Eine Bemerkung vorweg: Mittlerweile ist es bei Verlagen üblich geworden, fast jedes Buch, das sich mit kriminellen Aktivitäten befasst, aus Marketinggründen als »Thriller« zu bezeichnen. Anscheinend glaubt man, allein damit Käufer zu finden, und zwar jene, die Psychopathen, abseitige Psychologie, grausame Morde und eine atemlose Jagd, sprich Nervenkitzel pur, erwarten. Nichts davon findet sich in dem ‚Thriller‘ »Der Clan« (dem ersten Teil einer Trilogie). Nicht einmal einen konkreten Fall gibt es, dessen Aufklärung die Lesenden mit Spannung verfolgen. Solche Erwartungen werden herbe enttäuscht.
Was bedauerlich ist, denn Engman hat einen Roman im besten Sinne geschrieben. Ja, es geht um Verbrechen, einen Teil des Personals kann man auch mit Fug und Recht als Psychopathen bezeichnen, aber Engman geht es nicht um knifflige Ermittlungen und Polizeiarbeit. Im ersten Band gibt es nur zwei Polizisten, eine (zumindest bisher) eher irrelevante Neben- und eine Hauptfigur – von der wir aber lange Zeit nur etwas über ihr Privatleben erfahren! Erst spät wird Hjalmar Norén zum ernst zu nehmenden Widersacher.
Im Zentrum steht der Mansour-Clan, der Sollentuna, einen Stockholmer Vorort, kontrolliert. Ihr Wort ist Gesetz. Ali, das Oberhaupt, sein Bruder Karim und deren Söhne regieren skrupellos und machtgierig mit Hilfe von Drogen, Korruption, Erpressung und roher Gewalt und dehnen ihren Einfluss immer weiter aus. Niemand entgeht ihnen, niemand ist vor ihnen sicher. Auch die eigenen Kinder, vor allem die Frauen nicht, die patriarchalischer und sexistischer Menschenverachtung hilflos ausgeliefert sind.
Eine weitere zentrale Figur ist der zu Beginn 9-jährige Josef Mehrabi, der schnell im Clan aufsteigt, aber angesichts der eskalierenden Gewalt aussteigen will. Und mit dem sich ein überraschendes Geheimnis verbindet.
Parallel dazu, bisher vom Kokainkonsum abgesehen ohne konkrete Verbindung zum Mansour-Clan, erzählt Engman Antonias Geschichte, einer jungen Frau, die, seit ihrer Kindheit von ihrer Umwelt gemobbt, davon träumt, als Modell erfolgreich und vor allem gesehen und anerkannt zu werden. Doch auch sie wird, obwohl erfolgreich, ihrer Illusionen beraubt.
»Der Clan« ist kein Thriller, sondern eine schonungslose, unter die Haut gehende Gesellschafts- und Milieustudie. Engman erzählt von Menschen, die nicht nur aufgrund ihrer kriminellen Energie zu Gangstern werden, sondern weil sie aufgrund ihrer Lebensumstände, von ihrem Umfeld sozialisiert, oder aus existenzieller Not und Perspektivlosigkeit in diese Rolle hineinwachsen. Nur wenige von Engmans Figuren sind eher holzschnittartig gezeichnet. Die zentralen Charaktere sind psychologisch überzeugend und differenziert, wecken mal Mitgefühl, mal Verständnis, mal Abscheu. Die Spannung ergibt sich zum geringsten Teil aus den verbrecherischen Aktivitäten. Vielmehr ist es die Anteilnahme am Schicksal der Romanfiguren, die einen Seite um Seite umblättern lässt – bei den einen in der Hoffnung, dass sie dem Strudel der Gewalt entrinnen und mit all ihren Blessuren vielleicht doch überleben können; bei den anderen mit der Frage, wann und wie sie eines Tages für ihre Skrupellosigkeit und Unmenschlichkeit zahlen müssen.
Der erste Band umfasst die Jahre 2007 bis 2016. Auf die nächsten beiden Bände, die die Lebensgeschichte dieser im positiven wie negativen Sinne berührenden Charaktere weitererzählen, darf man gespannt sein.
Pascal Engman: Der Clan: Die Straße.
Aus dem Schwedischen übersetzt von Nike Karen Müller.
Piper Verlag, September 2026.
576 Seiten, Taschenbuch, 18,00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
