Wer Hanne Wilhelmsen aus den vorangegangenen Krimis um diese leicht (?) sonderbare Kriminalkommissarin kennt, wird sich nicht wundern, dass wir sie diesmal besonders mürrisch und mies gelaunt erleben. Alle anderen sollten sich nicht davon abhalten lassen, diesen letzten Fall für Hanne trotzdem zur Hand zu nehmen.
Hanne Wilhelmsen ist schon immer etwas sonderbar gewesen, seit sie aber wegen eines Unfalls im Dienst vor inzwischen vielen Jahren an den Rollstuhl gefesselt und offiziell aus dem Polizeidienst entlassen ist, ist sie eher ungenießbar als unwirsch. Man muss sie schon wirklich mögen, um sich auf sie einzulassen. Es ist noch nicht lange her, seit ihre Frau, Nefis, sie zusammen mit der gemeinsamen Tochter Ida kurzerhand verlassen hatte, weil sie das Zusammenleben einfach nicht mehr ertragen konnte. Doch Nefis ist zurückgekommen, gemeinsam mit Ida. Sie lieben Hanne und sind bereit, sie weiterhin mit ihren Marotten und Eigenheiten anzunehmen, aber Hanne musste auch einige Zugeständnisse machen. Zum Beispiel, den Sommer mit der Familie und guten Freunden im Sommerhaus am Meer zu verbringen, das Nefis gekauft und mit viel Liebe renoviert hat. Hanne hasst das Meer, was soll sie da? Der Badesteg, den sie mit dem Rollstuhl nutzen könnte, ist für sie völlig überflüssig, sie geht nicht baden. Die Freunde, die es hier so toll finden, gehen ihr auf die Nerven, kurz: Hanne ist schon wieder schwer erträglich.
Die Stimmung ist angespannt. Das wird auch nicht besser, als Hannes Stimmung sich plötzlich bessert, weil in der Nähe ein seltsamer Todesfall ihre Aufmerksamkeit erregt. Eine Frau, Mitte 60, wird auf einer abgelegenen Weide nackt in einer Badewanne liegend gefunden. Gegen einen Selbstmord spricht, dass nirgends ihre Kleider oder ein Auto gefunden werden. Die Identität der Toten ist bald geklärt, sie war Korrekturleserin bei einem Verlag, was die Ermittler auch in die Literaturszene Norwegens führt. Hanne hat damit zwar offiziell nichts zu tun, kann das Ermitteln aber natürlich nicht lassen und hat endlich was zu tun in diesem für sie so schrecklichen Urlaub! Interessanterweise ist die Nachbarin, die auf dem an Hannes Ferienhaus grenzenden Grundstück wohnt, eine bekannte und früher auch berühmte Krimiautorin, die sich in der Szene gut auskennt. Hanne hat das Glück, ihre Bekanntschaft zu machen und sich mit Kristine anzufreunden. Was sie Hanne über die Tote und die Zeit, in der diese noch aktiv mitgemischt hat, erzählen kann, setzt diese nach und nach wie ein Puzzle zusammen und lässt nicht locker mit ihren Nachforschungen, bis auch ihr ehemaliger Kollege Odin ihr zuhört, der für die Ermittlungen zuständig ist.
Immerhin hat Hanne einiges zu erzählen und aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet als die Osloer Polizei. Auch wenn es strikt untersagt ist, Hanne einzubeziehen, geschweige denn ihr Ermittlungsergebnisse mitzuteilen, kann Odin ihrem Drängen und ihrer schlechten Laune bald nichts mehr entgegenhalten und lässt sich auf ein Treffen ein, bei dem Hanne ihm ihre Erkenntnisse erklärt. Während die Polizei sich mehr auf das private Umfeld der Toten konzentriert, in dem es durchaus viel Interessantes zu erfahren gibt und auch vieles, das man durchaus als Motiv für einen Mord gelten lassen könnte, ist Hannes Ansatz, alten Skandalen und Allianzen in der Literaturbranche nachzugehen, durchaus interessant und vielversprechend. Odin muss Hanne wieder einmal dankbar sein, dass sie sich ungebeten und verbotenerweise eingemischt hat und mit ihrem untrüglichen Instinkt auf der richtigen Fährte ist. Nachdem Hanne Odins und die eigenen Ermittlungsergebnisse zusammengefügt hat, ergibt sich endlich ein schlüssiges Bild. Das letzte Puzzleteil fügt sie in einem Gespräch mit Kristine hinzu, die in der Zeit, um die es offenbar geht, sehr aktiv in der Szene gewesen ist und außerdem eine gute Freundin der Toten war. Das Schicksal verhindert, dass Hanne Odin das komplette Puzzle überreichen kann.
Wieder ein echter Hanne-Wilhelmsen-Krimi. Man fände die Hauptperson einfach nur unsympathisch, wenn man nicht wüsste, dass sie ein weiches Herz hat und auch ganz anders sein kann. Hanne überzeugt in ihrer mürrischen Art, ist auch wieder ganz sie selbst und trotzdem mögen wir sie. Der Plot ist spannend gemacht, was zunächst nach einem Selbstmord aussieht, wird bald sehr viel komplizierter. Die Geschichte ist vielschichtig erzählt, gibt viele Einblicke in die norwegische Literaturbranche jetzt und vor über dreißig Jahren. Die Kulisse ist malerisch, auch wenn Hanne das nicht zu schätzen weiß. Das Ende traurig und einigermaßen erstaunlich. Gut geschrieben, spannend und flüssig.
Anne Holt: Diamanten und Rost
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Atrium, August 2026
448 Seiten, Hardcover, 24,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
