Michael Robotham: Bruderherz

Arlo Hackett wird nach 12 Jahren aus der Haft entlassen und kehrt nach Yulara, einer australischen Kleinstadt, zurück, was die meisten Menschen als großen Fehler bezeichnen würden. Denn Arlo ist alles andere als willkommen, was ihm durchaus bewusst ist. Sein jüngerer Bruder Luke wurde beschuldigt, eine junge Frau (die Stieftochter eines einflussreichen Politikers) vergewaltigt und umgebracht zu haben, und Arlo wurde wegen Beihilfe und Fluchthilfe verurteilt. Für die meisten Bürger Yularas ist er damit ebenso schuldig wie sein Bruder, der sich noch vor dem Prozess das Leben genommen hat.

Doch Arlo hat einen gewichtigen Grund, zurückzukehren: Er will herausfinden, was wirklich geschah in dieser verhängnisvollen Nacht. Und er leidet unter Schuldgefühlen.

Auf dieser Konstellation baut Robotham seine Geschichte auf. Die Bedrohung ist von Beginn an zu spüren, atmosphärisch und handfest: Er wird willkürlich festgenommen, sein Haus wird beschmiert, er wird von Motorradfahrern gejagt. Aber er lässt sich nicht einschüchtern, nimmt die Warnungen und Attacken fast stoisch hin und findet nicht nur zwei mutige Unterstützerinnen, sondern tatsächlich Spuren, die auf Lukes Unschuld hinweisen.

Doch dieser Kriminalfall ist nicht das eigentliche Zentrum des Romans. Vielmehr erzählt Robotham in Rückblenden, die den größten Teil des Buches ausmachen, die Geschichte Yularas und seiner Bürger, eine Geschichte voller Machtmissbrauch, Gewalt und Bigotterie, voller Hoffnungen und zerstörter Träume, und mit Menschen, die dennoch versuchen, ein rechtschaffenes Leben zu führen. Und, fast nebenbei, schildert er, wie es zu den dramatischen Ereignissen kam, die zu seiner Verurteilung und dem Selbstmord seines Bruders führten. Und wie es Arlo gelingt, die wahren Schuldigen zu finden.

Erzählerisch gehört Bruderherz zum Besten, was Robotham bisher geschrieben hat, von der plastischen Beschreibung des Ortes und der Umgebung über die bedrückende Atmosphäre – die stete, die scheinbare Anständigkeit der Gemeinschaft untergrabende, unterschwellige bis offene Aggression – bis zu den einprägsamen, glaubwürdigen Charakteren. Insbesondere Arlo Hackett ist ein vielschichtiger, mit sich und seiner Vergangenheit ringender Protagonist.

In Robothams Danksagung dann eine Überraschung: »Bruderherz« ist nicht sein zwanzigster, es ist sein erster Roman! 40 Jahre lang lag er in der Schublade. Jetzt hat er ihn neu bearbeitet. Er schreibt:

»Aber ich war nie nervöser bei der Veröffentlichung eines Buches als bei diesem, weil ich darin mehr als sonst von mir selbst zu Papier gebracht habe. Ich liebe dieses Buch. Ich liebe die Figuren. Ich liebe die Kulisse. Ich liebe den Herzschmerz, den mir die Lektüre bereitet.«

Ich bin sicher, das wird seinen Lesern genauso gehen.

Michael Robotham: Bruderherz.
Aus dem Englischen übersetzt von Kristian Lutze.
Goldmann Verlag, September 2026.
528 Seiten, Hardcover, 17,00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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