November 1967: Die vierzehnjährige Marsibil hat einen heimlichen Brieffreund, der sich mit ihr treffen will. Sie verabredet sich mit ihm, ist aber nervös, denn sie hat sich als ihre ältere Schwester Stina ausgegeben, und am verabredeten Abend schafft sie es nicht zu dem Treffen. Dafür verschwindet ihre Schwester spurlos. Nur ihre blutbefleckte Anorakjacke wird an dem Ort gefunden, an dem Marsi sich mit ihrem Brieffreund verabredet hatte.
Zehn Jahre später bleibt Stinas Verschwinden weiterhin ungelöst. Marsi hat bisher aus Scham geschwiegen. Da erhält sie einen Brief – von ihrem ehemaligen Brieffreund. Jetzt muss sie die Wahrheit ans Licht bringen, auch wenn sie sich dabei nicht auf ihre eigenen Erinnerungen verlassen kann. Denn der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.
Wer bei diesem Buch einen klassischen, nervenzerreißenden Thriller erwartet, wird enttäuscht. Für mich entpuppte sich die Geschichte letztlich vielmehr als ein Familiendrama im Gewand eines Kriminalromans. Leider fiel es mir dadurch über weite Strecken schwer, richtig in die Handlung hineinzufinden. Die erhofften tiefen, psychologischen Abgründe blieben aus, und auch die für Thriller typische, durchgehend düstere Grundstimmung wollte sich nicht recht einstellen. Das führte dazu, dass sich viele Passagen sehr langatmig gestalteten und das Buch stellenweise zäh und schwer lesbar wurde.
Ein zentraler Kritikpunkt ist die Figurenentwicklung. Es wirkte auf mich fast schon zwanghaft, dass absolut jeder Charakter im Verlauf der Geschichte irgendwie verdächtig erscheinen sollte. Was anfangs vielleicht noch für Rätselraten sorgt, wirkt mit der Zeit überzogen und krampfhaft konstruiert. Als Leser verliert man dadurch das echte Misstrauen und stumpft gegenüber den ständigen Andeutungen ab.
Erst im letzten Abschnitt wendet sich das Blatt: Hier zieht das Tempo endlich massiv an. Plötzlich wird es richtig spannend, es passiert viel und die verschiedenen Handlungsstränge und Zusammenhänge fügen sich logisch ineinander. In diesem Finale beweist die Autorin, dass sie das Handwerk des Spannungsaufbaus eigentlich beherrscht. Für mich kam dieser Umschwung allerdings zu spät – hätte das Buch dieses Niveau früher erreicht, hätte ich mich durch den Mittelteil nicht so zum Weiterlesen zwingen müssen.
Was bleibt, ist ein solider, atmosphärischer nordischer Krimi, der mich jedoch nie komplett packen konnte. Positiv hervorzuheben sind die winterlichen Island-Schilderungen und die dichte Kulisse, die punktuell für eine gute Stimmung sorgen. Auch einzelne erzählerische Ansätze waren durchaus interessant. Leider wurden diese Stärken und die Gesamtspannung durch den zähen Mittelteil zu stark ausgebremst.
Eva Björg Ægisdóttir: Home Before Dark
Aus dem Isländischen von Freyja Melsted.
Kiepenheuer & Witsch, 07. Mai 2026
420 Seiten, Paperback, 18,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Katja Plattner.
