Alix gibt die Sammlung nur unter zwei Bedingungen weiter: Elisabeth muss die Inventarisierung übernehmen und sie muss als ihre Testamentsvollstreckerin fungieren. Weiterlesen

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