Der fränkische Autor Jean Paul (1763–1825) wurde unter dem bürgerlichen Namen Johann Paul Friedrich Richter in Wunsiedel geboren. Seine Bewunderung für Jean-Jacques Rousseau veranlasste ihn, den Künstlernamen Jean Paul zu wählen. Aus literaturgeschichtlicher Perspektive sind seine umfassenden Werke zwischen den Epochen Klassik und Romantik einzuordnen. Über seinen Lehrer, den protestantischen Pfarrer Erhard Friedrich Vogel, wurde er mit den Ideen der Aufklärung vertraut, sodass er von Anfang an offen und frei bestehende Regeln hinterfragte. In jungen Jahren erwarb er sich durch das Lesen vieler Bücher ein umfangreiches Wissen. Dieses Privileg dürfte ein Vermögen wert gewesen sein, da Bücher zu jener Zeit extrem teuer waren. Während seines Studiums der Theologie in Leipzig begann Jean Paul mit seiner schriftstellerischen Arbeit. Erste Veröffentlichungen erschienen 1783 und 1784.
In ihrem Vorwort schreiben Ulrich Holbein und Ralf Simon, Jean Paul habe vor seinem literarischen Durchbruch zehn Hungerjahre durchlitten. Diese waren zugleich mit verschiedenen Schicksalsschlägen verbunden. 1795 erschien sein Roman Hesperus oder 45 Hundposttage, der ihn berühmt machte. Das Werk galt als etwas Neues und wurde Goethes Die Leiden des jungen Werthers gegenübergestellt.
Nachdem Jean Paul seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte, entstanden Freundschaften zu August Wilhelm Schlegel, Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte. Wenige Jahre später war der große Erfolg jedoch vorbei. Jean Paul zog mit seiner Familie nach Bayreuth. Sechs Jahre vor seinem Tod erhielt er den Ehrentitel „Lieblingsdichter der Deutschen“.
Noch immer gilt er als der vielfältigste deutsche Klassiker. Bei seiner Leserschaft erfährt er entweder höchste Verehrung oder Irritation. Dies liegt unter anderem an der Formlosigkeit seiner Romane, in denen sich Witz, skurrile Einfälle, geistreiche Ironie, philosophische Kommentare, Gesellschaftskritik und politische Stellungnahmen verbinden. Eine Sammlung vieler pointierter Textstellen ergibt das Jean-Paul-Lesebuch. In ihrem Vorwort erklären Ulrich Holbein und Ralf Simon, sie hätten dieser Auswahl weitere Romanausschnitte hinzugefügt.
Aus meiner Perspektive würde ich Jean Paul nicht gerecht werden, wenn ich einzelne Ausschnitte aus diesen abwechslungsreichen Texten hervorheben würde. Stattdessen verweise ich auf die treffsichere Wahl des Titels und den darin erkennbaren Humor, der bereit und in der Lage ist, alles und jeden auf den Kopf zu stellen.
Das Weltall im Krähwinkel eignet sich als Einstieg in Jean Pauls literarisches Werk, insbesondere für Leserinnen und Leser, die mit der Lektüre von Klassikern vertraut sind und sich für die Sprachartistik und Weltanschauung des Autors öffnen. Es gibt zahlreiche Literaten und Wissenschaftler, die auch nach langjährigen Studien von Jean Pauls Werken immer wieder aufs Neue überrascht werden. Im Klappentext findet sich dazu die treffende Aussage:
„Jean Paul … einer, von dem man noch nicht viel weiß, wenn man nur eines seiner Werke gelesen hat.“
Ulrich Holbein und Ralf Simon (Hrsg.): Weltall im Krähwinkel: Ein Jean-Paul-Lesebuch
Lilienfeld-Verlag, Lilienfeldiana, Band 17, Oktober 2025
482 Seiten, Halbleinen, Fadenheftung, Leseband, 30,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
