Eine wunderbare Persiflage auf die britische Upper Class, die bessere Gesellschaft, ihren Snobismus und ihre Konventionen. Spritzig, witzig, pointiert und durchaus auch mal zynisch.
Lydia Hanworth ist nicht wenig erstaunt, als ausgerechnet Lord Ashford, der nach dem Ableben seines Vaters den Titel eines Duke erben wird, um ihre Hand anhält. Der derzeit begehrteste Junggeselle. Warum ausgerechnet sie? Und warum hat sie von seinem Werben so gar nichts mitbekommen? Sie sind sich zwar während der (Ball-)Saison begegnet, haben miteinander getanzt, aber dass er ein besonderes Interesse an ihr haben könnte, hat sie nicht bemerkt. Lydia, „nur“ Kaufmannstochter, wenn auch mit stattlicher Mitgift, hat kaum Zeit, sich zu überlegen, ob sie den recht formlosen, ja eher lieblosen Antrag annehmen möchte – das hat ihre Tante, bei der Lydia und ihr Bruder aufgewachsen sind, bereits entschieden. Völlig ohne Lydia zu fragen, ohne ihre Gefühle zu berücksichtigen, einzig mit dem Argument des gesellschaftlichen Aufstiegs, den eine solche Vermählung mit sich brächte. Noch soll die Verlobung allerdings nicht bekanntgegeben werden. Der Duke, Ashfords Vater, möchte das in zehn Tagen selber tun. Bis dahin sind Lydia und ihr Bruder Pip, eigentlich Philipp, eingeladen, eine Woche als Gäste von Lady Phoebe und Lord Waldo auf deren Anwesen in Hawkscroft zu verbringen. Jedes Jahr veranstaltet dort Ashfords Cousine, Lady Phoebe, eine so genannte mehrtägige Hausparty, zu der adlige Freunde und Bekannte für ein paar unterhaltsame und abwechslungsreiche Tage eingeladen werden. Diesmal eben auch Lydia und Pip. Dass die Tage abwechslungsreich werden, dafür will Lydia auf jeden Fall sorgen.
Sie ist fest entschlossen, alles zu tun, damit Ashford sie so grauenhaft ungehobelt und gewöhnlich findet, dass er die Verlobung lösen wird. Sie selbst ist nämlich nicht gewillt, jemanden zu heiraten, den sie nicht liebt und dessen Äußerungen – die sie zufällig mitbekommen hat – über die Heiratskandidatinnen aus seinen Kreisen so abfällig und arrogant waren. Ihre guten Manieren lässt sie zuhause, ihre angemessene Garderobe ebenfalls. Für die Tage unter den adligen Freunden hat sie sich eine völlig neue, grauenvoll bunte, rüschenbesetzte Garderobe zusammengestellt, mit der sie schockieren möchte. Gelingt ihr im Übrigen ausnehmend gut. Ihr Bruder und ihre Zofe sind in ihr Spiel eingeweiht und unterstützen sie, so gut sie können.
In den ersten Tagen gelingt es Lydia recht gut, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass sie weder eine gute Erziehung und Bildung genossen habe, noch sich zu benehmen oder auch angemessen zu kleiden wisse.
Wie nicht anders zu erwarten, wendet sich das Blatt natürlich irgendwann.
Herrlich, die Dialoge zwischen Lydia und Ashford, die Aktionen, mit denen Lydia ihn und die Anwesenden davon überzeugen will, dass sie nicht dazugehören kann. Die ein oder andere Aktion ist vielleicht ein bisschen überzogen, aber insgesamt ist dieser enemies-to-lovers-Roman sehr amüsant, flott und mit spitzer Feder geschrieben, gut zu lesen und vor allem: mal andersrum aufgezogen. Aber das sagt ja schon der Titel. Lydia, die Hauptfigur, erleben wir als eine sehr selbstbewusste, intelligente, willensstarke junge Frau, die ihr Schicksal mutig, wenn auch mit recht sonderbaren und ungewöhnlichen Mitteln in die eigenen Hände nimmt. Lord Ashford, der begehrte, attraktive Junggeselle, entpuppt sich als keineswegs so arrogant und schnöselig wie man ihn zunächst einschätzt. Nach und nach lernt man die beiden wirklich kennen, ihre Beziehung, zunächst geprägt von Ablehnung, Entsetzen und Enttäuschung, aber auch von wunderbaren Missverständnissen und Beleidigungen, entwickelt sich langsam und glaubhaft in kleinen, privaten Momenten, in denen beide ihre Maske fallen lassen und dem anderen einen Blick auf ihr wahres Gesicht gewähren.
Eine ausgesprochen unterhaltsame, wenn auch manchmal haarsträubende Geschichte aus der Mitte der adligen Gesellschaft Englands, vor der malerischen Kulisse englischer Landsitze. Die Figuren wirken durchaus lebendig, authentisch und herrlich komisch. Eine gelungene Mischung aus Humor, Romantik und historischer Atmosphäre. Es braucht vielleicht einen Moment, aber dann bleibt man einfach dran und will wissen, wie die Geschichte sich entwickelt.
Sophie Irwin: How to Lose a Lord in Ten Days: Alle wollen ihn, nur sie will ihn loswerden
Aus dem Englischen von Hannah Brown
Knaur, Juli 2026
432 Seiten, Taschenbuch, 13,99 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
